KRIMINALGESCHICHTE

Raubüberfall in der Seilbahngondel

Von Werner Sabitzer

1930 Werk Seilbahnstation Veitsch: 1948 Tatort eines Raubüberfalls.
© Foto: Veitsch Radex
Ein einzigartiges Verbrechen ereignete sich am 11. August 1948 in der Steiermark in Österreich. Ein maskierter Mann schwang sich in eine fahrende Seilbahngondel und beraubte einen Geldboten.

Johann Hasenberger, Streckenleiter der Veitscher Magnesitwerke, fuhr am 11. August 1948 mit einer Gondel nach Wartberg im österreichischen Bundesland Steiermark. In einer Tasche hatte er fast 40.000 Schilling an Löhnen für die Arbeiter. Das Geld hatte er im Lohnbüro in Veitsch abgeholt. Als die Gondel etwa die Hälfte der Wegstrecke Richtung Wartberg zurückgelegt hatte und eine Spannstation passierte, schwang sich ein Mann, der ein rotes Tuch um das Gesicht gebunden hatte, in die Gondel. Er schlug Hasenberger mit einem Schraubenschlüssel nieder und raubte ihm das Geld aus der Tasche. Es handelte sich um den einzigen in der Kriminalgeschichte Österreichs dokumentierten Fall eines Raubüberfalls in einer fahrenden Seilbahngondel.

Um Rohstoffe und Fertigprodukte vom Magnesitwerk Veitsch zur Bahnverladestelle nach Wartberg in der Hochsteiermark zu transportieren, hatten die Veitscher Magnesitwerke eine Materialseilbahn über den Hochreiter errichten lassen. Die 1897 in Betrieb genommene Seilbahn war knapp 6,5 Kilometer lang, hatte fünf Spannstationen und 68 Stützen. Es gab 50 Drahtseilwagen, mit denen auch Baumaterial, andere Materialien, Arbeiter und eben die Lohngelder transportiert wurden. Eine Fahrt dauerte eine Stunde und zwölf Minuten, das war etwas schneller als die Schrittgeschwindigkeit.

Nachdem ihm der Unbekannte das Geld geraubt hatte, sprang der leicht verletzte Streckenleiter ab, verfolgte die Gondel zu Fuß und erreichte sie über eine Abkürzung in einer Kurve wieder. Als der Räuber seinen Verfolger entdeckte, sprang er ab und stürzte einen Berghang hinunter. Dabei verletzte er sich und konnte nicht mehr weiterflüchten. Hasenberger und ein Kollege brachten den Räuber zur Gendarmerie. Die Beute wurde sichergestellt.

Beim Täter handelte es sich um den Landarbeiter Basil Boyko aus der Ukraine. Er behauptete, von einem Hilfsarbeiter zum Raubüberfall verleitet worden zu sein. Der Hilfsarbeiter habe die Lieferzeiten der Geldtransporte ausgekundschaftet. Basil Boyko wurde im Oktober 1948 zu einer fünfjährigen Kerkerstrafe verurteilt. Der Hilfsarbeiter wurde freigesprochen; ihm konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden.

Neun Monate nach dem Raubüberfall, im Mai 1949, stürzte das Raubopfer Johann Hasenberger bei einer Lieferfahrt aus einem Seilbahnwagen und verunglückte tödlich. Der Betrieb der Veitscher Materialseilbahn wurde im Februar 1960 eingestellt.

Als Erinnerung an die Materialseilbahn wurde eine alte, am Hochreiter abgebaute Stütze beim Schwarzen Felsen wieder aufgebaut.

 

Quellen:

Raubüberfall auf einer Seilbahn. In: Wiener Kurier, 12. August 1948, S. 3
Aus dem Gerichtssaal. Verbrecherische Ausländer werden ausgewiesen. In: Obersteirische Volkszeitung, 27. Oktober 1948, S. 4. Todessturz aus der Seilbahn. In: Wiener Zeitung, 22. Mai 1949, S. 5.

 

Über den Autor
Werner Sabitzer
Autor: Werner Sabitzer
Werner Sabitzer, MSc, 63, war 30 Jahre lang Pressereferent im österreichischen Bundesministerium für Inneres (BMI) und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“. Er ist seit 2018 Referent für Polizeigeschichte und Traditionspflege im BMI und leitet das Polizeimuseum Wien.
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