Tatort Breitscheidplatz in Berlin: Das beschädigte Führerhaus der Sattelzugmaschine
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Der Terrorismus hat auf Dauer (k)eine Chance

Von Friedrich Haas

Nach dem Innenminister Thomas de Maizière bestätigte, dass es sich bei dem in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahrenen LKW um einen Terroranschlag handle, wurde vielen klar, dass der Terror nun endgültig und „mit voller Wucht“ in Deutschland angekommen ist. So zitierte der Focus eine Bundesminister des Innern Thomas de Maizière
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Berliner Medizinstudentin. „Berlin war meine sichere Insel“[1] schrieb sie auf Facebook und brachte damit zum Ausdruck, was viele Deutsche immer noch gehofft hatten, trotz der Serie von Anschlägen in 2016, die sich bei den Ermittlungen als von islamistischen Gruppen wie dem IS oder Al Qaida motiviert bzw. gelenkt heraus stellten. Aus Sicht der Sicherheitsbehörden ist dabei „nur“ eingetreten, was man seit Jahren befürchtet bzw. erwartet hatte: Dass eines Tages weder präventive Ermittlungen – wie im Fall der Sauerlandgruppe 2007 oder beim geplanten Anschlag auf den Berliner Flughafen 2016 –, noch unprofessionelles Vorgehen der Terroristen – wie bei den Kofferbomben am 31. Juli 2006 – einen erfolgreichen Anschlag verhindern würden.

Abzeichen der Muslimbrigade in Bosnien Herzegowina
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Während noch die Ermittlungen hunderter Beamter im BKA und anderen Behörden zum genauen Hergang des Anschlags auf Hochtouren laufen, stellt sich die Frage, welche Lehren hieraus gezogen werden können; denn dieser Anschlag war sicherlich nicht der Schlusspunkt, vielleicht nur ein vorläufiger Höhepunkt. Ein Blick nach Frankreich zeigt uns das, wenn wir uns nur die drei Anschläge mit den höchsten Opferzahlen in Paris im Januar 2015 (Charly Hebdo, jüdischer Supermarkt), im November 2015 (Stade de France, Bataclan) und im Juli 2016 in Nizza (Promenade des Anglais) vergegenwärtigen. Um mit Altkanzler Helmut Schmidt zu sprechen, es geht um „Terroristen, die noch nicht am Ende ihrer kriminellen Energie sind“[2], nicht in Deutschland und nicht in Europa. Dafür sprechen einerseits die prinzipiellen Strategien seitens der beiden diesbezüglich führenden wie rivalisierenden islamistischen Gruppen Al Qaida und Islamischer Staat (IS). Andererseits zeigen die territorialen Rückschläge und der gegebenenfalls mittelfristige Niedergang des vom IS ausgerufenen Kalifats bereits ähnliche Wirkungen, wie das Ende des Krieges gegen die Rote Armee 1989 in Afghanistan: zahlreiche in asymmetrischer Kriegsführung erfahrene Kämpfer kehren mehr oder minder motiviert in ihre Heimatländer zurück – und mit ihnen auch die Fähigkeiten zu größeren und wirksameren Terroranschlägen. Die Anschlag 11. September 2001 WTC
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Rückkehrer aus Afghanistan bildeten seinerzeit zum einen in ihren Heimatländern die Aufbauorganisation für neue Terrorgruppen: so in Algerien, Indien (Kaschmir), Indonesien, Jemen, Russland, Somalia, Usbekistan und auf den Philippinen. Hinzu kamen solche, die anderen Konflikten weiterkämpften, wie u.a. Mudschahedin-Brigaden auf Seiten der Bosnischen Muslime im Bosnienkrieg, deren Zahl auf circa 6.000 Kämpfer aus Afghanistan, Albanien, Tschetschenien, Ägypten, Iran, Jordanien, Libanon, Pakistan, Saudi-Arabien, Sudan, Türkei und Jemen geschätzt wird. Ein Teil verblieb nach 1995 in Bosnien. Auch in Tschetschenien kämpften diese Veteranen – und durch sie neu angeworbene radikalisierte Muslime wie Konvertiten. Hier wurden auch deutsche Islamisten erstmals Aktenkundig. Der russische Generalstab vermeldete im November 2003, dass unter getöteten Kämpfern neben drei Türken auch der Deutsche Thomas Fischer (* 1978) aus Ulm sei – und dass er bereits der dritte getötete Deutsche auf Seiten der Tschetschenischen Terroristen gewesen sei. Zuvor waren schon in Kaschmir zwei Niederländer marokkanischer Abstammung bei Kämpfen getötet worden. Parallel dazu zieht sich die Serie erfolgreicher wie vereitelter Anschläge von Al Qaida seit 1993, kulminierend am 11. September in den USA, aber auch damit keinesfalls endend. Es lohnt sich, sich die Dimension der Anschläge und auch der vereitelten nochmals vor Augen zu führen, da viele schon wieder in Vergessenheit geraten sind.[3] Aus diesen Milieus nationaler Terrorgruppen heraus rekrutierten sich die Attentäter für weltweiten Anschläge und ab 2004 zusehends im Irak – auch wieder verstärkt als Untergrundkämpfer gegen die US-Besatzer und kurdische wie schiitische Bevölkerungsgruppen beziehungsweise deren Sicherheitskräfte. In dieser Zeit und insbesondere mit der Formierung des Islamischen Staats und seiner Ausrufung des Kalifats, zog es auch immer mehr deutsche Islamisten als Kämpfer und Selbstmordattentäter nach Syrien und in den Irak.

Somit wird Deutschland jetzt erstmals eine Rückkehrerwelle erleben, wie sie andere Staaten bereits nach 1989 durch Rückkehrer aus Afghanistan mit den oben ausgeführten Konsequenzen hinter sich haben. Dies sollte die deutschen Sicherheitsbehörden daher auch nicht völlig unerwartet treffen, die Frage ist nur die Quantität und Qualität der Rückkehrer und potentiellen Terroristen, wie solche aus anderen Ländern, die in mögliche terroristischen Operationen eingebunden werden könnten. Hier haben die laufenden Diskussionen um den Attentäter vom Breitscheidplatz bereits gezeigt, dass die Sicherheitsbehörden an Grenzen kommen, was allein die Beobachtung sogenannter Gefährder betrifft. Erschwert wird dies noch durch die zum Teil völlige intransparente Identität der Mehrzahl der seit 2015 nach Deutschland gekommener Migranten und Flüchtlinge. Mangels Ausweispapieren und der Möglichkeit, diese unter anderem in Syrien mit dortigen Behörden abgleichen zu können, ist oft keine belastbare Überprüfung durch die ohnehin oft am Limit arbeitenden Behörden möglich. Ein Umstand, den sich auch der Berlin Attentäter vom Breitscheitplatz mit mehreren Identitäten zu nutze machen konnte.
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Im Kern heißt das aber, dass man sich im Bereich innerer Sicherheit auf einen Personenkreis einstellen muss, der über militärische Fähigkeiten und Erfahrungen der asymmetrischen Kriegsführung verfügt. Zu diesen Fähigkeiten gehört unter anderem der Bau und Einsatz improvisierter Sprengsätze (englisch IED). Fachleuten ist es zudem kein Geheimnis, dass der illegale Erwerb auch von Kriegswaffen in Deutschland kein größeres Problem darstellt, von der Handgranate bis zum Schnellfeuergewehr. Hier wirken noch die geplünderten Depots der Balkankriege nach, vor allem auch 1997 in Albanien, die über die offenen Grenzen bequem gehandelt werde können. Damit ist aber auch schon eine weitere Schnittstelle beschrieben, die zur organisierten Kriminalität. Fast alle radikalisierten Attentäter der letzten Anschläge, hatten Berührungspunkte zu kriminellen Strukturen oder entstammten bereits vor ihrer Radikalisierung kriminellen Milieus. Beschaffungskriminalität, Waffenbesitz, gefälschte Pässe, Untertauchen und sich unter dem Radar der Sicherheitsbehörden zu bewegen und zu kommunizieren, mussten viele nicht erst beim IS lernen. Und sie können Netzwerke der organisierten Kriminalität für terroristische Zwecke nutzen.

Sind unsere Behörden darauf eingestellt? Verfügen sie über die adäquaten Fähigkeiten, Instrumente und Mittel sowie das entsprechend qualifizierte Personal in ausreichender Anzahl? Völlig neu, dürfte auch dieses Szenario nicht sein. Weder Al Qaida noch der IS haben den Terrorismus erfunden. Wenn einem der Durchblick fehlt, LOGO der RAF
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kann einem ein Rückblick helfen. Die letzte Phase massiven Terrors erlebte Deutschland vor ziemlich genau 40 Jahren, im sogenannten heißen Deutsche Polizisten bei Ausbildung in Afghanistan
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Herbst 1977, durch die Anschläge, Entführungen und Morde der Roten Armee Fraktion (RAF). Ein kurzer Blick auf die Geschichte und Struktur der RAF zeigt, dass auch hier Beziehungen zur organisierten Kriminalität und arabischen-muslimischen Befreiungsbewegungen bestanden. Ja nicht wenige der deutschen Terroristen bekamen im Laufe der Zeit eine paramilitärische Ausbildung im Nahen Osten zur asymmetrischen Kriegsführung von Guerillas. Darüber hinaus agierten diese Gruppen in Deutschland, unter anderem beim Terroranschlag auf die Olympia-Mannschaft Israels 1972 in München oder leisteten den deutschen Terroristen Unterstützung, wie mit der Entführung der Lufthansamaschine Landshut 1977. Neue Erkenntnisse zum Mord am Deutsche Bank Chef Alfred Herrhausen deuten darauf hin, dass hier ein panzerbrechender improvisierter Sprengsatz (IED), ggf. iranischen Ursprungs, verwendet wurde, der später noch im Irak vielen Fahrzeugen der US-Truppen zum tödlichen Verhängnis werden sollte. Daher musste Deutschland seinerzeit Antworten auf eine völlig neue Form und Qualität von Gewalt finden, wie den Aufbau der GSG 9, die Verstärkung des BKA, ... . Es gibt nicht wenige aktive Polizeibeamte, die noch aktiv die späten 1980er Jahre miterlebt haben. Deren Ausbildung war noch deutlich von den Erfahrungen der RAF Zeit geprägt. Sie verfügen noch über Fähigkeiten, die später sukzessive aus der Ausbildung herausfielen oder nicht mehr Schwerpunkte waren. Hier sind gegebenenfalls Anknüpfungspunkte ebenso wie bei Beamten, die in den letzten Jahren in Auslandsverwendungen der EU oder der UN Erfahrungen in Krisen- und Konfliktgebieten gewonnen haben, in denen islamistischen oder andere Terrorgruppen aktiv sind. Aus eigener Erfahrung und vielen Gesprächen mit Polizeibeamten während und nach solchen Auslandseinsätzen, scheint hier viel Wissen brach zu liegen, das wieder daheim nicht abgefragt wurde, geschweige denn zu sinnvollen Anschlussverwendungen geführt hätte, um dieses in den Dienstbetrieb einfließen zu lassen.

Dies führt mich noch zu einem abschließenden rechtlichen Aspekt des Terrorismus. Was ist eigentlich Terrorismus und ein Terrorist? In einer Abhandlung über den Begriff „Terrorismus“ aus juristischer Sicht hinterfragte schon 1974 der Richter am Internationalen Gerichtshof Richard Baxter kritisch die durch das Ad Hoc Komitee der UNO 1973 eingeführt Definition von Terrorismus. Im damaligen Kontext von Entkolonialisierung, Befreiungsbewegungen und daraus resultierenden Kriegen hing es vom Blickwinkel des Betrachters ab, wer ein patriotischer Soldat, eine Krimineller, ein Befreiungskämpfer oder gar ein Terrorist war. Baxter kommt als Jurist angesichts dieses Dilemmas zu dem Schluss: „Wir haben allen Grund zu bedauern, dass uns überhaupt ein Rechtsbegriff ‚Terrorismus’ auferlegt wurde. Der Begriff ist unpräzise; er ist mehrdeutig; und vor allem dient er keinem praktischen juristischen Zweck.“[4] Walter Laqueur formulierte dieses Dilemma 1977 ähnlich: „In letzter Zeit wird der Begriff Terrorismus ... in so vielen verschiedenen Bedeutungen benutzt, dass er fast völlig seinen Sinn verloren hat.“[5]

Die oben aufgeführten Ursprünge des Terrorismus bzw. Terroristen, der 2016 auch Deutschland mit mehreren Anschlägen mit voller Wucht getroffen hat, zeigen deutlich die oft fließenden Grenzen. Die afghanischen Mudschaheddin, unterstützt vor allen von den USA via Pakistan, waren nach landläufiger westlicher Auffassung Guerillas, Jassir Arafat, Präsident der palästinensischen Autonomiegebiete
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Freiheitskämpfer, die sich gegen eine brutale sowjetische Besatzungsmacht zur Wehr setzten. Dabei wurden sie auch von ausländischen Kämpfern unterstützt, die später zu den Gründern von Al Qaida gehörten. Einige gingen in den 1990er Jahren nach Bosnien, wo sie eingegliedert in die bosnisch-muslimische Armee im Unabhängigkeitskrieg mitkämpften; zum Teil wieder mit aktiver westlicher Unterstützung. Von der jeweiligen Gegenseite, wurden sie aber gerne als Terroristen bezeichnet. In der Ukraine erleben wir diese auch: Der Freiheitskämpfer der einen Seite ist der Terrorist oder Kriminelle aus Sicht der anderen Seite. Und das Selbstverständnis der PLO und andere palästinensischer Gruppen war und ist das eines legitimen Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit. Bei diesen wiederum gingen Mitlieder der RAF in den 1970er Jahren in die Schule oder tauchten bei ihnen zeitweise unter und unterstützten sich. In Syrien beansprucht aktuelle wohl jede Gruppe für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Der Journalist Franz Wördemann versuchte 1977 auf dem Höhepunkt des RAF Terrorismus kurz und knapp folgende Definition: „Der Guerillero will den Raum, der Terrorist will dagegen das Denken besetzen.“[6] Daran schloss sich Andreas Elter an und führte in seinem Aufsatz „Die RAF und die Medien“ 11 Kriterien einer Terroristischen Vereinigung auf, vor allem in Abgrenzung zu Guerillas, als die sich Terroristen immer wieder selber bezeichnet haben, so die RAF als „Stadtguerilla“[7]. Wördemann und Elter haben mit ihren Ansätzen viel für sich.

Allein im Ringen um die richtige Antwort auf den Terrorismus von Al Qaida und des IS, hat sich das Paradox ergeben, dass wir vielfach mit dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Busch vom „Krieg“ gegen den „Terror“ sprechen. Hier wurde immer wieder berechtigt eingewendet, dass ein Krieg gegen Terroristen nicht zu gewinnen sei, da sich dieser schlicht den Möglichkeiten und Fähigkeiten des Zugriffs durch einen militärischen Gegner entziehe. Terroristen führten eben keinen Krieg, sondern gehen in der Zivilbevölkerung auf und verüben aus dieser Deckung heraus ihre Anschläge. Und wie Wördemann sagt, sie wollen kein Territorium besetzen, sondern das Denken durch Unsicherheit, Angst und Schrecken.
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Aber stimmt das? War das Endziel der RAF „nur“ Angst und Schrecken zu verbreiten? Wohl nicht. Die RAF strebte eine revolutionäre Veränderung Deutschlands hin zum Sozialismus an, wenngleich über den Weg einer Revolution unter Einsatz von Gewalt gegen die herrschende Klasse. Einer der linken Wortführer der Studentenbewegung Jürgen Habermas, nicht weniger gesellschaftlichen Wandel anstrebend, warf der Gründergeneration der RAF vor, die Lage und Stimmung im Lande völlig falsch eingeschätzt zu haben. Der Wandel lasse sich derzeit nicht durch Gewalt initiieren, sondern müsse gewaltfrei erfolgen, u.a. durch Infiltration und Instrumentalisierung des Bildungssystems – Umerziehung statt blutiger Umsturz. Letztlich war die Strategie der RAF eben doch auf einen politischen Machtwechsel und Machtübernahme in einem Territorium ausgerichtet.

Ähnliches lässt sich – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen – bei den Ideologen vor Vordenkern von Al Qaida und dem IS beobachten, wobei beiden Gruppen auf Gewalt setzten, um letztlich den Gegner zu besiegen und für den Islam alter Territorien von Ungläubigen zu befreien und das „Haus des Islam“, seinen Machtbereich, territorial auszubreiten. Was Al Qaida und IS dabei trennt, ist der Versuch des IS, bereits jetzt ein Territorium, das Kalifat, zu erobern, zu sichern und von dort weiter auszubreiten. Al Qaidas Führung sieht dafür derzeit noch keine sichere Grundlage und setzt weiter auf eine sukzessive Zermürbung des Gegners, ohne ihm eine Angriffsfläche zu bieten, die ein zu haltendes Territorium immer bietet.

Der Terrorismus ist daher nicht als Selbstzweck sondern Teil einer mittel- und langfristigen Strategie zu verstehen, ein Instrument, das zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext seine Berechtigung hat. In diesem Falle einem total überlegenen konventionellen Gegner möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und zugleich mit einer Vielzahl von Anschlägen zu ermüden und so langfristig zu besiegen. Eine Variation davon ist auch der Guerillakrieg, wenn zum Beispiel einheimische Kämpfer die Vorteile von Ortskenntnissen und Unterstützung der eigenen Bevölkerung nutzen können wie im Irak. Aber auch da setzten Guerillas auf asymmetrische Kriegsführung und nicht auf typisches konventionelles Beherrschen eines Raumes oder Territoriums. Die Bevölkerung dient als Rückzugsraum, man errichtet keine formelle nach außen sicht- und angreifbaren Verwaltungsstrukturen. Der IS hat das versucht und wird damit ggf. scheitern.

Was heißt das nun für Terrorabwehr und Terrorprävention in Deutschland nach dem Anschlag vom 19. Dezember 2016 am Breitscheidplatz? Worauf müssen sich Bevölkerung und der Staat mit seinen Sicherheitskräften einstellen? Wie können sie effektiv und effizient reagieren?

Eine Lehre spätestens seit der Niederlage der Sowjetunion in Afghanistan ist, dass sich derartige Guerillabewegungen mit der Option des Terrorismus nicht mit konventionellen Mitteln beherrschen geschweige denn besiegen lassen. Russland hat als eine der Lehren aus dem Debakel der Niederlage in Afghanistan unter anderem Soldaten ohne Hoheitszeichen am Flughafen Simferopol
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massiv seine eigenen Fähigkeiten zur asymmetrischen Kriegsführung und Bekämpfung von Terrorismus ausgeweitet. Welche Fähigkeiten man dabei entwickelt hat, zeigten 2014 die Operationen zur handstreichartigen Besetzung und Annektierung der Krim die vor allem hoch professionell agierende Spezialkräfte durchgeführt haben. Ob Russland hier ein Vorbild sein kann, ist eher in Frage zu stellen. Unser Handeln muss immer auch mit unseren Grundwerten und rechtsstaatlichen Regeln konform sein. Aber das schließt keinen asymmetrischen Ansatz aus. Im Kern haben wir diesen bereits mit den vorhandenen deutschen Spezialkräften in Polizei und Militär. Dabei ist zu beachten, dass Terroristen wie Guerillas fast immer ihre Anschläge sorgfältig planen und eine umfangreiche Aufklärung betreiben. Wer genauer nachdenkt, erkennt hier auch eine Parallele zu Spezialkräften, die jeden Einsatz, wo immer möglich, sorgfältig aufgrund einer umfangreichen Voraufklärung durchführen; oft geschieht das durch eigene Aufklärungskräfte ergänzt durch nachrichtendienstliche Erkenntnisse.

In der Quintessenz heißt das, die wenigsten Terroranschläge werden spontan aus dem Blauen heraus erfolgen. Das Vorgehen von Terroristen orientiert sich – auch schon aus ihre Biographie und Ausbildung durch Guerillas – an den Prinzipien einer Ein Scharfschütze des KSK
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asymmetrischen Kriegsführung. Motivation des Handelns und folglich die Zielauswahl sind eine andere, die es zu verstehen gilt. Das prinzipielle Vorgehen ist so durchaus berechen- und nachvollziehbar. Während militärischen Spezialkräfte kritische Infrastruktur des Gegners lahmlegen oder Führungskräfte ausschalten oder gefangen nehmen, suchen Terroristen gemäß ihrer Logik Objekte mit hohem Symbolwert im Wertesystem ihrer Gegner und versuchen, eine möglichst große Zahl an Personen am selben Ort zu schädigen. Eine andere Taktik kann sein, durch gezielte Angriffe auf Sicherheitskräfte, vor allem die Messerangriffe der letzten Jahre, diejenigen zum Ziel zu machen, die eigentlich – z.B. eine Streife am Bahnhof – für ein Gefühl der Sicherheit sorgen sollen. Zugleich wollen sie diese Sicherheitskräfte extrem verunsichern. Eine ähnliche Wirkung erzielen in Spezialkräften Scharfschützen.

Abschließend würde das heißen, dass die Antwort nicht in einem massiven Aufgebot von konventionellen Sicherheitskräften auf der Straße liegen kann. In Frankreich häuft sich die Kritik, dass die hier eingesetzten Kräfte schnell überdehnt werden, andere Aufgaben liegen bleiben und man dadurch keinen Anschlag wirklich verhindern kann. Es ist zu fragen, welche Fähigkeiten und Instrumente wie diesbezügliches Personal wir benötigen, die asymmetrisch denken und handeln können. Zugleich braucht dies eine hoch professionelle Gegenaufklärung. Aufklärung muss dabei ggf. auch neu gedacht werden. Neuere angewandte Verhaltensforschung hinsichtlich der Tätererkennung schon in der Frühphase der Aufklärung von Terrorzielen oder unmittelbar vor der Tat haben es oft noch nicht in unsere staatlichen Sicherheitskräfte oder privaten Sicherheitsdienste geschafft; auch nicht der Erfahrungswert, dass Frauen hier besser beobachten und zuverlässiger Täter identifizieren. Spiegelt sich das in der Zusammensetzung des Personals wider? Insbesondere in England, bedingt durch die Terrorerfahrung mit der IRA und in Israel, gibt es hier schon einige beachtenswerte best practice und Erfahrungswerte. Sicher auch in der Diskussion um zu viel oder zu wenig Videoüberwachung, Einsatz von Pollern, und vieles andere mehr. Einige Unternehmen, deren Objekte einem erhöhten Terrorrisiko unterliegen, lassen sich regelmäßig durch ehemalige Angehörige von Spezialkräften ausspähen und Penetrationstest durchführen, um so Erkenntnisse über Lücken im System für einen asymmetrisch vorgehenden Terroristen zu identifizieren.

Last but not least – wie im Personenschutz viel mit dem Verhalten der Schutzperson steht und fällt, ist das ebenso mit der Bevölkerung beim Thema Terrorismus. An dem Punkt hat Wördemann dann doch recht: Sie wollen das Denken der Menschen besetzen, lähmen, steuern, dahin wo es ihnen nützt. Deutschland hat über fast zwei Jahrzehnte keine einschlägige Terrorerfahrung gemacht, schon gar nicht mit Anschlägen, die sich gegen die breite Masse richten. Dafür war die erste Reaktion auf den Anschlag in Berlin gut – wenngleich die Nacharbeit über politischen Schuldzuweisungen weniger glücklich verläuft. Die Kunst, sich nicht vom Terror Angst, Unsicherheit und ein vom Terroristen erwünschtes Verhalten aufdrängen zu lassen, will gelernt sein. Wobei das nie ein resignierendes, „Man kann ja doch nichts machen. Wir müssen mit dem Terror leben lernen.“ sein darf, sondern das Gegenteil: Teil der Überwindung und des Besiegens von Terror ist Haltung im Umgang damit. Dabei helfen kann vielleicht das neue Büchlein von Florian Peil.[8] Wer Terrorismus verstehen lernt, der verliert auch Angst davor und weiß wie er damit souveräner umgehen kann, damit Terroristen nicht ihr Denken besetzen können. Das heißt, um auf Helmut Schmidts Fernsehrede 1977 zurückzukommen, es gilt, „trotz unseres Zornes, einen kühlen Kopf behalten“ und nüchtern festzustellen, „dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt.“ Zwar wollen Terroristen „den demokratischen Staat und das Vertrauen der Bürger in unseren Staat aushöhlen“, aber der „Terrorismus hat auf Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, sondern der Wille des ganzen Volkes“[9] Und es braucht Verantwortungsträger, Krisenmanager, die in solchen Augenblicken das glaubwürdig und unaufgeregt sagen können.

 

Quellen:

[1] "Berlin war meine sichere Insel" - der traurige Facebook-Post einer jungen Berlinerin. In: Focus Online 20.12.16 [zum Artikel http://urlby.de/w0u23a9 zum Post https://www.facebook.com/Nemi.El.H/posts/1363720976995271]
[2] Deutscher Herbst: Helmut Schmidt: Fernsehansprache 1977 [YouTube https://www.youtube.com/watch?v=aMxJ0Kn1r6o] vgl. Schmidt-Rede wird Viral-Hit "Der Terrorismus hat auf Dauer keine Chance". In Berliner Zeitung 22.12.2016 [ http://www.berliner-zeitung.de/25361826 ]
[3] Vgl. Liste der Anschläge im Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Al-Qaida[4] R.R. Baxter: A Sceptical Look at the Concept of Terrorism, Akron Law Review 7 (1974), 380. [als PDF http://urlby.de/73gZ41D] Vgl. auch Vgl. auch Gen Golder / Georg Williams What is 'Terrorism'? Problems of Legal Definition, University of NSW Law Journal, Vol. 27, No. 2, pp. 270-295, 2004 [als PDF http://urlby.de/Gny2GW4]
[5] Walter Laqueur in: Terrorismus in der demokratischen Gesellschaft, Protokoll der 59. Tagung des Bergedorfer Gesprächskreises, hrsg. vom: Bergedorfer Gesprächskreis, Hamburg 1978.
[6] Franz Wördemann; Terrorismus. Motive, Täter, Strategien. Piper-Verlag München/Zürich 1977.
[7] Andreas Elter: Die RAF und die Medien. Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation. In: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007
[8] Florian Peil: Terrorismus - wie wir uns schützen können. Murmann Verlag 2016.

[9] Deutscher Herbst: Helmut Schmidt: Fernsehansprache 1977 [YouTube https://www.youtube.com/watch?v=aMxJ0Kn1r6o]
 

Über den Autor
Friedrich Christian Haas
Autor: Friedrich Christian Haas
Friedrich Christian Haas, MA, Jahrgang 1968, nach seiner Tätigkeit als Zeitsoldat im Objektschutz der Luftwaffe studierte er Internationale Beziehungen in Köln und Simferopol (Krim, Ukraine) und absolvierte Lehrgänge in Verhandlungsführung (Harvard Program on Negotiation) sowie Change-Management (SYMA). Als Berater deutscher Kommandeure in Auslandseinsätzen befaßte er sich zunehmend mit Terrorismus und gewaltbereiten traumatisierten Einzeltätern. Als Geschäftsführender Gesellschaft der AKE | SKABE GmbH berät er Kunden v.a. wie Risiken wie Krieg, Terrorismus, u.a. Gefahren für Unternehmensstandorte im In- und Ausland sowie von Mitarbeitern auf Reisen gemeistert werden können.