Angekommen in Larnaka. Munitionsempfang.

Der Libanonkrieg. Operation Épaulard, 1982

Von Thomas Gast

Ramallah, 2009.
Am 4. Januar 2009 nahm ich an einem Security Meeting in der Mukata teil. Die Mukata war das legendäre Hauptquartier Arafats in Ramallah. Sie ist heute Sitz der Palästinensischen Autonomiebehörde. Wie eh und je glich der klotzähnliche Häuserblock eher einem Hochsicherheitstrakt als einem Gebäude, hinter dessen Mauern Politiker an der Zukunft ihrer Nation feilten.

Überall standen bis an die Zähne bewaffnete Soldaten. Araber, die schwarz-weiße Kufiya auf dem Kopf, beäugten misstrauisch jeden Besucher einzeln. Der Grund meines Besuches war einfach: Im Gazastreifen war Krieg. EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, EU-Chefdiplomat Javier Solana, die Außenminister Schwedens (Carl Bildt), Tschechiens (Karel Schwarzenberg), sowie Frankreichs (Bernard Kouchner), sollten demnächst hier tagen, und das musste vorbereitet werden. Als die Rollen verteilt waren und das Programm stand, blieb massig Zeit, sich mit den verschiedenen Leuten zu unterhalten. Mein Gesprächspartner war Ehab Al-Goul, der Assistent des Protokollchefs. Ehab hatte gute Laune an diesem Nachmittag. Er erzählte fast eine Stunde lang von der Lage im Gazastreifen, und es blieb nicht aus, dass der Name Jassir Arafat fiel. Als ich Ehab darauf hinwies, dass ich bis vor kurzem noch in der Einheit gedient hatte, die den Fatah-Gründer 1982 aus der von Israelis umzingelten Stadt Beirut herausgeholt hatte, war das Eis definitiv gebrochen. Er öffnete die Schublade, holte eine Papierrolle hervor und überreichte sie mir. Es war ein Poster Arafats. In der letzten Januarwoche im Jahr 2016 machte ich mich auf den Weg nach Frankreich. Nach Forbach, um genauer zu sein. Ich hatte dort ein Treffen mit Lutz S., einem ehemaligen Kommandosoldaten des Commando de Recherche et d'Action dans la Profondeur (ehemals CRAP, heute GCP des 2. REP). Er war damals mit seiner Einheit im brodelnden, libanesischen Hexenkessel dabei gewesen. Ich kannte diesen sympathischen Elsässer noch aus meiner aktiven Zeit. Seine Bescheidenheit und sein Erinnerungsvermögen waren frappierend. »Erzähl von Beirut«, bat ich, was er prompt tat.

Libanon, 1982

Legionäre der 1. Kompanie des 2. REP beim Verladen der Ausrüstung.Du Tonkin à Casa. De Beyrouth à Dakar. Von Tonkin bis nach Casablanca. Von Beirut bis nach Dakar! („Le Fanion de la Légion“ (1930). Lied der Fremdenlegion aus der ersten Epoche, 1831–1939)
Das Land glich einem Pulverfass. Die Kämpfe zwischen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) auf der einen, und den Israelis auf der anderen Seite, hatten bereits 1967 begonnen. Geographischer Ausgangspunkt für die Guerilla-Operationen des palästinensischen Widerstands war Jordanien, doch den Führern der Fatah entglitt nach und nach die Kontrolle über die wachsende Zahl der übermütigen und ungeduldigen Kämpfer. König Hussein von Jordanien sah lange zu. Fast zu lange, denn 1970 verübten radikale Palästinenser ein Attentat auf ihn, was das Fass schließlich zum Überlaufen brachte. Um seine Souveränität zu bekräftigen, schlug Hussein sofort zurück. Die von seinen Sicherheitskräften und Militärs geführte Operation Schwarzer September war erbarmungslos und blutig. Energisch und nachhaltig wurde die PLO aus Jordanien vertrieben. Arafat hatte sich verkalkuliert, als er einst behauptete, dass Jordanier und Palästinenser ein Volk seien, das nicht zu spalten sei. Die PLO setzte sich daraufhin im Libanon fest und führte von dort ihre Angriffe gegen Israel weiter. Im April 1982 kam es in Paris zu mehreren Anschlägen auf israelische Diplomaten, einen Monat später stiegen im Südlibanon Raketen in die Luft. Das Ziel war Israel. Unmittelbar darauf, am 3. Juni 1982, fand in London ein Anschlag auf Schlomo Argov, Israels Botschafter in Großbritannien, statt. Von dem Zeitpunkt an hatte Verteidigungsminister Bulldozer Scharon nur eines im Sinn. Er wollte die PLO im Libanon zerstören, nein, besser noch, er wollte die PLO in die Steinzeit zurückbomben, wie ein norwegischer UNIFIL-Offizier es knallhart formulierte. Und sollte man ihre Anführer bei der Gelegenheit gleich mit in die Hölle jagen können, umso besser! Argovs Tod zum Anlass nehmend, marschierte Tzahal, die israelische Armee, zwischen dem 4. und 6. Juni mit mehreren tausend Soldaten Richtung Norden. Was damals geschah, war geschichtsträchtig. Die Welt wurde Zeuge, wie Israel im Rahmen der Operation Schalom Hagalil (Frieden für Galiläa) im Libanon einfiel. Es war eine Invasion, ein Angriffskrieg. Israels Panzer rollten in einer Zangenbewegung über die Küstenstraße und sie kamen gleichzeitig von den Bergen herab. Kurz darauf schon standen sie vor den Toren der Hauptstadt Beirut.

Beirut West, August / September 1982

I send a greeting ... from my heart to Beirut. I send kisses to the sea and to the houses.
To a rock that looks like an old sailor's face.
Ich sende einen Gruß von meinem Herzen nach Beirut: Ich sende Küsse zum Meer und zu den Häusern: zu einem Felsen, der wie ein altes Seemannsgesicht aussieht. (Fairouz. Libanesische Sängerin. Sie gilt als „Mutter der libanesischen Nation“)

Beirut, la ville qui ne meurt pas, die Stadt, die niemals stirbt. Dass Tor zum Osten, wie viele sie auch nennen, war einst eine sehr moderne Metropole. Rote Dächer, grüne Parks, und vor allem die Freude am Leben, das alles stach vordergründig ins Auge des Besuchers. Zumindest bevor die Auswirkungen des Schwarzen Septembers alles zerstörten. Die Ankunft der PLO-Kämpfer in Beirut wurde auf der einen Seite begrüßt, auf der anderen Seite aber mit Argwohn beobachtet. Man befürchtete zu Recht, dass die Palästinenser einen Staat im Staate gründen würden. Genauso kam es auch, doch mehr noch. Ihr Erscheinen entzündete das schon lang schwelende Pulverfass, und nun hingen Rauchfahnen und schwarze bedrohliche Wolken über dem Land. In Beirut befanden sich aber nicht nur tausende von PLO-Kämpfern, sondern auch etwa 2000 syrische Soldaten sowie Einheiten der Streitkräfte des Libanon. Von den verschiedenen kämpfenden Parteien, ob es sich um die schiitische Auf, nach Beirut! Legionäre des 2. REP beim Einschiffen auf die DIVES.Amal oder um die christlichen Falangisten handelte, mal ganz abgesehen. Es gab Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder, und sie waren nicht weniger als eine halbe Million. Die Belagerer schalteten den Eingeschlossenen den Strom ab und drehten ihnen den Wasserhahn zu. Schon zu Beginn des Monats August starben an einem einzigen Tag 230 Menschen im israelischen Bomben- und Kugelhagel. Eingekesselt, ja, das waren die Palästinenser. Im Süden und Osten lagen israelische Panzertruppen, im Norden patrouillierten mit Israel verbündete christliche Falangisten der libanesischen Brigaden und auf dem Meer zogen israelische Kriegsschiffe bedrohlich ihre Bahnen. Anfang August forcierten die Amerikaner eine Idee zur Aufstellung und Entsendung einer multinationalen Streitkraft. Die Multinational Force in Lebanon (MNF) sollte 2000 Mann stark sein und sich aus Amerikanern, Franzosen und Italienern zusammensetzen. Die Idee beinhaltete einen Waffenstillstand und den ungehinderten Abzug der Syrer und Palästinenser aus dem Libanon.

Calvi, August 1982.

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 1982 flatterte eine Flash-Meldung aufs Büro von Oberstleutnant Janvier. Janvier, der 1991 die Division Daguet gegen den Irak angeführt hatte, war erst seit zwei Wochen Regimentskommandeur des Prestige-Regiments 2. REP. Er hatte Oberst Guignon abgelöst. Eine „Flash“ ist eine Eilmeldung von absoluter Priorität. Sie bringt entweder eine gute oder eine schlechte Nachricht. In diesem Fall waren die Nachrichten hervorragend. Das Regiment, besser gesagt Auf, nach Beirut! Legionäre des 2. REP beim Einschiffen auf die DIVES.ein wesentlicher Teil davon, sollte sofort in den Libanon verlegen. Völlig überraschend kam die Nachricht der Mobilisierung jedoch nicht. Bereits am 4. August wurde es in Alarm „Guépard zwölf Stunden“ motorisierte Version versetzt. Damals war um Mitternacht alles in trockenen Tüchern, die Paras hätten sofort ausrücken können. Doch es dauerte bis zum 18. August, bis es endlich so weit war. 347 Legionäre standen Gewehr bei Fuß. Insbesondere handelte es sich um die erste und die dritte Kompanie. Gleichermaßen vom Einsatz betroffen war ein ECS-Element, bestehend aus Stab-Logistik und Versorgungssoldaten. Aus Dschibuti kommend, stießen in letzter Minute zwei CRAP Teams dazu. Die Legionäre waren allesamt froh darüber, sie mit im Boot zu haben. CRAP, das stand für Effizienz und Verlässlichkeit! Das 2. REP versammelte sich zum Abflug an der Luftwaffenbasis-126 in Solenzara. Bevor die Männer die Maschinen bestiegen, schritt Verteidigungsminister Charles Hernu persönlich die Front ab. Die Zeichen waren damit gesetzt. Der Auftrag bekam das Prädikat „höchst delikat“, einen Irrtum oder einen Fehltritt durften sich die Legionäre nicht leisten. Der Einsatz schien auf den ersten Blick einfach. Die Paras hatten den Auftrag erhalten, dafür zu sorgen, dass die Palästinenser aus Beirut abziehen konnten, ohne dass ihnen dabei etwas zustieß. Ihre Würde, so hieß es, sollte beim Abzug bewahrt bleiben. Von größter Wichtigkeit schien es, die mit Füßen getretene Souveränität des libanesischen Staates wieder zu etablieren. Da die Flughäfen in Beirut gesperrt beziehungsweise von den Israelis streng kontrolliert waren, blieb als beste Lösung für einen Anflug der Airport von Larnaka auf Zypern, von wo aus es mit Schiffen weiter Richtung Beirut gehen sollte. Das 2. REP, als Vorauskommando der multinationalen Truppe verweilte nur kurz in Larnaka, verbrachte die erste Nacht unweit des Flughafens unter freiem Himmel. Der Einsatz nahm Form an: Es wurde aufmunitioniert! Am Samstag den 21. August kletterten sie mit vollem Kampfgepäck auf das Militär- Transportschiff (BDC) DIVES. Mit Komfort war während der Überfahrt ebendarum kaum zu rechnen, denn die DIVES, wie die Abkürzung BDC, bâtiment de débarquement de chars, schon andeutete, war ein reines Material- und Truppentransportschiff vom Typ Landing Ship Tank. Was das Schiff auszeichnete, waren Rustikalität und Zuverlässigkeit. Es entbehrte aber jeglicher Bequemlichkeit. Noch war nicht sicher, ob man in Beirut einfach so anlegen und unter günstigen Bedingungen von Bord spazieren konnte. Die Legionäre mussten auf alle Szenarien gefasst sein, auch auf das, den Strand kämpfend zu erobern. Französische Kampfschwimmer des Commando Hubert standen bereit. Sie hätten gegebenenfalls den Strand vorbereitet, nach Minen gesucht, diese entschärft und die Gefahrenlage analysiert. Geplant war, dass die erste Kompanie unter dem Befehl des Capitaine Puga vorausstürmte, um am Kai oder am Strand, je nach Szenario, eine Art Brückenkopf zu bilden. Als sich die DIVES dem Hafen näherte, hielten die Legionäre unwillkürlich den Atem an. Dicht an dicht hinter der Landungsbrücke aneinandergedrängt, harrten sie der Dinge, die da kommen sollten.

»Schwimmwesten anlegen, weitersagen!«
Der Befehl kam aus dem Nichts und verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
»Ein bisschen Normandie gefällig?«
»Witzbold! Das kannst du gar nicht miteinander vergleichen.«
Lutz, ein drahtiger Deutscher der CRAP, hob den Kopf und lauschte dem entfernten Feuer der Granatwerfer.
»Hörst du das?«
»Na und? Die Green-Line ist nur ein paar Kilometer weg von hier. Du hast wohl nicht aufgepasst, als die Einweisung war.«
»Hab ich doch. Aber ich kenne die Mentalität der Palästinenser. Sie schießen auf uns, sagen, es wären die Israelis gewesen und schon ist die Kacke gewaltig am Dampfen zwischen uns und diesem Granitbeißer Sharon.«
Bei den Worten begutachtete er die neue Waffe. Die FAMAS war erst seit ein paar Monaten im Regiment. Gelegenheit, sie im Einsatz zu testen, hatten sie noch nicht gehabt.
»Das Ding schießt sicher um die Ecke. Bisweilen zweifle ich am Verstand der Generäle. Kaliber 5.56mm? So ein Blödsinn! Die Israelis lachen uns aus, wenn sie die Wumme sehen.«
Capitaine Puga, der in der Nähe stand und zugehört hatte, wurde ärgerlich.
»Haltet den Mund und spart euch die Energie für später. Woher wollt ihr Armleuchter schon wissen, was die Palästinenser aushecken. Ich an eurer Stelle würde nicht so vorlaut …«
Er wurde von einer Stimme unterbrochen, die blechern aus dem Lautsprecher kam. Oberstleutnant Janvier wollte seine Kompaniechefs und die Zugführer sprechen. Sofort.
»Meine Herren, soeben ist die Meldung gekommen, dass der Hafen sicher ist.«
Janvier hatte etwas Ähnlichkeit mit Oberst Wabinski, dem mir bestens bekannten Regimentskommandeur des 2. REP von 1986 - 1988. Nur waren seine Gesichtszüge feiner, seine Schultern schmäler.
»Keine Anlandung per Higgins-Boot?«
»Nein. Die DIVES dockt normal an. Das heißt aber nicht, dass es nicht doch Probleme geben könnte. Ich mahne zur höchsten Vorsicht.«
Er sah auf seine Uhr. »Also los. In zwanzig Minuten ist es so weit.«Briefing

Die Offiziere und Unteroffiziere salutierten und stiegen runter auf die Landungsbrücke, wo das Warten begann. Als die Sonne hervorkroch, verließen die Grünen (erste Kompanie) das Schiff als erste Einheit. Der unmittelbare Eindruck, den Beirut von den Paras Legion bekam, war der einer geordneten, schwerbewaffneten und über und über mit Munition und Waffen beladenen, zu allem entschlossenen Truppe. Sie strahlten nebst der Entschlossenheit auch eine spürbare Ruhe und eine professionelle Gelassenheit aus. Es fiel kaum ein Wort und die Luft schien wie elektrisiert als die Paras zügig die Landebrücke verließen und auf den Hafen zumarschierten. Das erste, was die Legionäre vom Hafen sahen, war der Pier Nummer eins. Rechts davon stand eine Reihe alter Container und ein hohes Silo. Dahinter erstreckte sich Beirut.

Ohne anzuhalten, wandte sich Capitaine Puga um.
»Leutnant Defoix!«
Aus der Reihe der Legionäre heraus löste sich eine bullige Gestalt und rannte im Laufschritt nach vorne. »Mon Capitaine?«
»Sehen Sie das Silo da vorne?«
Defoix nickte.
»Die Flagge, auf was warten Sie noch!«

Der Leutnant gab seine Befehle. Im Nu erklommen die Legionäre des ersten Zuges das Silo und hissten die Trikolore, die Nationalflagge Frankreichs und gleich darunter den grün-roten Wimpel der Legion. Dass es keine Libanesen, sondern Israelis waren, die sie in Beirut in Empfang nahmen, sorgte zwar für einige Verwirrung in ihren Reihen, doch es sollte den Paras egal sein. Natürlich fiel im Laufe der Operationen auf, dass Legionäre und Israelis nicht gerade Sympathien füreinander entwickelten. Woran es wohl lag? Eine Liebesbeziehung war es jedenfalls nicht. Das eisige Verhältnis blieb, solange der Einsatz andauerte. Von der Stadt her ertönte ein Geräusch, das die Legionäre nur allzu gut kannten. Hunderte, nein tausende von Handfeuerwaffen schossen gleichzeitig in die Luft. Der Lärm steigerte sich frenetisch von Minute zu Minute und schon bald erschien ein imposanter, langer Fahrzeugkonvoi. Palästinenser!

In Windeseile sicherten die Legionäre den Hafen ab. Checkpoints wurden errichtet, knallharte Regeln etabliert. Es stand außer Frage, dass jeder, wie es ihm beliebte, einfach so in der Hafengegend herumspazieren konnte. Die meisten Palästinenser passierten die Checkpoints, wie etwa den Checkpoint Vert der ersten Kompanie, noch in diesen ersten Tagen nach dem Eintreffen der Legionäre, um sich am Hafen zum Abtransport einzufinden. Die Kämpfer der PLO hatten die Koffer in der Rechten, ihre Handfeuerwaffen, hauptsächlich Kalaschnikows, tschechische Skorpions oder U.S. Ingrams (MAC-10) Maschinenpistolen, in der Linken.

Sie feierten den zeitnahen Abzug bereits wie einen Sieg. Einen Sieg, der keiner war, denn die Israelis hatten darauf bestanden, dass die schweren Waffen in Beirut zurückblieben. Auch durften nur die wenigsten Familienmitglieder, Frauen und Kinder das Land vorerst verlassen. So gesehen war es ein humanitäres Desaster. Aus Angst vor Repressalien verschleierten sich viele Palästinenser mit der weiß-roten oder der weiß-schwarzen Kufiya. Sie fürchteten, von den Israelis gefilmt und später von Geheimdiensten erkannt zu werden. Eine der Aufgaben der Legionäre bestand darin, die auf Lastwägen eintreffenden Palästinenser zu zählen, Fotos zu machen und ihnen alles, was in die Kategorie kollektiv- oder schwere Waffen fiel, abzunehmen. Da die Israelis den Legionären anfänglich nicht vertrauten, platzierten sie kleine Teams auf den umliegenden Dächern. Mit Ferngläsern und Feldstechern beobachteten sie die Arbeit der „Frenchies“. Es stellte sich später als sicher heraus, dass auf einem der Oberstleutnant Janvier mit Offizieren des USMC (United States Marine Corps – Ledernacken).von den Legionären zufällig geschossenen Fotos ein gewisser Ilich Ramírez Sánchez alias „Carlos“, Freund und späterer Ehemann von Magdalena Kopp, einer deutschen Top-Terroristin der „Revolutionären Zellen“, zu erkennen war. Schlüpfte Carlos, „der Schakal“, so durch das Netz seiner Verfolger? Gut möglich!

Der Legionär, der am Checkpoint unmittelbar vor dem Hafen Wache schob, beäugte mit Argwohn das Fahrzeug, das langsam auf seinen Posten zufuhr. Als deutlich wurde, dass es tatsächlich den Checkpoint passieren wollte, lud er seine Waffe durch und brachte sie in Anschlag.
»Chef!«
Sein Gruppenführer, ein Sergent-chef der CRAP, war sofort an seiner Seite.
»Was gibt’s?«
»Da. Das sieht nach Verdruss aus«, sagte der Legionär und zeigte mit seinem kantigen Kinn nach vorne. Zehn Meter von ihnen entfernt war das Fahrzeug inzwischen zum Stehen gekommen. Ein israelischer Soldat sprang heraus und lief direkt auf sie zu.
»Behalte den Wagen ganz genau im Auge«, sagte der Sergent-chef zu dem Wachposten. »Ich kümmere mich um den seltsamen Vogel.«
Der seltsame Vogel trug ein rotes Barett. Nichts an seiner Uniform gab Rückschluss auf seinen Dienstgrad. Mit selbstsicheren Schritten lief er weiter auf den Checkpoint zu und hob lächelnd die Hand.
»Wer hat hier das Sagen?«
»Ich. Was kann ich für Sie tun?«
»Ich meine, wo ist euer Kommandeur? Im Fahrzeug hinter mir ist jemand, der ihn gerne sprechen möchte.«
»Oberstleutnant Janvier empfängt nicht!«
Die Stimme des Sergent-chef der Legion klang bestimmt.
Der Mann vor ihm lief rot an.
»Auch nicht den israelischen Verteidigungsminister? Ich an deiner Stelle würde mich ganz genau erkundigen, bevor du morgen schon Toiletten schrubbst, anstatt heute hier den Helden zu spielen.«
»Gibt’s Probleme, chef?«
Ein weiterer Legionär, die Waffe lässig in der Hand, war hinzugekommen.
Der Sergent-chef schüttelte den Kopf. »Keine Probleme. Aber geh rüber zum PC (Hauptquartier der Legion) und sag, dass einer hier ist, der behauptet, der israelische Verteidigungsminister zu sein. Er bittet um eine Audienz.«
Während der Legionär tat, was ihm befohlen wurde, wurde der Kopf des israelischen Soldaten noch röter. Immer öfter sah er zum Fahrzeug hinter sich, in dem ein bulliger Mann, eingekeilt von zwei Leibwächtern, ungeduldig auf dem hinteren Sitz hin und her rutschte. Zwei Minuten später erschien der Legionär wieder und flüsterte dem Sergent-chef etwas ins Ohr.
»Der Oberstleutnant entschuldigt sich«, sagte der schließlich mit einer Spur Ironie in der Stimme. »Aber es bleibt dabei. Kein Empfang! Und nun bitte ich Sie, den Weg frei zu machen.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stieg Generalmajor Ehud Barak zurück in den Wagen. Der Fahrer drehte um und verschwand. Natürlich war es Verteidigungsminister Ariel Scharon, der dort im wegfahrenden Auto saß. Im Nachhinein kann man die Szene interpretieren, wie man mag. Sicher aber war es ein geschickter Schachzug von Oberstleutnant Janvier, alle Beteiligten von der absoluten Neutralität Frankreichs und der internationalen Eingreiftruppe zu überzeugen. Früh am Morgen des 25. August erreichte ein Vorauskommando der US-Ledernacken die Stadt. Sie sollten die bisherigen Stellungen der Paras Legion am Hafen übernehmen, damit diese weiter in die Stadt vorrücken konnten. Sobald die US-Marines die Positionen am und um den Hafen herum bezogen hatten, sickerten Punkt 8 Uhr die Legionärs-Patrouillen der ersten Kompanie in die Stadt ein. Die zweite Phase der Operation Épaulard hatte begonnen. Die Paras des 2. REP drangen vorsichtig bis zum Beyhum-Platz vor, wo die Demarkationslinie verlief.

alle Bilder © Légion étrangère/2. REP

 

Über den Autor
Thomas Gast
Autor: Thomas Gast
Im Februar 1985 engagierte der Autor in der Fremdenlegion, wo er bis Anfang 2002 blieb. Nach der Legion war Thomas Gast lange Zeit in der Sicherheitsbranche tätig. Er arbeitete und lebte in Saudi Arabien (als Sicherheitsmitarbeiter – Klient: Delegation der Europäischen Kommission in Riad); Haiti (als Security- Country Manager – Klient: Delegation der Europäischen Kommission in Haiti); Israel (als stellvertretender Country Manager am ECTAO – European Commission Technical Assistance Office); Yemen (als Security- Teamleiter für Surtymar / YLNG – Yemen Liquefied Natural Gas); Rotes Meer – Golf von Aden – Arabische See (als Privately Contracted Armed Security Personnel (PCASP) bewacht der Autor seit Juni 2014 Schiffe vor Piratenangriffen. Sein Buch ´PRIVATE SECURITY` findet in der Sicherheitsbranche regen Zuspruch. Foto: Thomas Gast mit seiner Neuerscheinung PRIVATE SECURITY. © Thomas Gast
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