Schloss St. Martin in Oberösterreich
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POLITMORDE VOR 100 JAHREN

Schüsse aus dem Hinterhalt

Von Werner Sabitzer

Vor 100 Jahren erschoss Anton Graf Arco den bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Bei einer anschließenden Schießerei im Landtagsgebäude starben zwei weitere Menschen.
Anton Graf Arco auf Valley
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Kurt Eisner, erster Ministerpräsident Bayerns nach dem Ersten Weltkrieg, befand sich am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Landtagsgebäude in München. Er wollte nach der schweren Niederlage seiner Partei bei der Landtagswahl Anfang 1919 seinen Rücktritt als Ministerpräsident bekannt geben.

Begleitet wurde Eisner von zwei Mitarbeitern und zwei Leibwächtern. Bekannte hatten ihn gebeten, nicht auf der Straße, sondern durch den „Bayerischen Hof“ zu gehen, da er in den letzten Tagen viele Drohbriefe erhalten hatte und in einigen Zeitungen Hasskommentare erschienen waren. Eisner verzichtete auf die Vorsichtsmaßnahmen mit den Worten, man könne einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen.

Drei Todesopfer

Gegen halb zehn Uhr näherte sich in der Promenadestraße (heute Kardinal-Faulhaber-Straße) ein junger Mann dem Ministerpräsidenten, zog eine Faustfeuerwaffe und schoss Eisner in den Rücken und Kopf. Tödlich getroffen schwankte der Politiker und brach lautlos zusammen. Die beiden Leibwächter feuerten auf den Angreifer, der lebensgefährlich wurde.

Zwei Stunden nach dem Mord an Kurt Eisner kam es im bayerischen Landtag zu einem weiteren Schussattentat. Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats (RAR), glaubte, der SPD-Vorsitzende Erhard Auer sei der Urheber des Mordanschlags auf Eisner gewesen. Deshalb schoss er aus Rache von der Zuschauertribüne auf Auer und verletzte ihn schwer. Lindner erschoss danach einen Offizier, der ihn festzuhalten versuchte. Der konservative Abgeordnete Heinrich Osel wurde ebenfalls erschossen. Ob Lindner oder ein anderer auf ihn geschossen hatte, blieb ungeklärt.

Rechtsextrem und antisemitisch

Ministerpräsident Kurt Eisner
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Beim Mörder des Ministerpräsidenten Eisner handelte es sich um einen Hochadeligen aus Oberösterreich, den 22-jährigen Anton Graf Arco auf Valley. Er wurde am 5. Februar 1897 im Schloss Sankt Martin im Innkreis geboren, studierte Rechtswissenschaften und trat in die bayerische Armee ein. Das Schloss Sankt Martin kam im 19. Jahrhundert in den Besitz der Adelsfamilie Arco-Valley.

Anton Graf Arco war rechtsextrem und antisemitisch, obwohl seine Mutter Jüdin war; sie stammte aus der geadelten jüdischen Bankiersfamilie Oppenheim. Arcos Mitgliedschaft in der rechtsnationalen und antisemitischen Thule-Gesellschaft scheiterte wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter. Die Mitglieder der Thule-Gesellschaft agitierten unter anderem gegen den von Kurt Eisner ausgerufenen Freistaat Bayern und die nachfolgende, kurzlebige Münchner Räterepublik, die sie als „Ausfluss der jüdischen Weltverschwörung“ sahen.

Kurz vor dem Mord notierte Arco über sein Opfer: „Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter.“

Todesurteil und Begnadigung

Anton Graf Arco wurde am 16. Jänner 1920 vom Volksgericht wegen Mordes zum Tod verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es, dass der Mörder nicht aus niederer Gesinnung, sondern aus „glühender Liebe zum Vaterland“ geschossen hätte. Am Tag nach der Urteilsverkündung begnadigte ihn die Bayerische Landesregierung zu lebenslanger Haft in der Festung Landsberg am Lech. Festungshaft galt als „ehrenvolle“ Strafe; Arco genoss in der Festung Vergünstigungen. Er konnte Besucher empfangen und hatte Freigang. Aufgrund einer Amnestie anlässlich des 80. Geburtstags des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde Arco im April 1924 aus der Festungshaft entlassen und Im Oktober 1927 endgültig begnadigt. Er arbeitete in der Zwischenkriegszeit als Redakteur und leitender Angestellter. Kurz nach Adolf Hitlers Machtübernahme in Deutschland wurde er im März 1933 in „Schutzhaft“ genommen, weil er sich kritisch gegenüber Hitler geäußert hatte. Arco wurde bald wieder aus der Schutzhaft entlassen. Im Juni 1945 kam er in Salzburg bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Münchner Räterepublik

Die Politmorde in München führten zu einer Verschärfung der innenpolitischen Auseinandersetzungen in Bayern. Der Zentralrat und der Revolutionäre Arbeiterrat riefen am 7. April 1919 die linksradikale Münchner Räterepublik aus, die vier Wochen später von Freikorpsverbänden und der Reichswehr niedergeschlagen wurde. Die meisten führenden Revolutionäre wurden im Kampf erschossen, von Standgerichten zum Tod verurteilt oder erhielten langjährige Haftstrafen.

 

Quellen/Literatur:

Beyer, Hans: Die Revolution in Bayern 1918/19. 2. Auflage, Berlin, 1988.

Hitzer, Friedrich: Anton Graf Arco, Verlag Knesebeck & Schuler, München, 1988.

 

Über den Autor
Werner Sabitzer
Autor: Werner Sabitzer
Werner Sabitzer, MSc, 63, war 30 Jahre lang Pressereferent im österreichischen Bundesministerium für Inneres (BMI) und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“. Er ist seit 2018 Referent für Polizeigeschichte und Traditionspflege im BMI und leitet das Polizeimuseum Wien.
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