Polizeigefangenenhaus im ehemaligen Kloster in der Theobaldgasse (1882 bis 1904).
© LPD Wien/Polizeiarchiv

POLIZEIGESCHICHTE

Polizeihäftlinge im Klostergebäude

Von Werner Sabitzer

Das Wiener Polizeigefangenenhaus war von 1882 bis 1904 im ehemaligen Theobaldkloster untergebracht. Auch davor wurde ein Klostergebäude für Polizeihäftlinge verwendet.
Nachdem Kaiser Joseph II. mit seiner Kirchenreform 1782 die rein kontemplativen Orden aufgelöst hatte, standen in Wien einige Klostergebäude leer. So wurde das Ordenshaus der Karmeliterinnen zu St. Josef in der Sterngasse am Salzgries ab 1783 als Strafarrest für schwere Polizeiübertretungen und kleinere Vergehen verwendet. Im Polizeigefangenhaus arbeiteten unter anderem ein Priester, ein Arzt, ein Wundarzt und eine Hebamme. Im „k. k. Polizei-Haus“ wurden auch Obdachlose und Vagabunden eingesperrt; außerdem diente es als Untersuchungsgefängnis für politische Vergehen. Der Schuldner-Arrest übersiedelte vom „Rumorhaus“ am Tiefen Graben ebenfalls in das Polizeigefangenenhaus in der Sterngasse. Im Volksmund nannte man das Gefangenenhaus „Hotel Stern“.

Das alte, schäbige Gebäude war von einer hohen Mauer umgeben und die Zustände waren verheerend. Ungeziefer und Seuchen setzten den Häftlingen zu. Die Zellenwagen der Wiener Polizei waren für die Einfahrten in das Polizeigefangenhaus zu hoch.

Gebäude des Theobaldklosters

Die Gemeinde Wien beschloss, ein neues Polizeigefangenenhaus einzurichten und erwarb vom Religionsfonds das ehemalige Klostergebäude in der Theobaldgasse. Hier vor dem Widmertor wurde 1343 eine Kapelle errichtet und 1349 ein Versorgungshaus, das 1354 in ein Kloster für Schwestern vom Dritten Orden des Heiligen Franziskus umwandelt wurde. 1541 zogen die Nonnen aus und das Gebäude diente nun den Franziskanern als Ordenshaus, die es den Heiligen Theobald und Bernhard weihten. Kloster und Kirche wurden bei der ersten Türkenbelagerung Wiens 1529 zerstört. Danach wurde die Liegenschaft privat genützt und 1620 von der Stadt Wien erworben. 1621 kaufte ein Ratsmitglied das ehemalige Klosterareal und ließ zu Ehren des Heiligen Theobald eine Kapelle bauen, die 1667 den Karmeliten übergeben wurde. Die Karmeliter begannen 1687 mit dem Bau eines neuen Klostergebäudes und einer Kirche.

1782 löste Kaiser Joseph II. das Kloster auf – neben vielen anderen Klöstern. Das Gebäude diente danach als Zwangsarbeitsanstalt für verurteilte Frauen, als fürsterzbischöfliches Knabenseminar und ab 1804 als Arbeitshaus für Verurteilte. Hier konnten freiwillig auch Bettler und Arbeitslose eintreten; sie erhielten für ihre Arbeit etwas Geld. Im Gebäude befand sich auch eine „Korrektionsanstalt“ für missratende Burschen und Mädchen.

„Hotel Stern“: Polizeistrafarrest (1783 bis 1882) im ehemaligen Karmeliterinnen-Ordenshaus in der Sterngasse.
© LPD Wien/Polizeiarchiv
1882 übersiedelte das Polizeigefangenhaus von der Sterngasse in die ehemaligen Klosterräume in der Theobaldgasse. Das „Hotel Stern“ wurde abgerissen.
Im ehemaligen Theobaldkloster befand sich auch das 1898 gegründete Erkennungsamt der Wiener Polizei. Es bestand aus der Anthropometrie und einem fotografischen Atelier.

„Polizeipalast“ an der Elisabethpromenade

Im Jahr 1902 begann die Wiener Polizei mit dem Bau eines großen Amtsgebäudes mit angeschlossenem Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade (heute: Rossauer Lände) am Donaukanal. Angelehnt an die Elisabethpromenade wurde das Gebäude im Volksmund „Liesl“ genannt. Nach der Fertigstellung des damals modernsten Polizeigebäudes der Welt im April 1904 übersiedelten das Polizeigefangenenhaus und das Erkennungsamt von der Theobaldgasse in den neuen „Polizeipalast“. Das Polizeigefangenenhaus wurde in den 1990er-Jahren in „Polizeianhaltezentrum“ (PAZ) umbenannt. Der Gebäudekomplex in der Theobaldgasse, in einer Tageszeitung als „Rattenburg“ bezeichnet, wurde 1905 abgerissen.

-Erstveröffentlicht Öffentliche Sicherheit-

 

Quellen/Literatur:

Bundespolizeidirektion Wien (Hg.): 80 Jahre Wiener Sicherheitswache. Verlag für Jugend und Volk, Wien, 1949.
Oberhummer, Hermann: Die Wiener Polizei. 200 Jahre Sicherheit in Österreich, Band I. Wien, 1938.
Ein fotografisches Atelier im Polizeihause; in: Morgen-Post, 4. Jänner 1871, S. 4.
Prucha, Paul: Die Österreichische Polizeipraxis mit besonderer Bedachtnahme auf jene der Wiener Polizei-Direktion. Manz-Verlag, Wien, 1877.
Sabitzer, Werner: Lexikon der inneren Sicherheit (Polizeilexikon Österreich), Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien/Graz, 2008.

 

Über den Autor
Werner Sabitzer
Autor: Werner Sabitzer
Werner Sabitzer, MSc, 63, war 30 Jahre lang Pressereferent im österreichischen Bundesministerium für Inneres (BMI) und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“. Er ist seit 2018 Referent für Polizeigeschichte und Traditionspflege im BMI und leitet das Polizeimuseum Wien.
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