Blick auf das Rote Meer, von Scharm El-Scheich aus gesehen.
Foto;© wikimedia

Vielreisende in der Zwickmühle

„Wohin kann man heute noch sicher reisen?“

Von Horst Zimmermann

Die Frage wird schon seit Jahren an die Vielreisenden, an Journalisten und da insbesondere Reisejournalisten, an „Reiseprofis“ aus Unternehmen und Regierungen, gestellt – in letzter Zeit immer öfter. Die Antwort fällt den „Reiseprofis“ aber heute so schwer wie noch nie zuvor. Wohin kann man heute noch ohne Angst reisen? Wo ist es denn heute noch sicher? Die befragten Vielreisenden, die automatisch als Experten für diese Frage angesehen werden, tun sich schwer. Wer will schon heutzutage die Verantwortung für eine Reiseempfehlung übernehmen, die sich möglicherweise von jetzt auf gleich als Reise in die Kalamität entpuppt? Türkei? Hat man vielleicht in jüngster Zeit an einer Demonstration gegen die Autokratie-Bewegung des Herrn Erdogan teilgenommen? Dann sollte man vielleicht besser davon absehen, sich in Erdogans Machtbereich zu begeben. Die Türkei ist quasi ein kriegführendes Land, wo nicht auszuschließen ist, dass immer wieder Opposition mit Bomben betrieben wird.

Demonstration in Bangkok
Foto:© Hawkeye7, wikimedia
Ägypten? Ein Jammer, dass dieses schöne Land so in Verruf geraten ist. Auch da können jederzeit wieder irgendwo Bomben hochgehen. Daran können auch die hochgefahrenen Sicherheitsmaßnahmen nicht viel ändern.
Tunesien? Die Anschläge der letzten Zeit haben die Strände fast leergefegt. Eine große Hotelkette hat nicht ohne Grund ihre Häuser in Tunesien aufgegeben. Thailand? Erst jüngst machte sich die Opposition gegen das Militärregime wieder explosiv bemerkbar. Brüssel? Berlin? Frankreich? Israel? Die Weltkarte mit den sicheren Zielen schrumpft zusehends zusammen, erst recht wenn man nicht nur den Terrorismus betrachtet. Sondern auch die „zivile Kriminalität“.
Bislang konnte der befragte Vielreisende an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Deutschland doch auch schöne Reiseziele zu bieten hat, dass Deutschland zwar auch bedroht ist, dass der Knall aber bislang ausgeblieben ist. Das hat sich nach den jüngsten Ereignissen in Ansbach, Würzburg und Berlin gründlich geändert.

Lange schienen die Touristen ein dickes Fell zu haben. Und die Reisebranche tönte selbstsicher, der deutsche Reiseweltmeister werde sich das Reisen nicht vergällen lassen, ein paar Wochen nach einem blutigen Ereignis werde wieder gereist wie zuvor. Inzwischen sind viele Deutsche spürbar dünnhäutiger geworden. Plötzlich gehen die Reisebuchungen in mehrere Länder deutlich zurück, auch wegen der Angst um die eigene Sicherheit. Sind die Nichtreisenden nun Angsthasen oder nur vorsichtige Leute?

Photomontage von Rio de Janeiro, Brasilien.
Foto: © Heitor Carvalho Jorge, wikimedia
An dieser Stelle kommt zwangsläufig die Frage an den Vielreisenden: „ Wohin reisen Sie denn?“ Der befragte Reiseprofi war vielleicht – mit einem mulmigen Gefühl - in einem oder sogar in allen Ländern mit Sicherheitsproblemen. Oder in Rio, wo das Risiko eines Überfalls mit Todesfolge auch nicht gerade klein ist. Das waren Reisen aus beruflichen Gründen, sagt der professionelle Weltenbummler dann. „Wenn ich nicht mehr reise, muss ich meinen Beruf aufgeben.“ Wahrheitsgemäß fügt er an, dass in Hurghada, Antalya oder Hammamet bei seinen jüngsten Besuchen alles ganz friedlich war. Aber was besagt das schon?

Und wie hält der Reiseprofi es mit privaten Reisen, mit der Familie? Das ist wohl heutzutage in erster Linie eine Frage des Naturells. Urlaub auf Balkonien? Oder hält man das Reiserisiko trotz aller Anschläge doch für relativ niedrig, für niedriger als das Risiko auf Deutschlands Straßen? „Das müssen Sie schon selbst entscheiden.“ Es gibt einfach Fragen, die ein Reiseprofi heutzutage besser nicht beantworten sollte.

Über den Autor
Horst Zimmermann
Autor: Horst Zimmermann
Horst Zimmermann, schon während des Studiums (Jura und Politik) an der Uni Bonn Mitarbeit bei mehreren Tageszeitungen, dann Mitglied der Bundespressekonferenz (bis 2010), bis 1999 NRW-Korrespondent der WELT am Sonntag und freier Mitarbeiter von zeitweise bis zu 14 Tageszeitungen. Schwerpunkt: Innere Sicherheit und speziell Terrorismus. In den letzten Jahren Schwerpunkt Sicherheit auf Reisen.
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