Von der Idee zur Gründung - Indochina und Algerien

Die Fallschirmjäger der Fremdenlegion: Gründung, Struktur, Entwicklung und Einsatz.

Von Thomas Gast

Vous autres légionnaires, vous êtes soldats pour mourir et je vous envoie où l’on meurt !
Legionäre, ihr seid Soldaten geworden um zu sterben. Ich schicke euch dorthin, wo man stirbt! (General François Oscar de Négrier 1884 Tonkin)

Um die Idee aufzunehmen, die zur Gründung der Fallschirmjäger der Fremdenlegion führte, muss man einige Seiten in der Weltgeschichte blättern. Im Juni 1940, kurz nach der Kapitulation Frankreichs, forderte Japan – von einem großen Asien unter japanischer Herrschaft träumend, die Stationierung von rund 16.000 Soldaten in Indochina sowie die Benutzung aller Häfen, Flughäfen und anderer militärischer Einrichtungen des Landes.

Das 2. BEP während der Opération Brochet im September 1953.
© 2. régiment étranger de parachutistes - Légion étrangère
Frankreich stimmte zu. Noch am Abend nach der Unterzeichnung des Abkommens überschritt eine japanische Division nördlich von Lang Son die chinesische Grenze und marschierte im Eiltempo in Indochina ein, was die französischen Einheiten überraschte, zu denen die Nachricht eines Akkords noch nicht durchgedrungen war. Es kam zu heftigen Kämpfen, doch die Französischen Truppen waren den Japanern in allen Belangen unterlegen. Einmal den Irrtum erkannt, endeten die Kämpfe genauso schnell, wie sie begonnen hatten. Rasch stellte sich eine bewaffnete trügerische Koexistenz beider Mächte in Indochina ein.

In der Abenddämmerung des 9. März 1945 jedoch fielen die Japaner über alle Garnisonen der Franzosen in Französisch Indochina her. Das im September 1930 in Indochina gegründete Regiment du Tonkin - das 5. Infanterie Fremden Regiment (5. REI) der Fremdenlegion, stellte sich den Eindringlingen entgegen, musste sich aber unter schweren Verlusten vom Feind lösen und sich mit Teilen nach Tsao Pa, einem Ort in der chinesischen Provinz Yunnan zurückziehen. In nur 93 Tagen legten die Legionäre des Tonkinregimentes im sogenannten Marche à la Mort (Todesmarsch) 1500 km zu Fuß zurück. Die Strecke führte die Legionäre durch dichten, undurchdringlichen Dschungel. Die Odyssee der Kolonne Alessandri war ein aufreibendes, gewaltiges Rückzugsgefecht. Der Gewaltakt des 5. REI bot den Generälen Stoff genug zum Nachdenken. Das 5. REI war ein robustes Regiment aber keine Sturmtruppe im herkömmlichen Sinn. Gerade eine solche aber benötigte man nun dringend, denn im Schatten all der tragischen Ereignisse wuchs bereits seit 1941 unter Ho Chi Minhs Führung eine Kraft heran, die noch niemand so richtig auf dem Schirm hatte: Die Viet Minh – die Liga für die Unabhängigkeit Vietnams.

Im September 1945 rief Ho Chi Minh die Demokratische Republik Vietnam aus. Daraufhin mobilisierten die französischen Kolonialherren ein hauptsächlich aus Fremdenlegionären bestehendes Expeditionskorps, das corps expéditionnaire français en Extrême-Orient (CEFEO). Tsao Pa noch frisch im Gedächtnis, keimte eine Idee. Und diese Idee trug einen Namen.

 Fallschirmjäger

Junge deutsche Fremdenlegionäre des 2. BEP.
© Johann Wallisch – private Sammlung
Anfang des Jahres 1948 beschlossen Frankreichs Stabschefs die Gründung einer Luftlandetruppe innerhalb der Regimenter der Fremdenlegion im Extrem Orient. Vor Ort befanden sich das 3. REI, die 13. DBLE und das 2. REI. Sie sollten die Männer für die neue Einheit stellen. Die Mannschaftsstärke der Fremdenlegion betrug inzwischen 30.000 Mann. Über sechzig Prozent davon waren Deutsche, darunter viele ehemalige Mitglieder der früheren Waffen-SS und der deutschen Fallschirmjäger. Der Krieg war das Handwerk dieser meist sehr jungen Männer, hatten sie doch nichts anderes als den Krieg erlebt. Genau auf dieses Kontingent griffen die Offiziere der Fremdenlegion nun zurück.

Die Fallschirmjägerkompanie des 3. REI (Compagnie-para) sah am 01. April 1948 in Hanoi (Tonkin) das Licht. Diese reine Legionseinheit um ihre charismatischen Führer, den Leutnants Morin (Kompaniechef), Arnaud de Foïard, Audoye und Camus (Zugführer) hatte es in sich. In der Tat waren es nur Freiwillige. Den US-T5 Fallschirm auf dem Rücken, fand der erste Sprung der ´Compagnie-para` am 16. April 1948 in der Nähe des ´Canal des Rapides` statt. Auch die ersten Einsätze folgten schnell:

  • Beinharte Gefechte in der Region Son-Tay, ganz besonders in Tong.
  • Offensive Aufklärung auf der RC-4 im Sektor That Khé.
  • Kämpfe um Cao Bang im Mai 1948.
  • Sturm auf die von den Truppen Chiang Kai Scheks verteidigte Bastion Ta-Lung im Juli 1948.
  • Verteidigung des Außenpostens Ban-Cao an der Seite des berüchtigten capitaine Mattei (siehe Frankreichs Fremde Söhne) im September 1948, um die wichtigsten zu nennen.

Die Compagnie-para war an allen wichtigen Einsätzen beteiligt. Bald schon genügte eine Kompanie nicht mehr, man wollte, brauchte und befahl zwei Bataillone: die famosen Bataillons Étrangers de Parachutistes.

Infolge dieser weitgreifenden Überlegung wurde die Compagnie-para des 3. REI am 21. Mai 1949 aufgelöst, die Männer komplett ins erste und später mit Teilen ins zweite Fallschirmjägerbataillon der Fremdenlegion eingereiht. In der gesamten Geschichte der Fremdenlegion waren nie Einheiten aus so grundverschiedenen Menschen zusammengesetzt wie das 1. und das 2. BEP. Und hier, in der Zusammenstellung der beiden Bataillone, geschah das Wunder. Es wurden sehr viele junge Kerle engagiert, die zum Teil nie eine Waffe in der Hand hatten aber eben auch routinierte Kämpfer. Die BEPs waren ein Schmelztiegel verschiedener Herkunft und Erfahrungen. Da waren Pastoren, zu denen Gott nicht mehr sprach. Ehemalige Elitesoldaten der Waffen SS. Verzogene Söhne reicher Wirtschaftsbosse. Maurische Söldner aus dem spanischen Bürgerkrieg und junge Studenten, die außer den kahlen Wänden ihrer Lehrsäle nichts von der Welt kannten, die aber von einem irren Heißhunger auf exotische Abenteuer beseelt waren.

Regimentsfahne des 2. BEP.
© 2. régiment étranger de parachutistes - Légion étrangère
Zu Beginn waren die Bataillone jeweils in eine Stabs- und Versorgungskompanie und drei Kampfkompanien gegliedert. Dem 2. BEP wurde nach mehreren Umgliederungen eine zusätzliche Kompanie bestehend aus Offizieren und Unteroffizieren der Legionsparas und vietnamesischen Freiwilligen unterstellt. Es handelte sich dabei um die 2. CIPLE (Compagnie Indochinoise de Parachutistes de Légion Étrangère). Was die CIPLE auszeichnete war ihr enormer Zusammenhalt und dieser sollte sich bald bezahlt machen. Ihr Chef, Leutnant Hélie Denoix de Saint Marc, stammte aus Bordeaux. Als die Deutschen Frankreich besetzten, tauchte er ab in den Widerstand, versuchte danach sich um jeden Preis der FFL (Freie Französische Streitkräfte) um General de Gaulle anzuschließen und landete durch Verrat im KZ Buchenwald. Auf Buchenwald folgte das Außenlager Mittelbau Dora und das KZ Langenstein Zwieberge. Nach der Befreiung trat Saint Marc in Saint-Cyr (Militär- Offiziersschule in Coëtquidan) ein und im Jahr 1947 wird er auf eigenen Wunsch zur Fremdenlegion abkommandiert. Bereits ein Jahr darauf, im September 1948, geht er an Bord der Pasteur (Passagierschiff) die ihn ins Land der geheimnisvollen Pavillons Noirs bringt. Hier, hoch im Norden an der Grenze nach China, bekommt er das Kommando über eine Kompanie Thô Partisanen. 1951 folgt sein zweiter Aufenthalt in Indochina. Nachdem er zuvor mit Erfolg die Sprungausbildung in Sétif absolviert hat, wird er ins 2. BEP beordert wo Commandant Raffalli, zu jener Zeit Bataillonskommandeur des 2. BEP, ihm die Befehlsgewalt über die 2. CIPLE überträgt. An seiner Seite: Eine Handvoll hochkarätiger und erfahrener europäischer Unteroffiziere. Im Kader waren auch viele Deutsche und man müsste meinen, dass – nachdem was Saint Marc in Buchenwald alles durchgemacht hatte, dies ein Problem darstellen würde, doch auch hier zeigte Saint Marc seine wahre Größe. Für ihn waren alle, egal welcher Nationalität, Hautfarbe, Religion oder Vorgeschichte nur eines: Seine Legionäre.

Im 1. BEP fand sich ab September 1953 auch eine schwere 120 mm Mörserkompanie, die 1. compagnie étrangère parachutiste de mortiers lourds (CEPML- Stärke 100 Mann). Im November 1953 nahmen das 1. BEP und die CEPML mittels Gefechtssprung an der Operation Castor – der größten Luftlandeoperation in der Geschichte des französischen Indochinakrieges teil. Es waren die Präludien für die Schlacht von Dien Bien Phu.

Wappen des 1. BEP auf einer Steele des point d'appui Eliane (Dien Bien Phu)
© Hiroki Goda
Einen übermächtigen, erstklassig organisierten und vom kommunistischen China unterstützten Feind gegenüberstehend, wurden beide Bataillone im Indochinakrieg völlig vernichtet. Das 1. BEP starb gleich zweimal. Zuerst im Oktober 1950 in den Kalksteinbrüchen von COC-XA unweit der Blutstraße RC-4. Cao Bang, eine der letzten Bastionen des französischen Expeditionscorps sollte evakuiert werden. Das Groupement Bayard inklusive 547 Offiziere, Unteroffiziere und Legionäre des 1. BEP, sollte es richten. In der Nacht vom 30. September auf den 01. Oktober 1950 setzte sich die Gruppe Bayard in Bewegung. Die Landschaft westlich von Dong Khe im Quang Liet Tal und in der Gegend um Co-Xa lud jedoch zu einem Guerillakrieg ein, in welchem der Vietminh Meister war. Am 05. Oktober machte sich das 1. BEP daran, die Höhen des Qui Chan und den Hügel 447 einzunehmen. Diese beiden Punkte zu halten wäre essenziell. Kaum den Aufstieg begonnen, griff der Vietminh von allen Seiten an. Der Zug des Leutnant Tchiabrichvilli (3. Kompanie des 1. BEP) der die Flanke sichern sollte, wurde auf der Höhe 533 von mehreren hundert Bo Dois angegriffen und völlig vernichtet. Nur zwei Legionäre blieben am Leben. Ein Gegenangriff der ersten Kompanie des captaine Garrigue verpuffte. Langsam brach die Nacht herein. Commandant Segretain ersuchte um Erlaubnis, sich mit seinem Bataillon vom Feind zu lösen, um in der Dunkelheit die Coc Xa Senke zu erreichen. Seit dem Beginn der Kämpfe hatte er bereits Hundertzwanzig Männer verloren. Am 06. Oktober war die Umzingelung komplett. ´Bayard`, eingekreist von fünfzehn Bataillonen des Vietminh, saß in der Falle. Wie von Sinnen warfen sich die Paras des 1. BEP in die Schlacht gegen den Vietminh. Die Aufopferung war total, doch am Ende der Strecke wartete der Tod. Angeführt von Capitaine Jeanpierre konnten sich nur drei Offiziere, drei Unteroffiziere und zweiundzwanzig Legionäre quer durch den feindlichen Dschungel nach That-Khe zur nächsten französischen Garnison durchschlagen.

Nach der Neuaufstellung im April 1951 und infolge schwerer Kämpfe im Delta, in Na-San und im Talkessel einer heute legendenumwobenen Urwaldfestung wurde das 1. BEP erneut aufgerieben. Dieser Kessel in der Muong Thanh Ebene wurde auch das Grab des 2. BEP. Er muss mit Nachdruck betont werden, weil er Wegweiser und Meilenstein der Geschichte, nicht nur der Paras Legion, sondern der gesamten westlichen Welt war.

Dien Bien Phu

Das Monument Rodel.
© Hiroki Goda
Dien Bien Phu war des weißen Mannes Stalingrad in Indochina. Fast 15.000 französische Soldaten, zusammengefasst zu schlagkräftigen Elitedivisionen, sowie zahlreiche Fremdenlegionäre, sahen sich in der Urwaldfestung 50.000 Kämpfern der Vietminh gegenüber. Nach 56 Tagen Belagerung war der Spuk zu Ende. Die kolonialen Anstrengungen Frankreichs, ihr fernes ´Abendland` zu verteidigen, waren im Sande verlaufen. Dien Bien Phu wurde zum nationalen Trauma, eines, das heute noch nicht überwunden ist.

Das 1. BEP befand sich bereits seit der Operation Castor im Talkessel. Die eigentliche Schlacht aber begann erst am 13. März, 1954 mit dem Angriff des Vietminh auf den point d'appui Béatrice. Kurz nach 17 Uhr spuckten sämtliche Kanonen der schweren Division 351 des Vietminh Feuer und Verderben. Ein regelrechtes Stahlgewitter ging auf die Legionäre der 13. Halbbrigade nieder. Bunker, Gräben und Kampfstände wurden einer nach dem anderen systematisch von der Artillerie Giaps zerstört.

Zum Sterben blieben 56 Tage

Magazine PARIS MATCH von April und Mai 1954 -
© Hiroki Goda
Das 2. BEP sprang in zwei Wellen am 09. und am 10. April 1954 bei stockdunkler Nacht hinein in diese Hölle, in eine Schlacht, die zum fraglichen Zeitpunkt längst verloren schien. Sie sprangen nicht zuletzt der Ehre wegen, wie einige noch lebende Legionäre mir beteuerten. Die Paras des 1. und des 2. BEP starben aufrecht, die Stiefel im Matsch, die Waffe in der Hand. Um 17h30 am Tag des 07. Mai 1954, kamen die Kämpfer der 308. Division des Vietminh von den Bergen herunter. Die Legionäre zerstörten ihre Funkgeräte, verbrannten sämtliche Dokumente, machten das bisschen, was noch an Munition blieb, unbrauchbar. Sie bauten die Waffen auseinander, zerstreuten die Einzelteile in die Landschaft. Sie ergaben sich nicht und es flatterten auch keine weißen Fahnen im Wind. Man stellte ganz einfach das Feuer ein, denn so lauteten die Befehle.

Algerien

Aus der warmen Asche der drei Fallschirmjäger-Bataillone – denn das 3. BEP, die Männerschmiede, soll nicht vergessen werden, erhoben sich kurz darauf schon zwei Regimenter, die unmittelbar vom Erfahrungsschatz der Indochina- Epoche profitierten. Die von Dien Bien Phu übriggebliebenen, höchst kampferprobten Soldaten fanden sich im Jahr 1955 in den Reihen des 1. REP und des 2. REP in Algerien wieder. An Freiwilligen fehlte es nicht und so füllten sich die in Indochina entstandenen Lücken im Handumdrehen. Mitte Januar 1957 operierten die Paras Legion des 1. REP in Algiers Kasbah. Gemeint sind die von der FLN (Nationale Befreiungsfront) Commandant Hélie Denoix de Saint Marc, Chef der 2. CIPLE.
© Paul Anastasiu
gehaltenen Widerstandsnester. Krieg konnte man diese Einsätze während der Schlacht um Algier nicht nennen. Es war eine teils schmutzige, penible und stets nervenaufreibende Polizeiarbeit, so auch der Ausdruck ´La sale guerre` - der schmutzige Krieg.

Das 2. REP hatte es insofern besser, als dass es in den Provinzen und in den Djebels, im offenen Gelände also zum Einsatz kam. Die Fallschirmjäger stöberten die Fellaghas teilweise in versteckten Grotten und Höhlen auf. Auf Grund ihrer hohen Beweglichkeit (Lufttransport per Hubschrauber) waren beide Regimenter während des gesamten Algerienkrieges an allen Brennpunkten eingesetzt. Nach dem gescheiterten Putsch von Algier (Putsch der Generäle) im April 1961, während dem sich hochrangige Offiziere die Leidenschaft ausgesuchter Spezialeinheiten – darunter das 1. REP; zu eigen gemacht hatten, wurde das 1. REP ein für alle Mal aufgelöst. Ranghohe Offiziere wurden zum Tode oder, wie die Fallschirmjäger-Legende Commandant Hélie de Saint Marc, zu langen Haftstrafen verurteilt.

Die in Fleisch und Seele verletzten Paras Legion legten nach beinharten Kämpfen im Jahr 1962 definitiv die Waffen nieder. Übrig blieben Männer, die nicht nur die Guerillataktik des Dschungels und der Reisfelder, sondern gleichwohl die Kampftechnik der Djebels, der Ergs und Wadis im Sturmgepäck trugen. Die Erfahrungen, errungen in blutigen Einsätzen, wurden seit der Gründung der Paras schriftlich festgehalten, von Mund zu Mund weiterverbreitet und nicht selten auch direkt im Kampfgeschehen weitergereicht. Zuvor erwähnte Techniken, dieses Knowhow lag in diesen Tagen einzig und allein in den Händen des 2. REP, des Erben aller Paras Legion. Doch da der Feind nicht stillstand und die Paras Legion sich diesem Feind nicht nur anpassen, sondern ihm auch ständig überlegen sein wollten, suchten kluge, zukunftsorientierte Männer nach revolutionären Änderungen.

Oberstleutnant Caillaud, Regimentskommandeur des 2. REP, war so ein kluger Mann. Sein Draufgängertum und sein Faible für alles Neue und Ungewöhnliche waren in Indochina schon legendär. In den Jahren zwischen 1946 und 1948 war er als Leutnant im Land der aufsteigenden Drachen bereits Zugführer im zweiten Regiment. Später, im Oktober 1948, nannte man ihn gar Monsieur 2. BEP. Seinen Ruf verdankte er dem Einsatz in Hieu-Tu. Im Dezember 1949 sprang Capitaine Caillaud an der Spitze seiner Kompanie über dem Wehrdorf Hieu-Tu ab. Das geschah unter den widrigsten Umständen, bei heftigem Regen und bei Windgeschwindigkeiten um die zwanzig Meter pro Sekunde. Seine hundertdreißig Legionäre legten sich dort erfolgreich mit drei Bataillonen Vietminh an. Erwähnenswert, weil hoch symbolisch, wäre hier folgender Dialog, der vor dem Sprung von Capitaine Caillaud und Major (Kommandant) Decorse, dem Stabschef für Luftlandeoperation geführt wurde.

Kommandant Decorse: „Ich stelle Ihnen drei Fragen, Caillaud, die Sie ehrlich beantworten sollten. Eins - Sind Sie damit einverstanden, mit Ihrer Kompanie überall abzuspringen, blind, wenn es sein muss? Zwei - Stimmen Sie zu, bei zweiundzwanzig Metern Wind zu springen? Drei - Würden Sie auch dann springen, wenn die Jagdflieger Sie nicht unterstützen können?“
Capitaine Caillaud: „Klares Ja auf alle Fragen, mon Commandant!“

Caillaud war Partisan von dem, was man Evolution nannte. Nach vorne schauen war seine Devise. Nach Indochina und Algerien langweilten sich die Legionäre. Das sollte sich gewaltig ändern. Sein modernes 2. REP erhob den Anspruch, Meister aller nur vorstellbaren Kampftechniken zu werden. Und diese sollten egal wann, egal wo und ungeachtet der Umstände angewandt werden können: tags, nachts, zu Wasser, auf der Erde und in der Luft. Dafür gab es ein Wort, und das lag in aller Munde.

Kommando

Point d'appui Eliane (Dien Bien Phu) -
© Hiroki Goda
Er wollte aus den Männern reine Kommandosoldaten machen. Zunächst galt es, Spezialisten zu finden. Hier bewegte sich das Regiment in einer Komfortzone, denn in seinen Reihen gab es genügend Soldaten, die über spezielle Kampftechniken verfügten, ob es sich nun um Franzosen, Russen, Briten oder um Deutsche handelte. Caillaud sandte ausgesuchte Offiziere und Unteroffiziere an alle in Betracht kommenden Kommandoschulen. Ins Centre national d’entraînement commando (CNEC) in den Bergen von Mont-Louis, an die Luftlande- und Lufttransportschule Altenstadt (seit Juli, 2015 Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport), zu diversen Lehrgängen französischer Marineeinheiten und Heeresfliegern. Caillaud und sein Stab streckten die Fühler zur britischen SAS aus. Deren Kommandoeinheiten und Schwadronen in Malaysia und anderswo auf der Welt waren Asse in der Anti-Guerilla Warfare. Und natürlich liebäugelte man mit den US-Marines. Diese stellten ein nachzuahmendes Vorbild dar, was Struktur, Aufbau, Taktik und Einsatz anging.

Das 2. REP konnte nur dazulernen, kurz: Es tat sich was in Sachen Recherche und Planung. Der Einsatz über die dritte Dimension blieb allen Kompanien der Paras Legion erhalten und in diesem Sinne eröffnete Caillaud in Calvi eine Fallschirmspringerschule. 1965 stellte das 2. REP die erste Freifall-Equipe auf die Beine. Es war die Geburtsstunde der Commandos de recherche et d'action en profondeur (CRAP). In diese Epoche hinein wurde das Regiment von Bou-Sfer nach Calvi, seiner neuen Garnison verlegt.

Die Kompanien spezialisierten sich.

Erste Kompanie: Orts- und Häuserkampf. Nachtkampf.
Zweite Kompanie: Kampf im Gebirge. Winterkampf.
Dritte Kompanie: Taucher, Kampfschwimmer.
Vierte Kompanie: Sabotage, Scharfschützen, Sniper.

Die Legionäre lernten, sich in ihren Schützengräben von Panzern überrollen zu lassen, um sie von hinten mit der Panzerfaust, mit einer Panzermine oder einer geballten Ladung zu vernichten. Im Kommandostil machten sie sich die Nacht zum Tag und operierten bei völliger Dunkelheit. Die Kampftechniken à la Guerilla passten dem Regiment wie eine hautenge Maske und die Neugliederung stellte in der Militärwelt der Spezialeinheiten in Frankreich etwas Einzigartiges dar.

Ende Teil I

 

Thomas Gast auf YouTube: https://www.youtube.com/c/ThomasGastLEGION
Thomas Gast Homepage: https://thomasgast.com/
Bücher von Thomas Gast: https://www.amazon.de/Thomas-Gast/e/B005YM4G1S/ref=dp_byline_cont_book_1

 

Über den Autor
Thomas Gast
Autor: Thomas Gast
Im Februar 1985 trat der Autor der Fremdenlegion bei. Nach der Grundausbildung wurde er nach Französisch-Guayana ins 3. REI (Dschungelregiment) abkommandiert. Mit Hilfe eines deutschen Legionsoffiziers gelang ihm im September 1987 der Sprung ins 2. REP. Bei den Fallschirmjägern der Legion durchlief er alle Mannschaftsdienstgrade, wurde bald schon Unteroffizier und schließlich - nach kaum elf Jahren Zugehörigkeit, Zugführer und Kompaniefeldwebel.