Die erste Fahrzeughalle in Chicago. Das Gebäude wurde einst von Al Capone gebaut.

Karlheinz Schies – der Begründer einer Branche

Von Helmut Brückmann

Es war Harald Olschock, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW), der auf die Idee kam, nach dem ältesten Geldtransportunternehmer in Deutschland zu suchen, der als Gründer der Branche gelten konnte. Olschok wurde in Mannheim-Sandhofen fündig, wo ein Karlheinz Schies trotz seiner 85 Jahre noch immer das Geschehen der Branche verfolgt. Seine Firma, die Schies Wertelogistik GmbH, hatte er jedoch längst seinem Sohn Henry Schies übertragen.
Am 9. November 2016 richtete die BDGW mit Ehrengast Karlheinz Schies ein Jubiläumsfest in den Räumen der Bundesbank aus.

Wenige Tage zuvor, am 28. Oktober, besuchte ich den Jubilar, der für mich kein Unbekannter war. Fast auf den Monat genau, 10 Jahre zuvor, hatte ich als Chefredakteur von CD SICHERHEITS-MANAGEMENT (CD) von Karlheinz Schies und seinem Unternehmen, der Security Service GmbH, gehört. Ein gewisser Karl-Heinz Weis, geschäftsführender Gesellschafter der HEROS-Gruppe in Hannover, hatte das Unternehmen für 1 Million gerade gekauft und wollte „über das älteste Werttransportunternehmen Deutschlands“ eine Story im CD lesen. Doch dazu kam es nicht mehr. Die weitere Geschichte ist bekannt: HEROS, der damalige Marktführer für Geld- und Werttransporte (GWT) ging wenige Monate später mit einer Riesensumme Pleite, was das Landgericht in Hildesheim mit 11 Jahren Freiheitsentzug quittierte.

Der zweite von Schies selbst gepanzerte Geldtransporter steht heute auf dem Dach des Nebengebäudes.Ich fand noch meine damaligen Notizen mit Anschrift und Telefonnummer im Archiv; sie waren auch nach 10 Jahren unverändert. Am 28. Oktober besuchte ich den Jubilar in Mannheim-Sandhofen, wo auf dem Dach des Nebengebäudes seiner Wohnung ein grüner Geldtransporter eigener Bauart montiert ist. Gleich zur Begrüßung erfahre ich Näheres: „Das war ursprünglich ein Opel Blitz, den ich für den Geldtransport umgebaut hatte, also verstärkte Scheiben usw. Damals hatte ich zwei Berufe: Mit der einen Firma transportierte ich Geld, mit einer anderen hatte ich ein Transportunternehmen, das aus einem Kipper bestand, mit dem ich Sand, Kies und Ähnliches transportierte. Nicht selten musste ich mich während des Tages schnell umziehen, wenn nach dem Sandfahren Geld transportiert werden musste. Dann habe ich schnell die Uniform angezogen und den Colt umgeschnallt. Mit den zwei Tätigkeiten verbrachte ich die ersten sechs Jahre meines Arbeitslebens in Deutschland, nachdem ich aus Amerika zurückgekommen war.“

Mein Gesprächspartner hatte bei seinen ersten Worten gleich mit dem Ende der Story begonnen und über den Beginn der GWT-Branche 1966 berichtet. Doch bis dahin war es noch ein weiter, steiniger Weg, der auch nicht unbedingt als Vorbild für die heutige Jugend geeignet ist.

Karlheinz Schies wurde am 18. Februar 1931 geboren, also in einer Zeit, die von Nationalsozialismus und Krieg geprägt war. Gegen Ende des Krieges gab es keinen geregelten Schulbetrieb mehr. „Da hat man uns gesagt, dass wir ohne Abschluss gleich eine Lehre anfangen könnten. Ich wollte Flieger werden, war dafür aber noch zu Karlheinz Schies während des Interviews.
Foto: © VEKO HB
jung, weshalb ich eine Lehre als Flugmotorenschlosser wählte. Ich hatte die Vorstellung, dass ein guter Flugmotorenschlosser auch mal einen guten Piloten abgeben würde. So rückte ich dann als Dreizehnjähriger bei der Fliegertechnischen Vorschule der Luftwaffe in Oschersleben bei Magdeburg ein. 1945 kamen die Russen von rechts und die Amis von links. Da sind meine Kameraden und ich abgehauen Richtung Süden. In einer Kaserne in Lenggries trafen wir den berühmten Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, der uns seinen anwesenden fünf Generalskameraden mit den Worten vorstellte: ‚Das gibt meine Elite‘, worüber wir richtig stolz waren. Wenig später gerieten wir in amerikanische Kriegsgefangenschaft.“

Dort blieb er nicht lange. Zurück in Mannheim „wollte ich schnellsten einen Beruf ergreifen, bei dem man nicht hungern musste wie der größte Teil der Nachkriegsbevölkerung. Ich wurde deshalb Lehrling in einer Bäckerei, wo ich drei Kilo Brot als Wochenlohn bekam. Das war viel. Einmal kam ein US-Militär und brachte herrliche Zutaten für 16 Torten, die wir backen sollten. Meine Kollegen und ich haben so lange davon genascht, bis wir nichts mehr zum Backen hatten. Danach probierte ich es als Autoschlosser. Insgesamt habe ich fünf Lehrstellen geschmissen“, schließt sein Bericht über die Weiterbildung. Sein Vater hatte ihm einst vorhergesagt, dass er mal verhungern werde, als er die Schule „schmiss“. Tellerwäscher war er in der Nachkriegszeit wirklich mal, zudem Schiffsschaukelbremser – also beste Voraussetzungen fürs Auswandern.

Jetzt kommt seine Schwester ins Spiel, die in 1950er Jahren bereits in die USA ausgewandert war und ihm bei einer Einreise als Bürgin zur Verfügung stehen würde. Das klappte: „Ich hatte gehört, dass man in Amerika viel Geld verdienen kann und bin dann 1959 rüber nach Texas, wo ich bei VW angefangen habe.“ Von dort führte ihn sein Weg weiter zu VW in San Antonio, dann nach Chikago, wo es immerhin 2,45 $ für die Arbeitsstunde gab. Die Anstellung währte nicht lange: „Nach einem halben Jahr kam mein Meister und sagte mir, ich solle einen Bilderrahmen für eine Urkunde mitbringen, die ich am nächsten Tag erhalten sollte. Das war um 9 Uhr; gegen 12 Uhr kam er wieder und brachte meine Entlassungspapiere. Ich weiß heute noch nicht, aus welchem Grunde.“

Er beschließt, erstmal in Urlaub zu gehen. Als er seinen Wagen auftankt, kommt die Wende: „Als ich die Tankstelle verließ, hatte ich sie bereits gekauft, da der bisherige Inhaber, er hieß Ray, keine Lust mehr auf diesen Job hatte. Ich fuhr dann zwei Wochen in Urlaub, anschließend übernahm ich die Tankstelle. Auf dem Eigentumsschild schrieb ich meinen Vornamen mit ‚K‘ und nicht mit ‚C‘ wie die Amis. Meine Kunden interpretierten das richtig: Ich war ein Deutscher – und die können alles besser. Das Geschäft florierte, denn ich bot auch Service für die Autos, Inspektionen usw. an. Da das Geschäft immer größer wurde, habe ich einen Partner genommen, auch einen Deutschen. Wir haben dann eine 500 qm große Halle für die Wartung der Kundenfahrzeug gekauft und gutes Geld verdient.“

Der Kontakt zur Heimat war die ganze Zeit nicht abgerissen, und bald kam auch das Heimweh. Kurzum, 1964 ging‘s wieder in die Heimat, nach Mannheim, zurück. „Mit 5.000 $ in der Tasche, damals rund 20.000 DM, was viel Geld war.“
Reich war Schies damit noch nicht, doch im Wirtschaftswunderland gab es ständig mehr Leute, die mehr verdienten. Mit seinem eingangs erwähnten Transportgeschäft für Sand und Kies konnte er seinen Lebensunterhalt bestreiten, aber mehr nicht. Die finanzielle Lage verbesserte sich auch nicht, als er 1966 die Security Service Werttransporte GmbH startete, mit der er in Deutschland unternehmerisches Neuland betrat – und eine Branche begründete.

Ein Mann der Tat. Beim Richtfest des Platzhauses in Sandhofen schnitt Karlheinz Schies den Ochs am Spieß mit Bürgermeister Lothar Quast an.Tatsächlich hatte er die Idee aus Amerika mitgebracht; Wells Fargo oder Pinkerton waren ihm noch gut in Erinnerung. In Old Germany lief hingegen die Geldbearbeitung von jeher anders. Hier brachten die Geschäftsinhaber oder deren Beauftragte, ja sogar die Lehrlinge, abends die Tageseinnahmen zur Bank. Und das war’s. Die Banken untereinander wussten sich auch zu helfen, indem Mitarbeiter, wenn auch nicht selten bewaffnet, im bankeigenen Pkw das Geld transportierten. Die Bundesbank hingegen transportiere das Geld mit Hilfe der Bereitschaftspolizei (sh. Beitrag „Festveranstaltung des BDGW - 50 Jahre Geld- und Werttransport in Deutschland) Die Geschäftswelt war nur sehr zögerlich für die Idee des Herrn Schies zu gewinnen. Erst nach sieben Jahren brachte das Unternehmen Rendite; die Geschäftsidee aus den USA begann sich auch in Deutschland durchzusetzen. Pionier Schies hatte aufs richtige Pferd gesetzt.

Das Firmengebäude am Flensburger Ring, wo Schies Tresore aus Südafrika verkaufte.Logischerweise baute er die benötigten sondergeschützten Fahrzeuge auch selbst, denn einen Hersteller dafür gab es in Old Germany bislang nicht. Als das Geldtransportgeschäft sich konsolidierte, fand die Idee von Schies natürlich Nachahmer. Die genierten sich nicht, bei Schies gepanzerte Transportfahrzeug zu ordern. „Ich panzerte die Fahrzeuge, wie ich das für richtig hielt. Technische Vergleichsmöglichkeiten hatte ich nicht.“ Die Käufer aber auch nicht. Das Geschäft lief offenbar so gut, dass Schies 1986 die MPK – Mannheimer Panzerkarosseriebau gründete und bald das In- und Ausland mit seinen Spezialfahrzeugen belieferte. Doch damit nicht genug. Ende der 1980er Jahre waren plötzlich Geldausgabeautomaten en vogue und Schies hatte ein neues Betätigungsfeld: So gehörten Hartgeldverarbeitung, Warenhausabrechnungssysteme und die Lieferung von Panzerschränken mit einem Gewicht von mehreren Tonnen zu seinem Programm. Schies hatte es geschafft.

1966 begann die Security Service Werttransportgesellschaft in einer Doppelgarage.
Fotos (6): © Schies
Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass die Wende und damit die Rettung aus der erwähnten anfänglichen Finanzmisere bereits 1972 gekommen war, als es Karlheinz Schies gelang, mit den Mannheimer Verkehrsbetrieben einen Vertrag über das Verkaufen von Fahrscheinen der Öffentlichen Verkehrsbetriebe zu erhalten. Der Vertrag besteht bis heute und ist mittlerweile auf einen seiner Söhne übergegangen.

Beiläufig erzählt mein Gesprächspartner, dass er das verdiente Geld auch gleich gut angelegt habe, indem er ehemalige Spargelfelder vor den Toren der Stadt günstig kaufte, um sie wenig später als Industriegelände weiterzuverkaufen. Seine eigenen Firmen stehen ebenfalls auf diesem Spargelboden. Karlheinz Schies ist beim Erzählen buchstäblich in Fahrt gekommen und bombardiert mich mit Zahlen und Fakten aus seinem ereignisreichen Leben. Wir fachsimpeln sogar über die Fliegerei, denn er hat auch eine Fluglizenz besessen, obwohl er durch sein Glasauge sehr gehandicapt war.

Karlheinz Schies mit „Blick nach Polen“
Foto: © VEKO HB
Während des Interviews in seinem Wohnzimmer führt er mich an seinen PC im Arbeitszimmer. Nach ein paar Klicks erhalte ich einen Blick in eine Werkhalle, wo offenbar gearbeitet wird. „Das ist meine Firma in Polen“, erläutert er mir etwas stolz, „Dort werden Fahrzeuge gepanzert, seit sechs Jahren; wir haben dort bisher 206 gepanzerte Fahrzeuge ausgeliefert“.

Ich erinnere an seine Stiftung, die er immer noch selbst betreut. Das Stiftungskapital betrug 1 Million Euro. Er erläuter dazu: „Als ich mein Testament für meine Frau und meine fünf Kinder gemacht hatte, habe ich die Stiftung eingerichtet. Ich bin Freimaurer, müssen Sie wissen. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass die Stiftung alte Menschen versorgt. Ich habe ein gutes Restaurant, in dem sie verköstigt werden.“

Ich möchte wissen, auf was er seine offensichtlichen geschäftlichen Erfolge zurückführt, trotz seiner schulischen Mängel. Die Antwort kommt ohne zögern: „Es stimmt, dass ich in der Schule für das Geschäftsleben aber auch gar nichts gelernt habe. Ich war zudem Legastheniker, aber zum Schreiben hatte ich später eine Sekretärin. Rechnen konnte ich hingegen sehr gut, bis heute“. Er lacht. „Was ich mein Leben lang hatte, war meine gute Nase fürs Geschäft. Und mein Glück, das mich nie verließ.“