Sicherheit 1960er Jahre

„Wir brauchen endlich eine Umkehr bei Wettbewerb und Preis“

Veko-online-Herausgeber Helmut Brückmann im Interview mit Friedrich P. Kötter, Verwaltungsrat der KÖTTER Security Gruppe und Vizepräsident des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW)

Zwei Nachrichten aus dem Hause KÖTTER ließen unsere Redaktion in den vergangenen Monaten besonders aufhorchen. Zum einen die Auszeichnung als einer der Top-Anbieter für den Mittelstand, zu dem Einkäufer und Entscheider die Dienstleistungsgruppe bei einer Erhebung der WirtschaftsWoche kürten. Zum anderen die Ankündigung von Unternehmenslenker Friedrich P. Kötter, „vor dem Hintergrund des wachsenden Arbeitskräftemangels noch stärker als heute zu prüfen, welche Kunden von unseren Mitarbeitern am effizientesten und besten unterstützt werden können“.

Anlass genug für ein Interview zum Jubiläumsjahr, zur aktuellen Lage und zu künftigen Zielen des Traditionsunternehmens, bei dem der Vizepräsident des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW) immer die Gesamtbranche im Blick hatte.

Herr Kötter, alles Gute zum Unternehmensjubiläum. Auch wenn ich weiß, dass Sie den Blick lieber nach vorn richten: Welche Aspekte liegen Ihnen mit Blick auf die 85-jährige Entwicklung besonders am Herzen?

Fritz Kötter SeniorFriedrich P. Kötter: Sich 85 Jahre oder mehr als 31.000 Tage am Markt zu behaupten, ist etwas ganz Besonderes. Es spiegelt eine Erfolgsgeschichte wider, von der es speziell in der Sicherheitswirtschaft nur wenige gibt. Besonders stolz sind meine Geschwister und ich auf die Leistung unseres Großvaters und Vaters, ohne die unser Familienunternehmen in der heutigen Form undenkbar wäre. Sie haben jeder in seiner Zeit besonderen unternehmerischen Mut und Weitblick, absolute Leidenschaft für die Sache sowie das richtige Gespür für Menschen und Märkte bewiesen. Und damit die Eckpfeiler geschaffen, die bis heute unsere Unternehmensgruppe prägen. Denn die nachhaltige Unterstützung unserer Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten prägen unseren Erfolg genauso wie das umfangreiche Portfolio und die breite Verankerung in unterschiedlichsten Wirtschaftsbranchen, die mein Vater unter dem Leitgedanken der Diversifizierung schon in den 1960er Jahren eingeleitet hat. Diesen Weg werden wir als mittlerweile 3. Unternehmer-Generation konsequent fortsetzen.

Das zurückliegende Geschäftsjahr und das jährliche Durchschnittswachstum von über sechs Prozent in den letzten fünf Jahren bestätigen Ihre Kursausrichtung. Zudem wurden Sie kürzlich zu einem der besten Mittelstandsanbieter gekürt. Es läuft offensichtlich …

Fritz Kötter (2. Generation)Friedrich P. Kötter: Danke für die Blumen. Ja, unsere Unternehmensgruppe ist gut aufgestellt für die Zukunft. Und wenn uns dies wie im Fall der von Ihnen angesprochenen WirtschaftsWoche-Erhebung zusätzlich durch Einkäufer und andere Entscheider, also von Kundenseite, bestätigt wird, freut uns dies umso mehr und gibt weiteren Ansporn für die vor uns liegenden Aufgaben. Denn: Auch wenn wir uns gut positioniert sehen, müssen wir gleichwohl Tag für Tag noch besser werden. Nur so können wir unsere Innovations- und Qualitätsführerschaft speziell im Sicherheitsgewerbe dauerhaft ausbauen.

… dafür haben Sie 2018 doch wichtige Weichen gestellt, Stichworte Geld- & Wert-Verkauf und ARNDT-Übernahme ...

Friedrich P. Kötter: 2018 war ein bewegtes Jahr. Gerade der Verkauf der Geld- & Wertdienste ist uns nach über 45 Jahren schwer gefallen. Aber es war eine unumgängliche Entscheidung, um die Weiterentwicklung zur digitalisierten Dienstleistungsgruppe voranzutreiben. Der Anschluss der ARNDT-Gruppe ist dabei ein wichtiger Baustein, mit dem wir unser Kerngeschäft aus Sicherheitsdiensten und -technik weiter stärken konnten. Aber längst nicht der einzige. So wurden im zurückliegenden Jahr z. B. im Bereich Werkfeuerwehr mehr als 3,5 Millionen Euro in neue Großfahrzeuge, Spezialtechnik und Ausbildung investiert. Zudem ging die Personalverstärkungs- und Ausbildungsoffensive bei KÖTTER Aviation Security konsequent voran. Rund 20,5 Millionen Passagiere haben unsere Luftsicherheitsassistenten allein in 2018 kontrolliert. Zusätzlich konnten wir im Vergleich aller Dienstleister an den großen deutschen Verkehrsflughäfen die höchsten Erfüllungsquoten bei den Fluggastkontrollen erzielen, sprich: Kein anderer Dienstleister konnte die Anforderungen der Auftraggeber in dem Maße erfüllen, wie wir es geschafft haben.

Stichwort Mitarbeiter: Der zunehmende Arbeitskräftemangel treibt Sie offenbar immer stärker um – oder wie ist die Aussage zu verstehen, Ihr Unternehmen müsse künftig noch stärker prüfen, welche Kunden von den Mitarbeitern am effizientesten und besten unterstützt werden können?

Friedrich P. KötterFriedrich P. Kötter: Ihr Eindruck trügt nicht. Denn es wäre fahrlässig, sich nicht nachhaltig auf diese drastischen Arbeitsmarktveränderungen einzustellen. Dabei ist unsere Gruppe zunächst einmal selbst in der Pflicht, die eigenen Personalrekrutierungs- und -bindungsmaßnahmen erfolgreich umzusetzen. Hier sind wir auf einem guten Weg: rund jeder Fünfte gehört zehn Jahre und länger zum KÖTTER Team, gleichzeitig sichern wir uns mit aktuell zirka 220 Auszubildenden die Spezialisten von morgen und haben allein 2018 über eine Million Stunden Aus- und Weiterbildung umgesetzt. Aber unser Familienunternehmen muss noch besser und moderner werden. Daher werden wir neben flachen Hierarchien und Teamwork künftig die Themen Diversity und Wertschätzung noch stärker in den Fokus rücken. Denn der Schlüssel zum Zukunftserfolg liegt in der Vielfalt unserer Mitarbeiter. Dies haben wir auch mit der kürzlich erfolgten Unterzeichnung der Charta der Vielfalt zum Ausdruck gebracht.

… aber was hat dies mit den Auftraggebern zu tun?

Friedrich P. Kötter: Immer der Reihe nach. Wir holen neben den beschriebenen eigenen Aktivitäten, und darauf bezieht sich die von Ihnen zitierte Aussage, unsere Auftraggeber ebenfalls frühzeitig an Bord. Denn in Zeiten des zunehmenden Arbeitskräftemangels wird ihre nachhaltige Unterstützung immer entscheidender. Das heißt zum Ersten: Gutes Personal und hochwertige Qualität bedingen auskömmliche Preise. Die Auftraggeber müssen also bereit sein, unsere umfangreichen Rekrutierungs- und Ausbildungsaktivitäten sowie hohen Investments in die Qualitätssicherung angemessen zu honorieren. Und zum Zweiten: Nur durch frühzeitige und kontinuierliche Abstimmung zwischen Kunde und Dienstleister ist verlässliche Personalplanung möglich, was für reibungslose Abläufe und die Gewährleistung hoher Sicherheitsstandards von zentraler Bedeutung ist.

… eine ambitionierte Strategie in einem Markt, der vor allem von massivem Wettbewerbs- und Preisdruck geprägt ist …

Friedrich P. Kötter: Das stimmt. Aber dieser Weg ist notwendig, um unser gesundes wirtschaftliches Fundament dauerhaft zu sichern. Deshalb sage ich auch: Wachstum ist kein Selbstzweck und gibt es bei uns nicht um jeden Preis! Es muss basierend auf strikter Qualitätsausrichtung vielmehr der entscheidende Grundstock für nachhaltige wirtschaftliche Stabilität sein. Dumpingpreise, die wiederum nur durch Dumpinglöhne auf dem Rücken der Beschäftigten möglich sind, hat es mit uns nie gegeben und wird es auch in Zukunft nicht geben. Gerade deshalb setzen wir uns auch seit Langem so massiv dafür ein, die Strukturen und Rahmenbedingungen unserer Branche nachhaltig zu verändern.

… mit überschaubarem Erfolg – oder wie ist Ihre Bilanz?

Friedrich P. Kötter: In unserer Branche und bei Gesetzesänderungen ist gleichermaßen ein langer Atem erforderlich. Deshalb verbuche ich die in der zurückliegenden Legislaturperiode erzielten Anforderungsverschärfungen an Sicherheitsunternehmer und -beschäftigte durchaus als Fortschritt. Aber Sie haben Recht, wir sind längst nicht am Ziel. Angesichts der Tatsache, dass ein erheblicher Teil unserer 6.500 Marktbegleiter ihr vermeintliches Glück in Dumpingpreisen sucht, braucht die Branche endlich eine Umkehr bei Wettbewerb und Preis. Einen entscheidenden Schub erwarte ich durch das von der Bundesregierung für diese Legislaturperiode angekündigte eigene Gesetz für die Sicherheitswirtschaft. Es bietet insbesondere die ganz große Chance, die Anforderungen speziell an aktuelle und künftige Gewerbetreibende aber auch die Beschäftigten zu erhöhen sowie den Einsatz von Nachunternehmern strikt zu reglementieren. Einhergehend damit böte sich die Möglichkeit, auch die Vergabepraxis im Sinne des Bestbieterprinzips zu reformieren.

Zurück zu Ihrem Unternehmen: Wohin geht die Reise in den nächsten Monaten bzw. Jahren angesichts immer schneller werdender Zeiten durch die Digitalisierung?

Hightech-LeitstelleFriedrich P. Kötter: Wir wollen künftig weiter wachsen und das primär aus eigener Kraft. Der Digitalisierung kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu. Denn durch neue digitale Angebote erweitern wir unsere Systemlösungen zu Smart Security Solutions. Speziell unsere etablierte Lösung KÖTTER SYMTO, die als ganzheitliche Lösung alle Komponenten aus den Bereichen personelle, technische und bauliche Sicherheit integriert und bei der wir im Rahmen von Betreibermodellen auch die Investitionen in neu zu installierende technische Systeme etc. übernehmen, wird durch digitale Komponenten weiter gepusht und dem Kunden zusätzliche Mehrwerte bieten. Aber auch an allen anderen Stellen versuchen wir, so viele Prozesse wie möglich zu digitalisieren. Allerdings dies nicht um der Digitalisierung selbst willen, sondern immer nur dort, wo die Umstellung konkrete Vorteile für unsere Kunden oder Mitarbeiter bringt. Zusätzlich zu unserer Hightech-Leitstelle, die die Zahl der bearbeiteten Meldungen im vergangenen Jahr um mehr als sechs Prozent auf über 30 Millionen steigern konnte, bringen uns vor allem die 2018 erfolgte Beteiligung an der Schweizer Morphean SA, Spezialist für Cloud- und Künstliche Intelligenz (KI)-Technologien, sowie die Partnerschaft mit der F24 AG, u. a. führender Software-as-a-Service (SaaS)-Anbieter für Alarmierung und Krisenmanagement in Europa, entscheidend voran.

Inwiefern?

Friedrich P. Kötter: Mit Hilfe von KI, Big Data und cloudbasierten Technologien lassen sich z. B. Videosysteme zu komplexen Systemen entwickeln und verschaffen bisher nicht gedachte Zusatzservices. So erhalten Einzelhändler beim „People Counting“ und „Queue Management“ etwa umfassende Kenntnisse über Besucherzahlen in ihren Geschäften bzw. zu Warteschlangen an den Kassen und können damit unmittelbar die Gegebenheiten anpassen sowie letztendlich das Einkaufserlebnis optimieren. Die Kooperation mit F24 wiederum ermöglicht es, Krisen und Notfälle flexibel, ganzheitlich und revisionssicher über eine webbasierte und somit global einsetzbare Lösung zu managen: vom Ausfall kritischer Infrastrukturen bis zum Rückruf defekter oder potentiell gefährlicher Produkte im Handel.

Herr Kötter, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 Alle Bilder © KÖTTER Services

 

Über den Autor
Helmut Brückmann
Autor: Helmut Brückmann
Helmut Brückmann ist Herausgeber und Chefredakteur von Veko-online.
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