Überfall auf Geldtransporter
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Rollende Festungen, die kaum zu knacken sind

Weshalb Überfälle auf Spezialgeldtransportfahrzeuge oft scheitern oder aus anderen Gründen nicht zum Erfolg führen

Von Klaus Henning Glitza

Geldtransporter sind im Grunde denkbar ungeeignete Objekte für kriminelle Übergriffe. Panzerung und ausgereifte Sicherheitsmechanismen machen die Spezialgeldtransportfahrzeuge zu rollenden Festungen, die kaum zu knacken sind. Und der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum kriminellen Erfolg. Dennoch wird es immer wieder probiert, an die oft millionenschweren Ladungen zu kommen.
Die Betonung liegt auf probiert. Denn oft bleiben Überfälle im Versuchsstadium stecken. Doch auch eine vollendete Tat führt selten zum Erfolg. Gelingt der vermeintliche Coup, türmen sich unlösbare Probleme auf. Zum Beispiel: was tun mit dem registrierten Geld, das noch nicht einmal in entferntesten Weltgegenden unentdeckt ausgegeben werden kann und das Hehler allenfalls zum Bruchteil des Nennwertes anfassen? Innentäter, die praktisch in sämtlichen Fällen ermittelt wurden, können das erbeutete Geld nur um den Preis ausgeben, durch plötzlichen Reichtum aufzufliegen. Ganz abgesehen von dem enormen Fahndungsdruck, denn bei den oft in die Millionen gehenden Schäden pflegt die Polizei alle Register zu ziehen. Innentäter können nicht damit rechnen, nach dem vermeintlichen Coup unbeobachtet zu bleiben.

Zudem ist die Polizei sehr schnell an Ort und Stelle. Praktisch alle Spezialgeldtransportfahrzeuge sind inzwischen mit GPS ausgestattet, wie die Pressesprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW), Silke Wollmann, gegenüber Veko-online deutlich macht. Die Sicherheitssysteme zeigen nicht nur die Fahrtroute oder Abweichungen davon an, auch unplanmäßige Stopps und das Öffnen von Türen wird signalisiert. Niemand muss -wie bei Banküberfällen- auf einen Notrufknopf drücken. Bei der geringsten Unregelmäßigkeit und einer vergeblichen Nachfrage wird die Polizei alarmiert.

Veko-online analysiert zwei der besonders spektakulären Fälle, die in diesem und dem vergangenen Jahr durch die Medien gingen. Beleuchtet werden dabei insbesondere Fehler, die von den Geldtransportfahrern begangen wurden, aber auch von den Tätern selbst.

 22. Juli 2019,

Gegen 14.45 Uhr: Auf der Bundesautobahn A 5, zwischen den Anschlussstellen Bruchsal/Kronau und Karlsruhe. Ein Geldtransportfahrzeug der Prosegur wird von einer silbergrauen Mercedes-Limousine der E-Klasse überholt. Auf der Heckablage leuchtet das Schriftzeichen „Polizei“ auf. Im Wageninneren sind Personen zu erkennen, die wie Polizeibeamte blaue Uniform tragen. Alles wie bei einer regulären Kontrolle.

Der gepanzerte Wagen wird über eine Behelfsausfahrt in Höhe Weingarten auf einen Feldweg gelotst. Dort aber ziehen die vermeintlichen Polizeibeamten Schusswaffen und bedrohen die beiden Geldfahrer mit Schusswaffen. Die Prosegur-Mitarbeiter öffnen die rollende Festung und machen damit den Weg frei zu einer unbekannten Bargeldsumme. Soweit die Schilderung der beiden Tatopfer.

Wenig Bargeld wird sich nicht im Panzer befunden haben. Denn die Geldfahrer hatten gerade bei einem großen Supermarkt Bargeld abgeholt und auch vorher schon mehrere Stopps eingelegt. Wie hoch die Beute war, darüber schweigen sich Polizei, Staatsanwaltschaft und das betroffene Unternehmen aus. Die Strafverfolger halten sich bedeckt, weil sie Details als Täterwissen hüten wollen. Ein Prosegur-Sprecher wirbt gegenüber Veko-online um Verständnis, dass wir aufgrund laufender polizeilicher Ermittlungen keine Kommentare herausgeben können. „Wir nehmen Ihre Fragen sehr ernst, können Ihnen allerdings keine Informationen zu Ihren konkreten Fragen geben, da sicherheitsrelevante Aspekte angesprochen werden“, wird mitgeteilt.
Das ist einerseits zu verstehen, andererseits gibt ein solches Schweigegebot natürlich Anlass zu diversen Versionen und Theorien.
Ein weiterer Grund ist selbstredend immer, dass Überfälle und damit verbundenen Wertverluste keine gute Werbung für die betroffenen Unternehmen darstellen. Bereits Prosegur Cash Logo
© Prosegur
2017 und 2018 war Prosegur von kriminellen Übergriffen betroffen. In beiden zurückliegenden Fällen wurden Mitarbeiter als Innentäter ermittelt. Das ist besonders gravierend, obwohl ganz klar gesagt werden muss, dass hundertprozentige Sicherheit eine pure Illusion ist. Niemand kann einem Bewerber in den Kopf gucken, selbst der renommierteste Psychologe nicht. Schwarze Schafe kann es auch in der weißesten Herde geben. Dass an den Vortaten Mitarbeiter beteiligt waren, kann natürlich nicht auf den aktuellen Fall hochgerechnet werden.

Faktum aber ist: Was sich auch immer auf dem Feldweg abspielte. „State of the Art“ war das Verhalten der beiden Geldfahrer nicht, „Warum ist das Personal auf diesen uralten Trick mit den Anhaltezeichen mit der Aufschrift „Polizei“ reingefallen, zitiert „BILD“ den Polizeihauptkommissar Jürgen Fabian vom Polizeipräsidium Karlsruhe. Diese Finte habe man schließlich doch „schon zigmal bei der TV-Sendung „Aktenzeichen ...XY“ gesehen“.

Auch BDGW-Pressesprecherin Silke Wollmann weist darauf hin, dass es in solchen Fällen ratsam sei, einen Zettel an die Seitenscheibe zu halten. Sinngemäße Aufschrift: Man sei gerne bereit, sich einer Kontrolle zu unterziehen, aber nur an einer regulären Polizeidienststelle, zu der man die Ordnungshüter gerne begleite. Echten Polizeibeamten ist das Faktum wohl bewusst, dass Geldfahrer ihr Fahrzeug nicht so einfach öffnen dürfen, und sie würden kaum etwas verlangen, was dermaßen massiv gegen die Regeln verstößt.
Ob die Prosegur-Mitarbeiter den „Panzer“ freiwillig geöffnet hatten, weil sie dachten, mit echten Polizisten zu tun zu haben, oder aber unter Waffengewalt handelten, ist derzeit unbekannt.
Offensichtlich ist dagegen, dass die Täter den Überfall genau geplant hatten. Behelfsausfahrten gibt es nicht alle Naselang und ohne Kenntnis der Fahrtroute wäre der Coup nicht gelungen. Bei Detailwissen stellt sich immer die Frage, wie sind die Täter an dieses Know-how gekommen? Zufallsbeobachtungen sind eher selten.

Wie auch immer: Polizei und Staatsanwaltschaft haben jüngst einen Zeugenaufruf für die fragliche Tatzeit erlassen, was nicht dafür spricht, dass der relevante Anhaltevorgang auf der A 5 ausreichend dokumentiert ist. Nach Informationen von Veko-online gibt es, bezogen auf Außentäter, derzeit keine heiße Spur.

Szenenwechsel

Berlin-Mitte, Schillingstraße, ganz in der Nähe des weltberühmten Alexanderplatzes. Ein Geldtranssportwagen wird am 19. Oktober 2018 gegen 7.30 Uhr von zwei Pkw eingekeilt. Einer vorne, einer hinten, der „Panzer“ sitzt in der Falle. Vier schwarz gekleidete, maskierte und mit AK-47 („Kalaschnikow“) bewaffnete Männer springen heraus, eine weitere Person sichert den Schauplatz ab. Während die Insassen des Panzers in Schach gehalten werden, werden die hinteren Türen des Fahrzeugs mit einem Hydraulikspreizer aufgebrochen. Die Kriminellen hatten das feuerwehrtypische Gerät aus einem Gerätehaus gestohlen. Acht Geldkoffer werden aus dem „Panzer“ gerissen. Eine Szene wie aus einem Actionthriller.

Diese ersten Minuten des Raubüberfalls beschreiben allerdings den einzigen professionell wirkenden Teil dieses Kriminalfalls. Nach diesem brachialen Auftakt verliert sich die Professionalität zusehends. Einer der Geldkoffer wird so ungeschickt in einem der Pkw verstaut, dass sich der Kofferraum nicht mehr schließen lässt, Beim Wegfahren fällt das Behältnis auf die Straße. Die Täter jagen durch die Stadt, in der zu dieser Zeit Berufsverkehr herrscht. Auf einen verfolgenden Streifenwagen werden Schüsse abgegeben. Schließlich bauen die Räuber bei zu hoher Geschwindigkeit einen Unfall. Das Auto wird dadurch fahrunfähig. Die Täter fliehen mit einem anderen Pkw, der später ausgebrannt aufgefunden wird. Zurück im Unfallfahrzeug bleiben die übrigen sieben Geldkoffer- ein Nullsummenspiel.

Keine Beute, aber gesiebte Luft. Die Polizei stößt bei der Fahndung bald auf die Parallelwelt der kriminellen Clans, an denen die deutsche Hauptstadt so reich ist. Am Tatort werden DNA-Spuren des 38-jährigen Suphi S. gefunden, der zum Umfeld eines libanesisch-arabischen Clan zu zählen ist. In der Vernehmung gibt er den Namen des „Logistikers“ Abdallah T. preis, der daraufhin gleichfalls in den vergitterten Bereich wandert.

Knapp acht Monate nach dem Überfall wird ein dritter Tatverdächtiger, ein 34-jähiger Libanese, in Bulgarien festgenommen. Er wurde inzwischen nach Berlin gebracht und in U-Haft genommen. Weitere Festnahmen sollen kurz bevorstehen.

Nach Informationen von VEKO-online steht mindestens einer der Angeklagten/ Beschuldigten dem Remmo-Clan (auch: Rammo-Clan genannt) nahe. Es handelt sich dabei um eine der berüchtigsten Großfamilien mit mehr als 500 Angehörigen, die vor allem in Berlin ihr Unwesen treibt. Der arabisch-libanesische Clan wird mit dem Diebstahl der 100-Kilo-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum und wird mit weiteren Akten der Schwerkriminalität in Verbindung gebracht. Der Chef der Großfamilie nennt sich Bauunternehmer, viele andere Clanangehörige sind „arbeitslos“.

Als eines der Motive des Quintetts von Berlin wird vermutet, dass die Männer in ihren sehr speziellen Kreisen mit ihrer Tat glänzen wollten. Ein geglückter Raubüberfall mit einer Millionenbeute hätte in diesem Umfeld als Großtat gegolten, die aus gewöhnlichen Kriminellen Helden der Szene gemacht hätte.
Doch der Fall Berlin beweist, um ein solches Ganovenstück über die Bühne zu bekommen, bedarf es mehr, als es die Täter vermochten. Die Männer hatten in einer Scheune immer und immer wieder den Überfall trainiert. Doch der Trockenübungen zum Trotz übersahen sie wichtige Details, beispielsweise wie muss ein Geldkoffer verstaut werden, damit er in einen Kofferraum passt. Das reale Leben ist immer detailreicher als jede Phantasie.
Von der zweifellosen Professionalität der englischen Posträuber, die möglicherweise als ihr Vorbild dienten, waren die Täter von der Spree um Lichtjahre entfernt. Sie hätten wissen müssen: Selbst die Kriminellen von der Insel wurden letzten Endes geschnappt- aller Planung zum Trotz.

 

Über den Autor
Klaus Henning Glitza
Autor: Klaus Henning Glitza
Klaus Henning Glitza, Jahrgang 1951, ist Chefreporter dieser Online-Publikation. Der Fachjournalist Sicherheit erhielt 2007 den Förderpreis Kriminalprävention; seit vielen Jahren ist er Mitarbeiter im Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik. Vormals war er Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und dort u. a. zuständig für Polizeiangelegenheiten.
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