RB Leipzig
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Großveranstaltungen, Sicherheit und Karneval in Köln

Von Prof. Dr. Michael Schreckenberg

Wir leben in einer Zeit, wo man ständig mit anderen in Kontakt ist. Fast keine Minute vergeht, ohne dass auch noch so unwichtige Informationen ausgetauscht werden. Durch unachtsame Verbreitung von Veranstaltungsankündigungen kann man, so wie Beispiele zeigen, locker 20.000 Besucher mobilisieren, obwohl nur für 20 geplant wurde.

Die wahren Großveranstaltungen haben nichtsdestotrotz ihre Anziehungskraft nicht verloren. Es scheint so, dass das ständige häusliche Gefangensein in anstrengende Kommunikationsaktivitäten zu einer Art Bewegungsdrang anregt, der letztlich zur noch größeren Bedeutung von Massenversammlungen führt. Das Meeting mit ein paar Gleichgesinnten ist ohne großen Aufwand online jederzeit möglich, dafür muss kein Fuß vor die Tür gesetzt werden.

Dabei kann man einen Trend weg vom gemeinsamen Filmegucken (allenfalls noch Länderspiele) hin zum kompetitiven Spielen mit mittlerweile ja auch dynamisch zu bedienenden Konsolen (Wii) feststellen. Dies ist eine bei räumlich getrennter Anordnung der Teilnehmer nicht im Entferntesten zu erreichende gruppendynamische Situation, deren Intensität für den dazu aufzubringenden Mobilitätsaufwand in klar erkennbarem Maße entschädigt.

So bleiben nach wie vor Großveranstaltungen als Treffpunkt der sonst Daheimgebliebenen. Dabei ist auch heute noch, trotz, oder gerade wegen, der kompletten Vernetzung die Anzahl der zu erwartenden Personen eine weitgehend unbekannte Größe. Denn danach richtet sich letztendlich der Aufwand für Planung und Sicherheit. Und damit haben die Sicherheitskräfte, wie eigentlich schon immer, den schwarzen Peter (keine Anspielung!) in der Hand.

Sind es zu wenige, war die Planung nicht angemessen oder oberflächlich, sind es zu viele, wird Steuerverschwendung und Panikmache angemahnt. Dabei ist ein anderer Faktor von viel größerer Bedeutung. Denn das Sicherheitsmanagement sieht sich zunehmend nicht quantitativer, sondern eher qualitativer Herausforderungen ausgesetzt. Nicht die gesamte Menschenmenge ist entscheidend, denn es sind immer nur kleinere Untergruppen, auf die es in diesen Situationen zu achten gilt. Nur weiß man häufig nicht, wer diesen Untergruppen angehört.

Das daraus resultierende Vorgehen konnte man Silvester 2016 in Köln sehen, angesichts der Vorfälle des Jahres zuvor. Die Untergruppen wurden im Wesentlichen den Nordafrikanern, den „Nafris“, zugeordnet und raumgreifende Maßnahmen verhinderten, dass diese die Domplatte erreichten. Warum sogar Nafris aus der Schweiz nach Köln kamen, bleibt ein Rätsel (Provokation?). Kein Rätsel bleibt hingegen die Absprache über Smartphone-Chats; das muss eigentlich nicht mehr ausdrücklich erwähnt werden.

So wie in Köln lief man auch andernorts den Erfordernissen deutlich hinterher. So geriet die Bundesliga-Partie von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig (RasenBallsport, nicht etwa Red Bull!) schon vor dem Spiel in der Dortmunder Innenstadt zur Gefahrenlage, vor allem für Leipziger Fans und deren Angehörige. Mit Steinen wurden von Dortmunder Fans sogar Frauen und Kinder beworfen. Das verachtete Mäzenatentum rund um RB Leipzig und Red Bull ließ die Situation eskalieren. Die Polizei war darauf nicht vorbereitet.

Das nächste Auswärtsspiel von RB Leipzig konnte ich vor Ort am 19. Februar in Mönchengladbach miterleben. Im Borussia-Park rechnete man ebenfalls mit eventuellen Ausschreitungen. Allerdings wurden lediglich Spruchbänder im Stadion ausgerollt. Vor der Halbzeit stand auf einen „Halbband“ sinngemäß, man sei gegen Steinewerfen. Während der Halbzeit wurde die zweite Hälfte ausgerollt, die RB Leipzig-Fans vom Steinewerfen als Ziele ausdrücklich ausnahm. Zur zweiten Hälfte war dieser Zusatz dann wieder verschwunden. Insgesamt blieb es aber friedlich.

Aufgrund der angespannten Situation beim IS scheinen sich nun mehr und mehr „Einzelkämpfer“ mit vergleichsweise simplen Angriffsstrategien in Szene setzen zu wollen. Scheiterten diverse Attentatsversuche (glücklicherweise) an der technischen Unfähigkeit der Ausübenden in Bezug auf den Umgang mit Sprengstoff, so besinnt man sich neuerdings der ohne große Vorbereitungen einsetzbaren „direkten“ Kampfmittel.
47klueh security 2014 Kopie
Dabei sind Schusswaffen natürlich nach wie vor das Mittel erster Wahl, die Beschaffung über das „Darknet“ ist mittlerweile nicht mehr eine Geheimwissenschaft. Diesen Eindruck hinterlässt jedenfalls der Name, erinnert er doch sehr an „Dunkle Materie“ oder „Dunkle Energie“, diese verzweifelten Versuche der Astrophysik, das Universum aufgrund neuere Erkenntnisse wenigstens ansatzweise verstehen zu können. Doch noch nie hat jemand diese den dunklen Gedanken ratloser Wissenschaftler entsprungenen Materie- und Energieformen gesichtet, der Name ist Programm.

In genau so einem virtuellen Paralleluniversum bewegt sich das digitale Darknet, zugänglich angeblich nur Eingeweihten und Verschworenen. In der Tat scannen automatisierte Suchmaschinen wie Google, Bing oder Yahoo nur einen Teil des Internets, daneben gibt es aber auch das für sie unsichtbare „Deep Web“. Und schließlich existiert da noch das komplett verschlüsselte Darknet, der Technik sei Dank.

Experten schätzen dass der unsichtbare Bereich des Deep Web um mehr als einen Faktor 1000 größer ist als das „Surface Web“, uns allen als Internet bekannt. Eine weitere Analogie zur dunklen Astro-Show, ist dort der unsichtbare Bereich um ein Vielfaches größer als der Sichtbare.

Spätestens seit dem Anschlag von München ranken sich mehr und mehr Gerüchte um die Verfügbarkeit kriminellen „Materials“ über die dunklen Pfade des Darknets. Tatort Nizza: Promenade des Anglais. Mindestens 86 Personen wurden hier getötet und mehr als 400 zum Teil schwer verletzt.
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Waffen (oder auch Drogen) einfach mal online bestellen ist für viele eine attraktive Option. Da sich aber das meiste in den Hinterzimmern des Internets abspielt, wird über die wahren Geschäfte wenig bekannt, der typische Nährboden für Mythen. Am Ende aber zählen Fakten, und die sind nicht so einfach zu bekommen.

Jenseits dieser digital-virtuellen Scheinwelt scheint sich aber auch ein gewisser „krimineller Pragmatismus“ zu etablieren. Keine aufwändigen (und für die Hersteller riskanten) Sprengstoffexperimente sind mehr gefragt, der simple Einsatz von Fahrzeugen, ob PKW oder LKW, sind technisch einfacher und im Ergebnis nicht minder wirkungsvoll, wie man in Nizza, Berlin und London leider eindrücklich sehen konnte. Geringe, ja fast keine Vorbereitung ist notwendig, um mit Fahrzeugen in Menschenmassen hereinzurasen und eine große Anzahl an Verwundeten und Toten zu verursachen.

Auch hier war die Überraschung bei den Sicherheitskräften groß, liegt doch die einfach zu realisierende Möglichkeit klar auf der Hand. In Deutschland nahm man den Anschlag in Nizza vom Juli 2016 mit 86 Toten und mehr als 400 Verletzten eher als gesondert zu betrachtenden Einzelfall wahr. Erst als auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche in Berlin mit elf Toten und 55 Verletzten in Deutschland Ähnliches geschah, wurde über Sicherheitsmaßnahmen, insbesondere in Bezug auf die bevorstehende Karnevalssession, nachgedacht.

Aber auch hier handelte man nur als Reaktion auf das gerade zuvor Geschehene. Natürlich, es gibt immer wieder Nachahmungstäter, häufig auch nur als Anrufer mit „virtuellen“ Androhungen, die sich durch den „Erfolg“ einer in den Medien breit dargestellten furchtbaren Aktion animiert fühlen, das Gleiche zu versuchen. Setzte man aber eine auch nur noch so geringe Intelligenz der Betroffenen voraus, so würde man gerade das nicht erwarten. Eine alte Köln Rosenmontag 2016, Zuschauer hinter Absperrgitter am Dom.
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(erfolgreiche) Militärstrategie geht von ständigen Überraschungsmomenten aus, dauernd wechselnden Angriffsmodi und damit einhergehend eine geplante Unberechenbarkeit.

So bestanden auch beim Karneval, insbesondere im Rheinland, unter diesen besonderen Randbedingungen erhebliche Sicherheitsbedenken. Allen Veranstaltungen voran ist dabei der Kölner Rosenmontagszug, 2017 mit rund 12.500 aktiven Teilnehmern und fast 1 Million begeisterter Jecken, zu nennen. Nach den Silvestervorkommnissen auf der Domplatte und dem Bahnhofsvorplatz hatte man jenseits der dort stattgefundenen Übergriffe die Befürchtung von Fahrzeug-Attacken direkt auf den Zug oder das Publikum.

Demzufolge wurden Barrieren aus LKW und Containern an sensiblen Stellen errichtet. Ein Großaufgebot der Polizei, zusammengezogen aus weiten Teilen NRW’s, sicherte entlang des Zugweges das Eindringen von nicht autorisierten Personen in die abgesperrten Bereiche. Das Aufgebot war erheblich, 2.200 Polizeibeamte befanden sich dazu in Köln. Ich selbst habe den Zug über 7,5 km vom Start am Clodwigplatz bis zur Mohrenstraße fußläufig begleitet, das eine oder andere Mal von Polizeikontrollen angesprochen. Meine Aussage „Zugleitung“ im Zusammenspiel mit einem nicht näher inspizierten Sonderausweis (war wirklich einer!) ließ mich alle gesperrten Bereiche betreten.

Ob man den Ausweis wirklich als solchen zur Kenntnis genommen hat, wage ich zu bezweifeln. Dafür waren die Situationen zu komplex und zu hektisch. Eine simple Kopie hätte es aber wohl auch getan. Zum Glück ist, außer dem Sturz eines Pferdes, nichts weiter passiert. Damit ist aber nichts geschafft oder bewiesen. Die nächsten Angriffe werden kommen. Und wieder werden sie wahrscheinlich ganz überraschend stattfinden und neue, andere Sicherheitsmaßnahmen zur Folge haben. Aber eben meistens erst hinterher.

Über den Autor
Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Autor: Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen, war der erste deutsche Professor für Physik von Transport und Verkehr. Er ist im Redaktionsbeirat von Veko-online.
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