BND-Zentrale in Berlin
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Der Maulwurf mit dem Handicap

Von Klaus-Henning Glitza

Ist es Freundschaft, wenn jemand das Handy der Kanzlerin und vermutlich auch der Verteidigungsministerin abhört? Und wie ist es zu sehen, wenn ein „befreundeter Dienst“ einen Maulwurf im Partnerdienst BND platziert? Und: Welche Art von „Freunden“ ist es, die derlei tut? Fragen, die insbesondere seit dem Fall Markus R. gestellt werden müssen, jenem gebürtigen Sachsen, der jahrelang zum Teil streng geheime Dokumente an die CIA lieferte.

Markus R. steht für ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. „Quellen“ in den Diensten hatte es schon immer gegeben, besonders in den Zeiten des Kalten Krieges. Auch nach dem Ende der bipolaren Weltordnung wurden solche Zugänge genutzt. Aber ein Maulwurf – das ist neu.
Langleys Mann im BND wurde zwar bereits 2014 aus dem Verkehr gezogen und 2016 rechtskräftig verurteilt. Aber seine Geschichte ist so bezeichnend, dass sie an dieser Stelle noch einmal nachgezeichnet werden soll. Zumal inzwischen neue Fakten aufgetaucht sind. Der Fall des Markus R. ist auch heute noch nicht inaktuell, denn er wirft ein Schlaglicht auf das komplizierte Verhältnis zwischen Nachrichtendiensten, in dem eher romantische Begrifflichkeiten wie Freundschaft wenig Platz haben.
Der Spion, der aus der Registratur kam. Markus R. am 27. November 2015 vor dem Oberlandesgericht München.
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Zur Erinnerung: Markus R. hatte Ende 2009 als Angehöriger des mittleren Verwaltungsdienstes beim BND angefangen. Kein „Agent“, wie ihn sich Lieschen Müller nach Konsum diverser Thriller vorstellt, sondern eine graue Maus in der Zentralen Registratur einer wichtigen BND-Abteilung. Alles andere als ein klischeehafter „007“, aber ein Mann, durch dessen Hände werktäglich Massen von vertraulichen bis streng geheimen Dokumenten gingen. Irgendwann begreift der Brillenträger mit dem angeblich leicht unterdurchschnittlichen IQ, dass sich dieser reiche Fundus an klassifizierten Unterlagen ausgezeichnet vermarkten lässt. Wenn man ihn den „richtigen Leuten“ offeriert. Markus R. wählte als Adressat nicht etwa die Russen (jedenfalls noch nicht), sondern den wohl wichtigsten Verbündeten der Bundesrepublik Deutschland, die USA.
Da war Markus R. nicht der erste. Kontaktaufnahmen dieser Art hatte es auch vorher schon gegeben, wie Insider berichten. In vereinzelten Fällen hatten schon in früheren Zeiten andere Angehörige der Dienste versucht, sich durch eine Doppeltätigkeit einen Nebenverdienst zu verschaffen. Vielleicht waren sie aber auch nur „Treuetester“, die dem Partnerdienst einmal auf den Zahn fühlen wollten? Wie auch immer: In den zurückliegenden Fällen hatten die Amerikaner stets ihre deutschen Kollegen gewarnt. Motto: Hey Jungs, da klopft einer von Euch bei uns an. Wir wollen nicht mit dem kooperieren, kümmert Ihr Euch um den Mann. Das aber war ganz offensichtlich Schnee von gestern. Denn die US-Amerikaner freundeten sich ohne lange Überlegungszeit mit dem unmoralischen Angebot des Mannes aus Pullach an. Plastischer kann die Erosion einer einst wunderbaren Freundschaft nicht beschrieben werden. Es waren erkennbar neue Zeiten angebrochen. Liebesgrüße aus Langley – das war einmal.
Lenken wir kurz einen Blick auf die Verbindungslinien, die zwischen Nachrichtendiensten bestehen, und die Außenstehende, um nicht zu sagen Ahnungslose, oft als Freundschaft interpretieren. Am Anfang dieser Betrachtungen steht die Frage: Kann ein Freund gleichzeitig eine Art von Feind sein? Die Antwort: er kann! Die hohe Politik und ihre Informationsdienstleister, die Nachrichtendienste haben ihre eigene Logik, in der Begriffe wie Freundschaft nicht selten bloße Chiffren sind. Denn nicht Gefühlsduselei oder Kameraderie, sondern das tiefsitzende und zuweilen alles andere als unbegründete Misstrauen gegenüber den wahren Ansichten anderer Regierungen hat das zweitälteste Gewerbe aus der Taufe gehoben.
„Es gibt nur eine Konstante, das ist die Veränderung“, bilanziert ein westlicher Nachrichtendienstler. Alle Dinge seien permanent im Fluss, was heute noch gelte, könne morgen schon ganz anders sein. Freundschaften seien oft keinen Pfifferling wert, wenn es hart auf hart komme. Es ist immer eine spannende Frage, ob man es mit einem Schönwetter-Freund zu tun hat oder mit Jemandem, der einem auch bei heftigen Gegenwind zur Seite steht. Nicht nur unter Nachrichtendienstlern heißt es „Wenn Du einen Freund brauchst, kauf´ Dir einen Hund.“ Und ebenso gilt der Sinnspruch „Wer bestimmte Leute oder Staaten zum Freund hat, braucht keinen Feind mehr“.
Ob Freund, ob Feind – Aufgabe der Dienste ist es auszuloten. „Sind sie noch Freunde, oder schmieden sie hintenherum schon andere Allianzen? Lächeln Sie uns ins Gesicht, während sie im Verborgenen die Messer wetzen? Und sagen Sie uns alles oder lassen Sie uns lediglich ein taktische Variante der Wahrheit zuteilwerden?“. Was heute noch „unverbrüchliche Allianz“ heißt, kann morgen schon „Brexit“ heißen.
Apropos Brexit: Noch ist Großbritannien EU-Mitglied und unser Freund. Nichtsdestotrotz sind das britische NSA-Pendant GCHQ und der Auslandsnachrichtendienst MI6 momentan in Brüssel, Paris und Berlin quasi im Dauer-Aufklärungseinsatz. „Auch ich hielte es aus Londoner Sicht für absolut geboten, verstärkt Kräfte darauf anzusetzen, wie in diesen Städten über den Brexit gedacht wird, welche Eventualitäten eingeplant, welche Positionen, welche Rückfallpositionen aufgebaut werden“, zeigt ein ehemaliger Mitarbeiter aus Pullach Verständnis für die Briten.
Ohnehin steht Deutschland mit dem Grundsatz, dass Verbündete und EU-Partner nicht aufgeklärt werden, ziemlich allein. „Alle übrigen, vor allem die leistungsfähigen Dienste, klären grundsätzlich alle übrigen, vor allem die leistungsfähigen Dienste, klären grundsätzlich auch bei ‚Freunden‘ auf - weniger, weil man vermutet, dass sie hinter dem Rücken etwas Böses planen oder doppelzüngig sind, sondern um Motive, interne Willensbildung, Machtpositionen, Risiken usw. besser einschätzen zu können und gezielter einwirken zu können“, gibt ein hochkarätiger Experte Einblicke.
Allerdings hält sich selbst Deutschland nicht immer strikt an seinen eigenen Grundsatz, ist aus zuverlässiger Quelle zu hören. „Vor allem, wenn es um die Organisierte Kriminalität in Osteuropa geht, bei der die Involvierung von Politikern oder Regierungsangehörigen vermutet wird.“ In solchen Fällen wird auch unter „Freunden“ aufgeklärt.
Beim Militär gibt es einen markigen Spruch. „Der Artillerist kennt weder Freund noch Feind, nur lohnende Ziele“. Ähnlich ist es bei den Nachrichtendiensten aller Länder. Es gibt weder vollkommene Freundschaft noch totale Feindschaft- nur strategische Allianzen, die explizit der nationalen Sicherheit der betreffenden Länder dienen. Aufgeklärt wird im allgemeinen „à tous azimuts“- in alle Richtungen. In die eine mehr, in die andere weniger. Ein ‚Freund‘ wird weniger intensiv aufgeklärt, aber aufgeklärt wird er dennoch.
Nachrichtendienste sind rein nationalstaatlich orientierte Apparate. Damit stehen sie im Gegensatz zum Militär, das in vielen Fällen in Bündnissysteme eingebettet ist. Und selbst im Gegensatz zu Regierungen, die europäischen und außereuropäischen Unionen samt der Globalisierung Tribut zu zollen haben. Auch die Supermacht USA kann sich diesem weltweiten Geflecht nicht entziehen– selbst wenn der derzeitige Präsident dies nicht wissen will.
Im gewissen Sinne gilt die globale Vernetzung natürlich auch für Nachrichtendienste. Kein Dienst der Welt kann sich alleine gegen die Gefahr des Islamistischen Terrors stemmen. Ohne Kooperation geht nichts in diesem Spektrum. Also arbeiten die Dienste zweckgerichtet zusammen. Lageeinschätzungen und Risikobewertungen werden durchaus großzügig geteilt. „Allerdings nur auf der Basis gleichwertigen Tausches. Wer nichts bietet, erhält auch nichts“, bilanziert ein hochrangiger Ex-Nachrichtendienstler. Und natürlich werden Quellen und Beschaffungswege geheim gehalten. Es gibt nur eine wirkliche Prämisse: das Wohl und die Interessen des eigenen Landes. Oftmals gibt es weitreichende Überlappungen mit dem Wohl und den Interessen des Restes der Welt. Oftmals- und das heißt durchaus nicht immer.
Die Israelis platzierten 1987 Jonathan Pollard als Maulwurf in den USA.
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Von den vielen Beispielen, in denen ‚Freunde‘ überhaupt nicht freundlich agierten, seien nur zwei genannt. Wer den Begriff politische Freundschaft definieren will, kommt an der Liaison USA–Israel nicht vorbei. Nach außen hin zeigen die verbündeten Nationen in einigen Fragen eine Nähe, zwischen die kein Löschblatt zu passen scheint. Dennoch hatten die Israelis in einem der US-amerikanischen Dienste einen Maulwurf platziert, wie 1987 herauskam: Jonathan Jay Pollard. Der zivile Analyst war übrigens in „guter Gesellschaft“. Auch ein namhafter Hollywood-Produzent soll für die Israelis gearbeitet haben und selbst ein höchstrangiger Pentagon-Politiker wurde niemals den Ruf los, auf zwei Schultern zu tragen.
Auch die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die sich in maximaler Sowjettreue „Tschekisten“ nannten, konnten sich der viel beschworenen unverbrüchlichen Treue ihres wichtigsten Bündnispartners nicht sicher sein. Wie aus Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörden hervorgeht, beschwerte sich MfS-Generalmajor Horst Böhm, Chef der Bezirksverwaltung Dresden, am 29. März 1989 schriftlich bei der KGB-Residentur in Dresden, Angelikastraße 4. Stein des Anstoßes: Die Russen ließen, an der Stasi vorbei, über das Kreiswehrersatzamt Kamenz NVA-Reservisten einberufen und zu Tastfunkern ausbilden. Darunter auch einen von Böhms IMs. Stellvertretender Leiter der KGB-Residentur war übrigens kein Geringerer als ein Oberstleutnant namens Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Was der Generalmajor nicht ahnte: Das Ende der Glasnost-abstinenten DDR und damit die Auflösung der Stasi zeichnete sich bereits ab. Die Ausbildung von Funkagenten gehörte offenbar bereits zum Plan B für die Zeit nach dem Abzug der Roten Armee und des KGB, in der es auch kein MfS mehr geben sollte. Eine Entwicklung, die bereits Mitte der 1980er Jahre begonnen hatte. Neben dem offiziellen KGB wurde seinerzeit eine spezielle Operativgruppe, quasi ein zweiter inoffizieller KGB, installiert, die keinerlei Arbeitskontakte zum MfS unterhielt.
Will heißen: „Freundschaften“ sind Momentaufnahmen, die morgen schon vergilbt sein können. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein deutscher Regierungschef, der sich derzeit in Russland tummelt, den US-Amerikanern die deutsche Beteiligung am Irak-Feldzug versagte. Und dies, obwohl sie im Sommer 2002 noch dem US-Präsidenten Bush die militärische Hilfe zugesichert hatte. Aus Washingtoner Sicht bekam die wunderbare Freundschaft damals einen hässlichen Sprung.
Ob dies der Grund war, dass im Fall Markus R. keine Warnung aus der US-Botschaft in Berlin beim Partnerdienst BND landete, weiß man nicht. Denn es bieten sich weitere Motive an. Dazu gehört der unersättliche Informationshunger der US-Dienste, der für gewöhnlich nach dem Prinzip Staubsauger gestillt wird. Und weiß man wirklich, ob es nicht schon in der Vergangenheit Maulwürfe gegeben hat? Sicher ist nur, dass niemand, der eventuell für Langley gearbeitet hat, erwischt worden ist. Auch Markus R. wäre mit großer Sicherheit noch in Amt und Würden, hätte er nicht einen dummen Fehler begangen und sich im Ergebnis selbst ans Messer geliefert.

Was für ein Mensch ist er eigentlich, dieser Maulwurf mit dem Schwerbehindertenausweis?

Bei Rot wäre er nie über die Straße gegangen, beschrieb seine Freundin vor dem Oberlandesgericht München den schmächtigen, blassen und schüchternen Mann. Zum BND kam Markus R. nach einer Odyssee durch den deutschen Arbeitsmarkt. Der Mann mit der fliehenden Stirn, bei Chemnitz, dem damaligen Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, hatte es nicht einfach, eine Stelle zu finden. Im Kleinkindalter erlitt er einen Impfschaden. Gleichgewichts- und Sprachstörungen, Geh- und Sehprobleme, Beeinträchtigungen der Feinmotorik und ein leichtes, aber sichtbares Zittern bleiben zurück. Zwei Jahre muss das Kind im Krankenhaus verbringen. Erst spricht es gar nicht, dann stark verlangsamt. In Behinderteneinrichtungen schafft es der Bub bis zur Mittleren Reife. In einer Spastikerschule wird er zum Bürokaufmann ausgebildet. Es folgt ein Bewerbungsmarathon. Absage folgt auf Absage. Dann liest Markus R. eine Stellenanzeige für eine Tätigkeit im mittleren Verwaltungsdienst. Inserent ist der Bundesnachrichtendienst. Und der schickt keine Absage, sondern stellt den Mann aus der Nähe von Chemnitz ein. „Um die auch für den BND geltende Behindertenquote zu erfüllen“, weiß ein Insider.
Dem tragischen Handicap zum Trotz: Die CIA war mit der „Arbeit“ des Markus R offenbar hochzufrieden. Dabei war er weder einer jener BND-Mitarbeiter, die mit Geheimauftrag um die Welt jetten, noch jemand, der sich auch nur im weitesten Sinne aktiv mit Beschaffung oder Auswertung befasste. Markus R. war ein kleines Rädchen im Getriebe des deutschen Auslandnachrichtendienstes. „Technische Unterstützungsaufgaben“, im Klartext Post sortieren und einscannen, Dokumente archivieren – das war seine Welt. Auch finanziell befand er nicht gerade auf dem Olymp des Dienstes. Gerade einmal zwischen 1.200 bis 1.300 Euro netto brachte er nach Hause. Sein Zuhause, das war eine Ein-Zimmer-Wohnung in München-Solln, gelegen an einer lauten, mäßig hübschen Ausfallstraße. Dort, wo selbst in der bajuwarischen Metropole die Mieten noch als einigermaßen bezahlbar gelten. Die Einrichtung Standard, eine weitestgehend luxusfreie Zone. Auch in Sachen Wohnkomfort war er kein Überflieger.
Sein erster Arbeitstag beim BND war der 1. Dezember 2007. Unter dem Decknamen „Leutasch“ arbeitete er zunächst in der Poststelle der Personalabteilung, später wurde er in die Zentralregistratur des Aufgabenbereichs Einsatzgebiete/Auslandsbeziehungen (EA) versetzt. Ausgerechnet EA. Denn dieser Bereich ist eines der Herzstücke des Dienstes. Zuständig für die „Koordination der Außenbeziehungen“. Das umfasst vor allem das Verbindungswesen mit BND-Mitarbeitern, die beispielsweise an deutschen Botschaften, der UN-Vertretung in New York oder anderen Auslandsdienststellen wirken. Auch die Beziehungen zu „bestimmten Partnerdiensten“, insbesondere im NATO-Raum, gehören zum Verantwortungsbereich der EA. Ebenso werden die vielfältigen Maßnahmen, die der Sicherheit der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen dienen, in diesem Aufgabenbereich koordiniert.

Wertvolle Beute

Im krassen Gegensatz zu der eher kargen Bezahlung des Markus R. stand die Relevanz der Dokumente, die täglich durch seine Hände gingen. Viele der Papiere waren als streng geheim klassifiziert. Markus R. „musste nur hineingreifen in die Massen, die er täglich zu bearbeiten hatte“, sagt ein Insider. Und das tat er denn auch. Im Auftrage und Interesse eines fremden Nachrichtendienstes.
Das Vorgehen des gebürtigen Sachsen war alles andere als raffiniert. Um das Verratsmaterial zu kopieren, ging er einfach an das nahegelegene Kopiergerät, das nur ein paar Schritte von seinem Dienstzimmer entfernt stand. Umfangreichere Dateien wie die besagte Namensliste zog er auf einen USB-Stick. In solchen Dingen war Markus R. firm: IT war sein liebstes Hobby. Die Kopien steckte er in eine Aktentasche, manchmal auch einen Rucksack. Das Material aus dem BND-Areal in Pullach herauszuschaffen, war nach seinen Angaben keine große Sache. Torkontrollen seien in Pullach nicht an der Tagesordnung, berichtet er vor Gericht. Wenn überhaupt kontrolliert wurde, dann stichprobenartig. Der BND vertraut offensichtlich seinen Mitarbeitern – und so einem stets freundlich, unbekümmert und ein wenig schwach begabt daherkommendem Kerlchen wie Markus R. sowieso.
Zum Verratsmaterial gehörte eine Datei, die 3.500 Klar- und Decknamen von BND-Mitarbeitern im Ausland enthielt. Zwar war die Datei nicht die neueste, sie stammte aus dem Jahr 2011, auch waren einige der verzeichneten Mitarbeiter inzwischen ausgeschieden oder auf andere Stellen versetzt wurden, doch die Masse der Informationen stimmte noch. Allerdings: Ein Riesengeheimnis war sie für einen befreundeten Nachrichtendienst nicht. „Die kennt jeder, der sich dafür interessiert“, so ein Experte.
Auch das „Auftragsprofil der Bundesregierung“ hat sich unter den verratenen Dokumenten befunden, ist zu erfahren. Dieses kurz APB genannte Schriftstück wird noch nicht einmal Mitgliedern des Parlamentarischen Kontrollgremiums, geschweige denn anderen Bundestagsabgeordneten zugänglich gemacht wird. Aus dem Auftragsprofil geht unter anderem hervor, welche „Kernländer“ der BND zwecks operativer Aufklärung im Fokus hat. Zum Beispiel die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, aber auch Balkan-Staaten, die Türkei und Albanien. Festgeschrieben ist außerdem, welche Informationen für die Regierung von besonderer Relevanz sind.
„Das Auftragsprofil der Bundesregierung (APB) bestimmt die regionalen und thematischen Arbeitsschwerpunkte des Bundesnachrichtendienstes“, erläutert dazu der Bundesnachrichtendienst auf seiner Homepage. Es gebe „die Detailtiefe der zu beschaffenden Erkenntnisse und damit auch den Ressourcenansatz vor.“ Eine Offenlegung dieser Information sei geeignet, „die Informationsgewinnung durch den Bundesnachrichtendienst in hohem Maße zu beeinträchtigen und auf diese Weise der Funktionsfähigkeit des Bundesnachrichtendienstes insgesamt schweren Schaden zuzufügen“, teilte dazu das Bundeskanzleramt 2014 auf Anfrage der Plattform für digitale Freiheitsrechte, „netzpolitik.org“, fest. Dies führe zu einer „Gefährdung oder zumindest Beeinträchtigung der inneren und äußeren Sicherheit Deutschlands“.

Doch ein wirkliches Geheimnis ist das APB für einen befreundeten Nachrichtendienst auch nicht.

An die CIA weitergeleitet wurde aber auch das streng geheime „Konzept zur Gegenspionage“. Jeder Dienst der Welt, ob befreundet oder nicht, würde die Finger gierig danach strecken. Schlimmer noch: Verraten wurden auch die Verlaufs- und Ergebnisprotokolle von Arbeitsgesprächen, die der damalige BND-Präsident Gerhard Schindler, seine Stellvertreter und andere hochrangige Nachrichtendienstler mit den Geheimdienstoberen anderer Länder führten.
„Brisant und potenziell tödlich“, so die Einschätzung eines hochrangigen Nachrichtendienstlers. „Da werden Einschätzungen von Risiken und Personen besprochen“, die aus gutem Grund unter Verschluss stehen Denn in diesen Dokumenten kommt unter anderem zum Ausdruck, was die BND-Spitze wirklich von den „Partnerdiensten“ und deren Führungsspitzen hält. Nicht immer war die BND-Chefetage über die Herrschaften aus dem Ausland „amused“.
Das Wappen der CIA. Der darauf abgebildete Adler war, sinnbildlich gesprochen, im Inneren des BND gelandet.
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Auch zwei Dokumente aus dem geheim tagenden NSA-Untersuchungsausschuss waren unter dem Verratsmaterial. Diese Schriftstücke hatten die CIA-Verbindungsführer extra bei Markus R. bestellt. O-Ton: „Guck mal, ob Du etwas mit diesem Bezug findest.“
Wenn heute gesagt wird, das Verratsmaterial sei ja gar nicht so bedeutend gewesen, dann muss durchaus differenziert werden. Was in den Publikumsmedien zum Teil als „hochbrisant“ bezeichnet wurde, ist es am Ende gar nicht. Andererseits sind erhebliche Teile des Verratsmaterials bis heute nicht bekannt. Man weiß also nicht, welche informatorischen „Kracher“ noch im sorgsam Verborgenen schlummern.
Rhetorische Schadensbegrenzung ist in solchen Fällen normal. So wird gerne im Fall Markus R. ins Feld geführt, es sei ja nicht wirklich etwas verraten worden, weil die CIA die Informationen eh gekriegt hätte, wenn sie danach gefragt hätte. Das mag sogar stimmen, zum größten Teil jedenfalls. Aber es fragt sich, ob der BND der CIA tatsächlich Dokumente aus dem NSA-Untersuchungsausschuss an der Bundesregierung vorbei geliefert hätte. Außerdem widerspräche es jeder nachrichtendienstlichen Logik, mit großem Aufwand und einem gigantischen Risikopotenzial (politische Folgen der Entdeckung) einen Maulwurf zu installieren, der nur das meldet, was man eh schon weiß.
Kein Nachrichtendienst der Welt ist offen wie ein Buch- auch nicht für seine ziemlich besten Freunde. Von der CIA ist bekannt, dass bestimmte Informationen für „tertiäre Partner“, wie es der deutsche Auslandsnachrichtendienst ist, gesperrt sind. Ein Experte formuliert es so: „Dienste sind wie gut aufgestellte Personalabteilungen. Sie wollen immer Originale und nicht das, was ihnen auf Bestellung in Kopie zur Verfügung gestellt wird. Und sie wollen immer 100 Prozent. Denken Sie an eine Desinfektionslösung, die 99 Prozent aller Bakterien beseitigt. Das bringt einem Nutzer wenig. Denn das übrig bleibende ein Prozent, das sind die wirklich gefährlichen Erreger“.

Die spannende Frage bleibt: Wie kam Markus R. zur CIA?

Die verblüffende Antwort: Auf eine unglaublich simple Weise. Irgendwann zwischen 2010 und 2012 verfasst er von einem privaten Account eine Mail an die US- Die US-Botschaft in Berlin. Dort "bewarb" sich Markus R. als Maulwurf.
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Botschaft in Berlin. Den genauen Zeitpunkt weiß man nicht, weil Markus R. den Behörden und dem Gericht immer mehrere Versionen auftischt, aus denen sich schwierig die Wahrheit herausfiltern lässt. Und natürlich wird der Mailverkehr der Berliner „Embassy“ nicht überwacht. Insider meinen, dass es Anhaltspunkte gibt, dass der gebürtige Sachse nicht 2012, wie er selbst aussagte, in die Dienste Langleys trat. Sondern bereits kurz nach seiner Einstellung beim BND. Vielleicht nur einen Monat danach.
Markus R. geht bei der Kontaktaufnahme ohne unnötigen Schnickschnack vor. Er benutzt das Kontaktformular auf der offiziellen Webseite und schreibt sinngemäß: Ich arbeite für eine deutsche Sicherheitsbehörde und habe Informationen, die Sie sicherlich interessieren.
„Sicherlich interessieren“- da traf er ins Schwarze. Nach kurzer Überprüfung arrangierten die Amerikaner einen Treff mit dem Mann aus der Zentralen Registratur. Auf neutralem Boden, in Salzburg, gleich hinter der deutsch-österreichischen Grenze. Die Mozartstadt ist seit eh und je ein Eldorado der Geheimdienste. In der Rangliste der Agenten-Metropolen liegt Salzburg gleich hinter Wien. Eine Hochburg reinsten Wassers: In den Zeiten des Kalten Krieges habe jeder vierte Einwohner in irgendeiner Form mit den Diensten in Verbindung gestanden, schätzen Kenner der Szenerie- auch wenn dies maßlos übertrieben erscheint.
Markus R. reist weisungsgemäß mit der Bahn an. Im Gepäck hat er „Probematerial“, das er im Vorgriff schon einmal kopiert hat, um seinen Wert als künftige Quelle zu unterstreichen. Sein Kontaktmann „Alex“ hebt anerkennend die Augenbrauen. Auf den ersten Blick erkennt er die Brisanz des Materials. „Alex“ ist vom Fach, er kennt die Welt der Dienste wie seine Westentasche.
Man wird sich einig. 10.000 Euro gehen fürs erste über den Tisch. Markus R. bekommt von seinem Agentenführer „Alex“ ein Notebook. Darauf installiert ist ein raffiniert getarntes Verschlüsselungsprogramm. Wenn mit einer App die Wettermeldung von New York City angeklickt wird, öffnet sich automatisch die Krypto-Software. Das Verschlüsselungsprogramm war übrigens so gut, dass selbst behördliche Experten nach der Festnahme von Markus R. Monate brauchten, um den Code zu brechen.
Was Markus R. nicht wusste: Auf dem Notebook war zusätzlich ein so genannter Keylogger installiert, der jeden Tastenanschlag aufzeichnet und die Fernüberwachung ermöglicht. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, das wusste nicht nur Lenin.
Außerdem bekommt der frischgebackene CIA-Agent einen Codenamen („Uwe“) verpasst. Und eine E-Mail-Adresse (Google-Mail), an die er weitere Dokumente schicken sollte. Zusätzlich eine Notfallnummer in New York City, unter der sich Personen ohne Namensnennung melden. Ein CIA-Anschluss, wie die Behörden inzwischen ermittelten.
Von hier aus wurde der Maulwurf im BND gesteuert: die US-Botschaft in Wien. Auch die Treffen mit Markus R. wurden in Österreich abgewickelt. Besondere Vorsichtsmaßnahmen für eine nicht alltägliche Operation.
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Der Agentenführer und sein Kollege „Craig“, der immer einsprang, wenn „Alex“ verhindert war, waren aber nicht etwa Angehörige der US-Botschaft in Berlin. Sie gehörten zum Mitarbeiterstab der US-Botschaft an der Wiener Boltzmanngasse. Die diplomatische Vertretung gilt als eines der Zentren der Spionageaktivitäten in Westeuropa. Die dortige „Station“, wie CIA-Residenturen genannt werden, ist eine der größten weit und breit. Von einem Nebengebäude der Wiener Botschaft sind NSA-Lauschoperationen ausgegangen, wissen österreichische Sicherheitskreise.

Treffs in Österreich, die Agentenführer aus Wien.

Eine Steinattrappe mit geheimen Innenleben. Mit solchen Toten Briefkasten arbeitete der CIA im Falle Markus R. Wenn sich Geld in der Attrappe befand, war es in Folie eingeschweißt.
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Offenbar wollten die ausgefuchsten CIA-Strategen mit dieser Standortwahl vermeiden, dass die Operativtätigkeit von Deutschland ausging. Wäre die Treffaktivität in Österreich aufgeflogen, hätte es nur geringe Konsequenzen gegeben. Denn die Alpenrepublik war zwar „Tatort“, aber selbst gar nicht geschädigt. Und eine gewisse Liberalität gegenüber fremden Diensten herrscht dort seit eh und je.
Mal traf sich Markus R. persönlich mit seinen Agentenführern, unter anderem in Salzburg und Linz, mal werden Geld und Material über einen Toten Briefkasten (TBK) ausgetauscht. TBK, das waren keine ausgehöhlten Bäume oder lockere Stellen im Mauerwerk, sondern künstliche, innen hohle Steine. TBK 2.0 sozusagen.
In der Regel erhielt der Mann aus der BND-Registratur 10.000 Euro pro Treff, manchmal waren es auch mehr. Insgesamt kamen mindestens 95.000 Euro zusammen – viel Geld für jemanden wie Markus R., dem Mann mit dem eher kleinen Einkommen. Den Lohn für seinen Verrat, umgerechnet 114,70 Euro pro illegal kopiertem Blatt, bunkert er auf einem Konto. Sein Vater, der in der Nähe von Chemnitz lebt, zahlte es in bar portionsweise ein. Immer nur so viel, dass es nicht auffiel.
Seine Chefs trauten ihm nichts Schlechtes zu. Das war gut für Markus R., den Spion in Gestalt einer grauen Maus. Andererseits: Viel Gutes trauten sie ihm andererseits auch nicht zu. Und das war weniger gut, sondern ein großes Problem für Markus R. Er sah sich in einer Sackgasse. In Pullach waren für ihn weit und breit keine Karrierechance in Sicht. Mehr geht nicht, wurde ihm oft genug signalisiert. Schon aus Finanzgründen, auch der Dienst muss sparen. Vor Gericht sagt R., er habe sich unterfordert gefühlt und wollte „etwas Neues, was Spannendes erleben“. Da dies beim BND nicht möglich war, ging er andere, verbotene Wege, so seine Version.
Suche nach Anerkennung, blinde Abenteuerlust und noch dazu Geldmangel. Diese Schwachstellen wussten die CIA-Bärenführer geschickt zu nutzen. Sie lobten seine Arbeit, schmierten ihm den sprichwörtlichen Honig um den Bart und spielten die Trumpfkarte der Freundschaft aus. Der Mann mit dem Schwerbehindertenausweis fühlte sich gemocht, respektiert und anerkannt. Balsam für sein Ego. Ein Energieschub für einen leicht sonderlichen Einzelgänger, der am liebsten alleine vor dem PC hockte.

Gier nach Anerkennung und Geld führt zum Ende der Agentenkarriere.

Das Maulwurf-Dasein hätte noch lange so gehen können. Möglicherweise wäre Markus R. heute noch aktiv, hätte er es nicht übertrieben mit dem Spionageeifer. Am 28. Mai 2014 richtete er an das Generalkonsulat der Russischen Föderation in München von einem privaten Account eine Mail und bot unverhohlen seine Diente an. Drei als geheim eingestufte Dokumente schickte er als Anhänge mit, um klarzustellen, dass es sich nicht um einen Bluff handelte. Unter diesen Materialien war auch eine Routineanfrage an den BND, die sich auf einen Leonid K. bezog. Dieser Länderreferent und Ost-Experte im Bundesministerium der Verteidigung stand zeitweise im Verdacht, für die Russen zu arbeiten. Dieser Verdacht konnte zwar entkräftet werden, denn Leonid K. hatte keinem Russen, sondern einem US-Amerikaner namens Andrew M. Unterlagen zugespielt. Doch man stelle sich vor, der Verdacht wäre zutreffend gewesen, und die Russen hätten von der Anfrage Kenntnis erhalten. „Die Überführung des Mannes hätte man dann vergessen können“, so ein Mann, der mit solchen Dingen auskennt.
Doch die deutschen Sicherheitsbehörden schliefen keinesfalls. Denn die Mail samt ihren brisanten Anhängen kam niemals beim vorgesehenen Empfänger an. Sie wurde von der Spionageabwehr des Bundesamtes für Verfassungsschutz abgefangen. Diese Abteilung überwacht seit längerem den Mailverkehr des Generalkonsulats. Grund: Von der Legalresidentur Generalkonsulat gehen intensive Spionageaktivitäten aus. „Täglich verlassen offensichtliche Geheimdienstmitarbeiter das Konsulat, um nach endlosem Schütteln (Versuch, Observanten abzuschütteln) ihre Aufträge auszuführen“, sagt ein Experte. Und selbstredend wird dabei auch die örtliche Nähe zum BND genutzt.
Nach dem erfolgreichen Abfangen der Mail versuchten die Abwehrprofis im nächsten Schritt, als angebliche Russen mit dem Absender in Kontakt zu kommen. Doch Markus R. roch anscheinend den Braten und reagierte nicht. Über seine Mailadresse war er zunächst nicht zu ermitteln. Natürlich hatte er einen Fantasienamen gewählt und sich zudem bei Googlemail, deren Server in den USA stehen, angemeldet. Ein E-Mail-Dienst, zu dem die deutschen Dienste keine kurzen Dienstwege haben. Ganz im Gegensatz zu CIA. NSA & Co.
So musste die Google Inc., die Muttergesellschaft von Googlemail, angeschrieben werden. Doch dann wurde es mysteriös. Statt Näheres über den Nutzer der Mailadresse mitzuteilen, blieb der Adressat stumm. Auch nach wiederholten Schreiben keine Antwort. „Sehr, sehr ungewöhnlich“, erinnert sich ein Insider. Doch in die Richtung, dass die Amerikaner auf diese Weise ihren Mann schützen wollten, dachte er damals noch nicht.
In der BND-Abteilung Eigensicherung (SI), gerade erst von der Juristin Silvia Reischer übernommen, liefen die Ermittlungen derweil auf Hochtouren. Es wurde eruiert: Wer hatte überhaupt Zugriff auf das Verratsmaterial? Eine Liste mit nur wenigen Namen wurde aufgestellt. Schnell wurde zudem festgestellt, dass die Mail nicht von den ITK-Netzen des Dienstes aus abgeschickt worden war. Folglich musste der Versand von einem Privatanschluss aus, aber während der regulären Arbeitszeit erfolgt sein. Bald schien der Name Markus R. auf. Er war der einzige, der Zugriff auf das Material hatte und von zu Hause aus mailen konnte. Denn in der fraglichen Zeit hatte er Urlaub.
Ein paar Tage, vielleicht auch einige Wochen ließen die Behörden den gebürtigen Sachsen noch an der „langen Leine“ herumlaufen, um weitere Anhaltspunkte zu gewinnen. Am 2. Juli 2014 war es dann soweit: Markus R. wurde festgenommen. Als die BKA-Beamten ihm eröffneten, dass er unter Verdacht der Spionage für die Russen stehe, sagt er, sichtlich verblüfft: „Aber ich arbeite doch für die Amerikaner“. Davon hatte bis dahin weder beim BKA noch beim BND jemand etwas geahnt. Mit anderen Worten: Hätte Markus R. bei seiner Festnahme nicht ein Quasi-Geständnis abgelegt, wie einst in anderem Zusammenhang der Kanzler-Spion Günther Guillaume, seine Verbindung mit seinen Freunden von der CIA wäre unentdeckt geblieben.
Am 17. März 2016 wird Markus R. von der Staatsschutzkammer des OLG München zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt. So endet vorläufig die Geschichte eines kleinen Mannes, der in die große Welt der Spionage eintauchte und in ihr letztlich unterging. Die große Welt der Spionage, sie war etliche Nummern zu groß für den Angehörigen des mittleren Verwaltungsdienstes.

Der Fall Markus R. – ein Politikum.

Ralph Goff musste als „Persona non grata" Deutschland verlassen. Der ehemalige "Chief of Station" (COS) in der US-Botschaft Berlin war der oberste Repräsentant der US-Dienste in der Bundesrepublik. Mit dem direkten operativen Geschäft hat er nichts zu tun und während des „Castings" von Markus M. war er noch gar nicht in seiner Position. Seine Quasi- Ausweisung war deshalb mehr ein symbolischer Akt, sagen Insider.
Foto: © FB/Repro: Glitza
Die deutsche Regierung lässt in aller Konsequenz ihre Muskeln spielen. Bundeskanzlerin Merkel, die natürlich weiß, wie die Dinge wirklich laufen, sagt zwar nur einmal mehr „Spionage unter Freunden, das geht gar nicht“. Zusätzlich aber wird der Chief of Station (COS), wie der oberste CIA-Repräsentant in der Berliner Botschaft offiziell heißt, zur unerwünschten Person erklärt. Er, ein Officer namens Ralph F. G., muss Deutschland verlassen. Ein mehr symbolischer Akt, denn der Koordinator der nachrichtendienstlichen Arbeit auf deutschem Boden war noch gar nicht im Amt, als Markus R. gecastet wurde. Andererseits wäre es mehr als unwahrscheinlich, wenn er nichts von der Existenz des Maulwurfs gewusst hätte.
Hätte der CIA-Maulwurf verhindert werden können? Eventuell ja, kommentiert ein hochrangiger Ex-Nachrichtendienstler- und er sagt auch wie: „Die Personalie Markus R. zeigt, wohin es führt, wenn ein Nachrichtendienst nach allgemeinem Beamtenrecht geführt wird (Behindertenquote, Personalrat, Konkurrenzklagen, Gewerkschaften usw.). Es sind immer solche labilen Charaktere, die zu Schwachstellen werden.“
Der Fall Markus R., er ist eine Tragikomödie, die das reale Leben schrieb. Und die uns viel sagt über diese unsere Welt – und wie sie wirklich ist.

Über den Autor
Klaus Henning Glitza
Autor: Klaus Henning Glitza
Klaus Henning Glitza, Jahrgang 1951, ist Chefreporter dieser Online-Publikation. Der Fachjournalist Sicherheit erhielt 2007 den Förderpreis Kriminalprävention; seit vielen Jahren ist er Mitarbeiter im Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik. Vormals war er Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und dort u. a. zuständig für Polizeiangelegenheiten.