Szene in Marseille während der europäischen Fußballmeisterschaften 2016/Clash In Marseille EURO 2016/wikimedia/CC BY 3.0

Fußball und Gewalt

Von Dr. Reinhard Scholzen

Bei Fußballspielen kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Danach folgt regelmäßig der Ruf nach schärferen Gesetzen, neuen Einsatzkonzepten, einer besseren Ausrüstung und Ausbildung der Polizisten. Gleichzeitig wird die Frage nach den Ursachen der Gewalt aufgeworfen und eine bessere Prävention gefordert.

Auf einer Seite im Internet kann der Fußballfreund all das finden, was er im Stadion braucht. Dort gibt es Jacken und T-Shirts, aber auch Rauchfackeln in allen Farben, Bengalische Feuer beim UEFA-Cup Spiel Parma – Stuttgart. Krawalle in Verbindung mit Pyrotechnik sind immer noch in Fußballstadien zu finden.
Foto: © Alexander Kopf/wikipedia/CC BY-SA3.0 de
kleine und große Böller. Ein dort erwerbbarer „Großer Rauchtopf“ wird als ideal geeignet für die Signalgebung und die Verwendung im Flug- und Raketenmodellsport beschrieben, der innerhalb einer Minute 200 m3 Rauch entwickelt. Obwohl Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien verboten ist, wird sie immer wieder in die Fußballarenen geschmuggelt und dort gezündet. Nicht selten folgt darauf ein Spielabbruch, der regelmäßig empfindliche Strafen für den Verein bzw. die Verursacher nach sich zieht.1 Es gibt aber auch andere Missstände in deutschen Fußballarenen, die die Verantwortlichen seit Jahrzehnten beschäftigen: Zwischen Fußball und Gewalt scheint für nicht wenige eine enge Verbindung zu bestehen.

Gewalt im Sport

Bei Sportveranstaltungen kam es bereits in der Antike immer wieder zu Streit unter den Zuschauern. Bei den Olympischen Spielen der Griechen stellte man daher bereits vor mehr als 2000 Jahren Männer ab, um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Bereits damals war der Zusammenhang zwischen exzessivem Alkoholkonsum und Gewalt bekannt. Daher war es untersagt, Wein ins Stadion mitzunehmen. Gegen dieses Verbot wurde jedoch häufig verstoßen, deshalb erhielt jeder, der den Aufsehern einen Weinschmuggler meldete, eine ansehnliche Belohnung.2

Es kann nicht verwundern, dass es auch bei Fußballspielen, die von Beginn an viele Zuschauer anlockten, immer wieder zu handfesten Auseinandersetzungen kam. In Das erste Länderspiel (Zwischen England und Schottland) fand im Jahr 1872 statt.
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England, dem Mutterland des Fußballs, waren Ende des 19. Jahrhunderts Schlägereien unter Fans gang und gäbe. Die Gründe lagen häufig in sozialen Konflikten: Arbeiterverein gegen „Bonzen“-verein, katholischer gegen protestantischer Verein. In einer solchen Konstellation reichte mitunter ein Tor der gegnerischen Mannschaft aus, um einen Streit zu entfachen.3

Gewalt war auch in Deutschland ein Begleiter des Fußballs. Sie entwickelte sich jedoch erst seit den 1970er Jahren zu einem gesellschaftlichen Problem, das nicht mehr auf die leichte Schulter genommen werden konnte. Das erste Todesopfer war im Jahr 1982 der Bremer Fan Adrian Maleika, der von einem Hamburger Hooligan getötet wurde. Im September 1988 starb ein Anhänger des 1. FC Saarbrücken nach einem Zweitligaspiel gegen den FC Schalke 04. Am 3. November 1990 wurde der Berliner Mike Polley nach einem Fußballspiel von einem Polizisten in Notwehr erschossen. 4

Konzepte gegen Gewalt

In den späten 1980er Jahren wurden die Stimmen immer lauter, die forderten, für mehr Sicherheit in den Stadien zu sorgen. Ein Ergebnis der Überlegungen war die Gründung einer Sicherheitskommission des Deutschen Fußballbundes (DFB) im Jahr 1989. Zwei Jahre später erarbeitete die Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder 14.4.90 - Schwerin: Leipziger Fans machten sich vor der FDGB-Pokal-Begegnung zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und Dynamo Schwerin auf ihre Weise "warm".
Foto: © Ralf Pätzold (Bundesarchiv)/Wikimedia
(IMK) ein Handlungskonzept. Darin wurde besonders hervorgehoben, dass ein gemeinsames Vorgehen aller Beteiligten notwendig sei, um die Sicherheit bei Sportveranstaltungen zu verbessern. Polizeien, die Vereine und weitere Akteure entwickelten aus diesem Ansatz ein Nationales Konzept Sport und Sicherheit (NKSS), das seither in regelmäßigen Abständen fortgeschrieben wird. Damit ging einher, dass die Vereine stärker in die Aufgabe eingebunden wurden, in den Stadien für Sicherheit zu sorgen. Die Schwerpunkte der Polizei wurden mehr in den öffentlichen Raum verlagert. Sie ist jedoch auch innerhalb der Stadien präsent, um Gefahren abzuwehren und Ordnungswidrigkeiten und Straftaten zu verfolgen. Es wurde viel getan. So nahm man in den Fußballarenen bauliche Veränderungen vor, die die Sicherheit erhöhten und es wurde sehr viel Wert auf die sozialpädagogische Begleitung der Fans gelegt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die im Jahr 1993 geschaffene „Koordinierungsstelle Fanprojekte“ (KOS). Gegenwärtig betreut sie an 58 Standorten in Deutschland 65 Fanszenen. Die Finanzierung wird je zur Hälfte vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem DFB übernommen. Neben diese Präventionsarbeit trat aber auch eine sogar international betriebene professionelle Polizeiarbeit, die es ermöglicht, Stadionverbote gegen Gewalttäter zu verhängen.

Trotz alledem konnte die Gewalt nicht aus den Stadien verbannt werden. Die Zahl der als problematisch einzustufenden Fans – die sogenannte Ultra-Szene – nahm in den 1990er Jahren sogar zu. Während der Fußball-WM 1998 in Frankreich kam es dann zu einem traurigen Höhepunkt, als der Polizeibeamte Daniel Nivel von deutschen Hooligans lebensgefährlich verletzt wurde.

Eine Auswertung für die Jahre 1999 bis 2009 brachte ans Licht, dass in dieser Zeit die Zahl der Zuschauer und ebenso die Zahl der im Zusammenhang mit Fußballspielen geleisteten Polizeistunden deutlich anstieg. Es war nicht tröstlich, dass es in dieser Zeit in weniger als zehn Prozent aller Spiele zu sicherheitsrelevanten Ereignissen kam.5

Ehemaliger DFB-Präsident Theo Zwanziger
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Als Wendepunkt in der Sicherheitspolitik des DFB wird von manchen Beobachtern die Wahl Dr. Theo Zwanzigers zum DFB-Präsidenten gesehen.6 Er baute eine neue Struktur auf, mit einem hauptamtlichen Sicherheitsbeauftragten an der Spitze. So soll in den höheren Spielklassen die Sicherheit in den Stadien gewährleistet werden. Darüber hinaus schuf Zwanziger mehrere Projekte gegen Gewalt und Rassismus. Jedoch wandte er sich stets gegen die Annahme, der Fußball könne so etwas wie der Mediziner der Gesellschaft sein: „Wir heilen viele Wunden, aber wir können nicht alle heilen.“7

Es wäre noch zu früh, die Initiativen des DFB nach den Ausschreitungen im Pokalspiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC Berlin als Boris Pistorius, ehemaliger Innenminister von Niedersachsen
Foto: © Bernd Schwabe/Wikimedia
weiteren Wendepunkt zu bezeichnen. Zumindest ist es aber ein Novum, wie im August 2017 sowohl der DFB-Präsident Reinhard Grindel als auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius auf die Fans zugingen. Während Grindel sich für die Abschaffung von Kollektivstrafen in Fällen von Fangewalt aussprach, dachte Pistorius über Möglichkeiten nach, das Zünden von Feuerwerkskörpern in Stadien unter klaren Vorgaben zu erlauben. Ob solche Vorstöße die wirklichen Problem-Fans erreichen, erscheint jedoch fraglich.

Fußballgewalt und Politik

Der Sportausschuss des Deutschen Bundestages befasste sich im Februar 2012 unter dem Titel „Dialog gegen Gewalt im Stadion intensivieren“ mit den vielfältigen Aspekten des Themas. Den Anlass hatten Ausschreitungen von Anhängern des FC Dynamo Dresden in Dortmund geliefert. Die Bewertungen der anwesenden Sachverständigen fielen sehr unterschiedlich aus. So sahen sich die Vertreter der Deutschen Fußball Liga (DFL) gut aufgestellt gegen die Gewalt in ihren Stadien. Deren stellvertretender Vorsitzender, Holger Hieronymus, sprach sich für eine differenzierte Betrachtung aus: Die „Begriffe Gewalt, Fans und Fußball (dürften) nicht in einen Topf geworfen werden“, mahnte er. Dieser Bewertung schloss sich der Sicherheitsbeauftragte des DFB an, indem er die sehr guten deutschen Strukturen im Bereich der Sicherheit lobte. Für die „Koordinierungsstelle Fanprojekte“ forderte Michael Schubert, die vorliegenden Zahlen über Gewalt in Fußballstadien sachgerecht zu werten. Der Fußball sei ein Erfolgsprojekt, stellte er heraus, bei dem die Zuschauer gut unterhalten würden und in den Stadien sicher sein könnten. Die Zahl von 846 Verletzten, die es in der Saison 2010/11 gegeben habe, müsste ins Verhältnis gesetzt werden zu den insgesamt 17,5 Millionen Stadionbesuchern in der 1. und 2. Fußballbundesliga. Jedoch räumte er ein, es sei für die Polizei schwieriger geworden, da sich die Gewalt nicht nur auf eine klar separierte Hooliganszene beschränke – wie noch einige Jahre zuvor –, sondern durch die „Ultra-Szene“ wieder in die Mitte der Fans zurückgekehrt sei. Er forderte mehr Geld für Fanprojekte, insbesondere für solche, die sich im Kampf gegen Rechts und gegen Rassismus engagierten. Die technischen Möglichkeiten zur Gewaltprävention werteten mehrere Teilnehmer kritisch. Einige Sachverständige lehnten den flächendeckenden Einsatz von Gesichtsscannern vor den Stadien ab. Sie legten dar, Stadionverbote für Gewalttäter seien ebenso problematisch, da damit die Probleme lediglich vor die Arenen verlagert würden.8

Bei der Suche nach den Gründen, aus denen heraus Gewalt entsteht, legten Soziologen und Kriminologen eine solch große Vielfalt vor, dass sich daraus für die Sicherheitskräfte keine sinnvolle Handlungsanweisung ableiten lässt. Vereinfach gesagt: Wenn alles in einem Stadion oder vor einem Stadion Gewalt auslösen kann, muss stets die höchstmögliche Zahl an Schutzleuten aufgeboten werden. Jedoch zeichnen sich bestimmte Muster ab. Franz-Josef Brüggemeier, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Gewalt im Sport aus historischer Perspektive. Er wertet das Gewaltrisiko bei sogenannten Derbies – wenn also benachbarte und zudem traditionell verfeindete Fangruppen aufeinandertreffen – als besonders hoch.9

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze

Statistiken stellen stets eine Verkürzung der Wirklichkeit dar. Die Aussagen, die aus dem Zahlenmaterial getroffen werden können, sind nicht zuletzt durch die Auswahl derjenigen Fakten begrenzt, die berücksichtigt beziehungsweise vernachlässigt werden. Beim Thema Gewalt und Fußball kommt hinzu, dass mutmaßlich viele Fälle von Fangewalt nicht zur Anzeige gebracht werden. Die Staatsmacht bleibt außen vor, da in diesen Kreisen häufig der Grundsatz gilt, entstandene Probleme unter sich zu regeln.10

Um eine verlässliche Datenbasis aufzubauen, schuf man Anfang der 1990er Jahre die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Deren Ziel ist es, die vorhandenen Informationen auszutauschen, damit die vor Ort zuständige Polizei möglichst alle relevanten Daten in ihre Einsatzplanung einfließen lassen kann. Dabei arbeitet die ZIS nicht nur im Inland, sondern unterhält auch enge Beziehungen zu ausländischen Behörden. Das bekannteste Arbeitsmittel ist die „Datei Gewalttäter Sport“. Dass diese umfangreiche Datensammlung rechtens ist, wurde im Jahr 2010 in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts bestätigt. Folgende im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen begangene Straftaten werden gespeichert und mit den jeweiligen Tätern verknüpft:

  • Körperverletzungen,
  • Sachbeschädigungen,
  • Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte,
  • gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr,
  • Störung öffentlicher Betriebe,
  • Verstöße, gegen das Waffen- und das Sprengstoffgesetz,
  • Haus- und Landfriedensbruch,
  • Gefangenenbefreiung,
  • Diebstahl und Raub,
  • Missbrauch von Notrufeinrichtungen,
  • Verstöße gegen das Versammlungsgesetz,
  • Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen,
  • Volksverhetzung und
  • Beleidigung.

Darüber hinaus fließen unter bestimmten Voraussetzungen auch polizeiliche Personalienfeststellungen, Platzverweise und Ingewahrsamnahmen in die Datei ein.

(K)ein Ende der Gewalt?

Trotz aller Bemühungen gibt es Wissenschaftler, die eine unverändert hohe, zum Teil sogar noch steigende Gewalt im Umfeld des Sports diagnostizieren. Der in Bochum Prof. Thomas Feltes
Foto: © Thomas Feltes / wikipedia/CC BY-SA 3.0
lehrende Kriminologe Prof. Thomas Feltes stellte in den letzten Jahren in mehreren Beiträgen heraus, durch die verstärkten Maßnahmen der Vereine, des DFB und der Polizeien sei in Teilen der Fanszene sogar die Bereitschaft gestiegen, Gewalt anzuwenden. So machte er sich in einem Interview mit der „Zeit“ im September 2012 für mehr Gespräche zwischen DFB, DFL und den Fans stark. Er stellte heraus, der Abbruch der Gespräche über die Verwendung von Pyrotechnik in Stadien habe zu einer Gewalteskalation geführt. Mehr Feuerwerk in den Stadien hätten die Fans gewollt und die DFL und der DFB damals strikt abgelehnt. Daraufhin hätten die Ultra-Gruppierungen reagiert, „nach dem Motto: Jetzt zeigen wir, was wir können. Darauf reagiert die Polizei. Beide Seiten sind gewaltbereiter geworden.“11 Nur am Rande sei bemerkt, dass eine zunehmende Gewaltbereitschaft der Polizisten nicht nachweisbar ist. Mit Nachdruck wandte sich Feltes gegen Stadionverbote, da diese die Ultraszene sogar noch stärken würden. Und er spitzte zu: „Stadionverbotler werden dort wie Helden gefeiert“12, ohne diese Annahme zu belegen.

Selbstauflösungen

Gegen gewalttätige Fans ist der Staat – wie bereits beschrieben – nicht wehrlos. Über die genannten Maßnahmen hinaus gibt es noch eine weitere Möglichkeit, die sich aus einem Urteil des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 2015 ergibt. Die Karlsruher Richter bestätigten nicht nur ein Urteil des Dresdner Landgerichts gegen Mitglieder der „Hooligans Elbflorenz“, sondern sie stuften solche Gruppen unter bestimmten Voraussetzungen als kriminelle Vereinigungen ein – mit einem Strafmaß von bis zu fünf Jahren Haft. Als Begründung dafür nahmen sie den Sinn und Zweck solcher Gruppen ins Visier: „… weil die Gruppierung der Angeklagten gerade auch auf die Ausübung von Tätlichkeiten im Rahmen von Schlägereien ausgerichtet war, bestand ihr Zweck und ihre Tätigkeit daher in der Begehung strafbarer (gefährlicher) Körperverletzungen.“13 Damit war das die Strafverfolgung abschirmende Argument der „Fans“, es handele sich bei den vermeintlichen Rangeleien in der „dritten Halbzeit“ um einvernehmliche, organisierte Schlägereien, entkräftet.

In der Folgezeit konnte mehrfach festgestellt werden, dass die Gruppierungen ihre Selbstauflösung initiierten, wenn der Druck der Staatsmacht zu groß wurde. Im Mai 2017 löste sich die „rechte Schlägergruppe ‚Inferno Cottbus“14 medienwirksam auf. Noch spektakulärer fiel das vorläufige Ende der Dortmunder Gruppierung „0231 Riot“ aus. In Verlautbarungen an diverse staatliche Institutionen und die Presse hatten sie pathetisch erklärt: „Unser Weg nimmt an dieser Stelle ein Ende.“15 Die Polizei wartet mit nicht geringer Skepsis darauf, dass diesen Worten Taten folgen. So sagte der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange: „Wir werden sehr genau beobachten, was in der kommenden Bundesligasaison tatsächlich in den Stadien und im Umfeld geschieht.“16

Wer zahlt für die Sicherheit in Stadien?

Winfried Kretschmann
Foto: © Grüne Baden-Württemberg/Wikimedia
Immer wieder brachten Städte, Bundesländer, Polizeigewerkschaften und politische Parteien die Finanzierung der Polizeieinsätze bei Fußballspielen ins Gespräch. Im September 2017 – also wenige Tage vor der Bundestagswahl – forderte die baden-württembergische SPD-Landtagsfraktion bei einer Klausurtagung, die Veranstalter von Fußballspielen sollten zahlen, „wenn bei Gewalt im und ums Stadion ein größerer Polizeieinsatz nötig ist.“ Und die SPD ergänzte: „Es ist nicht einzusehen, warum der Steuerzahler für diesen gesteigerten Einsatz aufkommen soll.“17 Diese Auffassung vertritt auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Bereits im April 2017 sprach sich der Politiker der Grünen dafür aus, bei Fan-Ausschreitungen sollten sich zukünftig die Vereine an den Kosten für den Polizeieinsatz beteiligen.18 Eine ganz andere Auffassung vertraten führende Vertreter der CDU. Wolfgang Bosbach hatte sich in seiner Funktion als Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses bereits im Dezember 2012 eindeutig positioniert. Er lehnte eine Beteiligung der Vereine an den Kosten für den Polizeieinsatz mit der Begründung ab, die Vereine zahlten mehr Steuern, als die Sicherheitsmaßnahmen bei den Spielen kosteten.19 Zum gleichen Ergebnis Wolfgang Bosbach
Foto: © Foto-AG Gymnasium Melle/Wikimedia
kam auch der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). Er argumentierte, das Gewaltmonopol liege beim Staat und spitzte zu: „Selbstverständlich sollen die Polizisten rund um die Spiele nicht von den Vereinen bezahlt werden“.20 Über diese Argumentation wird sich vielleicht der Veranstalter einer Dorfdisco wundern: Er hat für die Stellung einer hinreichend großen Sicherheits-Mannschaft zu sorgen – und muss diese auch selbst bezahlen.

Die Rechtslage ist umstritten.21 Im Mai 2017 wies das Verwaltungsgericht Bremen eine Klage der Hansestadt ab. Diese hatte die Rechtsauffassung vertreten, wer eine Risikoveranstaltung ausrichte, müsse für deren Folgen zahlen. Daher hatte Bremen der Deutschen Fußball Liga rund 426.000 Euro für den Polizeieinsatz bei einem Spiel der traditionell rivalisierenden Vereine Werder Bremen und Hamburger Sportverein in Rechnung gestellt. Jedoch könnte das Urteil manche deutsche Stadt ermutigen, gegen die für die Vereine kostenlosen Polizeieinsätze zu klagen: Die Bremer Verwaltungsrichter betrachteten nämlich nur diesen Einzelfall und gingen in ihrem Urteil nicht auf die grundsätzliche Frage ein, ob sich Vereine an den Kosten von Polizeieinsätzen beteiligen müssen.

Manches spricht dafür, dass eine Lösung der vielen Probleme rund um das Thema „Fußball und Gewalt“ weder durch härtere Gesetze noch durch Stadionverbote erzielt werden kann. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Erfolg bei den echten Fußballfans. Es würde die Arbeit der Polizei wesentlich erleichtern, wenn die wirklichen Fußballfreunde noch deutlicher als bisher Gewalttäter innerhalb und außerhalb von Stadien ausgrenzen würden: „Mehr Sicherheit bei Fußballspielen ist vor allem gemeinsam mit den friedlichen Fans zu erreichen.“22

 

Quellen:

1  Vgl. Sascha Heidenreich: Pyrotechnik in Fußballstadien – eine heiße Kiste unter www.veko-online.de. Siehe auch: Frank D. Stolt: Legalisierung oder Verbot von Pyrotechnik in Fußballstadien? Unter www.veko-online.de.
2 Vgl.: Gunter A. Pilz: Fußballfankulturen und Gewalt – Wandlungen des Zuschauerverhaltens: Vom Kuttenfan und Hooligan zum postmodernen Ultra und Hooltra. www.sportwiss.uni-hannover.de/fileadmin/sport/pdf/onlinepublikationen/pil_zuschauerverhalten.pdf
3  Zu den weltweiten Opfern siehe: Ronny Blaschke: Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball. Göttingen, 2007. Hier die „Chronologie der Gewalt“ S. 229ff.
4 .Als Einstieg in das vielfältige Thema siehe: Andreas Zick: Bambule und Randale. Gewalt im Fußball: Im Abseits? In Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.): Bundesliga: Spielfeld der Gesellschaft.
5  Vgl. Lothar Rieth (Hrsg.): Projekte und Sicherheitsmaßnahmen des deutschen Fußballs. Darmstadt 2011.
6  Vgl. Ronny Blaschke: Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball. Göttingen, 2007, S. 103ff.
7  A. a. O., S. 110.
8  Vgl. www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2012/37335027_kw03_pa_sport/207352
9  Vgl. Deutschlandfunk vom 12. 12. 2012.
10  Siehe dazu: Thaya Vester: Immer häufiger, immer brutaler? Ein Überblick zur Entwicklung des Gewaltaufkommens im Amateurfußball. In: Kriminalistik 10, 2014, S. 572-576.
11 .Jan Mohnhaupt: Ultras und Polizei sind gewaltbereiter geworden. In: Die Zeit vom 28. September 2012.
12  Ebenda.
13  Siehe dazu: BGH-Urteil: Hooligan-Gruppe kann kriminelle Vereinigung sein auf „Spiegelonline“ vom 22. 1. 2015.
14  Vgl. Christoph Ruf: Hooligan bleibt Hooligan auf „Spiegelonline“ vom 29. 7. 2017.
15  Ebenda.
16  Ebenda.
17  Siehe „SPD-Gesetzesentwurf zu mehr Sicherheit bei Fußballspielen“ unter www.stimme.de am 13. September 2017.
18  Vgl. „Kretschmann will Fußballvereine in die Pflicht nehmen“. In: Stuttgarter Nachrichten vom 13. 4. 2017.
19  Vgl. Bosbach: Fußball soll nicht für die Polizei bezahlen. In: Augsburger Allgemeine vom 9. 12. 2012.
20  Siehe „Streit um Polizeieinsätze beim Fußball“ unter www.hr-inforadio.de.
21  Vgl. Zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen: Florian Deutsch: Polizeiliche Gefahrenabwehr bei Sportgroßveranstaltungen. Berlin 2005.
22  Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit (Hrsg.): Nationales Konzept Sport und Sicherheit Fortschreibung 2012, S. 5.

Über den Autor
Dr. Reinhard Scholzen
Autor: Dr. Reinhard Scholzen
Dr. Reinhard Scholzen, M. A. wurde 1959 in Essen geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Trier. Nach dem Magister Artium arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte 1992. Anschließend absolvierte der Autor eine Ausbildung zum Public Relations (PR) Berater. Als Abschlussarbeit verfasste er eine Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit der GSG 9. Danach veröffentlichte er Aufsätze und Bücher über die innere und äußere Sicherheit sowie über Spezialeinheiten der Polizei und des Militärs: Unter anderem über die GSG 9, die Spezialeinsatzkommandos der Bundesländer und das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr.
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