Illustration um 1790
© Von The drawing is unsigned and undated, but was published in London in 1792 (see note below). Attribution is given the term Port Jackson Painter. - from the First Fleet Artwork Collection at The Natural History Museum, London here, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57684536

Der Schwarze Schwan ist gelandet

Von Herbert Saurugg, MSc

Hätte vor wenigen Wochen irgendjemand die heutige Situation in Europa skizziert, wäre er wohl für verrückt erklärt worden. Doch in der Zwischenzeit ist der „Schwarze Schwan“ gelandet. Er ist ein Synonym für extrem seltene Ereignisse mit enormen Auswirkungen. Doch wie geht es weiter? Derzeit gibt es wesentlich mehr Fragen als Antworten und das dürfte sich nicht so rasch ändern. Eines erscheint jedoch bereits absehbar: Die Welt, wie wir sie bisher kannten, wird nicht zurückkehren.
Anfang 2020 breitete sich in China eine neue Infektionskrankheit aus. Nicht zum ersten Mal nahm eine Epidemie oder Pandemie, also eine länderübergreifende bzw. weltweite Epidemie, ihren Ausgang in China. Jedoch konnten diese bisher immer gut eingedämmt und beherrscht werden. Doch diesmal ist alles anders.

In Mitteleuropa wurde man erstmals hellhörig, als berichtet wurde, dass binnen 10 Tagen ein komplettes Spital aus dem Boden gestampft wurde, um die Notversorgung in der hauptbetroffenen Region aufrechterhalten zu können. Da sind wohl einige Planer in Mitteleuropa neidisch geworden. Auch die Witzesammlung rund um den Flughafen Berlin-Brandenburg wurde erweitert. Die massiven Abriegelungsmaßnahmen und die unter Quarantänestellung von Millionen Menschen löste hier meistens nur Kopfschütteln aus: „So etwas geht nur in China.“ Wie rasch sich die Realität ändern kann.

Mittlerweile ist wohl auch bei uns den meisten das Lachen vergangen. Denn diesmal hat sich die Epidemie nicht eindämmen lassen und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte diese am 11. März 2020 zur COVID-19-Pandemie, der ersten nach der „Schweinegrippe“ im Jahr 2009/2010. Der relativ glimpfliche Verlauf von damals in unseren Breiten hat wohl auch dazu beigetragen, dass COVID-19 lange unterschätzt bzw. heruntergespielt wurde. Zum anderen wollte man sich wahrscheinlich nicht wieder der Gefahr aussetzen, im Nachhinein für Überreaktionen angeprangert zu werden. Ein fataler Irrtum.

Mittlerweile gilt Italien und Europa insgesamt als zweitgrößter Hotspot weltweit. Millionen Menschen stehen nun auch in Europa mehr oder weniger unter Quarantäne. Grenzen wurden und werden geschlossen. Es herrscht ein Ausnahmezustand und wir stecken mittlerweile in der größten und schwerwiegendsten Pandemie seit zumindest 100 Jahren. Und das ist wohl erst der Beginn einer Kettenreaktion, wie wir sie uns noch nicht vorstellen können. Das passt alles nicht in unser bisher erfolgreiches lineares Denken und Weltbild. Es rächt sich die Ignoranz von Kennzeichen komplexer Systeme.

Komplexität entsteht durch Vernetzung. Durch das Internet, die Globalisierung und den globalen Warenströmen wurde ein unfassbar komplexes System geschaffen, über dessen potenziell negativen Nebenwirkungen wir bisher kaum nachgedacht haben. Zumindest in der breiten Masse und Politik. Mahnende Stimmen gab es genug. Diese wurden aber meist ignoriert und als Schwarzmaler abgetan.

Das liegt auch am Bildungssystem, das noch weitgehend auf die bisher bewährten Strukturen der Industriegesellschaft beruht und in Fächern, Disziplinen oder Instituten organisiert ist. Komplexe Systeme lassen sich nicht mit einem deterministischen Denken erfassen oder beherrschen, auch wenn das bei (komplizierten) Maschinen gut funktioniert.

Komplexe Systeme, wo es permanent zu einem Austausch, zu Rückkoppelungen und Veränderungen kommt, können mit den bisherigen Werkzeugen nur beschränkt beherrscht werden. Das funktioniert in stabilen Zeiten durchaus, wie wir das bisher mehr oder weniger erlebt haben. Und das verleitet auch zu falschen Schlüssen: Es geht ja eh. Zumindest bis zum Zeitpunkt, wo eine zu große Störung alles aus dem Gleichgewicht bringt. Eine kleine Ursache, die zu großen Auswirkungen führen kann.

 COVID-19 (Coronavirus SARS-CoV-2)
© Robert Koch-Institut

Ein Virus in der Größe von wenigen Nanometern löst wahrscheinlich gerade die weitreichendste Neuordnung der Welt seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Das mag jetzt ziemlich übertrieben klingen. Aber wir stehen erst ganz am Anfang.

Es wurde eine Lawine losgetreten, und wir können noch in keiner Weise abschätzen, wo sie zum Stillstand kommen wird. Es zeichnen sich aber bereits jetzt eine Reihe von Folgekrisen ab, auf die weder die Menschen noch die Unternehmen oder die Staaten insgesamt vorbereitet sind. Derzeit liegt der Fokus auf den kurzfristigen Entwicklungen, vor allem im Gesundheitsbereich. Das ist wichtig, um die unmittelbar lebensbedrohlichen Schäden zu minimieren. Aber das wird bei weitem nicht ausreichen, um die erwartbaren weiteren Folgen bewältigen zu können. Je früher wir uns aber darauf einstellen und ausrichten, desto leichter wird es uns gelingen, wieder Fuß zu fassen.

Denn ein weiteres Kennzeichen von komplexen Systemen ist die Irreversibilität. Das bedeutet, dass wir nicht mehr einfach zu einer Welt zurückkehren werden, wie sie für viele Menschen noch vor wenigen Wochen als völlig unverrückbar wahrgenommen wurde. Viele Menschen wurden bereits in den vergangenen Monaten und Jahren von der steigenden Dynamik in der Arbeitswelt gefordert und zum Teil auch überfordert. Eine steigende Dynamik ist ein weiteres Kennzeichen von komplexen Systemen, wenn sie falsch designt sind bzw. die Rückkoppelungsmöglichkeiten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die jetzige Dynamik stellt aber wohl vieles in den Schatten und sie wird in den nächsten Wochen wahrscheinlich noch deutlich zunehmen. Hoffen wir, dass sie nicht im völligen Chaos endet. Wobei der Kollaps von komplexen Systemen kein Fehler ist, sondern ganz im Gegenteil, ein Designmerkmal: Damit wird in der Natur eine periodische Erneuerung und Anpassung sichergestellt. Auch das ist selten bekannt und bewusst. Alles Lebendige ist in komplexen Systemen organisiert, die mit der Umwelt interagieren. Damit der Schaden nicht zu groß werden kann, hat sich evolutionär „small-is-beautiful“ durchgesetzt. Etwa, in Form von zellularen Strukturen.

Die Politik versucht zu vermitteln, alles im Griff zu haben: „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet.“ In der Realität zeigt sich jedoch häufig, dass Vorbereitung durch Improvisation ersetzt wird. Durch „Quick-and-dirty“ Lösungen entsteht sogar die Gefahr, das Ganze noch zu verschlimmern. Denn wie aus der System- und Komplexitätswissenschaft bekannt ist, führen scheinbar kurzfristig erfolgreiche Lösungen häufig langfristig zu mehr Problemen und Schäden. Langfristig erfolgreiche Lösungen erfordern hingegen meist kurzfristige Einschnitte und Entbehrungen. Man denke hier nur an das Change-Management. Aktionismus ist daher gefährlich, da sich jeder Eingriff in ein komplexes System an vielen unterschiedlichen Stellen und vor allem auch zeitverzögert auswirkt. Mit einem einfachen Ursache-Wirkungsdenken ist das Scheitern vorprogrammiert. Hier rächt sich auch, dass wir die Möglichkeit einer Pandemie oder eines europaweiten Strom- und Infrastrukturausfalls („Blackout“) bisher ignoriert haben und jetzt natürlich unter enormen Zeitdruck handeln müssen.

 © BKK

Daher ist auch entscheidend, dass bei weitreichenden Entscheidungen auch die potenziellen und langfristigen Nebenwirkungen mitbetrachtet werden. Was derzeit nicht erkennbar ist.

Mit dem aktuellen „Lockdown“ und den wirtschaftlichen Einbrüchen steigt auch die Gefahr für ein Blackout. Die Energieversorgungsunternehmen beteuern, dass sie alles unternehmen, um die Versorgungssicherheit und die Handlungsfähigkeit des eigenen Personals aufrechtzuerhalten. Jedoch gibt es eine Reihe von Faktoren, welche neben der potenziellen Erkrankung von wichtigem Personal die Systemstabilität gefährden. So kommt es durch den Wirtschaftseinbruch zu einer sinkenden Stromnachfrage. Damit entsteht zum Teil zu bestimmten Zeiten ein enormer Stromüberschuss. Aufgrund der derzeitigen regulatorischen Vorgaben, speziell in Deutschland, muss aber Strom aus Erneuerbare Energien (EE) Erzeugungsanlagen vorrangig abgenommen werden. Zusätzlich werden durch die sinkenden Strompreise konventionelle Kraftwerke aus dem Markt gedrängt (Merit-Order-Effekt). Konventionelle Kraftwerke können mit dem erwirtschaftbaren Strompreis bereits jetzt nicht mehr die Betriebskosten decken.

Was zwar für den Klimaschutz erfreulich ist, führt gleichzeitig zu wenig beachteten Nebenwirkung. Diese betreffen vor allem die rotierenden Massen (Generatoren), welche ohne Steuerungseingriffe die immanente und systemkritische Stabilität und Ausregelung des fragilen Systems sicherstellen. Zusätzlich verzögert sich der Bau von für die Energiewende unverzichtbaren Speichersystemen, wie Pumpspeicherkraftwerken oder rasch einsetzbaren, flexiblen Kraftwerken, um die volatile Erzeugung aus Windkraft- und PV-Anlagen ausgleichen zu können. Es rechnet sich einfach nicht, diese zu bauen. Ein gefährlicher Teufelskreis.

Hinzu kommt, dass das europäische Stromversorgungssystem zu den „too-big-to-fail“ Systemen gehört. Aufgrund des vorrangigen betriebswirtschaftlichen Fokus zählte in den vergangenen Jahren fast nur mehr der Markt. Reserven und Redundanzen mussten auch hier wie in allen anderen Bereichen als „totes Kapital“ zurückgefahren werden und damit auch die ehemalige zellulare Struktur. Das spiegelt sich vor allem im grenzüberschreitenden Stromaustausch wider, der zudem deutlich erhöht werden soll. Störungen können sich daher heute wesentlich leichter ausbreiten, wenn sie einmal eine gewisse Größe erreicht haben. Das haben wir gerade bei der Ausbreitung der Pandemie gesehen.

Ein weiteres massives Problem wird durch die langen Transportwege erst in den nächsten Wochen sichtbar werden. Lieferverzögerungen und -unterbrechungen von Waren aus China und wohl bald auch aus anderen Weltgegenden, ja selbst in Europa. Während das in einigen Bereichen derzeit eher nebensächlich ist, weil etwa die ganze Autoindustrie heruntergefahren wird, kann das im medizinischen Umfeld und bei der Medikamentenversorgung zu dramatischen Konsequenzen führen. Ein Großteil der Medikamenten- und vor allem Antibiotikaproduktion erfolgt mittlerweile in China und Indien. Indien ist der weltgrößte Generikahersteller und bezieht gleichzeitig rund 70 % der Ausgangsstoffe aus China.

 Traditionelle Auffassung einer Lieferkette als Triade um ein Unternehmen; die Pfeile symbolisieren Lieferantenpflege, Internes SCM und Kundenpflege.
© Von Stern - Own work by uploader, cf. Chen, Paulraj (2004), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4971137

Eine Unterbrechung der Lieferketten („Supply Chains“) gehört seit Jahren zu den gefürchtetsten Top-Risiken in Unternehmen. Die aktuelle und noch erwartbare Dimension war wohl für kaum einen Risikomanager vorstellbar. Nicht einmal in den schlimmsten Alpträumen. Noch weniger klar ist, wie die ganze Synchronisation wiederhergestellt werden kann und wie lange es dauern wird.

Eine Massenarbeitslosigkeit zeichnet sich bereits ab und viele kleinere Unternehmen werden die nächsten Wochen nicht überstehen. Aber auch viele große werden ins Wanken geraten, nicht zuletzt, weil sie auch häufig von den kleinen abhängig sind. Das ganze Wirtschaftssystem gerät aus den Fugen. Hinzu kommt, dass wir aus den Systemwissenschaften wissen, dass ein System, das nur durch permanentes Wachstum überleben kann, nicht lebensfähig ist. Hier zeichnet sich eine dramatische Bereinigung ab.

Und damit sind wir wohl auch mitten im größten Finanzcrash, den es jemals gab. Galt bisher häufig „so lange die Musik spielt, einfach weitertanzen“, dürfte die Party nun endgültig vorbei sein. Denn hier gibt es kein Auffangnetz mehr, auch wenn jetzt Milliarden und Abermilliarden in Aussicht gestellt und ins System gepumpt werden. Das zerstörte Grundvertrauen und der tiefe Schock wird nicht so einfach zu überwinden sein. Man erinnere sich nur an die letzte Finanzkrise vor nicht einmal 15 Jahren. Eine Dystopie könnte wohl nicht schlimmer ausformuliert werden.

Wie kann es nun weitergehen? Dazu ist es wohl noch viel zu früh, um eine seriöse Einschätzung abgeben zu können. Eins ist aber klar: Ein weiter wie bisher ist äußerst unwahrscheinlich. Schon Albert Einstein hat dazu gesagt, dass man Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen kann, mit der sie entstanden sind.

Grundsätzlich gibt es ein umfangreiches Know-how, wie sich in der Natur lebensfähige (komplexe) Systeme bewährt und überlebt haben: „Small-is-beautiful“, Energiebedarfssenkung, dezentrale funktionale Einheiten, Fehlerfreundlichkeit, sind nur ein paar wichtige Stichwörter, die uns weiterhelfen können. Wenn wir wieder eine robuste Gesellschaft werden wollen, werden wir uns an diesen erfolgreichen Designprinzipien orientieren müssen.

Auch wenn das jetzt für Viele hart und übertrieben klingen mag, wird es wahrscheinlich wenig bringen, den Kopf weiterhin in den Sand zu stecken. Resilienz bedeutet eben nicht nur Widerstandsfähigkeit, sondern vor allem Lern- und Anpassungsfähigkeit. Je früher wir die neue Realität akzeptieren und neue Lösungswege ausprobieren, desto eher werden wir wieder eine neue Stabilität erreichen. Und das ist die positive Aussicht: Nach jedem schweren Rückschlag und Schock ging es in der Menschheitsgeschichte langfristig besser weiter. Wir haben nun nicht nur eine unvorstellbare Krise vor uns, sondern auch eine große Chance, die bisherigen Dinge und Verläufe zu hinterfragen und neu zu organisieren. Beginnen wir damit jetzt und dokumentieren wir vor allem Dinge, die gut gelaufen sind und auch jene, die nicht gut gelaufen sind, damit wir die Geschichte nicht wiederholen müssen.

 

Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 20.03.20 fertig gestellt und spiegelt den Stand der Erkenntnisse zu diesem Zeitpunkt wider.
Aufgrund der aktuellen hohen Dynamik sind wahrscheinlich bis zur Publikation bereits neue Umstände hinzugekommen.
Der Beitrag wagt eine längerfristige Perspektive und sollte daher auch zum Publikationszeitpunkt noch aktuell sein.

Anschlagsziele in Hanau, 19.Februar 2020
© Von Willi P - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=87414140

Nach Hanau

Der Tätertypus des rechtsextremistischen einsamen Wolfs als größer werdende Gefahr

Von Dr. Florian Hartleb

Nicht schon wieder Rechtsterrorismus, begangen durch einen Einzeltäter, denken sich nicht nur die Sicherheitsbehörden, sondern auch viele Bürger. Eine allgemeine Verunsicherung greift um sich, wie auch die Reaktionen zeigen. So wird versucht, der AfD den Mord in die Schuhe zu schieben. So äußerte sich bereits die CDU-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer demensprechend. Sie instrumentalisiert die Tat, spricht in unglücklicher Wortwahl davon, den Beleg zu haben, „eine Brandmauer gegen die AfD“ zu halten
Kein Wunder: Erst im Oktober war die Republik in heller Aufregung: Der 27-jährige Stephan Balliet versuchte am 9. Oktober, mitten am Tag in eine jüdische Synagoge einzudringen, ermordete nach dem Misserfolg willkürlich zwei Menschen. Er streamte live auf der Plattform Twitch. Nun sorgte ein 43-jähriger gelernter Bankkaufmann mit absolviertem Studium, Tobias R. für ein Fanal. Scheinbar unauffällig, sozial isoliert und arbeitslos bei seinen Eltern lebend, ermordete er zehn Menschen, darunter seine Synagoge in Halle (Saale), Jüdischer Friedhof, Humboldtstraße
© Von Allexkoch - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42881121
Mutter, verletzte zusätzliche Menschen schwer und richtete dann sich selbst. Bereits die Opferauswahl deutet auf Rechtsterrorismus hin, da er Orte aufsuchte, in denen sich bevorzugt Menschen mit Migrationshintergrund befinden. Diese wurden dann zu seinen Opfern, die er kaltblütig, aus nächster Distanz ermordete.

Die Tat war akribisch vorbereitet, von langer Hand geplant. Dafür sprechen ein 24-seitiges Manifest, das er hinterließ, sowie ein You tube-Video. Der Täter wollte seine kruden Verschwörungstheorien verbreiten, wandte sich in seinem Manifest an das „gesamte deutsche Volk“. Sein You-tube -Video richtet sich hingegen in sehr gutem Englisch an „alle Amerikaner“. Aufgenommen wurde es im heimischen Zimmer. Man sieht das nicht-gemachte Bett im Hintergrund. Die Botschaft „aus dem Kinderzimmer“ ist eindeutig. Der Täter fühlt sich verfolgt, spricht davon, dass er von einem Geheimdienst überwacht werde. Und am liebsten will er die ganze Welt „eliminieren“, von Marokko über Türkei bis hin zu Kambodscha. Am Ende soll auch das eigene Volk „daran glauben“. Deutlich wird hier, was diesen Einzeltäter ausmacht. Er schneidert sich eine persönliche Kränkungsideologie zurecht, die persönliche Frustrationen mit politischen Motiven verbindet. Seine Tat trägt klar die Handschrift eines rechtsterroristischen Einzeltäters, eines „einsamen Wolfs“. 1

Terror durch Einzelne, ohne dass eine Organisation dahinter die Strippen zieht – dieses Phänomen, umschrieben mit der Metapher des Einsamen Wolfes, meinten wir lange nur aus anderen Weltregionen zu kennen, aus Afghanistan, dem Irak oder dem Israel-Konflikt, wo radikale Palästinenser gezielte Messerattacken verüben. Doch ob wir es wahr haben wollen oder nicht: Akte des Terrors sind mitten unter uns. Das 21. Jahrhundert ist zwar schon jetzt das Jahrhundert des Individualterrorismus. Es braucht eben keine Terrororganisation mehr. Ein Computer mit Internetzugang reicht zur Radikalisierung aus. Seit dem 22. Juli 2011 ist dieser Tätertypus der Weltöffentlichkeit bekannt. Nach jahrelanger Planung ermordete der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik 77 Menschen, darunter viele Jugendliche. Fünf Jahre später, am Tag genau, versetzte der 18-jährige Deutsch-Iraner David Sonboly die Stadt München in einem Ausnahmezustand. Wie Tobias R. ermordete er Menschen mit Migrationshintergrund. Nach mehr als drei Jahren werden die Taten auch als politisch-motiviert eingestuft.

Die Einzeltäter sind Männer, die sich eine persönliche Sendungsideologie zurechtgebastelt haben und die sich virtuell radikalisiert haben, dann aber nicht mit gleichgesinnten, sondern alleine losschlagen. Für eine akribische Vorbereitung spricht, dass sich die Täter als Public-Relations-Strategen in eigener Sache sehen und bei ihren Terrortaten für eine Publizität sorgen wollen, die sie für angemessen halten. Der Täter von Hanau etwa hat nicht nur ein Manifest vorgelegt, das sich an das deutsche Volk richtet, sondern auch noch ein Youtube-Video auf Englisch publiziert, das sich an die Amerikaner richtet. Hier wird ein großes Maß an Narzissmus deutlich. Der Täter sieht sich als Retter, Erlöser, Befreier. Auf seine Gedanken gingen demnach mehrere Hollywood-Filme und weltgeschichtliche Ereignisse, die auf seinem Willen zurückzuführen 2

Die hinterlassenen Pamphlete und Videos von Tobias R. zeigen: Sein Motiv entspricht nicht klischeehaft dem eines klassischen Neonationalsozialisten mit Merkmalen wie Hitler-Verehrung, Rassismus und Antisemitismus. Jeder einsame Wolf hat seine eigene Kriegsideologie, die schwer im realen Leben zu lokalisieren ist. Jedes Manifest trägt daher eine unterschiedliche Handschrift. Breivik etwa sah sich als Tempelritter, der Europa vor der Islamisierung retten wollte. David Sonboly wollte München, sein Vaterland, befreien. Und Stephan Balliet sieht „die Juden“ verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Wir sprechen hier von sozial isolierten Menschen, die in der großen Öffentlichkeit kaum greifbar sind. Auch der Täter von Hanau war offenbar weitestgehend unauffällig, so wurde er zumindest von seinem Schützenverein beschrieben. Die Sicherheitsbehörden müssen daher im digitalen Raum ansetzen. Das ist die Lebensrealität der einsamen Wölfe.

Defendant Anders Behring Breivik (L) is escorted by a police officer as he arrives to the start of the third day of proceedings in the courthouse in Oslo April 18, 2012. Breivik, who killed 77 people, said at his trial on Tuesday his shooting spree and bomb attack were "sophisticated and spectacular" and that he would do the same thing again
© picture alliance/REUTERS FABRIZIO BENSCH
Es sind neben Vernichtungsphantasien Verschwörungstheorien eigner Art, die etwa auch an die Reichsbürger erinnern lassen. Ähnlich wie diese suchte Tobias R. den Kontakt zu Behörden, wandte sich wegen der angeblichen Existenz einer Geheimorganisation an die Bundesanwaltschaft. Er suchte deswegen auch eine Privatdetektei auf. All das zeigt, dass der Täter offenbar psychisch gestört war, unter Verfolgungswahn litt. Doch das schließt eine politische Radikalisierung, eine politische Motivlage nicht aus. Das eine sollte nicht gegen das andere ausgespielt werden: Psychische Gestörte können Extremisten sein, Extremisten psychisch gestört sein.

Eine weitere Parallele zu anderen Tätern ist: Es handelt sich um beziehungsunfähige Männer mit zahlreichen persönlichen Frustrationen. Beim Fall von Hanau ist auffällig, dass der Täter ein gestörtes Frauenbild zu haben schien. Dem Thema ist in seinem Manifest ein ganzes Kapitel gewidmet. Er spricht in seinen Texten auch davon, er habe extra angefangen zu studieren, um eine Frau kennenzulernen, nach einem Date habe er aber feststellen müssen, dass seine Bekannte auch irgendwie überwacht worden sei. Offenbar hat hier die Incel-Bewegung Einfluss auf das Weltbild des Täters: Diese kommt aus den USA und findet in den virtuellen Welten, etwa auf den Plattformen 4chan und 8chan Verbreitung. „Incels“ betrachten sich oft als Männer zweiter Klasse, die sich von Frauen zurückgewiesen fühlen und Rache üben wollen. Sie denken, dass sie deshalb auf der Verliererseite stünden, da Frauen „Alphamänner“ wollen.

Hinzu kommt: Der Täter wohnte bei seiner Mutter – die er nun auch umgebracht hat. Ein Breivik war auch wieder bei seiner Mutter eingezogen, und Stephan B., der Täter von Halle, hat ebenfalls bei seiner Mutter gelebt. Hier erkennt man ein Muster. Den Täter von Halle kannte man nicht einmal in der örtlichen Kneipe. Zugleich war er im virtuellen Raum sehr aktiv. Das heißt, das soziale Leben dieser Täter findet häufig mehr oder weniger komplett im Internet statt. Der Täter von Hanau hatte zum Beispiel auch eine eigene Web-Site, hatte zahlreiche Videos hochgeladen. Er war Narzisst, hielt sich für ein Genie. Im Internet finden solche vereinsamten Seelen leicht Gleichgesinnte, ihr ideologisches Rudel. Und dieses trägt dann zu einer weiteren Radikalisierung der Täter bei. Beim Individual-Terrorismus spricht man von einer spezifischen Radikalisierungsphase und irgendwann gibt es den sogenannten Trigger, den auslösenden Punkt, wo es dann in die Planungsphase übergeht, wo der Täter sich ganz konkret damit beschäftigt, wie er sich eine Waffe beschafft. Tobis R. verschaffte sich die Tatwaffe legal, war Mitglied eines Schützenvereins.

Die Sicherheitsbehörden sind sich mittlerweile dieser Gefahr bewusst. Es gibt neue Analysetools, etwa das Risikobewertungssystem Radar-rechts, das es bereits im Bereich des islamistischen Terrors gibt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz arbeitet inzwischen testweise mit Künstlicher Intelligenz, um im Internet mithilfe bestimmter Schlüsselworte potenzielle Täter aufzuspüren. Trotzdem gibt es noch eine Menge Baustellen in den Behörden, vor allem, was das Personal angeht: Der Verfassungsschutz geht intern davon aus, dass noch immer bundesweit eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern fehlt – allein im Bereich Rechtsextremismus. Vor allem IT-Fachleute und Daten-Auswerter werden händeringend gesucht. Und: Wir müssen hier weg von der Beamtenkultur und brauchen junge Leute, die sich auf rechtsradikalen Plattformen wie Protest von „Reichsbürgern“, die sich auf Artikel 146 des Grundgesetzes berufen (vor dem Reichstagsgebäude in Berlin 2013)
© Von Dirk Ingo Franke - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32719026
„8chan“ oder „4chan“ bewegen und den dort verwendete Szene-Sprech entschlüsseln können. Helfen wird das wenig, da die einsamen Wölfe unbeschriebene Blätter für die Sicherheitsbehörden sind. Ein Stephan Balliet war ebenso wenig polizeilich bekannt wie ein Breivik. Allein mit Repression zu antworten, reicht ohnehin nicht aus. Nach Breiviks Taten lautete das Mantra in Norwegen „mehr Offenheit, mehr Demokratie” – das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Nach Christchurch war die Reaktion eine ähnliche. Und es ist auch die Gesellschaft an sich angesprochen. Verschwörungstheorien grassieren, eine Bewegung wie die Reichsbürger, die ähnlich wie der Täter an dunkle Mächte und die Überwachung durch einen von den USA gesteuerten Geheimdienst glauben, hat massiv Zulauf erhalten. Von daher sind auch die „einsamen Wölfe“ Kinder ihrer Zeit und Seismographen unserer Zeit. Beruhigend ist das alles nicht, auch wenn die Politik beschwichtigen muss. Vielleicht helfen Rezepte aus anderen Ländern. Nach dem Breivik-Schock gab man in Norwegen die Parole „mehr Offenheit“ aus. Vielleicht sollte man hierzulande derart reagieren. Und politische Bildung sollte hier ansetzen: Langfristig sollte schon in der Schule behandelt werden, wie man mit Fake News, alternativen Medien und Verschwörungstheorien umgeht.

Quellen:

 1  Siehe dazu: Florian Hartleb: Nach dem Horrorjahr 2019 und unter dem Eindruck von Halle: Lässt sich der rechtsextremistisch motivierte Einzeltäterterrorismus bekämpfen?, in: VEKO online, Dezember 2019, Vernetzte Kompetenz im Sicherheitsmanagement, https://www.veko-online.de/titel/nach-dem-horrorjahr-2019-und-unter-dem-eindruck-von-halle.html

2  Siehe zu diesem Tätertypus Florian Hartleb: Einsame Wölfe: Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter, Hoffmann und Campe: Hamburg 2018 sowie auf Englisch in aktualisierter Form Florian Hartleb: Lone Wolves. The New Terrorism of Right-Wing Single Actors, Springer Nature: Cham u.a. 2020.

Über den Autor
Dr. Florian Hartleb
Autor: Dr. Florian Hartleb
Dr. Florian Hartleb (geb. 1979 in Passau) studierte zunächst Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Psychologie in Passau, bevor er 2004 an der Technischen Universität Chemnitz zum Thema Links- und Rechtsextremismus promovierte und mit “summa cum laude” abschloss. Seitdem arbeitet er mit vielen verschiedenen Organisationen und Administrationen zusammen. So war er Pressereferent im Bundestag, beriet das Bundespräsidialamt und das Europäische Parlament. Im Rahmen des Attentats am Olympiazentrum in München erstellte er ein Gutachten für die Stadt München und wies die rechtsextremistischen Hintergründe der Tat nach. Als Experte war er bei der ARD, dem ZDF und vielen weiteren zu Gast. Gerade erschien von Ihm das Sachbuch "Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter (Hoffmann und Campe).
Weitere Artikel

Die US-Botschaft in Bagdad
© Von United States Department of State - http://diplomacy.state.gov/discoverdiplomacy/explorer/places/170159.htm, Gemeinfrei, https://www.nzz.ch/international/angespannte-lage-nach-sturm-auf-us-botschaft-im-irak-ld.1531491

Der Konflikt zwischen dem Iran und den USA – Eine aktuelle sicherheitspolitische Analyse

Von Dr. Stefan Goertz, Bundespolizei, Hochschule des Bundes

Der Dezember 2019 und der Januar 2020 waren und sind von einer sicherheitspolitischen Eskalationsspirale zwischen dem Iran und den USA geprägt. Die Übergriffe von proiranischen Milizen auf die US-Botschaft in Bagdad/ Irak wurden von den USA mit der Tötung des iranischen Generals Soleimani, dem Kommandeur der Quds-Einheit, beantwortet. Darauf antwortete der Iran militärisch, indem er US-Basen im Irak mit Raketen beschoss.
Als Antwort darauf reagierten die USA wiederum mit neuen wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran. Dieser Beitrag untersucht den aktuellen Konflikt zwischen dem Iran und den USA auf sicherheitspolitischer Ebene darauf hin, ob zukünftig eine Eskalationsspirale zwischen dem Iran und den USA droht.

Übergriffe von proiranischen Milizen auf die US-Botschaft in Bagdad/ Irak – Hintergründe der Eskalationsspirale

Nachdem die US-Luftwaffe Ende 2019 Angriffe gegen schiitische Milizen im Irak geflogen hatten, griffen Hunderte proiranische Milizen die US-Botschaft in der irakischen Hauptstadt Bagdad and und versuchten, das Botschaftsgelände zu stürmen. Die 2009 eröffnete US-Botschaft in Bagdad ist die größte Botschaft der USA weltweit, mit 42 Hektar ist der hochgesicherte Botschaftskomplex in etwa so groß wie der Vatikan. Mehrere Wachhäuser am Eingangstor zum Botschaftskomplex standen in Flammen, wie auf Bildern des arabischen Fernsehsenders „Al-Arabija“ zu sehen war, dabei agierten schiitische Milizen, die teilweise militärische Uniformen trugen. Auf Videos in sozialen Netzwerken war zu sehen, wie die Milizen Feuer an den Außenmauern des Botschaftsgeländes legten und Brandsätze über die Mauern warfen. Dazu beschmierten sie Außenmauern mit anti-amerikanischen Parolen. Als sicherheitspolitische Antwort entsandte die US-Regierung schickte zusätzliche Truppen zur Sicherung der US-Botschaft und US-Truppen im Irak und appellierte an den Irak, die Sicherheit der Botschaft zu garantieren und entschied sich, die Botschaft nicht zu evakuieren. Der US-Verteidigungsminister Mark Esper machte keine Angaben dazu, wie viele Soldaten und welches Gerät als Verstärkung geschickt werden sollten.1 Zu Silvester 2019 macht der US-Präsident Donald Trump den Iran für die Übergriffe auf die US-Botschaft in Bagdad verantwortlich und drohte der iranischen Regierung mit Konsequenzen. Dazu twitterte Trump: „Jetzt orchestriert Iran einen Angriff auf die US-Botschaft im Irak“, dafür werden die Iraner „voll zur Verantwortung“ gezogen, erklärte Trump weiter.2 Bereits im Mai 2019 musste das US-Außenministerium aufgrund der angespannten Sicherheitslage Teile des Personals im Irak zeitweise abziehen und im September 2019 waren zwei Raketen in der Nähe des Botschaftsgeländes in Bagdad eingeschlagen.

Ende Dezember 2019 waren bei einem Raketenangriff auf eine US-Militärbasis, mutmaßlich ausgeführt von proiranischen Milizen, nahe der nordirakischen Stadt Kirkuk ein US-Bürger getötet und vier weitere verletzt. Als Antwort darauf beschoss die US-Luftwaffe nach eigenen Angaben Einheiten der Kata'ib Hisbollah im Iran und in Syrien, fünf Ziele wurden dabei getroffen, darunter Waffenlager und Kommandozentren. Die Kata'ib Hisbollah, auch Hisbollah-Brigaden genannt, sind irakisch-schiitische Milizen, die von den iranischen Revolutionsgarden kontrolliert werden, allerdings nicht zu verwechseln mit der libanesischen Hisbollah-Miliz. Die Hisbollah-Brigaden sind Teil der sogenannten Volksmobilisierungseinheiten, einem mächtigen schiitischen Milizenverbund im Irak, der den sunnitischen „Islamischer Staat“ bekämpft und besiegt hatte.3

Die militärische Antwort der USA – Drohnenangriff auf den iranischen General Soleimani

Qasem Soleimani, Frühjahr 2019
© Von Unbekannt - http://farsi.khamenei.ir/photo-album?id=41944#i, CC-BY 4.0, https://www.nzz.ch/international/angespannte-lage-nach-sturm-auf-us-botschaft-im-irak-ld.1531491
Die Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani durch einen Drohnenangriff stellte einen neuen Höhepunkt des Konflikts zwischen den USA und dem Iran dar. Die USA töteten eine der zentralen Figuren des iranischen Regimes, der mächtige Kommandant der Al-Kuds-Einheiten, der für Operationen im Ausland zuständigen Organisation der iranischen Revolutionswächter. Soleimani war der entscheidende Akteur der iranischen Militäroperationen in Syrien, im Irak und in anderen Ländern der Region. Dazu galt er als Vertrauter des von Ayatollah Ali Khamenei und als möglicher künftiger Präsident Irans. Der Tod Soleimanis stellt einen schweren Schlag für das iranische Regime und einen neuen Höhepunkt im Konflikt zwischen Iran und den USA dar.4

Das US-Verteidigungsministerium erklärte in einer Stellungnahme, dass die Tötung von Soleimani auf Anordnung von US-Präsident Donald Trump erfolgt sei. So sei Soleimani an Plänen beteiligt gewesen, US-Diplomaten und Militärangehörige im Irak und in anderen Ländern der Region anzugreifen. Darüber hinaus sei General Soleimani und die Kuds-Einheiten für den Tod Hunderter amerikanischer Soldaten und für Angriffe auf US-Stützpunkte im Irak in den vergangenen Monaten verantwortlich gewesen.5 Der Tötung Soleimanis war eine Warnung des US-Verteidigungsministers Mark Esper vorausgegangen. So hatte Esper wenige Stunden vor dem Drohnenangriff erklärt, die USA unternähmen Präventivschläge gegen von Iran unterstützte paramilitärische Kräfte im Irak und in Syrien, wenn es Anzeichen gebe, dass diese neue Attacken gegen amerikanische Stützpunkte und Truppen in der Region planten.

Der iranische Außenminister Javad Zarif bewertete die Tötung von General Soleimani auf Twitter als „extrem gefährtlich und eine törichte Eskalation“. Der iranische Revolutionsführer Khamenei erklärte öffentlich, auf die „Kriminellen“, die Soleimani getötet hätten, warte strenge Rache. Soleimanis Tod werde die Motivation der „Widerstandsbewegung“ gegen die USA und Israel verdoppeln. Die US-Botschaft in Bagdad forderte wenige Stunden nach dem Drohnenangriff sämtliche US-Staatsangehörigen auf, den Irak zu verlassen, davon betroffen waren auch Arbeiter ausländischer Ölfirmen.  US-Außenpolitiker begrüßten den Tod Soleimanis, manche von ihnen warnten aber vor unvorhersehbaren sicherheitspolitischen Konsequenzen des Drohnenangriffs. Eliot Engel, der dem außenpolitischen Ausschuss im Repräsentantenhaus vorsteht, erklärte, Soleimani sei der „Drahtzieher hinter immenser Gewalt, immensem Leiden und immenser Instabilität“ gewesen. Allerdings stelle seine Tötung eine massive Eskalation des Konflikts mit Iran mit unabsehbaren Konsequenzen dar. Durch seine Tötung befände sich die USA nun wieder am Rand einer direkten Konfrontation im Nahen Osten.6 Die Tötung des iranischen Generals Soleimani war schon unter den Vorgängern von US-Präsident Trump, George W. Bush und Barack Obama, erwogen worden. Beide Präsidenten hatten diese aber abgelehnt, weil sie fürchteten, der Schritt könnte zu einem Krieg zwischen den USA und Iran führen.

Die militärische Antwort des Irans – Iranische Raketenangriffe auf US-Basen im Irak

Wenige Tage nach dem US-Drohnenangriff auf General Soleimani attackierte der Iran die US-Truppen im Irak: Von einem „Schlag ins Gesicht der USA“ sprach Ajatollah Khamenei. Trump sieht das offensichtlich anders. „Mehr als ein Dutzend“ ballistische Raketen seien vom Iran aus auf Stützpunkte abgefeuert worden, die von US-Truppen genutzt würden, teilte ein Sprecher des US-Verteidigungsminister mit. Das iranische Staatsfernsehen meldete, insgesamt seien 16 Geschosse abgefeuert worden, sie seien nicht abgefangen worden. Dabei sei der US-Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad „vollständig zerstört“ worden. Der Angriff mit ballistischen Boden-Boden-Raketen auf die „von den Amerikanern besetzte Basis“ sei in jeder Hinsicht „ein voller Erfolg“. Das geistliche und staatliche Oberhaupt des Irans, Ajatollah Ali Khamenei, erklärte die Raketenangriffe auf die US-Basen als einen „Schlag ins Gesicht“ der USA. Die US-Truppen müssten die Region verlassen: „Die USA sind der Feind des Irans“. Ähnlich hatte sich zuvor auch der iranische Generalstabschef Mohammad Bakeri im iranischen Staatsfernsehen geäußert. Umgesetzt wurde die Operation „Märtyrer Soleiman“ von einer Einheit der iranischen Revolutionsgarde, die das iranische Raketenprogramm verantwortet.7 Der US-Stützpunkt Ain al-Assad befindet sich in der westirakischen Provinz Anbar und wurde von den US-Streitkräften nach der Invasion im Jahr 2003 genutzt, bei der der irakische Diktator Saddam Hussein gestürzt wurde. Später wurden dort US-Truppen für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ stationiert. Aktuell sind 1500 Soldaten in der US-Basis Ain al-Assad untergebracht, darunter internationale Kräfte der Anti-IS-Koalition.8

Die iranischen Revolutionsgarden warnten die USA vor Vergeltung für die Raketenangriffe. Und auch Verbündete der USA in der Region sollten wissen, dass jegliches Territorium, das sie den USA als Ausgangspunkt für aggressive Akte gegen den Iran überließen, im Visier Teherans stehe, teilte die Eliteeinheit der Streitkräfte der Islamischen Republik über die amtliche Nachrichtenagentur Irna mit. Drohungen richtete die iranische Revolutionsgarde auch an Israel. Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif bezeichnete die Raketenangriffe auf die US-Stützpunkte im Irak auf Twitter als „angemessene Maßnahmen der Selbstverteidigung“. Zusätzlich schrieb er: „Wir streben keine Eskalation oder einen Krieg an, aber wir werden uns gegen jegliche Aggression zur Wehr setzen.“ Als Reaktion sperrte die US-Luftfahrtbehörde FAA für US-Fluggesellschaften den Luftraum über dem Irak, dem Iran, dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Kurze Zeit später schossen iranische Einheiten eine ukrainische Passagiermaschine mit 176 Menschen an Bord nahe Teheran ab.

Die Air Force One auf der Al Asad Airbase
© Von Cherie A. Thurlby for DoD - DefenseImagenry.mil [1], Gemeinfrei, https://www.nzz.ch/international/angespannte-lage-nach-sturm-auf-us-botschaft-im-irak-ld.1531491

Die Antwort der USA auf die iranischen Raketenangriffe – neue Sanktionen gegen den Iran

Als Folge iranischer Angriffe auf US-Truppen im Irak verhängten die USA wenige Tage später weitere Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Dies teilten US-Außenminister Mike Pompeo und US-Finanzminister Steven Mnuchin im Rahmen einer Pressekonferenz in Washington mit.9 Die neuen Sanktionen richten sich gegen iranische Unternehmen aus der Stahlbranche und anderen Wirtschaftsbereichen sowie gegen acht hochrangige Vertreter des iranischen Regimes. Nach Angaben von Pompeo und Mnuchin diese iranischen Regierungs- und Militärverantwortlichen an den Bemühungen Teherans zur Destabilisierung des Nahen Ostens beteiligt. Ihnen wird auch eine Beteiligung oder Komplizenschaft an den Raketenangriffen von der Nacht zum Mittwoch vorgeworfen. Mögliches Vermögen dieser Iraner in den USA wird eingefroren, Transaktionen mit ihnen werden untersagt.10 Mit den Sanktionen gegen 17 iranische Stahl-, Aluminium-, Kupfer- und Eisenunternehmen würden der Führung in Teheran Finanzmittel in Milliardenhöhe entzogen, erklärte der US-Finanzminister. Verhängt wurden US-Sanktionen auch gegen drei in China und auf den Seychellen ansässige Unternehmen, die mit dem Iran Handel betrieben haben sollen. Diese Sanktionen hatte US-Präsident unmittelbar nach den iranischen Raketenangriffen auf US-Militärbasen angekündigt. Nach Angaben des US-Außenministers hatte der iranische General eine „groß angelegte Attacke“, die unmittelbar bevorgestanden habe, geplant. Die iranischen Angriffe hätte sich gegen „US-Botschaften, Stützpunkte, US-Einrichtungen in der Region“ richten sollen. Die iranische Führung bewertet die US-Sanktionen als „Krieg gegen die Wirtschaft“ ihres Landes.11

Der iranische Abschuss einer ukrainischen Passagiermaschine

Nach tagelangem Leugnen Mitte Januar 2020 gestand der Iran letztlich doch ein, für den Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine mit 176 Todesopfern verantwortlich zu sein. Das iranische Militär habe das Flugzeug „unbeabsichtigt“ abgeschossen, es handele sich um „menschliches Versagen“, hieß es in einer Presseerklärung.12 Die Iranischen Revolutionsgarden räumten die Schuld ein. Luftwaffenkommandeur General Amirali Hadschisadeh erklärte, er übernehme „die volle Verantwortung“. Ein Fehler im militärischen Kommunikationssystem habe zu dem fatalen Abschuss geführt. General Hadschisadeh erklärte, am Tag des Abschusses seien die iranischen Streitkräfte wegen der Drohungen der USA, 52 Ziele im Iran anzugreifen, in höchster Alarmbereitschaft gewesen. Nach seinen Worten wurde die ukrainische Maschine als potenzielle Gefahr eingestuft, man habe sie fälschlicherweise für einen Marschflugkörper im Anflug auf eine Militärbasis gehalten. Der zuständige Offizier wollte demnach der Zentrale die Gefahr melden, aber genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben. Der Offizier hatte laut Hadschisadeh nur wenige Sekunden, um zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuert oder nicht. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif wies den USA allerdings eine Teilschuld zu. Die USA seien für die aufgeheizte Atmosphäre verantwortlich, die zu dem menschlichen Fehler geführt habe, twitterte Sarif: „Human error at time of crisis caused by US adventurism led to disaster“.13

Fazit – Die Eskalationsspirale dreht sich immer schneller

Nach iranischen Angaben blockieren die USA seit Ende Januar 2020 den internationalen Zugang zu den Servern der iranischen Nachrichtenagentur Fars. Der Zugang sei „seit ein paar Stunden“ gesperrt, berichtete ein Fars-Sprecher am 25.1.2020. Fars sei per E-Mail mitgeteilt worden, dass die Kontrollbehörde des US-Finanzministeriums OFAC die iranische Agentur Fars in die Sanktionsliste aufgenommen und den Zugang gesperrt habe.14

Ebenfalls Ende Januar 2020 drohten die USA damit, auch den Nachfolger des iranischen Topgenerals Qassim Soleimani zu töten: „Sollte (Esmail) Chaani den Weg weitergehen, Amerikaner zu töten, dann wird ihn das gleiche Schicksal treffen“, sagte der US-Sondergesandte für den Iran, Brian Hook, der arabischsprachigen Tageszeitung Ascharq al-Aswat. Kurz nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani Anfang Januar ernannte die iranische Führung Chaani zum neuen Kommandeur der Quds-Brigaden. Die Eliteeinheit der Revolutionsgarden ist für verdeckte Militäreinsätze im Ausland zuständig. Chaani kündigte an, den Kurs seines getöteten Vorgängers weiterzuverfolgen.15

Zusammengefasst: Die Ereignisse im Januar 2020, Drohnen- und Raketenangriffe, sowohl von den USA als auch vom Iran, haben der Welt verdeutlicht, wie fragil die aktuelle sicherheitspolitische Situation zwischen den USA und dem Iran ist. Sollte der Iran die Strategie des getöteten Generals Soleimani fortsetzen, US-Truppen und US-Einrichtungen im Irak anzugreifen, werden die USA sehr wahrscheinlich ähnlich militärisch antworten, wie sie mit der Tötung General Soleimanis bewiesen haben.

 

Quellen:

1  https://www.nzz.ch/international/angespannte-lage-nach-sturm-auf-us-botschaft-im-irak-ld.1531491 (26.1.2020).
2  Ebd.
3  https://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-sturm-auf-us-botschaft-in-bagdad-drahtzieher-ist-iran-a-1303278.html (26.1.2020).
4  https://www.nzz.ch/international/konflikt-mit-iran-usa-toeten-maechtigen-general-kassem-soleimani-ld.1531695 (26.1.2020).
5  Ebd.
6  Ebd.
7  https://www.tagesschau.de/ausland/iran-raketen-irak-us-truppen-103.html (26.1.2020).
8  Ebd.
9  https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-01/iran-usa-verhaengen-neue-sanktionen-nach-raketenangriffen (26.1.2020).
10  Ebd.
11  Ebd.
12  https://www.dw.com/de/iran-räumt-unbeabsichtigten-flugzeug-abschuss-ein/a-50866315 (26.1.2020).
13  Ebd.
14  https://www.handelsblatt.com/politik/international/iran-iranische-nachrichtenagentur-fars-server-blockade-durch-die-usa/25472344.html?ticket=ST-2058175-daeqsSNJdmniV3aZCAGe-ap3 (26.1.2020).
15  https://www.sueddeutsche.de/politik/iran-usa-drohen-kommandeur-1.4768681 (26.1.2020).

 

Über den Autor
Dr. Stefan Goertz
Autor: Dr. Stefan Goertz
Dr. Stefan Goertz ist Beamter der Bundespolizei und Politikwissenschaftler. Augenblickliche Tätigkeit u.a. an der Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei.
Weitere Artikel

 

Login / Vorträge

Kostenlose Benachrichtigung

Hier können Sie sich für eine kostenlose kurze Benachrichtigung per E-Mail eintragen lassen, wenn Sie über die Neuerscheinung einer Ausgabe informiert werden wollen.
Datenschutz