Motorsirene Typ E57
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Fehler dürfen nicht aufgezeigt werden – ein fatales Signal

Von Herbert Saurugg, MSc

Am 10. September 2020 fand in Deutschland der erste bundesweite Warntag nach der Wiedervereinigung statt und hat genau das bestätigt, was allen Katastrophenschützern klar ist: alles was nicht regelmäßig geübt wird, funktioniert nicht. Doch die Politik zog andere Schlüsse und löste den Präsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Christoph Unger, mit Ende September ab. Eine Übungsauswertung wurde erst gar nicht abgewartet. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein fatales Signal.

Natürlich war es blamabel, dass der groß angekündigte Warntag in vielen Bereichen in die Hose gegangen ist. Aber genau dazu werden Übungen durchgeführt, um Schwachstellen aufzuzeigen und Fehler rechtzeitig zu erkennen. Sirenen versagten, Warnmeldungen kamen viel zu spät oder gar nicht an. Ein System, das seit Ende des Kalten Krieges vernachlässigt wurde, sollte auf Anhieb funktionieren. Zusätzlich trugen offensichtlich – gewollte oder ungewollte – zwischenmenschliche Kommunikationsprobleme zum Chaos bei. Obwohl die Alarmauslösung durch den Bund geübt werden sollte, lösten parallel zahlreiche andere Organisationen ebenfalls einen Alarm aus und es kam zu Überlastungen und Fehlfunktionen. So etwas sollte die Technik nicht überfordern, da ja gerade bei außergewöhnlichen Ereignissen nicht mit einem reibungslosen Ablauf zu rechnen ist. Daher scheint es hier auch weitreichende Designprobleme zu geben, die sich schon bei vergangenen Ereignissen angekündigt haben. Also wird es noch viel aufzuarbeiten geben, damit der Warntag 2021 besser verläuft, sofern dieser überhaupt stattfinden wird.

Christoph Unger (derzeit abgeordnet)
© Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
Denn mit der Absetzung von Christoph Unger hat die Politik ein klares Signal gesetzt: Scheitern ist untersagt! Aber nachdem das nie ausgeschlossen werden kann und zum Übungszweck gehört, werden sich Entscheider in Zukunft gut überlegen, ob sie dieses persönliche Risiko eingehen wollen. Damit wird genau das erreicht, was wir als Gesellschaft überhaupt nicht gebrauchen können: Scheinsicherheit! Auf Papier funktioniert alles und ist bestens vorbereitet. So lange kein Ereignis eintritt, wird das auch niemanden weiter interessieren. Aber wehe dem.

Leider häufen sich in den letzten Jahren derartige Erfahrungen. Der Flughafen Berlin stellt dabei nur die Spitze des Eisberges dar. Hinzu kommt, dass in vielen Bereichen nur mehr gilt: Den Routinebetrieb möglichst gut aufrechterhalten. Für alles andere gibt es kaum mehr Ressourcen und Spielraum. Vieles wurde in Unternehmen und Behörden zu Gunsten einer Optimierung und Effizienzsteigerung eingespart oder ausgelagert. Störungen sind nicht mehr vorgesehen. Daher haben sich hier enorme Verwundbarkeiten angesammelt, die uns selten bewusst sind. Zum Teil sind diese in der Corona-Krise sichtbar geworden: Schutzausrüstung wird durch Behörden und Unternehmen in Hamsterkaufmanier beschafft. Die Vorsorge wurde ignoriert und nun gilt: Koste es, was es wolle.

Dabei ist die COVID-19-Pandemie bisher sehr glimpflich verlaufen. Der Verlauf ist weit vom im Bericht „Unterrichtung durch die Bundesregierung zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“1 dargestellten Verlauf entfernt, auch wenn sich viele andere Passagen wie eine Blaupause lesen. Und davor gab es bereits die Länderübergreifende Krisenmanagementübung 2007 - Weltweite Influenza-Pandemie (LÜKEX 07). Zahlreiche Erkenntnisse wurden wie auch bei anderen LÜKEX gewonnen. Nur die gezogenen Schlüsse fanden wie so oft kaum einen Weg in die konkreten und notwendigen Vorsorgemaßnahmen. Zu teuer, überflüssig, passiert eh nicht usw.

Die erste LÜKEX 2004 – Winterliche Extremwetterlage mit großflächigem Stromausfall – war wohl etwas zu ambitioniert und zeigte bereits damals die Verwundbarkeit unserer modernen Gesellschaft auf. Auch hier wurde bereits 2011 ein sehr umfassender wissenschaftlicher Bericht „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften - am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“2 mit vernichtenden Erkenntnissen veröffentlicht: „Aufgrund der nahezu vollständigen Durchdringung der Lebens- und Arbeitswelt mit elektrisch betriebenen Geräten würden sich die Folgen eines langandauernden und großflächigen Stromausfalls zu einer Schadenslage von besonderer Qualität summieren. Betroffen wären alle Kritischen Infrastrukturen, und ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern. Trotz dieses Gefahren- und Katastrophenpotenzials ist ein diesbezügliches gesellschaftliches Risikobewusstsein nur in Ansätzen vorhanden. Die Folgenanalysen haben gezeigt, dass bereits nach wenigen Tagen im betroffenen Gebiet die flächendeckende und bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung mit (lebens-)notwendigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr sicherzustellen ist. Spätestens am Ende der ersten Woche wäre eine Katastrophe zu erwarten, das heißt die gesundheitliche Schädigung bzw. der Tod sehr vieler Menschen sowie eine mit lokal bzw. regional verfügbaren Mitteln und personellen Kapazitäten nicht mehr zu bewältigender Problemlage.“

Die gesellschaftliche Verwundbarkeit hat durch die Digitalisierung und durch die umfassenden Effizienzsteigerungsmaßnahmen in den vergangen zwei Jahrzehnten noch deutlich zugenommen. Redundanzen und Reserven wurden wo immer möglich als „totes Kapital“ eingespart und reduziert. Das was beim Warntag sichtbar wurde, schlummert in vielen anderen Bereichen noch und könnte schlagartig zum Vorschein kommen. Spätesten beim ersten europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall („Blackout“), wie ihn das Österreichische Bundesheer mit einer sehr hohen Eintrittswahrscheinlichkeit binnen der nächsten fünf Jahre erwartet.

Hat bisher jemand darauf reagiert? Kaum. Es gibt zwar zumindest in Österreich mehr und mehr Aktivitäten was die Blackout-Vorsorge betrifft, aber von einer breiten gesellschaftlichen Vorbereitung sind wir noch weit entfernt. In Deutschland ist es sogar so, dass man zeitweise dazu angehalten wird, das B-Wort nicht in den Mund zu nehmen. Eine Vogel-Strauss-Politik kommt jedoch bei einem „low probability – high impact“-Ereignis fast schon einem gesellschaftlichen Selbstmord gleich.

Gerade die COVID-19-Pandemie sollte klar machen, dass auch extrem seltene Ereignisse eintreten. Aber in vielen Bereichen wird derzeit dazu geneigt, sich hinter dieser zu verstecken: Man hat jetzt keine Ressourcen, um sich nun mit einem weiteren Szenario zu beschäftigen. Dabei ist gerade die Blackout-Gefahr in den vergangenen Monaten erneut und rascher als bisher erwartet gestiegen. Durch den Lockdown ist nicht nur der Strombedarf, sondern auch indirekt die Systemstabilität gesunken, da weniger rotierende Massen (Momentanreserve) zur Verfügung standen.

Aktuelle Ereignisse wiederum gehen genau in die Gegenrichtung: Die Bedarfsdeckung wird schwieriger. Am 14. September 2020 stieg zwischen 19 und 20 Uhr der Strompreis um mehr als das 10-fache auf bis zu 550 Euro/MWh. So etwas gab es seit zumindest 2012 nicht mehr. Es gab extreme Hitze und Kraftwerksausfälle in Frankreich, dazu eine Wetterlage mit sehr wenig Wind. Mit Ende der Photovoltaik-Einspeisung nach Sonnenuntergang wurde der Strom dann knapp und die Preise schossen in die Höhe. Noch ist unklar, um die generellen Kraftwerksprobleme in Frankreich bis zum Winter behoben werden können.

Für sich betrachtet, sind diese „Einzelereignisse“ beherrschbar. Sie nehmen nur in der Quantität und Qualität seit Jahren zu. Es ist daher absehbar, dass einmal ein Ereignis zu viel auftreten und eine verheerende Kaskadenreaktion auslösen wird. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Schon gar nicht in einem System, dass immer häufiger unter Stresssituationen betrieben werden muss.

Palais Strozzi Sitz des Complexity Science Hub Vienna (CSH) © Von Gugerell - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=89081586Was nach wie vor völlig unterschätzt wird, ist, dass es dann nicht nur um einen Strom-, sondern um einen weitreichenden und länger andauernden Versorgungsausfall in fast allen Lebensbereichen geht. In Österreich hat das Complexity Science Hub Vienna (CSH) während des Lockdowns eine Untersuchung zur Robustheit der Lieferketten österreichischer Unternehmen durchgeführt.3 Die Erkenntnisse sind ernüchternd:

  • Mehr als ein Drittel der Firmen gab an, mindestens einen Zulieferer zu haben, durch dessen Ausfall es zu einem kompletten Betriebsstillstand kommen würde. Dies betrifft kleine und große Unternehmen gleichermaßen. Von diesen Firmen haben 55 Prozent keine Alternative für ihre hoch kritischen Lieferanten.
  • Etwa 40 Prozent aller genannten Zulieferer stammen aus dem Ausland. Auch von den für die Betriebe hoch kritischen Zulieferern befinden sich etwa 35 Prozent im Ausland.
  • Im verarbeitenden Gewerbe gab etwa die Hälfte der Firmen an, 60 bis 100 Prozent ihrer SchlüsselmitarbeiterInnen unbedingt zu benötigen.
  • Der Großteil der größeren Firmen gab an, innerhalb von zwei Wochen den Betrieb (nach dem Lockdown) wieder aufnehmen zu können.4
  • Können Vorprodukte nicht an andere Firmen ausgeliefert werden, können sich Lieferausfälle in Kaskaden durch das ganze Lieferkettennetzwerk fortpflanzen und im schlimmsten Fall zu einem Komplettausfall ganzer Industriezweige führen – einem sogenannten Lieferkettenkollaps.

Diese Erkenntnisse gelten wohl nicht nur für österreichische Unternehmen und Lieferketten. Daher muss hier einmal mehr auf die erwartbaren katastrophalen Auswirkungen in Folge eines Blackouts oder auch in Folge eines verschärften Pandemieverlaufs hingewiesen werden. Wirklich großflächige Lieferkettenunterbrechungen sind bisher zum Glück ausgeblieben, auch wenn einzelne Produktgruppen über Wochen nur schwer erhältlich waren. Dabei hat aber noch alles funktioniert. Es gab nur eine verstärkte Nachfrage. Man stelle sich nur vor, was es bedeuten könnte, wenn quer über Europa die Produktion unplanmäßig und chaotisch ausfallen würde. Allein bis der Bahnverkehr wieder einen geordneten Betrieb sicherstellen wird können, wird wahrscheinlich Wochen dauern. Letztes Jahr mussten in England in Folge eines Lastabwurfes 30 Züge durch einen Techniker, der vor Ort kommen musste, wieder in Betrieb genommen werden. Dabei dauerte der Stromausfall nur zwischen 15 und 45 Minuten. Nicht auszudenken, was es bedeuten könnte, wenn sich gar kein Personal mehr am Zug befindet, weil dieses nicht mehr im Zug geblieben ist.

Immer häufiger wird der Begriff „Resilienz“ strapaziert, der die bisherigen Begriffe „Schutz und Sicherheit“ mehr oder weniger ablösen soll. Meistens wird damit Widerstandsfähigkeit verstanden, was mehr oder weniger den bisherigen Konzepten entspricht. Also alter Wein in neuen Schläuchen. Wenn man aber Resilienz im Sinne von Anpassung und Lernen versteht, bekommt dieses Konzept eine ganz andere Bedeutung: Es geht nicht (nur) mehr um das Verhindern, was häufig nur mehr mit einem immer höheren Aufwand möglich ist, sondern um die Fähigkeit, mit Störungen konstruktiv umgehen zu können. Im besten Fall noch bevor man aus Schaden klug geworden ist, was gerade bei den aktuellen und zukünftigen vernetzten Krisen unabdingbar ist, da das Lehrgeld viel zu hoch wäre. Und genau diese Lernbereitschaft wird mit dem politischen Aktionismus abgewürgt.

Wobei es hier nicht um ein Politik-Bashing gehen soll. Denn wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Auch in Unternehmen sieht es mit der Fehler- oder Sicherheitskultur oft nicht wesentlich besser aus. Die Mitarbeiter sollen zwar innovativ sein, aber ein Scheitern ist nicht vorgesehen. Und kosten soll es auch nichts. Ein Widerspruch, der keine Innovation zulässt. Daher befinden wir uns derzeit in vielen Bereichen in einem „Lock-in“-Effekt. Wir können die eingefahrenen Pfade nicht verlassen.

Daher gibt es in der Wirtschaftsökonomie auch den Begriff der „Schöpferischen Zerstörung“: Etwas Neues kann nur entstehen und sich etablieren, wenn gleichzeitig Altes zerstört wird. Die permanente wirtschaftliche Erneuerung erfolgt erfolgreich diesem Prinzip. Doch zeichnen sich schon seit längerem wesentlich größere Umbrüche ab, die auch vor der Gesellschaft nicht halt machen werden. Das bedeutet vor allem, wir werden nicht auf bewährtes Wissen zurückgreifen können, sondern müssen neue Dinge ausprobieren und lernen, um neue Wege zu finden. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist eine entsprechende Fehler- und Sicherheitskultur und die Bereitschaft zur Anpassung und Weiterentwicklung. Nur so werden wir die Chaosphase dieser Transformationszeit möglichst kurzhalten können. Der erste Schritt beginnt daher mit der Akzeptanz und der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und eingetreten Pfade zu verlassen. Fehler sind dabei unvermeidbar. Wichtig ist, dass wir diese zum Lernen nutzen!

 

Quellen:

1 Siehe unter https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf
2 Siehe unter http://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab141.pdf
3 Siehe https://www.csh.ac.at/wp-content/uploads/2020/06/CSH-Policy-Brief-Lieferkette-final.pdf
4Bei einem chaotischen Ausfall und den erwartbaren Schäden an Produktionsanlagen in Folge eines Blackouts muss wohl damit gerechnet werden, dass dies wesentlich länger dauern wird.

 

Über den Autor
Autor: Herbert Saurugg
Herbert Saurugg ist internationaler Blackout- und Energiewende-Experte, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV), Autor zahlreicher Fachpublikationen sowie gefragter Keynote-Speaker und Interviewpartner zu einem europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall. Seit rund 10 Jahren beschäftigt er sich mit der steigenden Komplexität und Verwundbarkeit lebenswichtiger Infrastrukturen sowie mit den möglichen Lösungsansätzen, wie die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wieder robuster gestaltet werden kann. Er betreibt dazu einen umfangreichen Fachblog unter www.saurugg.net und unterstützt Gemeinden und Organisationen bei der Blackout-Vorsorge.
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