Friedhof in Wien-Hernals, die letzte Ruhestätte vom „Roten Heinzi“.
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Der letzte Pate

Von Richard Benda

Es war eine Parallelwelt, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts den Ton in der kriminellen Szene Wiens angab. Fast mit Ehrfurcht wurden die Namen der Stoß-Könige genannt. Der Showdown Mitte der 60er Jahre war der Anfang vom Ende der Vorherrschaft der Österreicher im kriminellen Gewerbe. Mit dem Tod des letzten großen Unterweltkönigs Heinz Bachheimer geht eine Ära endgültig zu Ende.

Es war wie die Szene aus einem schlechten Mafiafilm, die sich Samstag, den 12. Dezember des Vorjahres auf dem Friedhof in Wien-Hernals abspielte. „400 Gäste mit 1.000 Jahren Vorstrafen“ titelte zum Beispiel ein österreichisches Boulevardblatt. Die Trauergäste aus Prominenz (darunter eine ehemalige Politgröße des rechten Lagers) und Unterwelt betrauerten den Tod der letzten heimischen Unterweltgröße Heinz Bachheimer, alias „Roter Heinzi“. Sogar der Lions-Club hatte einen Kranz gespendet. Welche Größe Bachheimer in Unterweltkreisen und bei Polizei gewesen war, zeigt, dass er im Polizeifunk einen eigenen Codenamen, nämlich „Indianer“, hatte. Jahrelang beherrschte er die Rotlichtszene Wiens, doch die Entwicklung des Rotlichtgewerbes, das Eindringen südosteuropäischer Banden und schließlich sein Alter führten dazu, dass er immer mehr Macht und Einfluss verlor. Es wurde still um den „Roten Heinzi“. Schlussendlich war er nur mehr der Besitzer des Rotlichtlokales „Queens Club“ auf der sündigen Meile von Wien, dem Gürtel. Als ihm dann auch noch der Krebs zusetzte, beendete er mit 76 Jahren sein Leben durch einen Sprung aus dem Fenster seiner Wohnung.

Aber wer war eigentlich dieser Bachheimer? Für die Polizei war er schlicht ein Krimineller, wenn auch ein bekannter und großer, der sein Geld mit Prostitution und Diego Maradona (2012)
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illegalem Glücksspiel (Stoß) verdiente. Für die Prominenz aus Politik und Kunst war er dagegen ein bewunderter Geschäftsmann, der eben auch Rotlichtlokale betrieb. Immer elegant, immer verbindlich, Kontakte zu Polizisten und Justizwachbeamten suchend, ein blendender Unterhalter – das war Bachheimer am Höhepunkt seiner zwielichtigen Karriere. In seinen Lokalen verkehrten Größen wie Diego Maradona, der Maler Ernst Fuchs, Filmschauspieler und Politiker.

Bachheimer, Sohn eines Wiener Fiakers, hatte schlicht als Maler und Anstreicher begonnen. Im Milieu zeigte er, dass er eine harte Hand hatte. Er scharte eine Gruppe willfähriger Helfer um sich und erweiterte sukzessive sein Imperium. Eine Zeit lang beherrschte er mit seinem Freund Franz Altmann (Spitzname „Oida“) fast vollständig das Rotlichtmilieu in Wien. Nachfolger von Bachheimer wird Altmann jedenfalls sicher nicht mehr, er sitzt im Rollstuhl.

Das Biotop des Roten Heinzi

Jede Zeit hat ihre Kriminellen. Als Bachheimer in die kriminelle Szene hineinwuchs, war das legendäre, primitive Kartenspiel „Stoß“, das sich hervorragend für Betrug und Manipulation eignete, neben der Prostitution, die Geschäftsgrundlage der Organisierten Kriminalität. „Platte“ oder „Bandenkriminalität“ war zu dieser Zeit der geläufige Ausdruck für die Organisierte Kriminalität. Ein wenig Schutzgelderpressung kam als Einnahmequelle noch dazu, aber Drogen keinesfalls. Rückblickend betrachtet, war das Verhältnis Polizei – Plattenbrüder locker bis „freundschaftlich“. Gewalt gegen Polizeibeamte war undenkbar und hätte der Ganovenehre widersprochen. Eine Anekdote aus Bachheimers Vergangenheit zeigt dies: Als Bachheimer bemerkte, dass er observiert wird, klopfte er an das Überwachungsfahrzeug und teilte den Polizeibeamten sein Fahrziel mit. „Damit ihr mich beim Observieren nicht verliert“, war seine pointierte Ansage.

FahndungsfotoIn der Wiener Unterwelt dieser Zeit gab es auch eine mehr oder weniger ausgeprägte Hierarchie. An der Spitze stand der „Stoß-König“, eine ständig umkämpfte Position. Herr über den Kartentisch war der „Bankerer“, der wie sein Name schon sagt, die Bank hielt und vor allem mit der Abzocke von Dummköpfen von außerhalb der Szene für die Einnahmen sorgte. Zu seiner Unterstützung, zur Ablenkung und eventuell zu seinem Schutz waren die „Galeristen“ vorhanden. „Schmierer“ nannte man jene Plattenbrüder, die aufpassten, ob die Polizei kommt. Etwas im Hintergrund agierte das „Saugerl“. Hier konnte sich das abgezockte Opfer Geld zu Wucherzinsen leihen; meist war es sein eigenes. Auch zu dieser Zeit gab es bereits „freie Mitarbeiter“. Üblicherweise waren dies Berufsspieler, die keiner Platte angehörten, denen aber gegen Gewinnanteil erlaubt war, im gleichen Teich zu angeln. Der Abgabe eines Gewinnanteiles an einen der Unterweltkönige im Cafe Michelbeuern wohnte ich als junger Kriminalbeamter selbst bei.

Ort des Stoßspieles war meist das Hinterzimmer eines Cafes oder einer Bar, die im Besitz oder unter der Kontrolle eines der Plattenbrüder war. Meist waren diese Lokale am Gürtel oder in Praternähe gelegen.

High noon in der Leopoldstadt

Dass diese Welt unterging, hat sie sich selbst zu verdanken. Der Countdown zum Untergang begann etwa 1955 durch blutige Revierkämpfe. Die „große Galerie“ wurde durch die „Kleine Galerie“ abgelöst. Ab 1959 kristallisierten sich neue Namen heraus. Der Machtkampf eskalierte, als 1964 zwei Kapos der Wiener Unterwelt gegeneinander mit Waffen antraten um Wien alleine zu beherrschen. Auf der einen Seite stand der berüchtigte Josef Angerler, auch der „G`schwinde“ genannt. 35 Vorstrafen machten ihn schon zu einer Respektperson. Auf der Gegenseite ein eher unscheinbarer, korpulenter Brillenträger – Josef Krista, besser bekannt als „Notwehr-Krista“. Morddrohungen, Schießereien auf offener Straße durch „Buckln“ (Leibwächter, Bandenmitglieder), Stürmungen von Lokalen der Konkurrenz, waren üblich. Man war sich nur in einem einig: Gegenüber der Polizei wird geschwiegen. Irgendwie kam es dann doch zu einer Art Burgfrieden, der aber durch einen rotzfrechen Newcomer gestört wurde. Sein Name: Heinz Karrer. Er wollte sich partout nicht vom örtlichen Kapo, Josef Angerler, beschützen lassen. So etwas bedeutete Krieg.

Den ersten Teilerfolg strich Angerler ein. Karrer musste unter vorgehaltener Pistole niederknien und Abbitte leisten, eine furchtbare Demütigung in der Szene, die wieder Rache verlangte. Am 7. Oktober 1963 lauerte Karrer vor einem Pratercafe den „G`schwinden“ auf und feuerte ein ganzes Magazin seiner Pistole auf ihn. Dieser machte seinem Namen alle Ehre, sprang hinter eine Laterne und feuerte seinerseits auf Karrer. Obwohl 12 Kugeln durch die Nacht pfiffen, traf keine einzige. Der Gegenschlag sollte fürchterlich sein. Angerler mit seiner Mannschaft holte sogar seinen Kontrahenten Krista ins Boot und sie starteten eine Expedition gegen den Rebellen. Hier war man sich einig, Wien sollte zwischen Angerler und Krista aufgeteilt bleiben, für einen Dritten war kein Platz vorgesehen. Die Expeditionsteilnehmer stürmen in das Lokal Karrers, aber dieser, nicht furchtsam, wehrt sich mit der Pistole. Offensichtlich waren die Schießkünste aller Beteiligten bescheiden, denn wieder wird bis zur letzten Patrone geschossen und niemand getroffen.

Die nächste Runde gehörte der Polizei. Angerler samt Anhang wird festgenommen und Karrer stellt sich wenige Tage danach freiwillig. Interessant die identen Aussagen beider Kontrahenten: Alles halb so schlimm, es seien doch nur Gaspistolen verwendet worden. Wieso am Schauplatz die Hülsen scharfer Munition liegen blieben, war den Beteiligten völlig unverständlich. Glücklicherweise erkennt der Richter die Wahrheit, verurteilt die drei Frontmänner und verfügt ihre Einweisung in ein damals noch existierendes Arbeitshaus. Der Plattenkrieg hatte damit eine Zeit lang Pause.

Die Epigonen

Durch die Ausschaltung von Krista, Angerler und Karrer konnten Plattenbrüder der 2. Reihe in den Vordergrund treten. Auch ihr Kampf um den Platz in der ersten Reihe wurde blutig ausgetragen. Alois und Norbert Schmutzer (Schmutzer-Buam), Oswald Stanka, Anton Österreicher waren die neuen Platzhirschen. Die Szene war wieder in Bewegung, ein Feuergefecht in Meidling zu Silvester 1967/68 zwischen Karl Pekarek und Oswald Stanka, Josef Österreicher und den Schmutzer-Buam sollte es klären. Auch die bereits angeschlagenen Angerler und Krista trugen 1968 eine Auseinandersetzung wieder mit Waffen aus. Als Norbert Schmutzer im Jänner 68 von Johann Pokorny erschossen wird, geht auch die Ära der Schmutzer-Buam dem Ende zu. Gänzlich beendet wird sie durch 10 Jahre Kerker für Alois Schmutzer – er hatte einen Geldbriefträger überfallen.

Die 70er Jahre brachten das Ende der Plattenkriege, denn neue Protagonisten traten auf die Bühne. Sie traten nicht mehr als martialisch nach außen auftretende Stoßkönige auf, sondern als im Hintergrund agierende Manager, ihr Spiel hatte eine feinere Klinge. Heinz Bachheimer und sein Freund Franz Altmann (Westpartie), Bernd Wesely und Eduard Höbaus (Ostpartie) waren nun die big player.

1977 wurde Bachheimer und einige Mittäter endlich festgenommen. Die Anklage lautete auf illegales Glückspiel, Erpressung und Schmuggel von Benzin. Das Urteil: 3 ½ Jahre Gefängnis.

Das Ende einer Rotlichtkarriere (Zeitungsausriss)Noch war die Szene in österreichischer Hand, doch die Zeiten änderten sich unaufhaltsam. Die alt gewordenen Herren der Unter- und Halbwelt, die im Trainingsanzug in einem Bordell am Gürtel Karten spielten, konnten der neuen Entwicklung nichts entgegensetzen. Brutal agierende albanische, türkische und jugoslawische Banden übernahmen langsam Bordell um Bordell und verwiesen Wiens ehemalige Kapos auf das Altenteil. Ein Friedensschluss zwischen Ost- und Westpartie konnte daran nichts mehr ändern. Bachheimer wich eine Zeit lang nach Italien aus und exportierte Prostituierte nach Deutschland und Italien. Vor allem in Rimini fanden seine Mädchen kräftig zahlendes Publikum.

Das Ende der Wiener Platten endete vor allem durch Selbstausrottung. Fast alle führenden Köpfe kamen gewaltsam ums Leben. Der letzte Don hat sich selbst entleibt.

 

Über den Autor
Richard Benda
Autor: Richard Benda
Richard Benda war bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand Kriminalbeamter beim Landeskriminalamt in Wien. Bei der International Police Assoziation Österreichs bekleidete er von 1993 bis 2008 das Amt des Generalsekretärs. Er veröffentlichte seit 1974 etwa 1.500 Fachbeiträge in verschiedenen in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften sowie vier Fachbücher. Er ist Herausgeber von Kripo.at. 2009 wurde er zum Präsidenten der „Vereinigung Kriminaldienst Österreich“ gewählt – eine Position, die er noch heute innehat.
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