Blumen zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 20. Dez. 2016
Foto: © Emilio Esbardo wikipedia CC-BY-SA 4.0

Profilbildung von islamistischen Terroristen

Deutsche und internationale Radikalisierungsforschung

Von Dr. Stefan Goertz

„Die unverändert größte Bedrohung für unsere freien Gesellschaften stellt aktuell der international agierende islamistische Terrorismus dar. […] Deutschland ist und bleibt im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus.“ Der Bundesminister des Innern, Bundesrepublik Deutschland, Thomas de Maizière, 2016.1

Sowohl die Zahl als auch die Qualität der seit 2004 bzw. seit Januar 2015 durchgeführten und geplanten – aber von Sicherheitsbehörden vereitelten – islamistisch-terroristischen Anschlägen in Europa und Deutschland haben ein historisches Ausmaß erreicht. Beispielhaft seien folgende Anschläge und Attentate erwähnt:

  • 11.03.2004: „Bahnhof“, Madrid
  • 07.07.2005: „U-Bahn und Bus“, London
  • 07.01.2015: „Charlie Hebdo“, in Paris
  • 13.11.2015: Paris
  • 14.02.2016: „Anschlag auf ein Kulturzentrum“, Kopenhagen
  • 26.02.2016: „Safia S.“, Hauptbahnhof Hannover
  • 22.03.2016: Brüssel
  • 16.04.2016: Der Sikh-Tempel-Anschlag, Essen
  • 26.06.2016: Der Anschlag in einer katholischen Kirche in Saint-Étienne-du-Rouvray
  • 14.07.2016: „Lkw“, Nizza
  • 18.07.2016: „Regionalbahn“, bei Würzburg
  • 24.07.2016: „Ansbach“
  • 19.12.2016: „Anis Amri“, Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz, Berlin
  • 22.03.2017: „Westminster Bridge und Parlament“, London
  • 03.04.2017: „Metro-Anschlag“, St. Petersburg
  • 07.04.2017: „Lkw“, Innenstadt von Stockholm
  • 20.04.2017: „Anschlag auf den Champs-Élysées“, Paris
  • 22.05.2017: „Popkonzert, Kinder“, Manchester
  • 03.06.2017: „London Bridge“, London
  • 28.07.2017: „Messerangriff im Supermarkt“, Hamburg
  • 17.08.2017: Barcelona
  • 01.10.2017: „Messer“, Marseille

Bei diesen islamistisch-terroristischen Anschlägen und Attentaten starben Hunderte Menschen und wurden über Tausende verwundet. Alleine bei dem Anschlag am 11. März 2004 in Madrid wurden 2050 Menschen verletzt, beim Anschlag am 7. Juli 2005 in London 700 Menschen, beim Anschlag in Nizza über 400 Menschen sowie beim Anschlag am 13. November 2015 in Paris 350 Menschen verletzt.

Was haben die islamistischen Attentäter dieser aktuellen Anschläge in Europa, z.B. Anis Amri (Berlin 2016), Jabr Al Bakr (geplanter Anschlag auf den Flughafen Tegel 2016), Mohamed Lahouaiej (Nizza 2016), Mohammed Daleel (Ansbach), Salman Abedi (Manchester 2017) und die Attentäter von Paris (2015) sowie Brüssel (2016) gemeinsam? Was wiederum unterscheidet sie voneinander?

Die europäischen Sicherheitsbehörden waren rechtlich, personell und organisatorisch nicht in der Lage, all diese oben aufgeführten islamistisch-terroristischen Anschläge zu verhindern. All die oben aufgeführten Anschläge verdeutlichen die Dringlichkeit, aber auch die Problematik, islamistische Täter vor der Durchführung des Anschlages bzw. Attentates zu identifizieren und dadurch die Tat zu verhindern. Ein höchst problematisches Dilemma besteht augenblicklich in dem geringen Wissen über psychologische und soziale Parameter der Radikalisierungsprozesse islamistischer Attentäter.2

Das US-amerikanische FBI stellt fest, dass trotz der islamistisch-terroristischen Anschläge im vor und nach “9/11” psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung in Bezug auf die Radikalisierungsprozesse von islamistisch-terroristischen Tätern innerhalb der westlichen Sicherheitsbehörden demokratischer Staaten immer noch sehr limitiert ist.3 Stereotypische soziodemographische Profilcharakteristika „nach Papierlage” – wie (geringere) Bildung und/ oder Arbeitslosigkeit, Aufwachsen in einem „Problemkietz“ etc. – werden der Komplexität von islamistischen Terroristen allerdings nicht gerecht.4 Nach Angaben der deutschen Verfassungsschutzbehörden gibt es keinen islamistischen Prototyp, kann aber eine Typologie der Radikalisierungs- und Rekrutierungsverläufe von Islamisten und islamistischen Terroristen erschlossen werden.5 Um eine mögliche Typologie geht es in diesem Beitrag.

Sozialwissenschaftliche und psychologische Analyse von islamistisch-terroristischer Radikalisierung

Umgangssprachliche Antworten von Passanten auf der Straße auf die Frage nach den Gründen dafür, ein terroristischer Attentäter zu werden, lautet oftmals „diese Menschen sind einfach gestört“. Tatsächlich werden Terroristen nicht nur in der Öffentlichkeit oft als „abnorme“ Persönlichkeiten mit klinisch relevanten Auffälligkeiten dargestellt. In der wissenschaftlichen Psychologie jedoch werden psychische Störungen als Faktor für eine Radikalisierung zu terroristischen Anschlägen und Attentaten als empirisch nicht bestätigt abgelehnt.6 Verschiedene Autoren diskutieren den Einfluss sozio-demographischer Risikofaktoren. So sind Terroristen laut Silke in der Regel junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, was allerdings für die meisten Gewalttäter gilt.7 Entgegen immer noch weit verbreiteter Meinungen sind islamistische Terroristen jedoch nicht überdurchschnittlich ungebildet, arbeitslos oder ohne Familie. Sageman, Silke 2008, das FBI sowie das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Verfassungsschutz stellen fest, dass die meisten homegrown-Terroristen aus der Mittel- oder Oberschicht kommen, arbeiten und verheiratet sind.8

Definition von Radikalisierung

Terrorismus ist durch verschiedene Parameter von „normaler“ Kriminalität zu unterschieden. Ein hierbei besonders wichtiger Parameter ist derjenige der Radikalisierung. Allerdings beschränkt sich der Phänomenbereich „Radikalisierung“ nicht exklusiv auf terroristische Gewalttaten und ist immer noch nicht einheitlich definiert. Das FBI definiert Radikalisierung als “the process by which individuals come to believe their engagement in or facilitation of nonstate violence to achieve social and political change is necessary and justified”.9 Bhui, Dinos und Jones definieren “Radikalisierung” als „the social and psychological process of increasing commitment to extremist political or religious ideology“.10 Dieser Ansatz ist psychologisch sinnvoll, produziert jedoch weiteren Definitionsbedarf in Bezug auf „extremist ideology“ ist. Borum beschreibt Radikalisierung als Prozess bzw. Weg hin zu gewalttätigem Extremismus.11

Dieser Beitrag untersucht den Weg hin zu islamistisch-terroristischer Gewalt und den Personenbereich homegrown also auf Personen, die in westlichen Ländern geboren und / oder aufgewachsen sind. Entsprechend folgt dieser Beitrag der Definition „Radikalisierung beschreibt die psychologischen Transformationsprozesse, die westliche Muslime dazu bringen, die Legitimierung von Terrorismus zunehmend zu akzeptieren“.12

Bei einer islamistischen Radikalisierung wird militante Ideologie – Islamismus, Salafismus, Jihadismus – Schritt für Schritt übernommen und durch sie zur Rechtfertigung einer (grenzenlosen) Anwendung von Gewalt gegenüber Menschen.13 Daher ist islamistische Radikalisierung ein kognitiver Veränderungsprozess durch eine religiös-politische Indoktrinierung.

Die Auswertung von über 2000 Interviews mit und Biographien von internationalen homegrown-Jihadisten (Jihadisten aus westlichen Demokratien), die sich islamistisch-terroristischen Gruppen angeschlossen oder dies versucht hatten, ergibt einen psychologischen Topos der Suche nach Sinn, der Suche nach religiösem, ideologischem und gesellschaftlichem (politischem) Sinn.14 Aus diesem Topos der Suche werden vier Kategorien von islamistisch-terroristischen Suchenden abgeleitet:

  • den Rache Suchenden
  • den Status Suchenden
  • den Identität Suchenden
  • den Thrill Suchenden.15

Andere psychologische Studien zeigen, dass Menschen offener für Rekrutierung, Indoktrinierung und Radikalisierung von islamistischen Terroristen sind, wenn sie folgenden psychologischen Hintergrund haben:

  • Wut, Gefühle von Entfremdung
  • das Gefühl haben, dass ihr politisches Engagement wirkungslos ist gegen „stärkere Mächte“, „das System“
  • sich mit vermeintlichen bzw. tatsächlichen Opfern von sozialer Ungerechtigkeit identifizieren
  • die Notwendigkeit empfinden, zur Tat zu schreiten (Aktionismus), statt die Probleme und Lösungsmöglichkeiten nur zu diskutieren
  • all diese Empfindungen von Menschen in ihrer Familie oder Freundeskreis (peer group und Milieu) geteilt werden.16

Der Prozess der Übernahme einer religiös-politischen Ideologie bewirkt eine Änderung der sozialen Einstellung und des sozialen Verhaltens bis hin zur Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt. Die hier aufgeführten psychologischen und sozialwissenschaftlichen Modelle von Radikalisierung untersuchen Parameter von Radikalisierung, die einer Profilbildung von islamistisch-terroristischen Attentätern dienen können. Nach Borum sind diese u. a. wachsende Antipathie gegenüber dem Gegner, den „Anderen“; ein Erschaffen von Erklärungsmustern für gewalttätiges Verhalten und ein Überkommen sozialer und psychologischer Grenzen, die gewalttätiges Verhalten aufhalten könnten.17 Weiter unterschieden werden können phänomenologische Gewalttypen im Kontext mit religiösen Systemen in symbolische Gewalt, physische Gewalt aufgrund der Dichotomie „Wir versus die Anderen“, (religiös „gerechtfertigte“) Gewalt bis hin zum Mord, (religiös „gerechtfertigte“) Verfolgung oder Bestrafung (aufgrund von Stereotypisierung) bzw. organisierte Vergeltungsgewalt bis hin zu einem “sacred struggle“, einem „heiligen Kampf“ bzw. einem „heiligen Krieg“.18

Radikalisierungsfaktoren und deren Analyse als Parameter für eine Profilbildung

Die Studie „Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2016“ des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Verfassungsschutz wertete die bundesweit vorliegenden Daten der Radikalisierungshintergründe und -verläufe von 784 Personen, die bis Ende Juni 2016 aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind oder dies aktiv versucht haben statistisch aus.19

Motivation für die Ausreise in den Jihad

Bei der Frage nach der Motivation für die Ausreise und eine aktive und/ oder unterstützende Funktion für islamistisch-terroristische Gruppen wie der IS oder Al Nusra (bzw. Jabhat Al Sham) waren Mehrfachnennungen möglich. Dabei wurden bei den 784 Personen in über 60% der Fälle eine aktive Rolle in Moscheen bzw. Moscheevereinen, 54% die Funktion der Familie und der Freunde (peer group), in 44% islamistische Angebote im Internet, 27% sog. Islamseminare, 6% sog. Benefizveranstaltungen 3% Kontakte in der Schule und 2% in Justizvollzugsanstalten festgestellt. 20

Zu 79% der Islamisten liegen Informationen zur Ausreisemotivation vor, wo eine islamistisch-jihadistische Ausreisemotivation in ca. 60% der Fälle angenommen werden kann ergänzt durch das Ziel, in „das Kalifat“ bzw. den „Islamischen Staat“ auszuwandern, in Richtung Syrien/Irak gereist ist. Sehr selten wurde eine „revolutionäre Absicht“ (8%), ein Heiratswunsch (6%) oder eine Nachreise bzw. Begleitung eines Ehepartners oder Familienangehörigen (5%) als Ausreisemotiv festgestellt.21

Politische Ereignisse und/ oder politische Sachverhalte als Radikalisierungsfaktoren

Als weitere Radikalisierungsfaktoren wurden politische Ereignisse, wie beispielsweise der Palästina-Konflikt, der 11. September 2001, die danach begonnene militärische NATO-Intervention in Afghanistan, die von den USA geführte militärische Intervention im Irak angeführt.22 Dies kann leicht mit den oben ausgeführten sozialwissenschaftlichen und psychologischen Modellen von islamistisch-terroristischer Radikalisierung vernetzt werden. Organisationen, Gruppen und Individuen, die das Gefühl haben, dass ihr politisches Engagement wirkungslos gegen „stärkere Mächte“, „das System“ ist, identifizieren sich stärker mit vermeintlichen bzw. tatsächlichen Opfern von politischer, rechtlicher, sozialer Ungerechtigkeit identifizieren und empfinden die Notwendigkeit, zur Tat zu schreiten (Aktionismus).

Alter als Faktor

Hinsichtlich der Geschlechterverteilung ist festzustellen, dass 79 Prozent der ausgereisten Personen männlich sind und 21 Prozent weiblich. Die Jihad-Reisenden sind zum Zeitpunkt der (erstmaligen) Ausreise zwischen 13 und 62 Jahre alt, dabei liegt der Mittelwert bei augenblicklich 25,8 Jahren. Mit 322 Personen stellen die 22- bis 25-Jährigen die zahlenmäßig größte Altersgruppe der Ausgereisten, woran sich die Altersgruppe der 18- bis 21-Jährigen (164 Ausgereiste) und die der 26- bis 29-Jährigen (143 Ausgereiste) anschließt. Auffällig ist also ein sehr hoher Anteil an jungen Personen, was als charakteristisch für den Phänomenbereich Salafismus gilt.23 Dieser Faktor muss mit der oben besprochenen psychologischen Konstitution, einer erhöhten Anfälligkeit für externe Einflusse, autoritäre Charaktere, „Führerpersönlichkeiten“, Gut/Böse-Dichotomien und einfachen Antworten auf schwierige Fragen verbunden werden, die vor jüngere Menschen im islamistischen und salafistischen Milieu finden.

Der persönliche und familiäre Hintergrund

Zu 688 von 784 Personen liegen Angaben zum Familienstand vor der (erstmaligen) Ausreise vor. Ca. die Hälfte ist ledig, die verheiratete Hälfte ist in etwa zu 60% nach deutschem Recht verheiratet und zu 40% nach islamischem Ritus verheiratet. Ca. 290 Personen hatten zum Zeitpunkt der (erstmaligen) Ausreise Kinder und über die Hälfte der 784 Personen hatte einen eigenen Hausstand.24

Bildung und berufliche Situation

Ca. 40 der untersuchten Personen haben die Hochschulreife erlangt, 23% einen Realschulabschluss, 27% der ausgereisten Personen erlangten einen Hauptschulabschluss und lediglich sieben Prozent haben keinen Schulabschluss erreicht. In der Vergleichsgruppe der Personen mit einer Berufsausbildung haben 42 % der Personen eine Berufsausbildung abgeschlossen, während 32% ihre Ausbildung abgebrochen und 26% erst vor der Ausreise eine Ausbildung begonnen haben, was wiederum mit dem jungen Durchschnittsalter zu verbinden ist. Von denjenigen Personen, von denen bekannt ist, dass sie vor ihrer Ausreise ein Studium aufgenommen haben, haben zehn Prozent ihr Studium abgeschlossen, 28 % brachen es vor dem Abschluss ab und 63 % haben das Studium erst vor der Ausreise begonnen.25

Religiös-ideologische Ausrichtung

Knapp 96% der untersuchten Personen werden dem salafistischen Spektrum zugerechnet ca. 40% vor der (erstmaligen) Ausreise in einer Moscheegemeinde, einem Moscheeverein oder -verband aktiv waren. Über 75% waren vor ihrer Ausreise dem Umfeld – der den Sicherheitsbehörden bekannten – Islamisten bzw. Salafisten zuzuordnen. Hierbei sind lokale, regionale Strukturen als auch überregionale Kennverhältnisse festzustellen. Bei dem überwiegenden Teil der Ausgereisten war die realweltliche Anbindung an bekannte salafistische Persönlichkeiten bzw. deren Milieus offensichtlich ausschlaggebend für die Radikalisierung. Derartige (personelle und/ oder geographische) „Hotspots“ zu identifizieren und repressiv sowie präventiv gegen sie vorzugehen, kann somit ein wichtiger Beitrag zur Verhinderung sowohl von Ausreisen, als auch der Radikalisierung dort verkehrender Personen sein.26

Der oben dargestellte Prozess der Übernahme der religiös-politischen Ideologie Islamismus transformiert die mentale und soziale Einstellung und des sozialen Verhaltens hin zur Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt. Daraus entstehen u. a. eine wachsende Antipathie gegenüber dem Gegner, den „Anderen“ und werden Erklärungsmuster für gewalttätiges Verhalten und ein Überkommen sozialer und psychologischer Grenzen, die gewalttätiges Verhalten aufhalten könnten erschaffen. Religiös-ideologische Radikalisierung kreiert die entmenschlichende Dichotomie „Wir versus die Anderen“, (religiös „gerechtfertigte“) Gewalt bis hin zum Mord, (religiös „gerechtfertigte“) Verfolgung oder Bestrafung (aufgrund von Stereotypisierung) bis hin zu organisierter Vergeltungsgewalt und einem “sacred struggle“ bzw. einem „heiligen Krieg“.

Radikalisierungsfaktoren und mögliche Parameter für eine Profilbildung

Mögliche äußerlich identifizierbare typologische Anzeichen der sozialen Interaktion

Auch wenn jede einzelne islamistische Radikalisierung als individueller und teilweise komplexer Prozess analysiert werden muss, gibt es empirische Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, woraus sich typologische Faktoren ableiten lassen. Abhängig vom Fortschreiten und Stand der religiös-ideologischen Indoktrination und Radikalisierung wenden sich die Wertvorstellungen der sich Radikalisierenden sichtbar und unsichtbar von denen der demokratischen Mehrheitsgesellschaften ab. Folgende äußere Anzeichen der sozialen Interaktion mit der Familie, der peer group, dem sozialen Nahbereich können auf einen (fortgeschrittenen) Radikalisierungsprozess hindeuten:

  • Soziale Isolierung, Kontakte zu „Ungläubigen“ werden vermieden, Polemisieren bzw. Agitieren gegen religiöse und politische Gegner bzw. (perzipierte) „Feinde“
  • Exklusivitätsanspruch im Bereich von Religion, Politik und Weltanschauung; Nulltoleranz für alternative Positionen und Meinungen in diesen Bereichen
  • Demokratische Prinzipien wie Volkssouveränität und Gesetzgebung durch Volksvertretung werden nach dem tauhid-Prinzip (Lehre von der „absoluten Einheit und Einzigartigkeit Gottes“) als „unislamisch“ abgelehnt
  • Ein strenges Befolgen der als „einzig richtig“ dargestellten religiösen Auffassungen, Gebote und Riten wird gegenüber anderen offensiv, teilweise aggressiv eingefordert
  • Offensive, aggressive Missionierungstendenzen
  • Zunehmende Fixierung auf das Jenseits, das eigene, irdische Leben wird von sekundärer Bedeutung.27

Diese von deutschen Verfassungsschutzbehörden analysierten äußeren Anzeichen eines individuellen Radikalisierungsprozesses können auf drei Ebenen verortet bzw. mit drei Faktoren erklärt werden:

  • Islamistische bzw. salafistische Ideologie als erster Faktor für eine Radikalisierung
  • Islamistische Milieus und peer groups als zweiter Faktor für eine Radikalisierung
  • Islamistische Angebote des Internets als dritter Faktor für eine Radikalisierung.

Orte und soziale Räume für die Beobachtung typologischer Anzeichen in der sozialen Interaktion

  • Aktivität in (islamistischen bzw. salafistischen) Moscheen oder Moscheevereinen
  • Innerhalb der Familie und im Freundeskreis (peer group, der soziale Nahbereich)
  • Intensität und Häufigkeit der Nutzung islamistischer Angebote des Internets
  • Teilnahme an (islamistischen, salafistischen) „Islamseminaren“ (Veranstaltungen zur weiteren Indoktrinierung)
  • Teilnahme an sog. Benefizveranstaltungen (Spendensammelaktionen)
  • Kontakte zu Islamisten und Salafisten in der Schule, in Justizvollzugsanstalten und in anderen Einrichtungen

Weitere Parameter für eine mögliche Profilbildung

  • (Bemühungen zur) Teilnahme an terroristisch-taktischer Ausbildung (realweltlich und/ oder virtuell); auch im Bereich Waffen, Kommunikationsmittel etc.
  • Polizeiliche Vorerkenntnisse (Vorstrafen)
  • Äußeres Erscheinungsbild (vgl. das Auftreten der salafistischen Mitglieder der Ende 2016 verbotenen Koranverteilaktion „LIES! Die Wahre Religion“)
  • Geschlecht (86% derjenigen, die vor der Ausreise im engeren salafistischen Szeneumfeld aktiven waren, sind männlich)
  • Städtische Hotspots (Mehr als 50% aller ausgereisten Islamisten kommen aus 13 Städten Deutschlands; bei diesen Personen sind Kontakte zu Islamisten innerhalb der Familie und im Freundeskreis (89%) entscheidend für die Radikalisierung; Vorstrafen lagen bei Personen aus den 13 Hotspots zu über 70% vor)
  • Migrationshintergrund (Ausgereiste mit Migrationshintergrund kommen signifikant häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund aus den 13 Hotspots; unter den Ausgereisten mit Migrationshintergrund sind deutlich mehr Männer als Frauen – 81% gegenüber 19%; bei den Ausgereisten ohne Migrationshintergrund liegt der Männeranteil bei 68%, der Frauenanteil bei 32%).

Fazit

Dieser Beitrag fragte nach Kriterien für eine Profilbildung islamistischer Terroristen und nutzte dabei sowohl sozialwissenschaftliche als auch psychologische Analyseparameter. Bei der Suche nach den empirischen (wissenschaftlichen) Analyseparameter wurden (1) das Alter und (2) Bildung sowie die berufliche Situation als signifikant weniger entscheidend als z.B. die (3) religiös-ideologische Ausrichtung, der (4) persönliche und familiäre Hintergrund sowie (5) islamistische, salafistische, jihadistische Radikalisierungsangebote des Internets analysiert. Die herrschende Meinung der internationalen und deutschen sozialwissenschaftlichen Radikalisierungsforschung nennt folgende drei Radikalisierungsparameter:

  • die islamistische, salafistische, jihadistische Ideologie
  • das islamistische Milieu, den sozialen Nahbereich
  • islamistische, salafistische, jihadistische Radikalisierungsangebote des Internets.28

Damit verbunden sind folgende Radikalisierungsparameter:

  • Teilnahme an terroristisch-taktischer Ausbildung (realweltlich und/ oder virtuell); auch im Bereich Waffen, Kommunikationsmittel etc.
  • Polizeiliche Vorerkenntnisse (Vorstrafen), u.a. im Bereich Politisch motivierte Kriminalität
  • Äußeres Erscheinungsbild (vgl. das Auftreten der salafistischen Mitglieder der Ende 2016 verbotenen Koranverteilaktion „LIES! Die Wahre Religion“)
  • Geschlecht (86% derjenigen, die vor der Ausreise in Jihad-Gebiete im engeren salafistischen Szeneumfeld aktiven waren, sind männlich)
  • Städtische Hotspots (Mehr als 50% aller in Jihad-Gebiete ausgereisten Islamisten kommen aus 13 Städten Deutschlands; bei diesen Personen sind Kontakte zu Islamisten innerhalb der Familie und im Freundeskreis (89%) entscheidend für die Radikalisierung; Vorstrafen lagen bei Personen aus den 13 Hotspots zu über 70% vor)
  • Migrationshintergrund (Jihad-Reisende mit Migrationshintergrund kommen signifikant häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund aus den 13 Hotspots; unter den Ausgereisten mit Migrationshintergrund sind deutlich mehr Männer als Frauen – 81% gegenüber 19%; bei den Ausgereisten ohne Migrationshintergrund liegt der Männeranteil bei 68%, der Frauenanteil bei 32%).

 

Quellen:

1  Bundesministerium des Innern (2016): Verfassungsschutzbericht 2015, Vorwort des Bundesministers des Innern Dr. Thomas de Maizière. Berlin/Köln.
2  Goertz, S. (2017): Was formt „den“ islamistischen Terroristen? In: Kriminalistik 4/2017, S. 219.
3  Federal Bureau of Investigation (2011): Perspective Radicalization of Islamist Terrorists in the Western World, https://leb.fbi.gov/2011/september/perspective-radicalization-of-islamist-terrorists-in-the-western-world; 30.1.2017.
4  Ebd.; Goertz, S. (2017): Ist eine Profilbildung islamistisch motivierter Attentäter möglich? In: Die Polizei 6/2017, S. 157.
5  Bundesamt für Verfassungsschutz (2013): Individueller Jihad, Newsletter Nr. 1/2013, Thema 6; Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport. Verfassungsschutz (2014): Jihadistischer Salafismus. Hannover.
6  Silke, A. (2008): Holy warriors: Exploring the psychological processes of jihadi radicalization. European Journal of Criminology, 5(1), 99–123; Silke, A. (1998): Cheshire-cat logic: The recurring theme of terrorist abnormality in psychological research. Psychology, Crime & Law, 4(1), 51-69; DeAngelis, T. (2009): Understanding terrorism. American Psychological Association 40/10; http://www.apa.org/monitor/2009/11/terrorism.aspx; 31.1.2018; Goertz 2017 Ist eine Profilbildung islamistisch motivierter Attentäter möglich? S. 158.
7  Silke 2008.
8  Silke 2008; Sageman, M. (2014): The stagnation in terrorism research. In: Terrorism and Political Violence, 26, S. 565-580; Bundeskriminalamt/ Bundesamt für Verfassungsschutz (2016): Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2016; Federal Bureau of Investigation (2011): Perspective Radicalization of Islamist Terrorists in the Western World, https://leb.fbi.gov/2011/september/perspective-radicalization-of-islamist-terrorists-in-the-western-world; 31.1.2018.
9  FBI 2011; Im Folgenden vgl. Goertz 2017 Ist eine Profilbildung islamistisch motivierter Attentäter möglich? S. 158.
10  Bhui, K./ Dinos, S./Jones, E. (2012): Psychological process and pathways to radicalization. Journal of Bioterrorism & Biodefense, 85.
11  Borum, R. (2011): Radicalization into Violent Extremism I: A Review of Social Science Theories. Perspectives on Radicalization and Involvement in Terrorism, 4(4), 7-36.
12  King, M./Taylor, D. (2011): The radicalization of homegrown jihadists: A review of theretical models and social psychological evidence. Terrorism and Political Violence, 23(4), 602–622.
13  McCauley, C./ Moskalenko, S. (2008): Mechanisms of political radicalization: Pathways toward terrorism. Terrorism and Political Violence, 20/3, 415-433.
14  Venhaus, J. (2010): Why Youth Join Al Qaeda. United States Institute of Peace.
15  Venhaus 2010.
16  DeAngelis, T. (2009): Understanding terrorism. American Psychological Association 40/10; http://www.apa.org/monitor/2009/11/terrorism.aspx; 31.1.2018.
17  Borum 2011.
18  Pahl, J. (2002): Gewalt durch religiöse Gruppen. In: Heitmeyer, W./ Hagen, J. (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden, S. 406-408.
19  BKA/BfV 2016; Im Folgenden vgl. Goertz 2017 Ist eine Profilbildung islamistisch motivierter Attentäter möglich? S. 160-161.
20  Ebd.; S. 26-34.
21  Ebd., S. 25-27.
22  Ebd.; S. 32.
23  Ebd.; S. 35-51.
24  Ebd.; S. 13, 35.
25  Ebd.; S. 16-17.
26  Ebd.; S. 17-19.
27  Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr, Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz (2016): Informationen zu islamistischen Anwerbeversuchen 2016.
28  Goertz, S. (2017): Islamistischer Terrorismus, Kapitel III; Goertz, S. (2018): Politisch motivierte Kriminalität und Radikalisierung, Kapitel III.

 

Über den Autor
Dr. Stefan Goertz
Autor: Dr. Stefan Goertz
Dr. Stefan Goertz ist Beamter der Bundespolizei und Politikwissenschaftler. Augenblickliche Tätigkeit u.a. an der Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei.
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