Eine neue Bedrohung im 21. Jahrhundert

Kooperation von Akteuren der transnationalen Organisierten Kriminalität und des internationalen islamistischen Terrorismus

Von Dr. Stefan Goertz, Bundespolizei, Hochschule des Bundes

Das politikwissenschaftliche Interesse an transnationalen nichtstaatlichen Akteuren ist in den letzten zwei Dekaden stark gestiegen. Wurden transnationalen nichtstaatlichen Akteuren auch nach dem Ende des Kalten Krieges in der Politikwissenschaft noch „keine nennenswerte Rolle“1 zugeschrieben, so hat sich dies spätestens seit dem 11.9.2001 deutlich gewandelt.2
Anders als der ethno-nationale Terrorismus ist der islamistische Terrorismus durch die globale Reichweite seiner religiös-politischen (jihadistischen) Ausrichtung in höchstem Maße transnational orientiert. Nach dem 11.9.2001 wurde eine enorme Anzahl an wissenschaftlichen Schriften zum islamistischen Terrorismus veröffentlicht, die sich jeweils auf einzelne Aspekte der Analyseebenen Ideologie, Rekrutierung, Organisation und strategische Zielauswahl konzentrierten.3

Zur Frage der Beziehung zwischen Terrorismus und Organisierter Kriminalität wurde vornehmlich anhand des Narco-Terrorismus in Süd-Amerika geforscht (das Familienfoto der Ochoa-Brüder
Foto: © Von Cristinaochoa - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, http://www.fas.org/irp/news/2000/11/irp-001129-col.htm.
Medellin-Kartell in Kooperation mit der ELN in Kolumbien sowie die FARC mit mexikanischen Gruppen des Drogenschmuggels), also nicht im Bereich des islamistischen Terrorismus.4 In der internationalen politikwissenschaftlichen Forschung wird aktuell konstatiert, dass noch relativ wenig zur Interaktion von transnationaler Organisierter Kriminalität und transnationalem islamistischem Terrorismus geforscht wurde.5 Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die Grenzen zwischen Krieg, Terrorismus und Organisierter Kriminalität diffundiert, sie wurden und werden permanent überschritten.6 Die transnationale Organisierte Kriminalität des 21. Jahrhunderts profitiert nicht mehr von der Existenz von Staaten – wie bis zum Ende des Kalten Krieges und des Systems einer bipolaren Welt –, sie ist nicht mehr darauf angewiesen, von Staaten auf einem gewissen Niveau „toleriert“ zu werden. Im Gegenteil profitiert die neue transnationale Organisierte Kriminalität von anhaltenden Konflikten, Kriegen und der Auflösung von Staaten.7 Die Organisierte Kriminalität hat weltweit enorm vom Prozess der Transnationalisierung und der Globalisierung profitiert. Sie ist global vernetzt, gebraucht die modernsten Kommunikationsmittel und nutzt sowohl failing, weak und failed states – Staaten, die nicht auf Rechtshilfeersuchen anderer Staaten reagieren und Auslieferungsabkommen nicht einhalten – als auch westliche, europäische Staaten für ihre illegalen Aktivitäten. Der Drogenhandel zählt zu den einträglichsten und am schnellsten wachsenden illegalen Formen von Handel weltweit.

Definitionsmerkmale der aktuellen transnationalen Organisierten Kriminalität

Symbiosis between organised crime and terrorism: The border between organised crime and terrorism will become more and more blurred. Funding through organised crime activities will become common, and it is still not known whether some terrorist actors will change their motives to those of more personal interest. Organised crime groups might also use terrorist tactics.8

In der wissenschaftlichen Literatur wird quasi einstimmig darauf verwiesen, dass Organisierte Kriminalität so alt wie die Menschheit selbst ist, allerdings haben sich die Skyline von Medellín
Foto: © Von Iván Erre Jota from Medellín, Colombia - MEDELLÍN - ATARDECER 2014, CC BY-SA 2.0, http://www.fas.org/irp/news/2000/11/irp-001129-col.htm.
Phänomene von Organisierter Kriminalität durch gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und technologische Neuerungen transformiert und modifiziert.9 Organisierte Kriminalität wird zunehmend differenzierter rechtswissenschaftlich, politikwissenschaftlich, soziologisch und ökonomisch betrachtet, so dass sich die Konzepte und Definitionen von Organisierter Kriminalität im Lauf der Dekaden deutlich verändert haben. Regionale und kulturelle Unterschiede verschiedener Formen von Organisierter Kriminalität lassen kulturell und regional unterschiedliche Formen und Strukturen von Organisierter Kriminalität entstehen. Aufgrund ethnischer und religiöser Verbindungen allerdings wurde die Organisierte Kriminalität spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer internationaler, u.a. in den Bereichen Menschenhandel, Drogenhandel und Kidnapping for Ransom.

Transnationalisierung ist „ein Prozess, in dem Gruppen über eine längere Zeit stabile Beziehungen zueinander unterhalten, die in mehreren staatlich organisierten Gesellschaften stattfinden, aber staatliche Akteure nicht direkt beteiligen“10. Für den gesamten Phänomenbereich Organisierter Kriminalität wird dem Transnationalisierungsprozess und der Globalisierung ein vitaler, sich verändernder Charakter zugeschrieben.11 Transnationale Organisierte Kriminalität entwickelt ihre spezifische Gestalt unter den unterschiedlichen Umständen, die das jeweilige gesellschaftliche und staatliche Leben prägen.

Headquarters of Europol in The Hague, the Netherlands
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Die Europäische Union stellt fest, dass es schwer sei, eine gemeinsame Definition von Organisierter Kriminalität zu finden.12 So geht EUROPOL in ihrer strategischen Analyse von Organisierter Kriminalität davon aus, dass die transnationale Organisierte Kriminalität ein polykriminelles und schwer zu definierendes Phänomen sei, das zunehmend unterschiedlich in Methoden, Gruppenstrukturen und Wirkungen auf die Gesellschaften auftritt.13 Bereits im Jahr 2011 betonte die erste European Police Chiefs Convention von EUROPOL in einer inhaltlich deckungsgleichen Aussage zur US-amerikanischen Strategy to Combat Transnational Organized Crime das künftige Bedrohungspotential der Symbiose von Organisierter Kriminalität und Terrorismus.14

Für die United Nations Convention Against Transnational Organized Crime liegt transnationale Organisierte Kriminalität vor, wenn das Verbrechen (a) in mehr als einem Staat begangen wurde, (b) es in einem Staat begangen, ein großer Teil der Vorbereitung wiederum in einem anderen Staat begangen wurde, (c) wenn das Verbrechen in einem Staat ausgeübt wurde, aber in Verbindung mit einer anderen kriminellen Gruppe steht, die wiederum kriminelle Aktivitäten in mehr als einem Staat ausübt, (d) wenn das Verbrechen in einem Staat begangen wurde, aber erhebliche Folgen auf für andere Staaten aufweist.15

Weak states und failed states als vitaler Faktor für transnationale Organisierte Kriminalität und islamistischen Terrorismus

Organisierte Kriminalität ist ein Indikator für die Stabilität und Regierungsführung eines Staates, der im Fragile States Index (FSI) gemessen wird. Organisationen und Gruppen der Organisierten Kriminalität als auch des islamistischen Terrorismus muss eine Rationalität mit dem Ziel der wirtschaftlichen Gewinnmaximierung attestiert 1973 noch legales Haschisch-Geschäft in Kathmandu (Nepal)
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werden. Die Bandbreite der transnationalen Organisierten Kriminalität erstreckt sich von Drogenhandel, Menschenschmuggel durch Schleuserbanden, Kinderpornographie, Identitätsdiebstahl, Produktpiraterie und Geldwäsche bis zu Cyberkriminalität, in einigen Konfliktregionen des Nahen und Mittleren Ostens auch bis zur Plünderung historischer Artefakte. Dabei streben Gruppen der transnationalen Organisierten Kriminalität eine gewinnbringende Ausdehnung der Finanzaktionen an, auch legale Geschäfte werden integriert.

Die empirische Analyse der Interaktion von transnationaler Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus kommt zum Schluss, dass für beide Phänomenbereiche Konfliktregionen wie Nord- und West-Afrika, der Nahen und Mittlere Osten, die Balkan-Region, Afghanistan, der Kaukasus und andere vital sind. Als entscheidende Faktoren dafür können folgende identifiziert werden:

  • schwache und/ oder korruptionsanfällige staatliche Sicherheitsbehörden und ihre Fähigkeiten (capabilities)
  • unterwickelte Wirtschaftsstrukturen, die einseitig ausgerichtet sind
  • mangelnde Anpassung der Gesetze und Verordnungen an die Globalisierung
  • ungenügend überwachte Grenzen
  • grenzüberschreitende Verbindungen homogener ethnischer, religiöser Bevölkerungsgruppen
  • willkürlich festgelegte Staatsgrenzen aus der Zeit der Kolonialherrschaft
  • defizitär ausgebildete Grenzpolizeien mit hoher Anfälligkeit für Korruption
  • ineffektive und defizitäre Kooperation der Sicherheitsbehörden der betroffenen Staaten.

Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Staatszerfall und Organisierter Kriminalität sowie islamistischem Terrorismus ist in den oben angeführten Regionen evident. Unter den Bedingungen von schwachen oder versagenden Staaten können Organisationen, Gruppen und Strukturen von Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus Funktionen von Herrschaft übernehmen. „Staatsfreie“ bzw. „herrschaftsfreie“ Gebiete bieten sich als Rückzugs- und Ruheräume, Orte für Trainings- und Ausbildungscamps sowie als Rekrutierungsräume und Transiträume für Menschen und Waren an.

Die beiden Phänomenbereiche transnationale Organisierte Kriminalität und islamistischer Terrorismus sind vital mit innerstaatlichen Konflikten, dem Zerfall von Staatlichkeit und failed states verknüpft. Dabei spielen beide eine Rolle in Desintegrationskreisläufen, die Staaten zu fragilen Gebilden machen, indem sie konkurrierende Parallelstrukturen erschaffen. Diese Parallelstrukturen können sowohl dem Phänomenbereich transnationale Organisierte Kriminalität als auch islamistischer Terrorismus oder einer Kooperation und Fusion der beiden entspringen. Auf einer wirtschaftlichen Ebene ermöglichen fragile Staaten Akteuren der Abdul Ali Mazari, Warlord
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Organisierten Kriminalität eine Entfaltung ihrer Aktivitäten. Auf einer politischen Ebene nutzen Gruppen mit einer politischen und/ oder einer religiösen Agenda ebenfalls die Governance-Vakuen schwacher Staaten. Sogenannte „Warlords“ wurden früher als Akteur zum sog. „Magischen Viereck“ hinzugezählt.16 Die empirischen Beispiele Afghanistan, Pakistan, Syrien, Irak und andere zeigen allerdings, dass der „Warlord“, als nichtstaatliche Führungsperson sowohl in den Phänomenbereich islamistischer Terrorismus als auch in den Phänomenbereich transnationale Organisierte Kriminalität diffundiert ist. Neben dem Anbau von und Handel mit Drogen allerdings nutzen terroristische Organisationen seit Jahren auch Mittel wie Betrug, Erpressung, Banknotenfälschung, und Menschenschmuggel. So soll Al Qaidas finanzielles Netwerk in Europa jahrelang auf Kreditkartenbetrug basiert haben.17 Ein weiteres taktisches Mittel der aktuellen transnationalen Oraganisierten Kriminalität und des islamistischen Terrorismus ist die Segmentierung von Operationen und optimierte Formen von Geldwäsche, wie z.B. das Hawala-System.18 Eine Interaktion und Kooperation mit dem islamistischen Terrorismus bietet sich für die transnationale Organisierte Kriminalität u. a. deswegen an, weil die terroristischen Gruppen die politische Struktur, die Governance-Fähigkeiten, die Rechtsstaatlichkeit und das System der inneren Sicherheit eines Staates erschüttern und sich daraus Handlungsräume für die Gruppen der Organisierten ergeben. Die empirische Analyse der Kooperation und Interaktion von transnationaler Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus zeigt, dass beide Phänomenbereiche Konfliktregionen wie Nord- und West-Afrika, den Balkan, Palästina, Afghanistan, Syrien und den Irak benötigen, aus logistischer Perspektive, in Bezug auf personelle Strukturen, aber auch in Bezug auf schwach bis kaum noch vorhandene staatliche Strukturen, weil Rückzugsmöglichkeiten und Transferaktionen kaum bis gar nicht von staatlichen Stellen aufgeklärt und/ oder verfolgt werden. Nahezu alle oben aufgeführten Konfliktregionen waren und sind geprägt von der Kooperation und Interaktion verschiedener Akteure von islamistischem Terrorismus und transnationaler Organisierter Kriminalität, verbunden mit dem illegalen Handel von Drogen, Öl, Diamanten und Waffen.19

Aktuelle Formen der Kooperation von transnationaler Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus

Terrorists and insurgents increasingly will turn to crime to generate funding and will acquire logistical support from criminals, in part because of successes by U.S. agencies and partner nations in attacking other sources of their funding. In some instances, terrorists and insurgents prefer to conduct criminal activities themselves; when they cannot do so, they turn to outside individuals and facilitators. Proceeds from the drug trade are critical to the continued funding of such terrorist groups as the Taliban, Al-Shabaab and drug trafficking organizations […] are turning to criminal activities such as kidnapping for ransom to generate funding to continue their operations. Some criminals could have the capability to provide weapons of mass destruction (WMD) material to other terrorist groups, such as Hizballah and al-Qaida in the Islamic Maghreb, though the strength of these drug links and support remain unclear. U.S. intelligence, law enforcement, and military services have reported that more than 40 foreign terrorist organizations have links to the drug trade. Some criminal organizations have adopted extreme and widespread violence in an overt effort to intimidate governments at various levels.20

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts finden verschiedene Studien Indizien, die für die Entwicklung einer neuen Organisierten Kriminalität und eines neuen internationalen Terrorismus sprechen.21 Mit dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung haben hunderte terroristische Gruppierungen in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Eine Kompanie der FARC-EP während der Friedensgespräche von Caguán, 2001
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Osten ihre staatlichen Sponsoren (proxy war, Stellvertreterkrieg) verloren.22 Aufgrund der nach dem Ende des Kalten Krieges ausbleibenden staatlichen Unterstützung lösten sich viele terroristische Organisationen in den 1990er Jahren auf, während andere neue finanzielle Quellen entdeckten. Dadurch wurde die Organisierte Kriminalität ein neues vitales Element von terroristischen Organisationen.23

Nach Angaben des U.S. Country Reports on Terrorism for 2015 existieren augenblicklich noch drei staatliche Sponsoren von Terrorismus: Iran, Sudan und Syrien.24 Im Jahr 2011 hatte der nämliche Bericht noch Kuba als staatlichen Sponsor für die FARC genannt.25 So unterstützt der Iran die libanesische Hizbullah, verschiedene palästinensische jihadistische Gruppen in Gaza und verschiedene schiitische Gruppen im Irak, beispielsweise die Kata’ib Hizbullah. Darüber hinaus nutzt der Iran die Islamic Revolutionary Guard Corps-Quds Force (IRGC-QF), um terroristische Organisationen und Gruppen im regionalen Einflussbereich des Iran zu unterstützen.26

Vor der Teilung des Landes – in einen muslimischen nördlichen und einen christlichen südlichen Teil – diente Nord-Sudan in den 1990er Jahren als safe haven für internationale jihadistische Organisationen wie die Al Qaida. Seit 2015 duldet der Nord-Sudan mit dem IS affiliierte Zellen und Gruppen auf seinem Territorium. Im Jahr 2014 kooperierten Mitglieder der Hamas mit nord-sudanesischen Stellen und nutzten den Nord-Sudan logistisch für die Planung von Anschlägen und Operationen gegen Israel.27

Bis zum Ausbruch der Arabellion in Syrien 2011 ließ das System Assad internationale islamistisch-terroristische Organisationen und Gruppen auf ihrem Weg in den Irak gewähren und manche dieser Organisationen wurden von syrischer Seite ausgerüstet und unterstützt. Die bereits vor 2011 vorhandene Kooperation mit der Hizbullah wurde im Zuge des Kleinen Krieges gegen den IS und säkulare syrische Oppositionsgruppen noch erheblich intensiviert.28

Zahlreiche Gruppen und Zellen der transnationalen Organisierten Kriminalität haben sich in den letzten Jahren schrittweise in Richtung auf politische Ziele und auf religiös-ideologische Motivationen transformiert, sich dadurch von ihrem ursprünglichen apolitischen, rein wirtschaftlich-kriminellen Charakter entfernt und damit nähern sie sich damit den konstituierenden Merkmalen terroristischer Organisationen an.

Ehemaliger US-Director of National Intelligence James R. Clapper
Foto: © Von Office of the Director of National Intelligence - http://www.fas.org/irp/news/2000/11/irp-001129-col.htm.
Der US-Director of National Intelligence stellte 2012 fest, dass die Organisationen, Netzwerke, Gruppen und Zellen der transnationalen Organisierten Kriminalität sich seit den 1990er Jahren qualitativ und quantitativ dramatisch verstärkt haben und sprach von einem “threatening crime-terror nexus” als einer der Hauptbedrohungen der Inneren Sicherheit der USA.29

Beispiele für ursprünglich rein terroristisch (politisch und/ oder ideologisch-religiös) basierte Gruppen, die sich nach und nach Strategien und Taktiken der (transnationalen) Organisierten Kriminalität angenähert und sich ihrer bedient haben sind die Abu Sayyaf, die Regionalcluster der Al Qaida, die PKK, die Revolutionary Armed Forces of Colombia (FARC), das Haqqani Netzwerk und die Hizbullah.

Die Diasporagruppen somalischer Flüchtlinge auf der ganzen Welt sind wiederum bekannt dafür, Piraterie am Horn von Afrika durch finanzielle Transaktionen von ihrem jeweiligen Asylstaat aus zu finanzieren und davon zu profitieren.30 Innerhalb ethnischer und religiöser Diasporagruppen in westlichen, demokratischen Staaten sind wiederum auch unfreiwillige Abgaben durch Erpressungen bekannt. So werden Kurden in Belgien, in den Niederlanden, in Deutschland und in anderen westlichen Staaten häufig von der PKK erpresst, die in einem Graubereich zwischen Organisierter Kriminalität und Terrorismus operiert.31 Allein der Erlös dieser Erpressungen durch die PKK wird jährlich auf hunderte Millionen Euro taxiert.32 Problematischerweise erklärt das niederländische International Center for Counterterrorism, dass die niederländische Polizei nicht über die Kapazitäten und Fähigkeiten verfügt, Erpressungen der PKK innerhalb kurdischer Bevölkerungsgruppen der Niederlande strafrechtlich zu verfolgen.33

Die Organisationen, Gruppen und Zellen der transnationalen organisierten Kriminalität und des islamistischen Terrorismus sind keine säkularen Gruppierungen mit rein politischen Agenden mehr, die sich exklusiv auf einzelne Staaten und deren Territorien beziehen. Genau wie die neuen Formen, Organisationen, Gruppen und Zellen der transnationalen Organisierten Kriminalität sind beide Phänomenbereiche – vor allem in vulnerablen Phasen des beginnenden Wachstums – auf Territorien von failing und failed states angewiesen. Dies sind Staaten und Territorien der sog. zweiten und dritten Welt, wie beispielsweise Staaten des Balkans, im Kaukasus, in Zentral-Asien, in Pakistan, in West- und Nord-Afrika, im Nahen Weihnachtsmarkt auf dem Breit­scheidplatz am Morgen nach dem Anschlag
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Mittleren Osten und in Somalia. Hierbei ist empirisch auffällig, dass all diese Staaten, Regionen und Gesellschaften muslimisch geprägt sind.34 Sowohl die transnationale Organisierte Kriminalität als auch der islamistische Terrorismus spiegeln aktuelle Trends, indem sie Taktiken und Organisationsprinzipien von Netzwerkstrukturen, Outsourcing und autonomen Zellen mit begrenzter Verbindung zur Führung – was sie schwerer zu detektieren macht – nutzen. Ebenso ist festzustellen, dass die Unterstützungs- und Nachschubnetzwerke beider Phänomene sehr ähnlich aufgebaut sind und in einigen Fällen vom gleichen Personenspektrum geführt werden.35

Sowohl islamistisch-terroristische Akteure als auch Akteure der Organisierten Kriminalität rekrutieren ihren Nachwuchs aus quasi dem gleichen Personenspektrum. Vor dem Hintergrund der Globalisierung kann festgestellt werden, dass sowohl der islamistische Terrorismus als auch die transnationale Organisierte Kriminalität seit Jahren stark von den Entwicklungen der Globalisierung, von geöffneten Grenzen und von schwach bis gar nicht kontrollierten Grenzen profitieren. So sind beide Phänomenbereiche global vernetzt und nutzen die modernen Kommunikationsmittel. Sowohl Gruppierungen und Zellen des islamistischen Terrorismus als auch der Organisierten Kriminalität profitieren einerseits von schwachen und gescheiterten Staaten der sog. zweiten und dritten Welt, Staaten, die nicht auf Rechtshilfeersuchen anderer Staaten reagieren und Auslieferungsabkommen nicht einhalten. Andererseits profitieren aber auch beide Phänomenbereiche von westlichen, z.B. von europäischen Staaten mit strengen Bankgeheimnissen, wie beispielsweise die Schweiz und Luxemburg.

Ein Beispiel für die Entwicklung – weg von Kooperation, hin zu „Fusion“ – von Organisierter Kriminalität zu islamistischem Terrorismus stellt die Interaktion zwischen der Islamischen Jihad Union (Islamic Jihad) Usbekistans und den Taliban dar, die beide über eigene Kräfte im Bereich des Drogenschmuggels verfügen. Eine ähnliche Kooperation – ebenfalls religiös-ideologisch gestützt – soll seit einigen Jahren zwischen der Al Qaida und Gruppen der Organisierten Kriminalität in Bosnien und damit in der unmittelbaren Nachbarschaft West-Europas bestehen, in welcher personelle Ressourcen, Ausbildungscamps und Schmuggelrouten von Afghanistan über den Balkan nach West-Europa Inhalt der Zusammenarbeit sind.36 Transnationale jihadistische Organisationen verfügen sowohl in US-amerikanischen, kanadischen, australischen, europäischen und anderen demokratischen Staaten über Zellen in ethnischen und religiösen Milieus und sind über diese auch in Konfliktregionen wie Afrika, den Nahen und Mittleren Osten und den Kaukasus vernetzt.

Fazit

Die Grenzen zwischen Krieg, Terrorismus und Organisierter Kriminalität begannen mit dem Ende des Kalten Krieges zu verschwimmen und scheinen sich besonders seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts und den Konflikten im Nahen und Mittleren Osten komplett aufgelöst zu haben. Sowohl die transnationale Organisierte Kriminalität als auch der internationale islamistische Terrorismus profitieren in besonderem Maße von anhaltenden Konflikten, Kriegen, sowie der Schwächung und Auflösung staatlicher Strukturen. Der Phänomenbereich der transnationalen Organisierten Kriminalität ist überaus heterogen und umfasst Drogenhandel, Menschenschmuggel durch Schleuserbanden, Kinderpornographie, Identitätsdiebstahl, Produktpiraterie, Geldwäsche, Cyberkriminalität und in einigen Konfliktregionen des Nahen und Mittleren Ostens auch die Plünderung historischer Artefakte sowie Kidnapping for Ransom.

Die empirische Analyse der Interaktion, Kooperation und teilweise Fusion von Akteuren der (transnationalen) Organisierten Kriminalität und des islamistischen Terrorismus ergab, dass für beide Phänomenbereiche und Akteursgruppen weak states und failed states, Konfliktregionen wie Nord- und West-Afrika, Ost-Afrika, der Nahe und Mittlere Osten, die Balkan-Region, Afghanistan, der Kaukasus und andere Regionen vital sind. Schwache und scheiternde Staaten sind eine wichtige Voraussetzung für die Ausbreitung und das Erstarken von Organisierter Kriminalität sowie islamistischem Terrorismus. In weak states können Akteure von Organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus governance-Vakuen nutzen und ursprünglich staatliche Funktionen von Herrschaft übernehmen. Daneben generieren „staatsfreie“ bzw. „herrschaftsfreie“ Gebiete Rückzugs- und Ruheräume, Orte für Trainings- und Ausbildungscamps sowie Rekrutierungsräume und Transiträume für Menschen und Waren, worauf beide Phänomenbereiche angewiesen sind. Organisierte Kriminalität und islamistischer Terrorismus haben eine wichtige Funktion in Desintegrationskreisläufen, die Staaten zu fragilen Gebilden machen, indem sie konkurrierende Parallelstrukturen – u.a. auf einer wirtschaftlichen Ebene und im Bereich von „Sicherheit“ – errichten.

 Quellen:

1  Halliday, F. (1991): State and Society in International Relations. In: Banks, M./ Shaw, M. (Hrsg.): State and Society in International Relations, Hemel Hempstead, Halliday 1991, S. 197.
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4  U.S. Department of State (2000): Colombian Rebel Connections to Mexican Drug Cartel,’ Statement by Richard Boucher, 29.11.2000, http://www.fas.org/irp/news/2000/11/irp-001129-col.htm. Zugegriffen: 13.11.2018; Esparza, G. (2003): La Mafia Rusa en Mexico and Organized Crime and Terrorist Activity in Mexico, 1999–2002. https://www.loc.gov/rr/frd/pdf-files/OrgCrime_Mexico.pdf. Zugegriffen: 13.11.2018; Goertz 2017.
5  Shelley, L. (2014): Dirty Entanglements: Corruption, Crime, and Terrorism. Cambridge: University Press.
6  Bynum, D. (2005): Deadly Connections: States That Sponsor Terrorism. New York: Cambridge University Press; Wilkinson, P. (2003): Why Modern Terrorism? Differentiating Types and Distinguishing Ideological Motivations. S. 106-138. In: Kegley, W. (Hrsg.): The New Global Terrorism. New York: Prentice Hall; Goertz 2017.
7  Briscoe, I.&Dari, E. (2012): Crime and Error: Why We Urgently Need a New Approach to Illicit Trafficking in Fragile States. CCRU Policy Brief 23, Mai 2012.
8  EUROPOL (2011): European Police Chiefs Convention. Luxemburg: Publications Office of the European Union; EUROPOL (2011): EU Organized Crime Threat Assessment. Den Haag.
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10  Jäger 2013.
11  Allum, F./ Gilmour, S. (2012): Routledge Handbook of Transnational Organized Crime. New York: Routledge.
12  Europäische Union (2005). Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament - „Entwicklung eines Strategiekonzepts für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität“; 2.6.2005.
13  EUROPOL 2011.
14  Ebd.
15  UN zit. n. Jäger 2013.
16  Hirschmann, K. (2016): Internationaler Terrorismus. In: Woyke, W./ Varwick, J. (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn, S. 229.
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19  Collier, P./Hoeffler, A. (1998): On Economic Causes of Civil War. Oxford Economic Papers, 50/4, S. 563-573; Goertz 2017.
20  Director of National Intelligence (2012). James Clapper, in U.S. Congress, Senate Select Committee on Intelligence, Current and Projected National Security Threats to the United States, 31.1.2012. Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office.
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22  Goertz 2017; Bynum 2005.
23  Shelley 2014; Goertz 2017.
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25  U.S. Department of State, Office of the Coordinator for Counterterrorism (2011). Country Reports on Terrorism. www.state.gov./j/ct/rls/crt/2012/. Zugegriffen: 14.11.2018.
26  U.S. Department of State 2015.
27  U.S. Department of State 2015.
28  U.S. Department of State 2015; Goertz 2017.
29  DNI US Government 2012.
30  Shelley 2014; Goertz 2017.
31  Roth, M./Sever, M. (2007): The Kurdish Workers Party (PKK) as Criminal Syndicate: Funding Terrorism through Organized Crime, a Case Study. In: Studies in Conflict and Terrorism 30/10, S. 901-920; Goertz 2017.
32  Ebd.
33  Fijnaut, C./Paoli, L. (2004): Organised Crime in Europe: Patterns and Policies in the European Union and beyond. Dordrecht: Springer Verlag; Goertz 2017.
34  Shelley 2014.
35  Keefe, P. (2013). The Geography of Badness: Mapping the Hubs of the Illicit Global Economy. In Kenney, M. (2007): From Pablo to Osama: Trafficking and Terrorist Networks, Government Bureaucracies, and Competitive Adaptation. University Park: Pennsylvania State University Press; Goertz 2017.
36  Makarenko, T. (2004): The crime terror continuum: Tracing the interplay between transnational organised crime and terrorism , in: Global Crime 6, no. 1, 2004, S. 132.

 

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Dr. Stefan Goertz
Autor: Dr. Stefan Goertz
Dr. Stefan Goertz ist Beamter der Bundespolizei und Politikwissenschaftler. Augenblickliche Tätigkeit u.a. an der Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei.
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