Impressionen IAA 2017
Foto: © VDA

Autonomiebestrebungen auf der IAA

Von Prof. Dr. Michael Schreckenberg

Wir leben in einer Zeit, wo alles mehr denn je in Frage gestellt wird, (meistens) zurecht. Die gerade durchgeführte Bundestagswahl spricht dazu Bände. Alte Zöpfe werden abgeschnitten, ohne dass neue geflochten worden sind. Das Feld der Parteien wird breiter, die Vormachtstellung ganz weniger „Großer“ gilt nicht mehr, der Rückhalt ist nicht mehr gegeben.

Ähnliches scheint auf die aktuelle Automobilwelt zuzutreffen. Althergebrachtes wie der Verbrennungsmotor wird massiv infrage gestellt, ohne dass realistische Alternativen kurz- oder sogar mittelfristig verfügbar wären. Zudem bekommt die Phalanx der großen etablierten Konkurrenz von vielen neuen Kleinen mit innovativen Ideen oder anderen Großen aus ganz anderen thematischen Ecken wie Google oder Tesla.

Dies scheint ein also wesentliches Merkmal unserer immer noch schnelllebiger werdenden Zeit in ganz entscheidenden Bereichen zu sein. Das liegt auch daran, dass heute alles ganz schnell gemessen werden kann, die Beurteilung folgt auf dem Fuße und damit ist das (häufig vorschnelle) Urteil gefällt. Man kann gar nicht so schnell nachvollziehen, wie fast jeden Tag Meldungen „aufpoppen“ und im nächsten Augenblick schon wieder im digitalen Nirvana verschwinden.

Ein Thema scheint sich, nicht nur im Automobilbereich, diesem Schicksal sehr erfolgreich zu entziehen. Nein, nicht die Elektromobilität ist gemeint, man hat sich an die Diskussionen und nimmt sie dann auch nur noch am Rande war. Der heutige „Burner“ ist das „Autonome Automobil“. Keiner weiß so genau, was das eigentlich genau ist, aber alle reden darüber, und es wird viel versprochen.

Das Wort „Autonomie“ hat sowieso eine besondere Strahlkraft, sind ihm doch schon fast zu allen Zeiten ganze Völkerscharen erlegen gewesen. Gerade noch konnte man diese häufig dramatischen Bestrebungen in Katalonien in der Absicht der Abspaltung von Spanien sehen, meist mit Gewaltausbrüchen und ernsthaften Folgen für alle Beteiligten verbunden.

Soweit sollte es bei den Automobilen nicht kommen, obwohl ernsthafte Folgen nicht auszuschließen sind. Aber überall wird um den größten Fortschritt in diese Richtung gerungen, die Angebote beschränken sich aber meistens noch auf simple Assistenzsysteme oder im nächsten Schritt pilotiertes Fahren.

Das waren noch Zeiten. Erinnerung an die „Wilden 70er Jahre“.
Foto: © VDA
Aber nicht umsonst nennt man den Autoverkehr denn auch „Individualverkehr“, ist doch das eigene Gefährt insbesondere nach außen hin ein Ausdruck der inneren Gefühlswelt. Bei Männern mehr als bei Frauen, sagt man. Letztere sehen die reine Fortbewegung als wesentlicheren Bestandteil des Fahrens, bei Männern schwingt da dann doch noch etwas mehr Pathos mit, James Dean lässt grüßen. Männer sollen zudem nach aktuellen Studien deutlich mehr unter morgendlichen Staus leiden als Frauen, der ganze Tag sei dadurch gefühlsmäßig verhagelt. Das darf aber nicht falsch verstanden werden: Männer stehen nicht häufiger im Stau als Frauen …

So spiegelt die IAA alle zwei Jahre nicht (nur) die Vernunft im Verkehr und die Gefühlswelt der Fahrenden wieder, sondern versucht den geheimen Wünschen der Automobilisten eine Technik gewordene Antwort in Form von traumhaften Eigenschaften wie Design, Motorisierung und, ja auch Sound zu geben. Der Mensch hat sich im Tierreich an die furchterregenden Laute insbesondere größerer Tiere gewöhnt, so soll es denn auch auf der Straße sein.

Leise dahin daddelnde Elektro-Fahrzeuge werden akustisch kaum wahrgenommen, für Sehbehinderte stellen sie sogar eine erhebliche Gefahr dar. War Elektro mal früher der Burner auf der IAA, so ist es heute tatsächlich mehr als Beiwerk zu sehen. Die Angebote gibt es allerorten, der gemeine Autofahrer scheint sie aber nicht zu goutieren. Die Abrufzahlen der Kaufprämie sind nicht hinreißend, nur ein Bruchteil der bereit gestellten 600 Millionen Euro wurden bisher abgerufen.

Es scheint zudem so eine Art Triumvirat zu geben: Automatisiert – Elektrisiert – Vernetzt. Hatte man allerdings Elektro früher nur als Zwischenlösung bis zur Brennstoffzelle auf der Agenda, so scheint sich die Waagschale nun doch mehr zur reinen E-Mobilität zu senken. Die „Elektrostandsmeldungen“ ändern sich fast täglich, ein Gipfel löst den anderen ab, und am Ende kommt dann doch nichts heraus. Der Abstieg der Ingenieurskunst vom Gipfel geht halt schneller vonstatten als der Aufstieg.

Auf der IAA kann man viele schöne Fahrzeuge sehen, ja sogar sich einmal hineinsetzen. Das größte Interesse erzeugen nach wie vor die größten Fahrzeuge. Tolle Brandneu: Maserati Ghibli 2017
Foto: © Makizox/Wikipedia
Geburten der Phantasiewelt hoch ausgereifter Automobilkunst. Wer den neu aufgelegten Maserati Ghibli mal nicht nur von außen, sondern auch leibhaftig von innen erlebt hat, kann ungefähr nachvollziehen, was die Wahnsinnswelt der IAA ausmacht. Man kann sich der Magie einfach nicht entziehen, Abgase hin oder her.

So teuer sind diese Fahrzeuge heute auch nicht mehr. Da ist viel finanzielle Luft nach oben drin. Hier zählt nach wie vor das Äußere als Understatement, so wie es viele Jahrzehnte Gang und Gäbe gewesen ist. Doch nun bahnt sich eine Revolution an, der Blick ist plötzlich mehr nach innen als nach außen gerichtet. Der Automobiltechniker wandelt sich vom Verpackungskünstler zum Innenarchitekten.

Die autonomen Fahrzeuge werden den Fahrer entlasten und er kann sich endlich richtig wohl fühlen im Bauch seines Gefährts. Waren die frühen Modelle wie das Google-Auto, der Sedric aus dem Hause VW oder der Smart Vision EQ Elektroauto Symbioz 2017 von Renault
Foto: © Renault
von der Innenausstattung eher minimalistisch gehalten, so wird auf einmal das Interieur zum zentralen Gestaltungspunkt. Aufgrund der hohen (zu erwartenden!) Sicherheit werden Gurte und sichere Sitzgelegenheiten der Vergangenheit angehören.

Sprach man früher bei Autos schon scherzhaft vom verlängerten Wohnzimmer, so scheint dies nun endgültig Realität zu werden. Am Weitesten geht dabei wahrscheinlich Renault mit der Studie „Symbioz“. Das Fahrzeug wird am Ende tatsächlich zum Wohnzimmer, denn man kann es nicht nur draußen parken, sondern direkt nach drinnen fahren und Innenansicht des Symbioz
Foto: © Renault
Türen sowie Dach aufmachen. Da braucht es keine Sitzecke mehr, die kommt halt mit hereingerollt. Da ist dann nicht nur Holz verbaut, sondern sogar Marmor kommt von der Straße mitten ins Haus. Wie das allerdings mit der Bodenpflege im Haus aussieht, ist letztendlich noch nicht ganz geklärt und bleibt der eigenen Phantasie überlassen.

Einen ähnlichen Weg befährt Audi. Hatte man gerade mit dem neuen A8 einen großen Schritt in Richtung autonomes Der A8 L setzt Maßstäbe im pilotierten Fahren.
Foto: © AUDI AG
Fahren auf die Straße gebracht, so hüpft der Aicon noch einen deutlichen Quantensprung weiter. Der A8 setzt Maßstäbe insoweit, als dass er tatsächlich vom „assistierten“ übergeht zum „pilotierten“ Fahren. Bis 60 km/h ohne Spurwechsel kann der Fahrer sich bequem zurücklehnen und ist nur bei Anforderung genötigt, in das Fahrgeschehen einzugreifen. Der A8 kann noch viel mehr, das ist aber (noch) nicht erlaubt.

Kanzlerin im visionären Aicon: „Kleine Küche kommt noch.“
Foto: © AUDI AG
So hat es auch die Bundeskanzlerin sich nicht nehmen lassen, den Audi-Stand auf der IAA persönlich zu besuchen. Ihre Anwesenheit kann ich bescheinigen, lief sie doch nur einen Meter an mit vorbei. Was sie allerdings bei Ansicht des visionären Aicon äußerte, wird den Automobilbauern noch einige Kopfschmerzen bereiten. Denn sie sagte wörtlich: „Da brauchen wir noch eine kleine Küche drin und so, aber das kommt dann schon“.

Alles in Einem (noch ohne Küche!) präsentierte Mercedes-Benz mit dem kompakten smart vision fortwo, die technische Vision des zukünftigen Automobils in sich vereint: Vernetzung, autonomes Fahren, flexible Nutzung und elektrische Antriebe. Natürlich ohne Lenkrad und Pedale, mehr geht (oder besser: fährt) nicht. Bleibt nur abzuwarten, wann das Konzept Realität wird.

Übereinstimmung besteht jedenfalls bei den Automobilherstellern bei den zukünftigen Herausforderungen. Diesel und Smart vision fortwo – kompakter geht’s nicht.
Foto: © Daimler AG
Feinstaub war gestern, reden wir doch lieber über das Übermorgen. Wann was Wirklichkeit wird, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Ob zehn oder 20 Jahre, egal, Hauptsache es kommt überhaupt. Der mannigfachen Probleme bei autonomem Fahren ist man sich durchaus bewusst. Ob ethischer oder juristischer Art, man hat Zeit genug, alles in Ruhe zu klären.

Nicht geklärt hat unser (bei Veröffentlichung dieses Textes wohl ehemaliger) Bundesverkehrsminister Dobrindt jedenfalls eine wichtige Frage in dieser Hinsicht mit seiner sogenannten Ethikkommission. In 20 Punkten wurden Trivialitäten präsentiert, die als ganz großer Wurf und Weltführerschaft verkauft wurden. Lehrbuchwissen von vor zwanzig Jahren ist da schon weiter gewesen. Nichtsdestotrotz finden sich dort bedeutende Aussagen wie beispielsweise die Feststellung, dass ein Mensch mehr wert sei als ein Tier oder eine Sache. Na denn, das ist ja immerhin mal ein Anfang und lässt für die Zukunft hoffen.

Wird er bald in unseren Städten zu sehen sein? Der Bus „Cube“
Foto: © Continental AG
Was immer wieder auffällt ist die Betonung auf „New Mobility“, so gab es (wie die IAA‘s zuvor schon) eine Ebene, die nur der New Mobility World gewidmet war. Ebenso präsentiert das offizielle Magazin IAA-Spot einen dicken Sonderteil zum Thema „Mobilität morgen“. Was man aus all den Bestrebungen sehr schnell lernt ist die Tatsache, dass der öffentliche Verkehr wohl als erstes von den Autonomiebestrebungen profitieren wird. Kleine flexible Einheiten nehmen individuell durch Apps gebuchte Passagiere auf und fahren auf dafür vorgesehenen Routen. Speziell Continental hat sich da mit seinem kleinen gelben Bus „Cube“ weit nach vorne gedrängt. Vielleicht zu weit, denn gerade die Türen müssen noch per klassischem Knopfdruck geschlossen werden.

In diesen Fahrzeugen soll das gelingen, was zuhause eigentlich gar nicht so gut funktioniert: die Vereinigung von Wohn- und Arbeitszimmer. Interessant wird sein zu beobachten, wie die Finanzämter das am Ende sehen, so eine Art Verschmelzung von Pendlerpauschale und steuerlich begünstigtem Arbeitsraum.

Das lästige Problem der ganztägig verkehrenden, häufig leeren Busse scheint damit (fast) lösbar zu sein. Denn Zielrichtung sind erstmal die verkehrsarmen Zeiten, in denen häufig gar kein Bus verkehrt: in der Nacht und am Wochenende. Welche Folgen ein solcher Wandel haben würde, sieht man an überraschenden Details. Beispielsweise werden dann Scheibenwischer überflüssig, kein Fahrer muss nach draußen gucken können. Sicherheitsabstände sind auch passé, die Technik ist viel schneller als der Mensch.

Was allerdings zu denken gibt, ist die Kommunikation mit der Außenwelt. Bei der Begegnung mit Fußgängern ist ja heute noch der Blickkontakt mit dem Fahrer von entscheidender Bedeutung. Hat er mich gesehen und ich kann die Straße sicher überqueren? Das fällt ja dann weg. So überlegt man andere Möglichkeiten des Informationsaustausches, um aus diesem Dilemma herauszukommen, Displays, akustische Signale oder Infos direkt auf das ständig unter die Nase gehaltene Smart-Phone. Wir werden sehen wohin die Reise dort geht.


Jedenfalls befürchtet man in Deutschland, schon wieder abgehängt zu werden. Diesmal bei selbstfahrenden Mobilen. Hatte man doch mit großem Aufwand bei den (Voll-) Elektrischen versucht, international Anschluss zu halten (oder überhaupt erstmal zu finden), so machen rechtliche Rahmenbedingungen echte Realitätschecks schwierig. Andere Staaten sind da wieder mal schneller und haben weniger Skrupel.

Da verwundert es dann aber, dass gerade Vorreiter bei der Entwicklung moderner Antriebe wie Tesla oder Nissan gar nicht erst auf der Messe angetreten sind. Sofort unkte dann die Deutsche Umwelthilfe (DUH), eine gerade in der letzten Zeit sehr aktive Organisation, die 67. IAA „drohe zu Recht zu einer Provinzveranstaltung zu verkommen“. Ganz so schlimm ist es wahrscheinlich nicht, zu denken geben sollte es dem veranstaltenden VDA auf jeden Fall. Haben doch in Summe elf Hersteller, mehr als je zuvor, ihre Teilnahme verweigert.

Wer dann doch noch einen wirklichen Blick in die Zukunft werfen möchte, ist bei den Flugmobilen gut aufgehoben. Aus den Niederlanden fliegt PAL-V („Personal Air and Land Vehicle) ab 2018 oder 2019 zu uns herüber, ein dreirädriges Flugauto. Schon länger geplant, nun startbereit. Mal sehen, wie sich das auf der Straße, pardon in der Luft, anfühlt.

Fast schon ein gewohnter Anblick sind die sogenannten Quadrocopter, allerdings eher im für Kinderzimmer gerechten Format. Mittlerweile haben sich die schraubenden Die Zukunft hat mit dem Volokopter 2x begonnen.
Foto: © Thomas Lay
Flieger aber auch für den Transport von Menschen gemausert. Dabei hat sich insbesondere ein deutsches Luftfahrt-Startup aus Bruchsal, mittlerweile massiv (gerade 25 Mio. Euro) unterstützt von Daimler und dem Berliner Technologieinvestor Lukasz Gadowski und weiteren Investoren, sehr erfolgreich hervorgetan. Dieses neue Hubschrauber-Konzept namens Volocopter 2X hat alles, was man heute gerne sieht: vollelektrisch in der Luft gehalten von 18 Rotoren fliegt dieses Ultraleichtflugzeug (Abflugmasse 450 kg) natürlich vollautonom oder stylisch mit einem Joystick gesteuert. In Dubai ist das zwei Personen fassende Fluggerät schon in Betrieb. In dieser Form ist Volocopter 2X einzigartig in der Welt.

Bleibt am Ende darüber zu philosophieren, wie intuitiv die ganze moderne Technik eigentlich zu bedienen ist. Es gibt da anscheinend einen eleganten Ausweg aus dem Lesen unzähliger Seiten an Anleitung. Kaum eine Veranstaltung findet mehr statt, ohne die notorischen 3d-Brillen. Ganze Heerscharen schwelgen in VR (Virtual Reality) Räumen, in Science Fiction Filmen hat man das schon lange gesehen.

Ohne sich anzustrengen kann man so alles sehen und lernen, ganz intuitiv. Es kann keiner durchs Bild laufen, man ist alleine „unterwegs“ und die 3d-Welt sieht fast wie echt aus. Da fragt man sich, warum überhaupt solche Veranstaltungen wie die IAA noch stattfinden. Einfach nur die Brillen verschicken würde doch reichen. Mit den Häppchen und Getränken – das würde man auch irgendwie hin bekommen. Zumindest in den 3d-Brillen!

Über den Autor
Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Autor: Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen, war der erste deutsche Professor für Physik von Transport und Verkehr. Er ist im Redaktionsbeirat von Veko-online.