Kartusche des Welt-Verkehrs-Globus im Überseemuseum Bremen.
Foto: ©Attribution ShareAlike 3.0, wikimedia Commons

Der Sanierungsfall 2017

Von Prof. Dr. Michael Schreckenberg

Eigentlich leben wir ja in einer tollen Zeit. So schnelle Wandlungen hat es in der „bewussten“ Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben. Und zwar in jede Richtung. Egal ob gut oder schlecht, die Erde dreht sich weiter, ob als Kugel oder Scheibe. Und der Mensch bewegt sich weiter, die schlichte Frage lautet nur: Wie?

So langsam dämmert es dem Einen oder Anderen, dass die Geschichte mit den Straßen und Brücken nicht so ganz einfach ist. Gerne wurden Sanierungen von den Tiefe Ausbrüche und Netzrisse in einer Fahrbahnbefestigung
Foto: © Sascha Pöschl wikimedia Commons
Regierungen in die nächste Legislaturperiode verschoben („das soll dann mal mein Nachfolger stemmen“), mit dem klar absehbaren Ergebnis des „Sanierungsstaus“. Es gibt halt Themen, bei denen Aussitzen nicht weiter hilft. Die meisten Verkehrsminister, ob Land oder Bund, sind sowieso letztendlich im politischen Nirwana geendet.

Eine vernünftige Antwort auf die drängendsten Fragen wird allerdings auch 2017 wohl nicht zu bekommen sein. Wo bleiben die Stromer, die alles besser werden lassen sollen? Erstmal richtig tief durchatmen, und dann die radikalen Vorschläge aus Norwegen oder den Niederlanden verdauen, ab 2025 keine Diesel und Benziner mehr zulassen zu wollen, in Deutschland für 2030 andiskutiert, dann allerdings doch kurzfristig auf 2050 verschoben. Die OPEC hat jedenfalls mit ihrer Entscheidung der Reduktion der Fördermengen zu einem an der Straße deutlich sichtbaren Anstieg des Spritpreises gesorgt.

So wird die „Antriebsdiskussion“ wieder an Fahrt gewinnen. Die einzige echte Alternative gegenüber den klassischen Ein Erdgasbus Mercedes-Benz O 405 N CNG in Mannheim.
Foto: © Martin Hawlisch, GFDL,CC-BY-SA-2.5/2.0/1.0, Wikimedia Commons
„Verbrennern“, nämlich das Erdgasfahrzeug, befindet sich auf dem Rückzug; kaum ein Modell ist in dieser Richtung noch erhältlich. Die Angst vor der Abhängigkeit vom Osten lässt die gasgetriebene Phantasie praktisch im Keim ersticken. Es gehört zu den Widersinnigkeiten dieser Welt, dass es keinen echten Plan für die Energie der Zukunft gibt. Die Hälfte unserer Energie verballern wir in Mobilität. Aber wer denkt mehr als über den Spritpreis an der nächsten Tanke darüber nach?

Die Erfolgsgeschichte der „Elektros“ in Deutschland lässt trotz vehementer Maßnahmen weiter jämmerlich auf sich warten, ja es lassen sich sogar wahre Verschwörungstheorien daraus ableiten. Haben wir weltweit momentan mehr als 1,3 Millionen elektrisch angetriebene Fahrzeuge unterwegs, so leistet Deutschland mit etwas mehr als 25.000 einen wahrlich erbärmlichen Beitrag dazu. Von den neu zugelassenen etwas über 12.500 in 2015 verschwindet aber locker die Hälfte mal so einfach. Bestand und Zulassung passen partout nicht zusammen.

car2go-Elektroautos in Berlin
Foto: © Avida, wikimedia Commons
Sie verschwinden schlichtweg, nach Norwegen oder den Niederlanden oder sonst wo hin. In den ersten drei Monaten der im Vergleich zu anderen Ländern wirklich nicht üppigen Prämie von 4.000 Euro für reine Stromer oder Brennstoffzeller (3.000 Euro für Plug-in-Hybride) hatten nur 4.500 Kunden Lust auf das elektrische Angebot. Mit der Million in 2020 muss man dann schon viel Phantasie haben (vielleicht hätte man direkt zwei Millionen sagen sollen). Aber die USA haben augenscheinlich auch Trump gewählt …

Die Sache mit dem Ausstoß ist sowieso eine Sache für sich. Die Kohlendioxid- (= Verbrauch) und Stickoxid-Emissionen stehen sich gegenseitig komplett im Wege, ihre gleichzeitige Reduktion schließt sich eigentlich praktisch aus, auch als „CO2-NOx-Tradeoff“ bekannt. Die Verminderung des Einen bedeutet die Vermehrung des Anderen und umgekehrt. Doch mit genauen Messungen muss man noch ein wenig warten, vielleicht sickert 2017 dann doch etwas mehr von den Abgasen durch …

Alexander Dobrindt
Foto: © Martin Rulsch, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0
Eine Kopplung der so gnadenlos aus Bayern ersehnten Pkw-Maut an den Ausstoß plant ja jetzt auch der zumeist kariert daherkommende Verkehrsminister Alexander Dobrindt im Zusammenspiel mit der EU. Wie Phönix aus der Asche ist sie auf einmal wieder auf der europäischen Agenda. Totgeglaubte leben (fahren!) eben doch länger. Allerdings machen die Zugeständnisse aus Berlin gegenüber Brüssel das ganze sowieso schon diffuse Konzept nur noch undurchsichtiger. Der Dank des mit dem Mautplan als Lebenswerk unausweichlich verbundenen Verkehrsminister galt trotzdem dem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und seiner „Verkehrskommissarin“ Violeta Bulc.

Die ehemalige Basketballspielerin, der Nähe zu Esoterik und New Age nachgesagt wird, scheint in der Tat berufen zu sein, einen der Violeta Bulc
Foto: ©Federation European Cyclists wikimedia Commons
größten deutschen Knoten der Verkehrsgeschichte zu durchschlagen. Es stellt sich hier mehr denn je die Frage, ob eine Demokratie gemäß unseres Verständnisses noch den gestiegenen Anforderungen gewachsen ist. Ich habe große Zweifel, dass die momentan praktizierte Methode der gelebten Ignoranz auf der Grundlage unserer Demokratie gegenüber dem ja durchaus vorhandenen Fachwissen ein Zukunftsmodell ist.

Eine Verschiebung der Pkw-Maut bis nach der Bundestagswahl im September 2017 scheint aus verschiedenen Gründen unausweichlich. Wer wird denn dann Verkehrsminister? Das nächste politische Fallbeil senkt sich über einen bemitleidenswerten Kandidaten (vielleicht ja mal endlich eine Kandidatin?). Es sind die Geschichten, die Geschichte schreiben. Werden Österreich und die Niederlande klagen? Eigentlich egal, alleine NRW steckt allein beide in die Tasche.

Bei der Lkw-Maut gibt es jetzt jedenfalls Bewegung. Die so informativen Informationen über die Lkw-Bewegungen (natürlich anonymisiert!) sind nicht mal in den Bundesverkehrswegeplan (BVWP) 2030 eingeflossen. Brücken werden für Lkw’s allerorten gesperrt, aber keiner weiß, wo sie stattdessen herfahren. Nun scheint zumindest der Wissenschaft der Zugang zu diesen wertvollen Daten, nämlich mit Quelle-Ziel-Beziehungen, gestattet zu werden. Ein Muss in Zeiten der Datentransparenz und Engpässe, nimmt doch der Lkw-Verkehr pro Jahr weiterhin, auch in 2017, um ca. zwei Prozent zu.

Der BVWP 2030 enthält zu zwei Dritteln sowieso nur Sanierungsmaßmaßnahmen. Zudem will der Bund nun endlich nicht nur die Autobahnen finanzieren, sondern selbst darüber wachen. Bisher wurde das an die Länder delegiert, damit soll jetzt Schluss sein. Auch die Bundesstraßen sollen, falls nicht von den Ländern anders gewünscht, dazu gehören. Die neue „Infrastruktur-(Autobahn-) Gesellschaft“ soll es regeln. Bei genauerem Hinsehen schwingt da der Geist der Privatisierung mit, das Endziel kann nur lauten: Nutzerfinanzierung!

Keine schlechte Idee. Doch dann sollte man klare Kante zeigen, wie die erfolgreichen Norddeutschen gerne zu sagen pflegen. Weg mit der KFZ-Steuer, nur noch Maut. Mehrsprachiges Hinweisschild, Irland
Foto: © Thjurexoell, wikimedia Commons
Und an der Mineralölsteuer (plus der damit draufgesetzten Umsatzsteuer) sollte man auch nochmals Hand anlegen. Mit Elektroautos und den Brennstoffzellern wird man die Wende nicht hinbekommen. Die individuelle Mobilität ist eine der größten Errungenschaften der Neuzeit, neben der medizinischen Versorgung. An dieser Stelle sollte man sehr vorsichtig mit Zukunftsplänen umgehen. Da endet sehr schnell der Spaß.

Die Psyche des Autofahrers ist sowieso tief und unergründlich. Loch Ness wirkt dagegen wie eine Pfütze nach einem Sommerregen. Ich konnte es vergangenen Sommer authentisch in Augenschein nehmen (und danach mussten wir wegen Überfüllung im Auto schlafen …). Der Linksverkehr fordert einem sowieso so viel ab, dass man abends genüsslich und erleichtert im Pub (heißer Tipp in Glasgow: Ben Nevis) sein Lager, oder besser Ale, verköstigt. Es macht jedenfalls Spaß, mal auf der anderen Seite zu fahren. Der Brexit hat vielleicht auch gute Folgen. Nie habe ich mehr über das Autofahren nachgedacht als nun in Schottland.

Doch auch der deutsche Autofahrer muss sich am Ende auf eine noch schwierigere Zukunft einstellen. In einer der bedeutendsten Entscheidungen der letzten Jahrzehnte hat das Verkehrsministerium verlauten lassen, dass die Rettungsgasse auf vier streifigen Autobahnen nicht mehr in der Mitte (zwei Spuren links und rechts), sondern direkt neben der äußerst linken Spur (wie in Österreich!) zu bilden ist. Damit betreten (befahren) wir bei uns wahrlich verkehrliches Neuland. Verlangt man dem gemeinen Verkehrsteilnehmer neben den Einschränkungen durch Sanierungsmaßnahmen damit dann doch nicht zu viel ab?

Über den Autor
Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Autor: Prof. Dr. Michael Schreckenberg
Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen, war der erste deutsche Professor für Physik von Transport und Verkehr. Er ist im Redaktionsbeirat von Veko-online.
Weitere Artikel

Kontakt

VEKO GmbH

Im Spatzennest 5
73113 Ottenbach
Deutschland

Tel.: +49 7165 9490255
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Copyright © 2022 VEKO Online. Alle Rechte vorbehalten.