Flughafen Ndjili, 19. Mai 1978 … beginnend mit dem Helm: Schirme anlegen!
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Einsatz der Fallschirmjäger der Fremdenlegion im Kongo (Zaire).

Kolwesi, Operation Leopard. Mai – Juni 1978. Teil Zwei.

Von Thomas Gast

Alles in allem standen 700 Legionäre bereit. Ihr Auftrag? Man spekulierte! Außer einigen Eingeweihten wusste niemand etwas Genaues. Neben den mit Männern, Munition und Gerät vollgeladenen Lastwägen fuhren auch einige leere LKWs am Ende der Kolonne. Das war eine reine Vorsichtsmaßnahme, zeigte aber, wie ernst man die Sache nahm. Sollte ein LKW eine Panne haben, wurde einfach umgeladen und schon konnte es ohne Zeitverlust weitergehen. Unmittelbar vor Solenzara scherte eine Kolonne aus und fuhr direkt zum nahen Munitionsdepot, wo ganze Tonnen von Munition aufgeladen wurden. Allein an der Tatsache, dass auch Mörsergranaten vom Typ GC-35 in großer Menge darunter waren, sahen die bisher noch skeptischen Legionäre, dass es ans Eingemachte ging. Diese Art Munition vertrug sich nicht mit einer Übung. GC, das stand für Grande Capacité, was nichts anderes hieß, als tödliches, hässliches Schrapnell. Man flüsterte leise einen Namen: Kolwesi?

Solenzara, am selben Morgen

Capitaine Coevoet, ein Klemmbrett unterm Arm und umringt von den stellvertretenden Kompaniechefs, stand wie ein zweiter Napoleon vor den Maschinen. Um im Donnern der Turbinen auf sich aufmerksam zu machen, musste er fast brüllen. »Erste Kompanie komplett und Teile Stab in die erste DC-8. 18,9 Tonnen Material. Die Dritte: keine Änderung. Alle Mann und ein Teil des Stabes plus 17 Tonnen Material in die zweite Maschine, außer, lass sehen … ja. Dreizehn Legionäre der Dritten nehmen in der dritten Maschine Platz. Hinzu kommt der Rest der Stabskompanie mit 19,5 Tonnen Material. Alles andere wie geplant, und nun los!«

So ging es noch eine Weile hin und her, bis alles perfekt war und Sinn machte. Die Kisten, die eine nach der anderen in den Bäuchen der vier Maschinen (3 DC-8 UTA / eine DC-8 Militärmaschine) mit Bestimmungsort Kinshasa verschwanden, waren vollbeladen mit Waffen und Munition. Bei dem Löwenanteil handelte es sich um alte Munitionskisten, in denen sich einst Granaten der Panzerfaust LRAC, original verpackt zu je vier Einheiten, befanden. Dahinein passten pile-poil, wie die Legionäre zu sagen pflegten, die Maschinenpistolen MAT-49, sowie die Pistolen MAC 1950. Die Scharfschützengewehre FR-F-1 und die Sturmgewehre MAS 1949-56, geläufig - FSA - hingegen, fanden in den leeren, hölzernen Munitionskisten der Mörsergranaten Platz. Überall waren Etikette angebracht, mit Namen und Farben der Einheiten: Grün, Rot, Schwarz, Grau, Blau und Gelb! Es handelte sich dabei um die Kampfkompanien eins bis vier sowie um die schwere und die Stabs- und Versorgungskompanie. Gegen 10 Uhr 30 befahl Oberst Erulin seine Hauptleute zu einem Meeting in ein kleines Büro an der Luftwaffenbasis.

»Schwarzer Kaffee und einige Infos«, versprach er. Die Offiziere erfuhren aus dem Mund ihres Chefs, was geplant war und wie es nun weiterging.
»Kinshasa heute Abend, Kolwesi vielleicht schon morgen früh, mehr verrate ich euch nicht, sonst käme Jeannou ja ganz umsonst.«
»Lacaze? Der General?«
Die Offiziere waren sprachlos.

Erulin nickte. »Seine Maschine landet in genau zehn Minuten und wir werden ihn gebührend in Empfang nehmen. Lasst die Männer antreten, und dass mir keiner von ihnen dumme Fragen stellt!«
Einsatzskizze der Stadt Kolwesi. In Gelb, die ersten Angriffsziele.
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Kaum eine Viertelstunde später schritt General Jeannou Lacaze, Chef der elften Luftlandedivision, im schneidigen Kampfanzug und angetan mit dunkelbraunen Lederhandschuhen die Legionärsfront ab. Einmal an der Truppe vorüber, stellte er sich so, dass er alle Soldaten auf einmal im Blick hatte.
»Der Auftrag, der euch Legionären vom Präsidenten der Republik persönlich anvertraut wird«, sagte er mit lauter Stimme, »ist von enormer Wichtigkeit. Ihr seid dazu ausgewählt, über Kolwesi abzuspringen und dem Drama, das dort in diesen Augenblicken stattfindet, ein Ende zu bereiten.«

Diese Nachricht musste sich erst einmal setzen, denn auf einen solchen Coup warteten andere Militärs ein ganzes Leben lang umsonst. General Lacaze schwieg eine Weile, ließ seinen Blick wieder und wieder über die Reihen der vorne stehenden Legionäre gleiten und fügte dann etwas leiser hinzu: »Es besteht kein Zweifel daran, dass viele von euch nicht vom Einsatz zurückkehren werden.«

Ein kaum hörbares Raunen ging durch die Reihen der Legionäre. Ihnen stand endlich ein Kampfauftrag nach Maß bevor. Einige Blicke irrten hinüber zum Militärpfarrer, Yannick Lallemand. Oberst Erulin hatte mit Vehemenz darauf bestanden, dass er mit von der Partie war. War es göttliche Eingebung oder gar weise Voraussicht?
Ihn zu finden, das war wieder eine andere Sache, denn der Padre meldete sich bei niemandem ab, außer bei seinem Herren. Er war am Vortag mit einer Einheit in den Bergen unterwegs, konnte erst in allerletzter Minute ausfindig gemacht werden.

Das erste Kontingent hob gegen Mittag in Solenzara ab und erreichte Kinshasa kurz vor Mitternacht. Dort wurden die Offiziere vom französischen Botschafter Ross sowie von den Obersten Gras und Larzul empfangen. Beide bestätigten, was die Spatzen längst von den Dächern pfiffen: Die Lage sei sehr ernst! Das Problem waren die Medien. Das, was man Diskretion und Zurückhaltung nannte, schienen sie nicht zu kennen. Damit setzten sie nicht nur das Leben aller Europäer in Kolwesi, sondern auch das Leben der Legionäre aufs Spiel. Im Fernseher und den Radios sprach man von einem militärischen Eingreifen, das am Samstag, spätestens am Sonntag stattfinden sollte. Nicht nur den Offizieren auf höchstem Niveau war klar: Um den Überraschungseffet voll nutzen zu können, musste das Datum des Einsatzes diskret vorverlegt werden. Und zwar auf morgen, den 19. Mai. Diese Entscheidung fiel keine Sekunde zu spät, auch weil Spezialisten des Nachrichtendienstes inzwischen eine Meldung aus Angola zu Händen des Rebellenführers abgefangen hatten. Demnach soll sich Nathanael M’Bumba bereit machen, Kolwesi mit seinen Tigern schnellstens zu verlassen, nicht aber ohne vorher sämtliche Europäer umgebracht zu haben. Der Einsatz der Legionäre, das war nun klar, musste Schock und Schnelligkeit vereinen, sonst waren die Geiseln verloren.

Devils, Not Men! Diese Legionäre sind Teufel, keine Männer!

Sautons ensemble, sautons ensemble.
Légionnaire nous ne reviendrons pas.
Là-bas les ennemis t’attendent.
Sois fier, nous allons au combat!

Lass uns zusammen springen, lass uns zusammen springen.
Legionär, wir werden nicht zurückkehren.
Die Feinde warten dort auf dich.
Sei stolz, wir ziehen in den Kampf!

Lied der Paras Legion. Ursprung: Rot scheint die Sonne / Fallschirmjägerlied

Mai 1978

Absprung der ersten Welle am 19. Mai.
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Als die Paras Legion sich vollzählig am Flughafen Ndjili eingefunden hatten, tauchten die ersten Probleme auf. Man konnte nicht über die eigenen Fallschirme verfügen, sondern musste auf die amerikanischen T-10 Schirme der FAZ, der regulären Armee Zaires, zurückgreifen. Französische Sprunggepäcke und Lastensäcke, kombiniert mit US-Schirmen, das konnte heiter werden.

Auf Grund der größeren Fläche des T-10 war auch die Sinkgeschwindigkeit geringer, was im taktischen Einsatzsprung kein Vorteil war. Landkarten gab es keine, außer amerikanischen Maps im Maßstab von 1:250.000. Somit war Kolwesi für die Teileinheitsführer auf Kompanieebene nur ein Punkt auf der Karte. Der Absprung selbst sollte in zwei Wellen stattfinden. Insgesamt standen für die erste Welle vier Hercules C-130 und zwei Transall C-160 bereit. So sah der ursprüngliche Plan vor, dass die erste Welle mit dem Kommandeur, seinem Stab, drei Kampfkompanien, den schweren Waffen sowie den vier Soldaten des 13. RDP über dem Aeroklub im Norden der Stadt abspringen sollte. Das ergab 381 Paras gleichzeitig am Boden. Eine Beteiligung der belgischen Kräfte wurde in dieser Phase ganz und gar ausgeschlossen. Zumindest bis zum Morgen des 20. Mai. Da es eine Überwachung des Objektes Kolwesi durch Elemente am Boden nicht gab, fehlten sichere Informationen über die genaue Art, über die Stärke, über das Verhalten sowie über die Absicht der Tiger-Rebellen. Die Taktik und der Handlungsspielraum der Paras Legion waren somit festgelegt: das Überraschungsmoment ausnutzen und dann dran, drauf, drüber bei vollem Risiko. Die Haupt-Angriffsziele waren folgende:

  • Eine Schule, das Lycée Jean XXIII im südlichen Teil der alten Stadt
  • Ein Krankenhaus des Unternehmens Gécamines
  • Das Impala Hotel

Das Lycée Jean XXIII war Sache der ersten Kompanie unter dem Befehl von Capitaine Poulet (†). Hier, und das wusste man, hatten die Rebellen mehrere Europäer Tote. Überall Tote!
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zusammengepfercht. Das Krankenhaus war ein Zwischen-Angriffsziel der zweiten Kompanie unter dem Befehl von Capitaine Dubos, während das Impala Hotel von der dritten Kompanie unter dem Befehl von Capitaine Gausseres eingenommen und gesichert werden sollte. Die chefs d’avion (die Verantwortlichen für die jeweiligen Paras, der Fallschirme sowie der Fracht in den einzelnen Flugzeugen), allesamt unter dem Befehl von Capitaine Coevoet, hatten die Aufgabe, die Männer so in ihrer Maschine zu platzieren, dass die organischen Gruppen und Züge eng beieinandersaßen. Das war unumgänglich, damit sie am Boden sofort als Kampfeinheit zueinanderfinden und ohne Zeit zu verlieren losschlagen konnten.

Als um 6 Uhr 30 die Schirme richtig saßen, die Lastensäcke mit den Musettes TAPs (kleines Kampfgepäck) darin teils mit Draht und Schnüren festgemacht waren, begann das Warten. Es roch nach Kerosin und nach Schweiß: Nur Paras wissen, wie betörend dieser Geruch sein kann! Um 7 Uhr, kurz bevor die Maschinen tatsächlich beschuffelt werden sollten, erfuhren die Paras, dass eine Transall C-160 ganz ausgefallen war und eine Hercules C-130 erst in ein paar Stunden einsatzbereit sein würde. Alles musste in allerletzter Minute umgekrempelt werden, und zwar „schnell“ im Schweinsgalopp, denn es blieb wenig Zeit. Kaum waren die Probleme gelöst, kam auch schon die nächste Schocknachricht. Die Operation sollte sofort gestoppt werden! Die Verwirrung war total. Doch dann, endlich: Grünes Licht des französischen Präsidenten! Die Paras des 2. REP, die seit zwei Tagen kaum geschlafen hatten, atmeten erleichtert auf und bestiegen schwer beladen die ihnen zugeteilten Maschinen. Wie die Sardinen, dicht aneinandergedrängt, hofften und bangten sie, dass von nun an alles glatt verlaufen würde. Nach allem, was sie bisher durchgemacht hatten, war es auch nicht weiter schlimm, dass erst noch schnell der platte Reifen einer Transall repariert werden musste. Die Flugzeit betrug vier Stunden und zwanzig Minuten. Während des Fluges schliefen die meisten Legionäre. Drei oder gar vier Stunden Schlaf am Stück? Ein Geschenk Gottes! Fünfzehn Minuten vor Erreichen der Sprungzone ertönten die Stimmen der Absetzer.

„Aufstehen, einhaken, überprüfen!“
Debout ! Accrochez ! Serrez vers l'avant!
Die Paras halfen sich gegenseitig auf, schüttelten sich, denn die Glieder waren steif, die Enge bedrückend. Doch noch war Geduld angesagt, denn es gab ein weiteres Problem. Durch einen Irrtum hatten die Piloten die falsche Flugachse genommen. Sie flogen quasi im Tiefflug einmal über die Stadt. Die Tiger waren sofort alarmiert!
Noch fünf Minuten!
Der zweite Anflug sofort danach war der richtige. Wie auf ein Signal öffneten die Absetzer die Sprungtüren.
Drei Minuten! Rotes Licht!

Die Achse stimmte, die Stadt kam schnell näher und näher, während zu Füßen des Mannes in der Tür die Landschaft rasend schnell vorbeiflog. Der Absprung über Kolwesi sollte aus einer Höhe von 250 Metern stattfinden, und das bei einer Absetzgeschwindigkeit von 400 km/h. Der Wind blies mit sechs Metern pro Sekunde. Die Dropzone? Ein Wirrwarr aus zwei Meter hohem Elefantengras, aus hohen Bäumen, Stromleitungen und tiefen Gräben. Hinzu kamen die abrupten Senken und Trichter der nahen Kupferminen. Die Lastensäcke mit den schweren Waffen sollten am Anfang der Sprungzone abgesetzt werden. Es war Nachmittag 15 Uhr 40 lokale Zeit. Zuerst war es bitter kalt in den Maschinen, nun stieg das Adrenalin, erhitzte Körper und Geist. Die Paras waren froh bei dem Gedanken, endlich springen zu dürfen. Die Befehle?

  • Schnelles „summarisches“ Sammeln am Boden.
  • Im Laufschritt die gegebenen Ziele erreichen und noch aus der Bewegung heraus angreifen.
  • Auf eigene Verluste zunächst keine Rücksicht nehmen, die Wunden sollte man sich später lecken!

Ein Mann deckt, der andere überprüft.
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Alle Paras wussten, was das bedeutete. Die erste Welle, etwas weniger als 400 Legionäre, würde es mit 1500 bis 2000 Tiger-Rebellen zu tun haben. Und noch etwas. Sollte die Sache schiefgehen, gäbe es niemanden, der diesen ersten 400 Fallschirmjägern der Legion würde helfen können. Sie waren auf sich gestellt. Eine Unterstützung zu Lande, aus der Luft?
Das war eine schöne Illusion!

Im Sprunggepäck der Männer befanden sich 72 Stunden Autonomie an Rationen und Munition. Außer dem eigenen Gepäck führten sie die Munition der schweren Waffen mit. MG-Gurte zum Beispiel, aber auch Panzerfaustpatronen, Gewehrgranaten und Rauchtöpfe, Ersatzbatterien für die Funkgeräte etc. Angesichts dieser Masse an Material hatte man den Schlafsack oder gar die eine oder andere Essensration schon mal außen vor gelassen. Nur ein Fallschirmjäger kann sich vorstellen, was für ein Gewicht die Sprunggepäckbehälter tatsächlich hatten. Was die Moral anbelangte, so war die Sache einfach. Die Legionäre hatten Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und in ihre Chefs, und umgekehrt. So gesehen sprang keine militärische Einheit über Kolwesi ab, sondern eine Familie: Eine Bande von Brüdern! Vertrauen musste man zunächst in die Piloten haben. Bei denen jedoch lief an diesem Tag einiges schief. Die verschiedenen Maschinen flogen zwar in der richtigen Achse, aber während ein Flugzeug die Sprungzone auf einer Höhe von 400 Metern anflog, schwebte das nächste sofort dahinter auf einer Höhe von 250 Metern heran. Wem es auffiel, dem bescherte es eine Gänsehaut.
Fertig zum Sprung!
Grünes Licht!
GO!

Mit einem trockenen Plopp öffneten sich die Fallschirme einer nach dem anderen. Bereits in der Luft wurden die Legionäre beschossen. Auf den Pfarrer Yannick Lallemand, der eingekeilt zwischen Oberst Erulin und dem Regimentsarzt, dem Médecin-Commandant Ferret, ins Leere sprang, schoss niemand. Doch er hörte deutlich, wie Kugeln unweit an ihm vorbeifetzten. Yannick Lallemand hatte damit gerechnet, denn er kannte die Afrikaner, kannte ihre Mentalität, ihre guten, aber auch die schlechten Seiten. Zehn Jahre Afrika! Über den schwarzen Kontinent konnte ihm niemand etwas erzählen, was er nicht schon wusste. Die meiste Zeit davon hatte er im Tschad, ganz nach seinem Vorbild Charles de Foucauld (Bruder Karl von Jesus), verbracht. Sieben Jahre blieb er im 2. REP bei den Paras, brachte es bis zum Ende seiner Karriere auf nicht weniger als 1000 Fallschirmsprünge. Selbst die Tatsache, dass er an diesem denkwürdigen Tag direkt neben dem Kadaver eines afrikanischen Soldaten landete, konnte ihn nicht aus der Fassung bringen. Père Lallemand, wie jeder ihn nannte, war für diesen Einsatz brancardier, Sanitäter also. In dieser Legionär mit der MAT 49 im Anschlag.
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Eigenschaft war seine Musette voll mit Mullbinden, Garotten, Desinfektionsmittel und Verbandszeug in allen Größen. Er betete, das Zeugs nicht gebrauchen zu müssen, doch seine Gebete wurden nicht erhört.

Wirklich erstaunt über die Realität der Kriegslogik waren nur die jungen Legionäre, die lautlos neben ihm zu Boden schwebten.
»Verdammt. Sie schießen auf uns!«
»Na du bist lustig. Hast du was anderes erwartet? Kneif die Arschbacken zusammen und mach einfach wie beim Training.«

Und genau das taten die Legionäre. Wie in der Ausbildung sammelten sie sich in einer Rekordzeit. Nach fünfzehn Minuten meldeten alle Züge „klar zum Gefecht“ und das, obwohl mehrere Männer fehlten. So zum Beispiel fast alle Panzerfaustschützen. Ihre Lastensäcke, die TAP-5, wurden viel zu früh abgesetzt, und da sich ein LRAC-Schütze nie von seiner Waffe trennt …! Nun, den Schützen blieb zumindest die Pistole, um sich zu verteidigen. Bei Einbruch der Nacht fehlten immer noch acht von ihnen. Alle fanden sich jedoch innerhalb der nächsten 24 Stunden wieder gesund und munter ein. In einem fremden Land, umringt von Tiger-Rebellen und völlig alleine auf sich gestellt, war es ihnen jedoch nur teilweise gelungen, ihre Waffen zu bergen: Teufelskerle! Nur einer war nicht beim Rendezvous. Der Obergefreite Arnold der ersten Kompanie. Sein lebloser Körper wurde später unter einem Steinhaufen versteckt gefunden. Er hatte nicht die Zeit gehabt, seinen Fallschirm abzulegen. Die Rebellen ermordeten ihn, als er noch völlig hilflos im Gurtzeug lag. Ein Legionär blieb am Flugzeug hängen. Wie man sich in einem solchen Fall verhielt, das wussten die Springer. Und das wusste auch der Absetzer. Der nämlich schnitt die Fallschirmleinen kurzerhand durch und gab dem verdutzten Legionär das Zeichen, er solle den Reserveschirm ziehen. Es war eine gelungene Aktion.

Caporal-chef Lacan, der Funker von Capitaine Gausseres, sah grün, und das im wahrsten Sinn des Wortes. Es landete auf einem dreißig Meter hohen Baum. Nachdem er geprüft hatte, ob noch alle Knochen heil waren, ging er vor, wie er es in der Springerausbildung gelernt hatte. Er holte die Leinen des Reserveschirms heraus und seilte sich daran bis zum Boden ab. Im Laufschritt, die Waffe in der Hand und das wertvolle Funkgerät auf dem Rücken, schloss er zur dritten Kompanie auf, die bereits in die ersten Kampfhandlungen verstrickt war. Insgesamt waren sechs Legionäre sprungbedingt verletzt, es gab fünf Beinbrüche. Oberst Erulin war es wichtig, dass noch vor Einbruch der Dunkelheit Klarheit herrschte. Genau in diesem Sinne drang seine blecherne Stimme über das Funkgerät an die Ohren der Teileinheitsführer.
»An alle! Greifen Sie auf schnellstem Wege und koste es, was es wolle, Ihre Ziele an!«

Sofort war überall auf der Sprungzone die Hölle los. Den Teufel mit sich im Gepäck, stürmten die von allen Geistern besessenen Legionäre gruppenweise auf den Feind in der Stadt zu. Sie hatten nur eines im Sinn. Der Gegner musste so aggressiv angegangen werden, dass er kaum Zeit hatte, sich zu organisieren, oder gar an einen Gegenangriff denken konnte. Auch sollte den Rebellen nicht die Zeit bleiben, sich aus Rache nun den Europäern zuzuwenden. Einfach war es nicht, denn von Beginn an schlug ihnen ein andauerndes Sturmabwehrfeuer entgegen. Die MG-Garben der Tiger waren jedoch nicht zielgenau. Die Legionäre antworteten mit gezieltem Einzelfeuer.

Im Abschnitt der dritten Kompanie gab es Panzeralarm! Aus dem Schatten hoher Bäume heraus lösten sich plötzlich zwei Panzerwagen der Rebellen. Feuerspuckend rasten sie auf die Stellung der Paras zu. Der erste, der sich präsentierte, wurde vom Obergefreiten Morin leidenschaftslos vernichtet. Die Panzerfaustpatrone, die er abschoss, traf den kleinen Turm mit voller Wucht. Sollte es noch Zweifel über einen Überlebenden im Panzer gegeben haben, dann wurden diese schnell beseitigt. Mit einer Gewehrgranate, abgefeuert aus kurzer Distanz, gab der Obergefreite Laroche dem AML den Rest. Von den Scharfschützen der Kompanien sah man weit und breit nichts. Sie lagen jedoch überall gut getarnt auf der Lauer. Jeder von ihnen war ausgestattet mit dem FRF-1 Kaliber 7,5 mm und einer Zielfernrohr APX-L-806 mit einer Vergrößerung von 3,85. Egal, was sich am Stadtrand oder in den Gebäuden dahinter bewegte: Ihre Kugeln trafen es! Sie deckten das Vorrücken der Gruppen und richteten viel Unheil in den Reihen der Tiger an. Die Rebellen fielen, ohne dass sie je erfuhren, was ihnen überhaupt geschah und woher die Gefahr kam. Die Legionäre wurden dem Gegner sehr schnell schon unheimlich, und genauso unheimlich waren die Kämpfe: unheimlich heftig, brutal!

Auf dem Weg zur Brücke Bravo, die die alte mit der neuen Stadt verbindet, stieß ein Zug der dritten Kompanie auf ein starkes Feindkontingent. Die Reaktion der Zugführer der Legion war klassisch: MGs und Scharfschützen hielten den Gegner nieder. Eine Gruppe deckte die Aktion, nahm flüchtende Rebellen aufs Korn, eine andere umging den Feind weitläufig. Dann gingen die kleinen rapiden Sturmtrupps ans Werk. Schubladenförmig, Feuer und Bewegung ausspielend, rückten sie zum Angriff vor. Das Ganze fand genauso statt wie auf dem Übungsgelände für ein Zuggefechtsschießen. Nur eben, dass es real war. Die Reflexe kamen also nicht von ungefähr. Die Automatismen griffen und sie wurden im Laufe der Operation immer besser. Unmittelbar darauf drang die dritte Kompanie in den Stadtrand des Quartiers Manika ein. In den staubigen Straßen vor ihnen lagen abgeschnittene Hände, leblose aufgedunsene Körper und in der Luft schwebte ein Flair vom Horror, der sich noch kürzlich hier abgespielt hatte. Vor einer Kreuzung, an der es links zur technischen Schule der Gendarmerie ging, ertönte plötzlich ein Geräusch, das nirgends einzuordnen war.

Aufgesessene Legionäre des 2. REP.
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»Vorsicht, alle Mann in Deckung!«
Sergent Sabljic, ein bulliger Kroate, warf sich sofort zu Boden, wartete drei Sekunden und lugte dann vorsichtig um die Ecke.
»Was zum Teufel ist das?« flüsterte er.
Aus einem länglichen Gebäude drang vom Keller her eine Melodie, die er nur allzu gut kannte.
»Da singt jemand die Marseillaise!« sagte er schließlich zum Schützen hinter sich. In der Tat. Unschwer hörte das geübte Ohr die Melodie der französischen Nationalhymne aus dem Gefechtslärm heraus.
Der Schütze war auf der Hut.
»Sergent, das könnte auch ’ne Falle sein!«
»Du wirst es rauskriegen. Schnapp dir deinen Binome und sieh nach. Vorwärts.«

Noch bevor der Legionär sich erheben konnte, ertönten zwei Schüsse. Sie fielen so dicht hintereinander, dass sie wie ein einziger klangen. Ein Schrei folgte. Ein Rebell, der sich in der Schule aufgehalten hatte, erhob sich, brach zusammen und stürzte tot zu Boden. Ein Zweiter rührte sich nicht mehr. Der Scharfschütze der Gruppe Sabljic, der kaum hundert Meter dahinter auf dem Dach eines flachen Hauses lag, zeigte sich kurz, streckte seinen Daumen in die Höhe und tauchte sofort wieder unter.

Von der Schule her wurden Stimmen laut.
»Nicht schießen. Wir sind Franzosen!«
»Liegen bleiben«, zischte Sabljic seinen Männern zu. Und an die angeblichen Franzosen gewandt: »Kommt heraus, und zwar so, dass wir immer eure Hände sehen können. Jetzt!«

Es waren neunundzwanzig Zivilisten, darunter siebenundzwanzig Franzosen. Als sie die französischen Paras sahen, kannte ihre Euphorie keine Grenzen mehr. Einige weinten, dem Nervenzusammenbruch nahe, andere tanzten vor Freude. Man kümmerte sich um sie, ließ ein kleines Détachement als Bewachung zurück und rückte weiter vor. Als die Paras die ersten alten Häuser der Cité Manika erreichten, begegneten sie einmal mehr dem Horror! Überall stießen die Legionäre auf verbrannte Häuser und verweste Leichen, an denen sich Ratten und ausgehungerte Hunde labten. Viele der Toten hatten eines gemeinsam: Die Rebellen hatten ihnen, warum auch immer, die Achillessehnen durchschnitten. Es gab Spuren von Massenvergewaltigungen und von Plünderungen, und immer wieder trafen die Legionäre auf den Feind. Auf einen Feind, der gut kämpfen konnte. Nicht gut genug jedoch, denn gegen 18 Uhr hatten die Paras Legion fast alle Ziele eingenommen. Vom Einsatz noch atemlos, stellten die Funker via Relaisstationen den Kontakt mit Paris her. Als dort die Nachricht ankam, dass das 2. REP in Kolwesi energisch für Ordnung sorgte, atmete ganz Europa auf. Die Paras mussten dennoch Vorsicht walten lassen. Es war ihnen zwar gelungen, die alte Stadt einzunehmen und den Großteil der Europäer daraus zu befreien, im neuen Stadtteil hingegen organisierte sich der Feind in einem letzten Aufbäumen. Am Horizont, aus der langsam untergehenden Sonne heraus, näherte sich derweil die zweite Welle mit der vierten Kompanie und dem Aufklärungszug an Bord. Oberst Erulin, im Algerienkrieg zweimal schwer verwundet, war ein alter Soldat. Er wusste, dass ein Sammeln der „Vierten“ mit Verlusten verbunden sein konnte. Verluste, die in dieser Phase unnötig waren. Kolwesi befand sich zum größten Teil in der Hand der Paras, und man musste das Schicksal nicht noch herausfordern. In Anbetracht der Tatsache, dass die afrikanische Nacht schneller hereinfiel, als ihm lieb war, entschied er, die zweite Welle erst am nächsten Tag, bei erstem Sonnenlicht springen zu lassen. Er tat gut daran.

 

Über den Autor
Thomas Gast
Autor: Thomas Gast
Im Februar 1985 engagierte der Autor in der Fremdenlegion, wo er bis Anfang 2002 blieb. Nach der Legion war Thomas Gast lange Zeit in der Sicherheitsbranche tätig. Er arbeitete und lebte in Saudi Arabien (als Sicherheitsmitarbeiter – Klient: Delegation der Europäischen Kommission in Riad); Haiti (als Security- Country Manager – Klient: Delegation der Europäischen Kommission in Haiti); Israel (als stellvertretender Country Manager am ECTAO – European Commission Technical Assistance Office); Yemen (als Security- Teamleiter für Surtymar / YLNG – Yemen Liquefied Natural Gas); Rotes Meer – Golf von Aden – Arabische See (als Privately Contracted Armed Security Personnel (PCASP) bewacht der Autor seit Juni 2014 Schiffe vor Piratenangriffen. Sein Buch ´PRIVATE SECURITY` findet in der Sicherheitsbranche regen Zuspruch. Foto: Thomas Gast mit seiner Neuerscheinung PRIVATE SECURITY. © Thomas Gast
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