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Deutschland verliert an internationalem Einfluss

Umfrage der Körber-Stiftung zeigt die Sicht der Deutschen auf die Außenpolitik

Deutschlands Einfluss in der Welt hat in den vergangenen zwei Jahren abgenommen – das ist die Meinung von 57 Prozent der Deutschen.

Gleichzeitig geben 54 Prozent der Befragten an, dass sich ihr Land bei internationalen Krisen stärker zurückhalten sollte. Nur noch 38 Prozent wünschen sich hingegen ein stärkeres Engagement Deutschlands – der niedrigste Wert seit Umfragebeginn (2017: 52 Prozent). Hiervon sehen drei Viertel (76 Prozent) das gewünschte Engagement vorzugsweise diplomatischer Natur; im Vorjahr waren das noch 65 Prozent. Die von Verteidigungsminister Pistorius geforderte Kriegstüchtigkeit Deutschlands stößt auf ein geteiltes Echo. 71 Prozent der Befragten sprechen sich gegen eine militärische Führungsrolle der Bundesrepublik in Europa aus. Dennoch stimmen 72 Prozent der Befragten dem Ziel zu, entsprechend der NATO-Vereinbarung mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. 26 Prozent der Befragten halten dies sogar für zu niedrig. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Umfrage „The Berlin Pulse“ der Körber-Stiftung, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Kantar Public im September 2023. „Mehr als je zuvor wirken sich internationale Krisen auf den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft aus. Auch aus diesem Grund liegt es in Deutschlands Interesse, aktiv zur Bewältigung der Krisen beizutragen. Doch eine Mehrheit der Deutschen wünscht sich weiterhin außen- und sicherheitspolitische Zurückhaltung“, kommentiert Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung, die Umfrageergebnisse.

Solidarität mit der Ukraine hält an

Zwei Drittel (66 Prozent) der Befragten sprechen sich für eine weitere militärische Unterstützung der Ukraine aus. Davon geben 54 Prozent an, dass die militärische Hilfe aus Deutschland der Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete dienen sollte. 41 Prozent sind der Meinung, dass die deutsche Unterstützung vor allem ein weiteres Vordringen Russlands verhindern sollte.

China als wirtschaftliche und militärische Bedrohung

Der wachsende Einfluss Chinas wird von immer mehr Deutschen (62 Prozent) negativ bewertet. Nur 6 Prozent sehen ihn positiv. In den USA blicken sogar 71 Prozent mit Bedenken auf den Einfluss Chinas. Dies zeigt die parallel vom Pew Research Center durchgeführte Studie unter US-Amerikaner:innen. Die politischen Debatten zum De-Risking aus der China-Strategie der Bundesregierung finden sich auch in den Positionen der Bevölkerung wieder. 6 von 10 Deutschen sprechen sich für eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit von China aus, selbst wenn dies wirtschaftliche Einbußen und den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten könnte. 49 Prozent der Befragten betrachten China als einen wirtschaftlichen Wettbewerber, 35 Prozent als Rivalen und nur 13 Prozent als Partner Deutschlands. Die Skepsis gegenüber Peking schlägt sich stärker als in den Vorjahren in einer konkreten Bedrohungswahrnehmung nieder: 55 Prozent sehen in China eine militärische Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands (+ 9 Prozentpunkte zum Vorjahr).

Kein Vertrauen in Russland

Der Anteil der Befragten, die in Russland eine militärische Bedrohung sehen, ist im Vergleich zum Vorjahr von 72 auf 76 Prozent gestiegen. Eine Mehrheit der Deutschen ist sich einig, dass der russischen Regierung unter Vladimir Putin nicht zu trauen ist (86 Prozent). Gleichwohl würden ein Rückzug Russlands aus der Ukraine ohne Vorbedingungen (87 Prozent), ein ernsthaftes Interesse Russlands an Friedensverhandlungen (84 Prozent) oder ein Machtverlust Putins (79 Prozent) das Vertrauen wiederherstellen können.

Transatlantische Beziehungen sind stabil

Im Jahr vor der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl gewinnen die Vereinigten Staaten noch einmal an Bedeutung als wichtigster Partner für Deutschland. 43 Prozent der Deutschen halten die USA für den wichtigsten Partner, das sind sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. 77 Prozent bewerten die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA als eher gut bis sehr gut. Auch bei den befragten US-Amerikaner:innen bleibt die Bewertung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses sehr positiv (85 Prozent). Unterschiede nehmen die Deutschen allerdings bei den Politikfeldern wahr: Beim Klimaschutz sehen nur 29 Prozent die USA als Partner, während beim Umgang mit dem Krieg in der Ukraine 69 Prozent der Deutschen die USA als wichtigen Partner ansehen. Diese positive Einschätzung der transatlantischen Beziehungen könnte sich im Falle einer Wiederwahl Donald Trumps im Jahr 2024 umkehren. 82 Prozent der Deutschen gehen davon aus, dass sich dies negativ auf die transatlantischen Beziehungen auswirken würde.

Haltung gegenüber dem „Globalen Süden“

Der Einfluss aufstrebender Länder wie Brasilien, Indien oder Südafrika wird von einer knappen Mehrheit von 51 Prozent der Deutschen positiv gesehen. Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zu einer größeren Skepsis der US-Befragten, von denen nur 39 Prozent den wachsenden Einfluss dieser Länder gutheißen. Zudem äußert eine Mehrheit der Deutschen (66 Prozent) Verständnis für Schwellen- und Entwicklungsländer, die sich den Sanktionen gegen Russland nicht anschließen.

Vertrauen in Demokratie – Skepsis zur EU-Osterweiterung

Die große Mehrheit der Befragten (82 Prozent) ist der Meinung, dass Demokratien langfristig besser in der Lage sind, globale Herausforderungen wie Pandemien, Klimawandel und militärische Konflikte zu bewältigen. Während sich die Bundesregierung für eine Erweiterung und entsprechende Reformen der EU einsetzt, sind die Deutschen in der Frage einer EU-Osterweiterung gespalten: 51 Prozent sind dagegen, 45 Prozent dafür.