Der perfekte Mord und andere Todesfälle außerhalb der statistischen Wahrnehmung

Von Steffen Meltzer

Jubelarien der Politik über eine angeblich sinkende Kriminalität in Deutschland. Stolz berichtet beispielsweise Berlins Innensenator Geißel: „Berlin ist wieder ein Stück sicherer.“

Andreas Geisel (2017)
Foto © Nicola, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Weniger Straftaten bei steigender Kriminalitätsaufklärung, davon einmal abgesehen, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) nur ein Arbeitsnachweis für die Polizei darstellt. Dieses Hellfeld kann gar nicht die tatsächliche Kriminalitätslage abbilden, von der Mehrzahl der Straftaten erhält die Polizei keine Kenntnis und kann demzufolge auch nicht ihrem Strafverfolgungszwang nachkommen. Damit fällt das Dunkelfeld unter den Radarschirm jeglicher statistischer Erfassung in den jährlichen PKS.

Das kann selbst für die sogenannten Kapitalverbrechen gelten.
Gibt es den perfekten Mord? Selbstverständlich – wenn er als Straftat unentdeckt bleibt. Nach der Antwort des Berliner Senats auf eine Abgeordnetenanfrage stellte sich beispielsweise heraus, dass 41 mögliche Tötungsdelikte, die zwischen 2009 und 2013 in Berlin geschehen sein könnten, in keiner Berliner Kriminalstatistik vorzufinden sind. Diese 41 Menschen gelten als vermisst, und es ist keine Spur von ihnen auffindbar – sie könnten also ermordet worden sein, ohne dass ihre Leiche bislang gefunden werden konnte. ++++++++++++
So schätzt beispielsweise der renommierte Gerichtsmediziner vom Institut für Rechtsmedizin an der Uni München, Wolfgang Eisenberger, dass deutschlandweit pro Jahr mindestens 1.200 Tötungsdelikte unentdeckt bleiben. Als eine Ursache sieht er, dass vermutlich aus Kostengründen 2012 in nur noch ca. 1 Prozent aller Fälle gerichtlich angeordnete Sektionen vorgenommen wurden.
So wollte man einst das Institut für Rechtsmedizin in Potsdam aus übertriebenem Spareifer auflösen. Sektionen sollten zukünftig durch Pathologen in Krankenhäusern durchgeführt werden.
„Der Vorschlag ist völlig daneben!“, so der damalige Brandenburger Generalstaatsanwalt Eduardo Rautenberg. „Für die Strafverfolgung wäre das fatal.“ Pathologen in Kliniken seien auf das Erkennen von Erkrankungen, nicht aber auf das Entdecken von Verbrechensspuren spezialisiert, warnt Brandenburgs oberster Strafverfolger. Wir haben schon jetzt eine sehr hohe Zahl nicht entdeckter, unnatürlicher Todesfälle. Die Dunkelziffer würde steigen, Morde würden nicht entdeckt. Der Leiter der Rechtsmedizin in Potsdam, Jörg Semmler, geht davon aus, dass in Deutschland etwa jeder zweite unnatürliche Todesfall unentdeckt bleibt und merkt weiterhin kritisch an, dass in keinem anderen hochindustrialisierten Land so wenig obduziert wird wie in Deutschland.

„Prenzlau: Der Tote lag auf dem Rücken, als die Notärztin eintraf. Als Todesursache auf dem Totenschein attestierte die Medizinerin „geplatzte Krampfadern“. Sie hatte weder die Leiche vorschriftsmäßig entkleidet, noch den Körper einschließlich aller Körperöffnungen gründlich auf äußere Merkmale untersucht, ehe sie sehr schnell einen natürlichen Tod bescheinigte. Der Leichnam wurde zur Bestattung freigegeben.
Niemand hätte wohl daran gezweifelt, käme nicht wie so oft der „Kommissar Zufall“ ins Spiel.
Ein Bekannter des Toten, Roland R., erzählte der Polizei, bei einer Routinebefragung, dass er mit ihm in dessen Wohnung „einen über den Durst“ getrunken habe. Dann sei der Mann plötzlich im Sessel bewegungslos zusammengesackt, sein Puls wäre nicht mehr spürbar gewesen. Nur deshalb, weil nun der Verdacht der unterlassenen Hilfeleistung im Raum stand, wurde doch noch in letzter Minute eine Obduktion angeordnet. Das Geschehen nahm plötzlich eine überraschende Wende. Bei der Obduktion des angeblich eines natürliches Todes gestorbenen Mannes wurden drei tiefe Messerstiche in seinem Rücken festgestellt, von denen mindestens einer tödlich war. Der Verdacht fiel sofort auf den Bekannten, der nun wegen Totschlags angeklagt wurde. Für die Notärztin blieb allerdings nach Aussagen der Staatsanwaltschaft ihre Nachlässigkeit folgenlos. Fast wäre dieses Tötungsdelikt unentdeckt geblieben.“

Der ehemalige Krankenpfleger Nils H. wird mit 90 Morden in Krankenhäusern in Verbindung gebracht. Weitere 130 Morde sind wahrscheinlich, sind aber aufgrund von Feuerbestattungen nicht mehr nachweisbar. Eile tut auch schon deshalb not, weil verschiedene toxische Gifte sich bereits nach kurzer Zeit verflüchtigen und demzufolge nicht mehr nachzuweisen sind. Immerhin wurde dem Serienverbrecher das Handwerk gelegt, nachdem die Sache aufgeflogen war. Wieviele ähnliche unentdeckte Fälle in Krankenhäusern vorgekommen sind, bleibt in der Dunkelkammer der Unwägbarkeiten.

Auch einige andere Zahlen lassen aufhorchen. So berichtet 2014 die AOK in ihrem Krankenhausreport, dass geschätzte 18.800 Patienten in deutschen Krankenhäusern aufgrund von Fehlern ums Leben gekommen sind. Das sind fünf Mal so viel Menschen, wie jährlich im Straßenverkehr tödlich verunglücken. Als Ursache wird mangelnde Hygiene, falsche Medikamentenvergabe und die wirtschaftliche Ausrichtung der Krankenhäuser vermutet. Ich selbst war bei einer Obduktion eines jungen Mannes zugegen, welcher durch einen Behandlungsfehler einer Ärztin verstarb. Der Chef der Gerichtsmedizin schlug dem Staatsanwalt in seinem Gutachten daraufhin die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen die Ärztin vor. Sie hatte einen Herzinfarkt übersehen und den Patienten mit der Bemerkung nach Hause geschickt, die Schmerzen im Schulterbereich rührten von einem eingeklemmten Nerv her. Hier kam die Wahrheit wenigstens noch ans Tageslicht.

Mein Fazit

Ich rege hiermit eine bundesweite Dunkelfeldstudie an, um einmal die wahren Ausmaße der Kriminalität zu erfassen. Offensichtlich fehlt für diesen Großfeldversuch der politische Wille, die Ergebnisse und die Konsequenzen würden nicht jedem schmecken. Aber auch die in dem meisten Bundesländern praktizierte polizeiliche Studienausbildung ohne der Spezialrichtung Kriminalpolizei, vergrößert die Schere zwischen Hell- und Dunkelfeld. Die Kriminalität sinkt prinzipiell, wenn man Stellen bei Polizei und Justiz kürzt und Krankenhäuser unter ausschließlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten betreibt. Eine Grundregel, die die Politik jahrelang „erfolgreich“ praktiziert. Überleben ist mitunter Glückssache, die Entdeckung eines Mordfalles ebenso.

Der Beitrag enthält wesentliche Auszüge aus dem im April 2018 erschienen Buch „Schlussakkord Deutschland – Wie die Politik unsere Sicherheit gefährdet und die Polizei im Stich lässt“

 

Über den Autor
Steffen Meltzer
Autor: Steffen Meltzer
Steffen Meltzer, Polizeibeamter, Trainer und Sicherheitsexperte. Er ist Autor mehrerer Fachartikel im Polizeibereich und hat zwei Sachbücher veröffentlicht: „So schützen Sie Ihr Kind! Polizeitrainer vermittelt Verhaltensrichtlinien zur Gewaltabwehr“ (2016) und „Ratgeber Gefahrenabwehr: Wie Sie Gewalt- und Alltagskriminalität in der Gesellschaft begegnen“ (2015). Interessenten für ein Training: info@steffen-meltzer.de
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Falsche Ansprechpartner, falsche Annahmen, falsche Schlussfolgerungen

Bei der Umsetzung der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) unterlaufen Unternehmen weiterhin gravierende Fehler.

Nach Beobachtung des Unternehmens ER Secure, das mehr als 2.300 Unternehmen betreut, handelt es sich um eine Mischung aus mangelndem Wissen und Ressourcenproblemen.

Fehler 1: Falsche Personalpolitik

„Beim Thema DSGVO tappen gerade kleinere Unternehmen in eine ähnliche Falle wie Unternehmen bei der Umsetzung der Compliance-Richtlinien vor 10 bis 15 Jahren“, sagt Datenschutzexperte René Rautenberg von ER Secure. Damals hatte man in den Abteilungen von IT bis BWL das Thema bevorzugt an Mitarbeiter delegiert, die gerade verfügbar gewesen sind. Ein Fehler, den besonders kleinere Unternehmen begehen, die keine personellen Ressourcen haben. Rautenberg: „Wer die DSGVO vom erstbesten verfügbaren Personal umsetzen lässt, provoziert nicht nur zeitintensive Nachfragen und Schleifen, sondern schlimmstenfalls teure Regelverstöße. Vor allem aber vergeben Unternehmen die Chance, bei diesem zugleich strategischen Thema auch Wertemaßstäbe zu transportieren. DSGVO kann für das einzelne Unternehmen nach Innen und Außen bedeuten: Wir wissen um den Wert von Datenschutz und gehen aus Prinzip sorgsam damit um.“

Fehler 2: Fehleinschätzungen

Noch immer gibt es laut ER Sercure gravierende Wissenslücken rund um die neue Datenschutz-Grundverordnung, die am 25. Mai 2018 in Kraft getreten ist. „Viele Unternehmen wissen nicht, für welche Fälle sie eine Einwilligung brauchen und wann es ein Kopplungsverbot gibt. Rund neun von zehn Einwilligungen, die wir prüfen, sind fehlerhaft“, erklärt Rautenberg. Eine andere Fehleinschätzung: Unternehmen reduzieren die DSGVO auf digitale Prozesse oder sind der Meinung, dass eine Mitarbeiterschulung oder ein externer Datenschutzbeauftragter reichen. „Wieder andere wähnen sich in Sicherheit, weil bisher noch keine Bußgelder verhängt worden sind“, erklärt Experte Rautenberg. Dabei betrifft die DSGVO auch analoge Unternehmensbereiche bis zum Gebäudemanagement und ist mehr als eine Dokumentationsaufgabe. Die gröbste Fehleinschätzung sei jedoch, die DSGVO ignorieren zu können.

Fehler 3: Unterschätzte Rechte und Pflichten durch Auftragsdatenverarbeitung

Gerade kleinere Mittelständler sind der Meinung, dass die DSGVO nur interne Prozesse abbildet. Allerdings müssen Unternehmen vollumfänglich einen regelkonformen Datenschutz garantieren. „Bis heute ist einigen nicht bewusst, dass sie sämtliche Dienstleister ebenfalls in die Pflicht nehmen müssen, da sie für deren Fehler haften. Wie schnell das passieren kann, haben jüngste Datenpannen bei Hosting-Dienstleistern oder Mailanbietern gezeigt“, erklärt Rautenberg. Eine saubere Auftragsdatenverarbeitung befreit ein Unternehmen als Auftraggeber nicht von den Pflichten. Vielmehr fixiert sie, dass der Auftraggeber den Auftragnehmer so ausgewählt hat, dass dieser eine sichere Datenverarbeitung gewährleistet“, erklärt Rautenberg. Allerdings sollte zuvor geklärt werden, in welchen Fällen überhaupt ein Vertrag abgeschlossen werden muss. Auch beim Thema Informationspflichten kommt es zu Fehlern, etwa bei den Angaben zur rechtlichen Grundlage oder bei Festlegung und Angaben zu den Aufbewahrungsfristen.

                                                                                                                               - PM Er Secure -