Skip to main content

 Mächte, Morde, Machtmissbrauch

Der Fachjournalist Werner Sabitzer schrieb das erste Geschichtsbuch über das Kärntner Gurktal. Ein Schwerpunkt ist die Kriminalgeschichte.

Im Jahr 1410 berief der Papst den Gurker Bischof Konrad III. von Hebenstreit zum Bischof von Freising. Das dortige Domkapitel hatte allerdings einen anderen Kleriker zum Bischof erwählt, dieser konnte sich aber gegen vom Papst auserkorenen Bischof nicht durchsetzen. 1412 wurde Hebenstreit in der Stadt Bischoflack (heute Škofja Loka in Slowenien), das dem Stift Freising gehörte, in seinem Bett liegend tot aufgefunden. Seine Hand umschloss ein blutbeflecktes Messer, sodass man annahm, der Bischof hätte sich umgebracht. Als Selbstmörder wurde er nicht in geweihter Erde, sondern im Garten des Schlosses begraben.

 

18 Jahre später stellte sich heraus, dass der reiche Bischof von seinem Kammerdiener ermordet und beraubt „Land der Hemma“: Das erste Buch über die Geschichte des Gurktals.worden war. Der Mörder flüchtete und beichtete später in Rom die Tat.

Zwei Jahrhunderte davor wurde der zum Bischof von Gurk erwählte Otto Opfer eines Giftanschlags. Vorausgegangen waren längere Auseinandersetzungen zwischen dem Erzbischof von Salzburg und dem Domkapitel Gurk wegen der Bischofswahl. In den Streitfall wurde auch der Papst eingeschaltet.

Ebenfalls einem Mord zum Opfer fiel der 1526 als Bischof von Gurk eingesetzte Antonius von Salamanca-Hoyos. Er wurde auf der Reise zum Konzil von Trient 1551 in Friaul von seinem Kammerdiener ermordet. Tatmotiv war ein Streit um den Sold.

Auf Bischof Johannes VIII. von Goëss war ein Mordanschlag geplant, allerdings in seiner Zeit als Diplomat, bevor er in den geistlichen Stand übertrat. Er entging dem Mordanschlag, weil die Frau eines Janitscharen einen Kutscher des Diplomaten gewarnt hatte.

Ein weiterer Bischof wurde zweimal überfallen, beraubt und entführt, einige stritten sich mit Gegenbischöfen, andere führten das Bistum fast in den Ruin.

 

„Land der Hemma“

Nachzulesen sind diese und viele andere Geschichten über das Gurktal im jüngsten Buch von Werner Sabitzer, Räuberhauptmann Simon Kramer: Bei der Festnahme erschossen.„Land der Hemma – Das Gurktal: Geschichte und Geschichten“. Der Autor ist Chefredakteur des Fachmagazins „Öffentliche Sicherheit“ sowie Verfasser des „Lexikons der inneren Sicherheit“.

Das Buch „Land der Hemma“ enthält Beiträge, die ein Bild des Gurktals vom Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert wiedergeben. Beschrieben werden Burgen, Schlösser und Ruinen, alte Kirchen und Kapellen, interessante historische Persönlichkeiten, einzigartige Bräuche und viele andere Besonderheiten des Gebiets von der Engen Gurk bis Zwischenwässern.

Sabitzers Vorliebe für die Kriminalgeschichte kommt auch in diesem Werk nicht zu kurz: Er berichtet unter anderem über Kärntens berüchtigtsten Bandenführer und Serienräuber Simon Kramer, den Diebstahl der berühmten Magdalenenscheibe von Weitensfeld, Folter und Hinrichtungen von Hexen und Zauberern sowie Rechtsdenkmäler wie den Gerichtsbrunnen in Gurk und den bischöflichen Galgen in Straßburg. Beschrieben werden auch Aufstände von Burgherren gegen die Bischöfe und andere Kämpfe um Besitz, Macht und Einfluss.

 

Urkundenfälschungen im großen Stil

Kaplan Conrad (1155 – 1178), ein bischöflicher Kanzleiangestellter in Gurk, schrieb Geschichte – indem er die Gurker Dom: Gefälschte Urkunden sollten das Bistum Gurk von Salzburg unabhängig machen.Geschichte umschrieb. Er gilt als Verfasser der im 12. Jahrhunderts angefertigten gefälschten Urkunden, mit denen sich das kleine Bistum Gurk unabhängig machen wollte – mit Reichsunmittelbarkeit und dem Recht der freien Bischofswahl. Kaplan Conrad bezeichnete in seinen gefälschten Urkunden Gräfin Hemma als Nichte des Kaisers Heinrich II. sowie als Gründerin der Diözese und des Domkapitels Gurk. Die echten Urkunden, in denen Hemma erwähnt wurde, dürften damals vernichtet worden sein. Mit einer um 1170 gefälschten und mit 6. Jänner 1043 datierten Urkunde Conrads sollte bewiesen werden, dass Hemma vom Salzburger Erzbischof Balduin für die Gurker Marienkirche und acht weitere Eigenkirchen bestimmte Kirchenrechte erhalten hätte. In einer weiteren, mit 2. Februar 1043 datierten Fälschung wurden Hemma bestimmte Rechte für ihre Kirche und ihr Kloster erteilt; das Kloster bestand aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch die „Stiftungsurkunde“ des Gurker Frauenklosters vom 15. August 1043 könnte gefälscht sein. In einer mit 9. JännerGräfin Hemma stand im Zentrum von Fälschungen. 1072 datierten Fälschung „bestätigt“ König Heinrich IV. alle von Hemma der Gurker Kirche geschenkten Güter sowie den Frauenkonvent. Auch damit sollte bestätigt werden, dass der Besitz des Gurker Bistums von Hemma stammte. Außerdem sollte bewiesen werden, dass der erste Gurker Bischof, Gunther von Krappfeld, im Jahr 1072 bereits von einem Kanonikerkapitel gewählt worden sei. Das Domkapitel wurde aber wie erwähnt erst 1124 eingerichtet. Eine Fälschung ist auch das „Testament“ Hemmas. Mit weiteren Fälschungen wurden weitere Rechte und Vorteile erworben und zweimal wurde das Bistumsgebiet vergrößert. Nach einem Streit zwischen Gurk und Salzburg um das Gebiet Reichenau legte der Gurker Bischof eine gefälschte Urkunde aus den Jahren 1216/1218 vor, in der das Bistumsgebiet und seine Grenzen so dargestellt waren, Autor Werner Sabitzer ist PR-Referent im Innenministerium und Chefredakteur des Fachmagazins „Öffentliche Sicherheit“. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Polizei- und Kriminalgeschichte und der Geschichte Mittelkärntens. dass auch das Pfarrgebiet von St. Lorenzen bei Reichenau erfasst war. Ein Schiedsspruch der Äbte von Millstatt und Ossiach beendete den Gebietsstreit zugunsten der Diözese Gurk. Einige Gurker Fälschungen bzw. deren Abschriften wurden später von Salzburg anerkannt.

Die Gurker Fälschungen fielen in die Zeit der Kirchenspaltung; damals gab es über mehrere Jahre gleichzeitig zwei Päpste, zwei Salzburger Erzbischöfe und zwei Gurker Bischöfe.

Schon 1144, drei Jahrzehnte vor den Fälschungen Conrads, wurde unter dem Gurker Bischof Roman I. ein Dokument hergestellt, das vom Erzbischof Konrad I. von Salzburg stammen sollte und mit dem der Gurker Kirche ihr gesamtes Besitztum sowie die freie Wahl des Bischofs, des Propstes und des Vogtes zugesichert wurde. Papst Luzius II. unterfertigte 1145 diese Fälschung guten Glaubens. Tatsächlich war aber nach wie vor der Erzbischof von Salzburg rechtlich für die Einsetzung seines Hilfsbischofs zuständig.

Die Gurker Fälschungen führten nicht zum gewünschten Erfolg. Die Auseinandersetzungen zwischen Gurk und Salzburg gingen weiter. Die falschen Dokumente hatten aber eine interessante Nebenwirkung: Sie beflügelten den Hemma-Kult und trugen dazu bei, dass die reiche Gräfin zur „Volksheiligen“ Kärntens wurde.

Werner Sabitzer: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten. Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, September 2013.

 


nach oben