Dr. Stefan Goertz

Islamistischer Terrorismus. Analyse – Definition – Taktik.

Dr. Stefan Goertz
C. F. Müller Verlag, Heidelberg,
2. Aufl. 2019. 224 Seiten,
ISBN 978-3-7832-0049-2
24,99 €.
Stefan Goertz ist Dozent an der Hochschule des Bundes in Lübeck im Fachbereich Bundespolizei. Er studierte unter anderem in Berlin, München und Damaskus Politik- und Sozialwissenschaften, Öffentliches Recht und Arabisch. Am Beginn der lehrbuchartig aufgebauten Darstellung definiert der Autor die Leitbegriffe: Islamismus, Salafismus und den islamistischen Terrorismus.

Seit Jahrzehnten wird versucht, den Terrorismus allgemeingültig zu beschreiben und gegenüber anderen Begriffen wie etwa dem Extremismus oder der Radikalisierung abzugrenzen. Der Verfasser räumt ein, dass „der“ Terrorismus nicht existiert. Vielmehr sieht er ihn als ein Bündel von Erscheinungsformen. Er stellt heraus, der Terrorismus profitiere „entscheidend von den Entwicklungen der Globalisierung, von geöffneten Grenzen, von schwach bis gar nicht kontrollierten Grenzen und modernen Kommunikationsmitteln.“ Goertz kommt anschließend zur analytischen Leitfrage seines Buches: „Warum und wie radikalisieren sich Menschen, die in demokratischen, freiheitlichen, sozialstaatlichen Gesellschaften aufgewachsen und/oder geboren sind, zu Islamisten und islamistischen Terroristen, …“

Die Frage nach dem Warum wird seit vielen Jahrzehnten bei den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Terrorismus gestellt. Bereits vor 40 Jahren beschäftigte sich die sozialwissenschaftliche Forschung intensiv am Beispiel der Roten Armee Fraktion (RAF) damit und versuchte, den „Weg in die Gewalt“ der Hauptakteure nachzuzeichnen. Während es damals noch möglich war, zumindest einige Grundmuster zu identifizieren – viele RAF-Terroristen kamen aus gutem Hause und waren akademisch gebildet, zudem fiel der hohe Frauenanteil auf –, fällt dies beim islamistischen Terrorismus sehr viel schwerer.

Goertz erkennt als Grundvoraussetzung für das Werden islamistischer Terroristen deren Radikalisierung, die weder durch eine psychische Erkrankung noch durch die soziale Herkunft hervorgerufen wird. Der Autor orientiert sich an der klassischen Erklärung, dass die Gewalt in der islamischen Religion wurzelt und durch den sozialen Nahbereich, das Milieu, genährt wird. Die Radikalisierung wird verstärkt durch eine aggressive Abgrenzung der „wahren Muslime“ zu „den Ungläubigen“. Wer jetzt glaubt, zur Verhinderung des Terrorismus müsse lediglich diese Entwicklungskette unterbrochen werden, irrt; denn der Autor hebt hervor: „Die Struktur des salafistischen Milieus in Deutschland und Europa ist amorph, besteht aus losen – virtuellen und realen – Personennetzwerken …“.

Das Fehlen fester Bindungen erschwert es den Sicherheitsbehörden, Erkenntnisse aus diesem Bereich zu erhalten. Jedoch stellt Goertz heraus, dass diese lose Struktur dennoch die psychologischen und sozialen Bedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigt, wofür aber deren religiös-politischer Gehorsam gefordert wird. Um weiteres Öl ins Feuer zu gießen, bedienen sich die salafistischen Organisationen – allen voran die Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) – moderner Technologien, wobei deren öffentliche Bekenntnisse zu Attentaten und Anschlägen von zentraler Bedeutung sind. Danach beschreibt der Autor aus öffentlich zugänglichen Quellen der Sicherheitsbehörden die Strategie und Taktik des gegenwärtigen islamistischen Terrorismus. Hier listet er zahlreiche mögliche Anschlagsziele auf.

Es fällt auf, dass sich diese kaum von den Objekten unterscheiden, die bereits die TREVI-Konferenz Ende der 1960er Jahre ausgemacht hatte, jedoch mit einem Unterschied: Während vor 50 Jahren der Schwerpunkt bei Anschlägen auf große, wehrlose Menschenmengen gesehen wurde – Fußballstadien, Flughäfen oder Musikkonzerte –, gehen IS-Terroristen auch gegen einzelne Menschen mit Messern oder Äxten vor. Sodann schildert Goertz zunächst die von mehreren Terroristen verübten Anschläge von Madrid (2004), London (2005), Paris (Januar und November 2015), Brüssel (2016), Saint-Étienne-du-Rouvray (2016), London (2017) und Barcelona und Cambrils (2017) und danach die Verbrechen von Einzeltätern unter anderem am Flughafen Frankfurt, in Ansbach und Nizza und das von Anis Amri verübte Attentat vom Berliner Breitscheidplatz. Dabei zeichnet der Autor jeweils den taktischen Plan und den Ablauf des Terroranschlags nach, geht dann auf die Ermittlungen und die Fahndung ein und stellt schließlich dar, welche Folgen sich aus der Analyse der Tat ergaben.

Im Anschluss daran steht die Frage, welche Maßnahmen von Staat und Gesellschaft gegen den islamistischen Terrorismus ergriffen werden können. Zum einen bricht der Verfasser eine Lanze für diverse Präventionsmaßnahmen, zum anderen fordert er, dass die Sicherheitsbehörden die ihnen verfügbaren Werkzeuge vollständig nutzen und ihnen zudem neue an die Hand gegeben werden. Besonderen Handlungsbedarf sieht er bei der Identitätsfeststellung. Es sei „die massenhafte Erhebung, Kategorisierung und Abgleichung biographischer, biometrischer und forensischer Datenmengen, mit dem Ziel der Trennung von Gefährdern und Unbeteiligten“ erforderlich.

Man darf sicher sein, dass sich gegen die Umsetzung dieser Forderung in Deutschland eine Legion von Datenschützern stellen würde. Des Weiteren fordert Goertz in einem umfangreichen Maßnahmenbündel unter anderem das konsequente Verbot salafistischer Vereine. Er beklagt, von der Möglichkeit des Verbotes werde nur zögernd Gebrauch gemacht und verweist exemplarisch auf den Moscheeverein Fussilet 33, in dem sich auch Anis Amri mehrfach aufhielt. Seit 2015 war der Verein beobachtet und zwei Jahre später dann verboten worden. Goertz setzt sich ebenso für eine stärkere internationale Kooperation der Sicherheitsbehörden ein und stellt zusammenfassend fest: „Terrorismus muss und kann abgewehrt und bekämpft werden, er kann gesamtgesellschaftlich besiegt werden, wozu allerdings eine Interaktion und Kooperation zahlreicher staatlicher und nichtstaatlicher Akteure nötig ist.“ Dieser Forderung kann man nur zustimmen, darf jedoch nicht übersehen, dass seit einiger Zeit auf politischer Ebene unter den westlichen Staaten weniger statt mehr Kooperation feststellbar ist. Unter dieser Entwicklung wird eher früher als später auch die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden leiden.

Dr. Reinhard Scholzen

 

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