Am Pfingstmontag wurde NRW von den schlimmsten Unwettern seit 20 Jahren getroffen. Das Innenministerium bilanzierte mehr als 31.000 Einsätze der Rettungskräfte. Foto: FEUERWEHReinsatz: NRW

K R I T I S

Was ist das eigentlich, und warum geht das uns alle an?

Prof. Dr. phil. habil. Volker Schmidtchen

Unter dem Begriff „Kritische Infrastruktur“ (KRITIS) versteht man Einrichtungen und Institutionen, deren Ausfall eine ernsthafte Krise für die Gesellschaft bedeutet, verbunden mit erheblichen und nachhaltigen Störungen des Alltags und der Sicherheit unserer Bevölkerung.

Das Bundesministerium des Innern definiert unter dem Begriff „Kritische Infrastrukturen“ folgende Bereiche:

  • Energie
  • Informationstechnik und Telekommunikation
  • Transport und Verkehr
  • Gesundheit
  • Wasser
  • Ernährung
  • Finanz- und Versicherungswesen
  • Staat und Verwaltung
  • Medien und Kultur

Das Funktionieren jedes dieser Sektoren unseres Gemeinwesens ist für das Zusammenleben als Gesellschaft Unwetter Kyrill 2007: Umgeknickter Freileitungsmast bei Magdeburg. Foto: Olaf 2 WikimediaUnwetter Kyrill 2007: Umgeknickter Freileitungsmast bei Magdeburg.
Foto: Olaf2, Wikimedia Commons | Lizenz: CreativeCommons by-sa-3.0
unverzichtbar. Schon der Ausfall eines dieser Bereiche könnte katastrophale Folgen haben. Nur eine intensive und umfassende Vorbereitung kann hier Abhilfe schaffen. Schwachstellen und Gefahrenquellen müssen erkannt und behoben werden.

Wie gestaltet sich bei einem mehrere Tage oder sogar Wochen anhaltenden Stromausfall die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten? Was geschieht mit Abwasser und Müll? Wie kann die Kommunikation der Einsatzkräfte und der Krisenstäbe gesichert werden, und welche öffentlichen und privaten Einrichtungen (z. B. Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Altenpflegeheime) benötigen nachhaltige Unterstützungsleistungen? Existieren dafür entsprechende Regelungen, und hat man das im Rahmen einer sachgerechten Prävention überhaupt schon einmal geprobt?

In Deutschland konzentrieren sich die meisten Verantwortlichen auf nahezu allen Ebenen des Bevölkerungsschutzes im Rahmen von Prävention und Übung meistens auf die bekannten Szenarien von Naturkatastrophen und Unglücken auf Schiene, Straße, Wasserwegen oder in der Luft. Nur selten werden übrigens die jederzeit möglichen Ausbrüche von Tierseuchen (MKS, Schweinepest, Vogelgrippe etc.) als Szenario für Katastrophenschutzübungen berücksichtigt, geschweige denn epidemisch verlaufende Erkrankungen bei Menschen. Selbstverständlich ist in unserem Land z. B. der Ausbruch von Ebola samt epidemischer Verbreitung weniger wahrscheinlich als in den davon gerade betroffenen Ländern in Afrika; aber sämtliche Fachleute sind sich darin einig, dass zu den Folgen eines tage- oder wochenlangen Stromausfalls bei uns der Zusammenbruch unseres Gesundheitswesens und das massenhafte Auftreten und Verbreiten von Krankheiten wie Cholera gehören würden. Sind wir auf derartige Fälle überhaupt vorbereitet?

Die Möglichkeit eines länger andauernden Ausfalls kritischer Infrastruktur wird zwar immer wieder auf Tagungen Schlottwitz, an der Straße nach Cunnersdorf am 13.08.2004, 18:04 Uhr. Foto: Harald Weber, WikimediaSchlottwitz, an der Straße nach Cunnersdorf am 13.08.2004, 18:04 Uhr.
Foto: Harald Weber Hawedi, Wikimedia Commons | Lizenz: CreativeCommons by-sa-3.0
unter Fachleuten diskutiert, aber im Hinblick auf die Notwendigkeit entsprechender Prävention eher verdrängt. Dabei muss damit z. B. gerade im Fall von Naturkatastrophen als einer der zwangsläufigen Folgen gerechnet werden. Die hier angesprochene Verdrängung erreicht in einigen Fällen sogar eine irrationale Ebene, wenn wie z. B. in diesem Jahr in Deutschland im Rahmen einer größer angelegten Übung mehrerer Landkreise einschließlich ihrer Oberbehörde das Szenario „mehrere Tage andauernder großflächiger Stromausfall“ gespielt wurde, dabei als zugestandene „Übungskünstlichkeit“ allerdings galt, dass während der Übungsdauer Telefon, E-Mail, Fax und Funk problemlos funktionierten. Das macht wenig Sinn und demotiviert sogar eher die Beteiligten, die wissen, dass es in einer echten Lage dieser Art völlig anders aussehen würde, und dass sie zunächst als ersten Schritt zur Krisenbewältigung das Problem mit den weggefallenen Kommunikationsmöglichkeiten lösen müssten.

Was im Fall wegbrechender Infrastruktur zu tun wäre, oder was überhaupt noch und mit welchen Einschränkungen getan werden könnte, müsste das Ziel von Übungen sein, die den Umgang mit derartig nachhaltigen Beeinträchtigungen des alltäglichen Lebens unserer Gesellschaft thematisieren. Eine akribisch erarbeitete Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages über die Folgen eines länger anhaltenden und großflächigen, d. h. einen Teil Deutschlands betreffenden Stromausfalls, liegt vor und ist öffentlich zugängig. Wer hat sie denn zur Kenntnis genommen? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) hat mit Band 12 seines Wissenschaftsforums ganz aktuell seinen Beitrag „Stromausfall. Grundlagen und Methoden zur Reduzierung des Ausfallrisikos der Stromversorgung“[1] vorgelegt und ins Internet gestellt. Außerdem ist mit der von dieser Bundesbehörde veröffentlichten Broschüre „Für den Notfall vorgesorgt“[2] eine generelle und sehr praktische Hilfe verfügbar, die als sachgerechter Ratgeber jedermann die Möglichkeit einer entsprechenden individuellen oder familiären Prävention ermöglicht.

Buchautor Marc Elsberg. Foto: Clemens Lechner, blanvaletDamit aber sind wir beim eigentlichen Kern des Problems: Der Journalist Marc Elsberg hat über einen, realistisch betrachtet, jederzeit möglichen Stromausfall in ganz Europa einen Roman mit dem Titel „Blackout“ geschrieben, der innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller avancierte. Selbst die Kritiker, die literarisch an diesem in die Gattung „Realo-Thriller eingeordneten Buch einiges auszusetzen hatten, hielten ihm die exzellente Recherche und eine sehr realistische Beschreibung der zu erwartenden Folgen eines solchen Ereignisses zugute. Die meisten Leser waren sich in ihren Bewertungen einig, dass dieses Buch sie zum Nachdenken und zum entsprechenden Handeln gebracht habe. Es scheint für unsere Gesellschaft irgendwie typisch zu sein, dass es einschlägige Studien und auch Hilfestellungen staatlicherseits gibt, aber wenn etwas Wirkung haben soll, muss es über den im weitesten Sinne „Unterhaltungssektor“ laufen. Nur ein entsprechender Medienhype sorgt für die interessierte Aufnahme beim Bürger.

Wir brauchen das nicht weiter diskutieren, sondern sollten daraus den Schluss ziehen, die mittlerweile in unserer Gesellschaft verbreiteten Methoden der Übermittlung auch für derart komplexe wie unangenehme Themen zu nutzen. Da kaum jemand abstreiten wird, dass im Rahmen einer generellen Prävention eine gewisse Vorsorge selbst für als weniger Buchcover Blackout, Morgen ist es zu spät. Foto: blanvaletwahrscheinlich eingeschätzte Ereignisse sinnvoll ist, gilt es nur noch, Art und Umfang einer entsprechenden Vorbereitung festzulegen und dann umzusetzen. Das ist in Deutschland gesetzlicher Auftrag der gesamten nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr bei den damit beauftragten Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Daraus zu schließen, es sei alles geregelt und „Vater Staat“ müsse und werde sich im Fall der Fälle schon kümmern, ist mehr als naiv. Bevölkerungsschutz beginnt zunächst beim Selbstschutz, und damit ist jeder von uns angesprochen. Jeder kann das auch leisten, er muss nur die Notwendigkeit einsehen und sich dann entsprechend verhalten.

Ein Beispiel: Es macht doch nachdenklich, wenn das zweckmäßige Mitführen von Verbandskasten, Warndreieck und Warnweste im eigenen Auto vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden muss, und nicht der Eigeninitiative jedes Kfz-Halters überlassen werden kann. Die Gefahren des Straßenverkehrs sind jedem Verkehrsteilnehmer eigentlich bekannt. So weiß auch jeder, dass man aufgrund extremer Wetterverhältnisse zu allen Jahreszeiten auf unseren Fernstraßen liegen bleiben kann. Ob im Winter bei eisigen Temperaturen oder im Sommer bei brütender Hitze sind bis zu 20 Stunden Verweildauer in einem Stau möglich. Wie lange es dauert, bis Hilfe und Betreuung kommt, ist situationsabhängig und nie vorauszusagen. Generell hilfreich im Rahmen von Selbstschutz und Vorsorge wäre es daher, z. B. immer einige Flaschen Mineralwasser und einige Decken im Kofferraum mitzuführen und hinsichtlich des Tankens nicht immer bis zum Anzeigen der Reserve zu fahren, sondern den Treibstoff immer wieder aufzufüllen.

 

 

Lächerliche Selbstverständlichkeit sagen die erfahrenen Problembewussten, unnötiger Quatsch und völlig übertriebener Aktionismus meinen die anderen. Das gilt für Letztere in der Regel aber nur so lange, bis sie selbst von einer solchen Situation betroffen sind. Gerade diese Gruppe von Mitbürgern zeichnet sich einerseits oft durch einen übertriebenen Glauben an das selbstverständliche Funktionieren jeglicher Technik und das Ignorieren von Gefährdungsmöglichkeiten aus wie auch andererseits durch das kaum zu erschütternde, mit übersteigertem Anspruchsdenken angereicherte Vertrauen in zeitnahe umfassende Hilfe durch staatliche und sonstige Institutionen. „Es muss und wird auch bald geholfen werden und mir natürlich zuerst!“

Sehr vielen Menschen in unserem Lande ist die strukturelle Abhängigkeit von zentral gesteuerter Versorgung nahezu aller Lebensbereiche bis heute nicht klar. Das wird nicht zuletzt am bekannten Bonmot deutlich, es sei doch egal, wie das mit Kohle, Gas oder Atomkraft als Energieträger funktioniere, zuhause käme der Strom aus der Steckdose. Wodurch auch immer hervorgerufen, bedeutet jeder Ausfall der für unser Leben unverzichtbaren „Kritischen Infrastruktur“ – und je länger, umso schlimmer – eine tiefgreifende und nachhaltige Veränderung sämtlicher Umstände unseres Alltags. Die in solchen Fällen Verantwortung tragenden Institutionen wissen das und bereiten sich in aller Regel auch darauf vor. Jedem wird beim Nachdenken über derartige Situationen aber schnell deutlich werden, dass dies bei Weitem nicht ausreicht. Es gibt weder eine 100prozentige Sicherheit, noch die Garantie für eine vollständige Kompensation solcher Ausfälle. Die Vorbereitung jedes Einzelnen ist also vonnöten, nicht nur für sich und sein familiäres Umfeld, sondern auch für seine ggf. wahrzunehmende berufliche Rolle. Viele Arbeitsplätze sind infrastrukturell betrachtet in prekären Bereichen angesiedelt, in denen bei entsprechenden Ausfällen Kompetenzen zur Krisenbewältigung gefragt sind. Das reicht von der Verkehrsregelung über Krankenhäuser, Pflegeheime, Apotheken, Kindergärten und Schulen bis zur Müllabfuhr und sonstigen Entsorgungsdiensten, von der Lebensmittelversorgung über Heizung bzw. Kühlung in Haushalten und Produktions- wie Lagerstätten und die Betreuung häuslich Kranker bis zum Versuch der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und des Schutzes von Eigentum.

Wir sind im Fall des Versagens wesentlicher Bereiche unserer Infrastruktur alle betroffen, und das sollte uns beruflich wie privat zu denken geben. So muss beispielsweise der Leiter einen Alten- und Pflegeheims wissen, was er bei lang anhaltendem Stromausfall möglicherweise doch noch zur Begrenzung des Schadens tun kann, was er im Hinblick auf seine Familie unternehmen muss, und wie er beide Aufgaben miteinander in Einklang bringt, d. h. seiner beruflichen wie seiner privaten Verantwortung gerecht wird. Das lässt sich lernen, dafür sollte man sich interessieren, und dazu gibt es keine Alternative. Die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, bis irgendjemand kommt und bei der Lösung dieser eigenen Probleme hilft, ist definitiv keine akzeptable Option! Worauf warten wir noch? Packen wir die Aufgabe an!

 

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Quellen

[1] www.bbk.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/BBK/DE/2014/Publikation_Reduzierung_Stromausfallrisiko.html

[2] www.bbk.bund.de/DE/Service/Publikationen/Broschuerenfaltblaetter/Ratgeber_node.html

 
Über den Autor
Autor: Helmut Brückmann
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