Mineraliensammlung im Joanneum Graz: Einige Objekte sind Schenkungen des Polizeidirektors und Forschers Leopold von Sacher-Masoch.

Ein Polizeidirektor als Steineklopfer und Käfersammler

Leopold von Sacher-Masoch, Polizeidirektor in Lemberg, Prag und Graz, war auch Naturforscher, Sammler und Förderer der Naturwissenschaften.

Von Werner Sabitzer

In den Sammlungen der Abteilungen Mineralogie und Geologie/Paläontologie des Joanneum-Naturkundemuseums in Graz befinden sich Mineralien und andere Exponate, die Leopold von Sacher-Masoch, der Vater des gleichnamigen Schriftstellers, dem Joanneum vor eineinhalb Jahrhundert geschenkt hatte.
Leopold Johann Nepomuk Ritter von Sacher-Masoch entstammte einer Beamtenfamilie. Sein Vater, der kaiserliche Beamte Johann Nepomuk Stephan Sacher (1759–1836), kam aus Böhmen nach Galizien und wurde wegen seiner Verdienste 1817 mit dem Leopold-Orden ausgezeichnet. Damit war die Erhebung in den Ritterstand mit 1. April 1818 verbunden.

Sein Sohn Leopold Johann Nepomuk von Sacher wurde am 26. Dezember 1797 in Lemberg (heute: Lviv/Ukraine) geboren, studierte Rechtswissenschaft in Galizien und trat in den Staatsdienst ein. Ab 1826 war er Kreiskommissär in Tarnopol (heute: Ternopil/Ukraine) und von 1829 bis 1830 in Bochnia (heute: Polen). 1831 wurde er Polizeidirektor in Lemberg. In seine Amtszeit fielen die polnischen Revolutionen 1831 und 1846. Darüber schrieb er ein Buch („Polnische Revolutionen. Erinnerungen aus Galizien“), das 1863 im Prager Verlag F. A. Credner erschien, allerdings ohne Verfasserangabe. In den 1840er-Jahren war Sacher auch Direktor des Musikvereins Lemberg.
Leopold von Sacher heiratete 1829 Caroline von Masoch (1802–1870), die Tochter des Mediziners und Rektors der Universität Lemberg, Franz Seraphicus Edler von Masoch (1763–1845). Da dessen einziger Sohn Franz Karl früh verstorben war, drang der Vater darauf, dass der Name Masoch auf die Kinder seiner Tochter Caroline übertragen werde. Deshalb suchte Sacher um eine Namenszusammenführung an, die 1838 vom Kaiser genehmigt wurde. In diesem Verfahren brachte Sacher einen Adelstitel („Ritter von Kronenthal“) ins Spiel, der am 8. Juni 1729 den Brüdern Johann Georg, Franz Joseph und Ignaz Fortunat Sacher verliehen worden war. Diese Linie starb aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Steiermark aus.
Leopold von Sacher-Masoch war sprachbegabt und naturwissenschaftlich tätig. Er sammelte vorwiegend Käfer, aber auch geologisches und paläontologisches Material.
Nach 17 Jahren als Polizeidirektor in Lemberg wurde Leopold von Sacher-Masoch im Revolutionsjahr 1848 als Polizeichef (Stadthauptmann) nach Prag versetzt. Dort förderte er wissenschaftliche Untersuchungen mit Objekten aus seinen Sammlungen. Er unterstützte Museen, Institutionen und die Naturwissenschaftler August Emanuel Reuss, Franz Xaver Zippe und Joachim Barrande, der in Prag wirkte. Barrandes erster, 1852 erschienener Band des 21-bändigen Werks „Système silurien du centre de la Bohême“ entstand mithilfe von Exponaten aus Sacher-Masochs Sammlung. Mit dem Wissenschaftler Rudolf Kner führte Sacher-Masoch in Galizien geologisch-paläontologische Untersuchungen durch. Ihm zu Ehren benannte Kner eine Kreiselschnecke „Turbo sacheri“.
Sacher-Masoch übergab Stücke aus seinen Sammlungen dem böhmischen Landesmuseum in Prag, den Hof-Naturalienkabinetten (heute: Naturhistorisches Museum) in Wien, der k. k. geologischen Reichsanstalt in Wien und dem Landesmuseum Joanneum in Graz.
1854 wurde Leopold von Sacher-Masoch zum Leiter der Polizeidirektion Graz und zum k. k. Hofrat ernannt. 1856 trat er in den Ruhestand. Er lebte zurückgezogen in Bruck an der Mur, wo er am 10. September 1874 starb.

Auszeichnungen

Leopold von Sacher-Masoch wurde mit dem Komturkreuz des Franz-Joseph-Ordens und dem königlich sächsischen Albrecht-Orden ausgezeichnet. Er war Ehrenbürger von Lemberg und Prag, wirkliches Mitglied der Gesellschaft des böhmischen Museums, Ehrenmitglied des naturhistorischen Vereins „Lotos“ in Prag und der naturhistorischen Sektion der mährisch-schlesischen Gesellschaft für Landeskunde in Brünn, Mitglied der deutschen Geologischen Gesellschaft in Berlin, der böhmischen Gartenbau-Gesellschaft in Prag, des entomologischen Vereins Stettin sowie Korrespondent der k. k. geologischen Reichsanstalt in Wien. Von 1863 bis zu seinem Tod 1874 war er Mitglied des naturwissenschaftlichen Vereins Steiermark.

„Venus im Pelz“

Leopold und Carolina von Sacher-Masoch hatten vier Kinder. Der erste Sohn Leopold, geboren am 27. Jänner 1836 in Lemberg, wurde als Schriftsteller sehr bekannt. In seiner 1870 erschienenen Novelle „Venus im Pelz“ als Teil eines umfangreichen Novellenzyklus beschrieb er die Lust eines Menschen, sich sexuell zu unterwerfen und sich Schmerzen zufügen zu lassen. Der Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing (1840–1902), ab 1873 Direktor der neuen steiermärkischen Landesirrenanstalt Feldhof bei Graz und Professor für Psychiatrie an der Grazer Universität, prägte in Anlehnung an das Werk „Venus im Pelz“ von Sacher-Masoch in seiner 1886 erschienenen „Psychopathia sexualis“ den Begriff „Masochismus“.

Geschichte der Polizeidirektion Graz

Im Mittelalter war in Graz – wie in anderen Städten – die Stadtverwaltung für die Sicherheit zuständig. Die Stadtguardia in der frühen Neuzeit war schlecht bezahlt und es mangelte an Disziplin und Verlässlichkeit. 1699 wurde neben der Stadtguardia eine Regierungsguardia aufgestellt, die dem Magistrat und ab 1708 dem Militär in der Garnison Graz unterstellt war.
Das erste „staatliche“ Polizeiamt in Graz wurde 1757 unter der Herrscherin Maria Theresia eingerichtet. Stadthauptmann und Leiter des neuen Polizeiamtes war Baron von Breuneck.
Unter Kaiser Joseph II. wurde 1785 in Graz eine Polizeidirektion eingerichtet. Erster Leiter („innerösterreichischer Polizeikommissär“) war der frühere Kreiskommissär Karl von Haibe. Er erhielt am 1. Juni 1786 die „Amtsinstruktion für den Polizeikommissär in Innerösterreich zu Graetz und sein untergeordnetes Personal“. Haibe wandte sich mit weitgehenden Personalwünschen an Johann Anton Graf Pergen, den Präsidenten der niederösterreichischen Regierung und von 1793 bis 1804 Polizeiminister. Pergen fand aber, dass in Graz die „vorzügliche Aufmerksamkeit der Polizey nicht in dem Maße nöthig sey, wie in Brünn oder Troppau“ und lehnte die Personalforderungen ab.
Noch im Jahr 1786 wurden die Kompetenzen des Polizeiamtes Graz wieder eingeschränkt. Für die örtliche Sicherheitspolizei war wieder der Stadtsenat zuständig und das landesfürstliche Polizeiamt erledigte nur mehr die „geheimen Aufträge“ (staatspolizeiliche Angelegenheiten), unterstützt vom „Militär-Polizey-Wachcorps“.
1787 wurde Haibe als Leiter der Grazer Polizei vom Armeeoffizier Joseph Gundaker von Wolff abgelöst und als Kommissär nach Innsbruck versetzt. „Noch ein Hauptgegenstand, den man unmöglich unberührter lassen kann, ist, daß alle Anzeigen, die man wegen Abstellung der bei jedem Schritte auffallenden Unordnung machet, den Magistrat Wörtlich zugeschicket werden, und auf jede machet derselbe seine meistens boshafte gegen Einwendungen, und muß man sich von Seite der Direkzion auf jede gleichsam nochmal verantworten … Aus allen nun bereits mit Grund angeführten wird eine Löbl. Polizeyoberdirektzion ganz leicht einsehen, daß in keiner Provinz, besonders aber in Steyermarkt die Polizey Direkzion das bewirken kann, wozu sie eigentlich von Sr. Majestät bestimmt ist, so lange dieses für einen wohlgeordneten Staat so wichtige Geschäft getheilt, und der Magistrat nur das mindeste in dieser Sache zu sagen hat“, beschwerte sich Wolff in einem Bericht vom 16. September 1787 an die Polizei-Oberdirektion in Wien. Die Polizei-Oberdirektion fungierte damals als koordinierende Zentralstelle für die Polizeidirektionen in der Monarchie.
Polizeichef Wolff berichtete auch über die Wachmannschaft, die dem Magistrat unterstand: „Man ist nicht im Stande, einen Mann von der Polizeywachmannschaft nur zu dem geringsten zu verwenden, die Forcht auf einer und die strafbahre Nachsicht auf der anderen Seite halten sie alle an ihren Wachmeisterlieutenant. Überdies sind sie alle höchst ausschweifend, und mehr zum Nachtheil als Erhaltung einer Ordnung, weil ihnen niemand genug nachsieht und jeder machen kann, was er will.“
Im Jahr 1790 bestand die Grazer Polizei aus dem Polizeidirektor, drei Kommissären, einem Polizeiaufseher und einem Kanzleidiener. Die Wache stand unter dem Kommando eines Wachtmeisterleutnants und umfasste 28 „Gemeine“, zwei Korporale und einen Feldwebel. Der Grazer Polizeidirektor erhielt ein Fünftel weniger Gehalt als die anderen Polizeidirektoren. Wolff habe „sich mit jährlich 1200 fl. auf diesem minderwichtigen Posten zu begnügen“, bemerkte Kaiser Joseph II.
Mit welchen „Problemen“ sich die Grazer Polizei Ende des 18. Jahrhunderts beschäftigte, berichtete Wolff 1790 an den Wiener Polizei-Oberdirektor Franz Anton Edler von Beer: „Die Wallfahrten nehmen mit jedem Tag dergestallt zu, daß täglich ganze Horden aus 7 und mehreren Pfarren unter Singen und Schreien durch die Stadt ziehn. Die ursach hiezu ist blos die Geistlichkeit, welche denen Leuthen unaufhörlich vorsaget: es würde in allem wieder auf den alten Fuß kommen.“
Ab den 1830er-Jahren wurde in Graz der staatspolizeiliche Bereich ausgebaut – in Reaktion auf die von Frankreich ausgehenden revolutionären Strömungen. 1851, drei Jahre nach der Revolution in Österreich, erhielt das Polizeiamt die Bezeichnung „k. k. Stadthauptmannschaft in Graz“ und während der Sommermonate bestanden die Badepolizei-Exposituren Gleichenberg und Rohitsch. Das „Militär-Polizey-Wachcorps“ wurde 1859 aufgelöst.
Ab 1. April 1866 wurden auch die meisten Polizeidirektionen aufgelöst, darunter jene in Linz, Salzburg, Graz, Innsbruck und Klagenfurt, sodass auf dem Gebiet des heutigen Österreichs nur mehr die k. k. Polizeidirektion in Wien bestehen blieb. Die ortspolizeilichen Angelegenheiten wurden an die Magistrate der Städte übertragen, die für diese Aufgaben städtische Polizeiämter und Sicherheitswachen einrichteten. Die Aufgaben der Polizeidirektion Graz übernahm die „Abtheilung in Staatspolizei-Angelegenheiten“ bei der k. k. Statthalterei.

Wiedererrichtung der Polizeidirektion

Am 1. September 1876 wurde die Polizeidirektion Graz wiedererrichtet. Auslöser waren schwere Ausschreitungen nach der Ankunft des umstrittenen spanischen Thronanwärters Don Alfonso Carlo de Borbón y Austria Este in Graz. Er hatte aus Spanien flüchten müssen und Graz zu seinem Exil gewählt. Die Ausschreitungen Alte Polizeidirektion in Graz.
Fotos (2): © Werner Sabitzer
erreichten im April 1875 einen Höhepunkt. Der Kaiser traute den städtischen Sicherheitswachleuten nicht zu, die Sicherheit zu gewährleisten und ließ deshalb im Jahr darauf wieder eine Polizeidirektion installieren, allerdings mit eingeschränktem Wirkungskreis: Bei der Polizeidirektion wurden neben der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit das Staatspolizeiwesen, die Versammlungsangelegenheiten und das Passwesen gebündelt. Die städtische Sicherheitswache in Graz blieb bestehen.
Bis zum Ende der Monarchie 1918 gab es im heutigen Österreich nur in Wien und in Graz Polizeidirektionen.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die Bundespolizeidirektion Graz 1938 aufgelöst; die neue Behörde hieß „Der Polizeipräsident in Graz“. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Polizeidirektion unter schwierigen Verhältnissen wiedererrichtet. Sitz der Polizeidirektion Graz war ab 1922 bis zur Sicherheitsbehördenreform 2012 das Palais Wildenstein in der Paulustorgasse 8.

Quellen/Literatur:

Bundespolizeidirektion Graz, Die Grazer Polizei. 40 Jahre Bundespolizeidirektion – 175 Jahre staatliche Sicherheitsbehörde, Verlag Styria, Graz, Wien, Köln, 1958.
Hauß, Karl: Ein Beitrag zur Geschichte des Polizeiwesens in Steiermark. Ulrich Mosers Verlag, Graz, 1929.
Jäger-Sunstenau, Hanns: Zweifacher Wappenwechsel im 19. Jahrhundert. Khoß-Sternegg, Oberhummer, Hermann: Die Wiener Polizei, 200 Jahre Sicherheit in Österreich, Wien, 1938.
Popelka, Fritz: Geschichte der Stadt Graz. Verlag Styria, Graz, 1959 (Neuauflage der 1935 bei Leuschner & Lubensky, Graz, erschienenen Ausgabe).
Sacher-Masoch. In: Adler (Zeitschrift für Genealogie und Heraldik), 18, Heft 7 (1996), S. 275-284.
Sacher-Masoch, Hulda von: Erinnerungen an Sacher-Masoch. In: Wiener Leben, Jg. 41, Nr. 10, vom 17. April 1910, S. 1-3.
Sacher-Masoch jun., Leopold von: Eine Autobiographie. In: Deutsche Monatsblätter 2, Heft 3 (1879), S. 259-269.
Svojtka, Matthias: Sammler als Wegbereiter naturwissenschaftlicher Erkenntnis – Fallstudien Leopold Johann Nepomuk von Sacher-Masoch (1797–1874) und Karl Eggerth (1861–1888). In: Berichte der Geologischen Bundesanstalt, Band 45, Wien, 2009, S. 40-43 (PDF: http://opac.geologie.ac.at/wwwopacx/wwwopac.ashx?command=getcontent&server=images&value=BR0045_040_A.pdf).

Über den Autor
Werner Sabitzer
Autor: Werner Sabitzer
Werner Sabitzer, MSc, 56, Öffentlichkeitsarbeiter im österreichischen Bundesministerium für Inneres und Chefredakteur der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“, beschäftigt sich unter anderem mit polizei- und kriminalhistorischen Themen.