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Der Iran-Krieg – Sicherheitspolitische Folgen und Folgen für die Wirtschaft

Von Prof. Dr. Stefan Goertz, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei

Der Iran-Krieg betrifft sicherheitspolitisch-militärisch bereits mehrere Nachbarländer und hat auf einer geopolitischen Analyseebene auch zahlreiche Konsequenzen für westliche Staaten, auch für Deutschland und Europa.

Dieser Beitrag bespricht einführend (potenzielle) militärische und hybride Aktionen des Iran gegen westliche Staaten, danach mögliche hybride Angriffe und Wirtschaftsschutzempfehlungen der Verfassungsschutzbehörden und abschließend gestörte Lieferketten, Bedrohungen gegen KRITIS sowie mögliche Abwehrmaßnahmen.

(Potenzielle) militärische und hybride Aktionen des Iran gegen westliche Staaten

Mitte März 2026 feuerten die iranischen Streitkräfte zum ersten Mal zwei ballistische Raketen auf den von Großbritannien und den USA gemeinsam genutzten Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia ab. Diego Garcia ist das größte Atoll des Chagos-Archipels im Indischen Ozean. Das Gebiet gehört zum britischen Territorium im Indischen Ozean und wird militärisch von Großbritannien und den USA genutzt.

Bis zu diesem ersten iranischen Raketenangriff, bei dem eine Rakete technische Probleme hatte und die andere bei Abwehrmaßnahmen des gemeinsamen Militärstützpunktes abgeschossen wurde, galt Diego Garcia als „unantastbares Hinterland“, da der Militärstützpunkt etwa 4.000 Kilometer südöstlich der iranischen Küste liegt. Die Distanz von etwa 4.000 Kilometern kommt militärstrategisch eine große Bedeutung zu, da diese bisher als außerhalb der Reichweite des iranischen Raketenarsenals eingeschätzt wurde. Mit einer Reichweite von 4.000 Kilometern könnten iranische Raketen theoretisch aber auch Süd-, West- und Nordeuropa erreichen. Der Generalstabschef Israels, Ejal Zamir, erklärte dazu: „Diese Raketen sind nicht dafür bestimmt, Israel zu treffen.“ Europäische Hauptstädte lägen innerhalb von ihrem Radius: „Berlin, Paris und Rom sind alle im direkten Bedrohungsradius“.1

Für die USA und ihre Verbündeten hätte eine Raketenerreichbarkeit Europas strukturelle Auswirkungen. Raketenabwehrsysteme müssten sich damit auf Bedrohungen einstellen, die die Reaktionszeit verkürzen, und die Komplexität der Verteidigung erhöhen. Die NATO sei sich der möglichen Bedrohung für Europa bewusst. Sie prüfe derzeit den Angriff auf Diego Garcia, erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Man wisse sicher, dass Iran kurz davor stünde, Europa mit Raketen erreichen zu können.2

In Bezug auf mögliche hybride Angriffe und Aktionen iranischer Akteure in Europa ist festzustellen, dass Europa hier bereits mehrere Male Angriffsziel geworden ist: Mitte März 2026 wurde vor einer Synagoge in Rotterdam ein Feuer gelegt, in Amsterdam ein Sprengsatz an einer jüdischen Schule abgelegt. In London brannten vier Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes, im belgischen Lüttich erschütterte eine Explosion die dortige Synagoge und die Umgebung. Seit Beginn des Iran-Kriegs kam es in mehreren europäischen Städten zu Angriffen gegen Einrichtungen mit Bezug zu jüdischen Menschen.

Die Beweislage der oben genannten Angriffe wird noch ausgewertet, nach Angaben des International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) „deuten die Umstände stark auf vom Iran unterstützte Aktivitäten“ hin.3 Das bewusste Erzeugen von Unklarheit über die Täterhintergründe, um Verwirrung zu stiften, ist Teil einer hybriden Angriffsstrategie. Terroristische Akte so zu planen und durchzuführen, dass sie nicht eindeutig einem Staat zuzuordnen sind, sondern über nicht-staatliche Akteure ausführen zu lassen, in Europa beispielsweise durch Einzeltäter, die ideologisch motiviert sind oder bezahlt werden, gehört zu dieser hybriden Angriffsstrategie.

Die Sicherheitsbehörden mehrere Länder prüfen aktuell antisemitische Straftaten oder Anschlagspläne der letzten Monate darauf, ob Spuren zu iranischen Geheimdiensten führen. Der Generaldirektor des britischen Inlandsgeheimdienst MI5, Ken McCallum, spricht von „mehr als zwanzig potenziell tödlichen, vom Iran unterstützten Anschlagsplänen innerhalb von zwölf Monaten“.4

Ende März 2026 konnte die französische Polizei einen Sprengstoffanschlag auf die Pariser Niederlassung der US-Großbank Bank of America vereitelt. Nach Angaben der polizeilichen Ermittler wurde ein Verdächtiger gefasst, als er in einen Sprengsatz vor dem Gebäude im Zentrum der französischen Hauptstadt niederlegte. Die französische Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Aus Ermittlerkreisen wurde bekannt, dass ein Zusammenhang mit iranischen Drohungen gegen israelische und US-Unternehmen in Europa wegen des Iran-Kriegs wahrscheinlich sei. Der selbstgebaute Sprengsatz bestand aus einem mit Treibstoff gefüllten Fünf-Liter-Kanister sowie einem Feuerwerkskörper als Zünder. Bei einem Verhör erklärte der Festgenommene nach Angaben der Ermittlungsbehörden, er sei über den Onlinedienst Snapchat angeworben worden, den Anschlag gegen Zahlung von 600 Euro zu verüben.5

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnt vor der Gefahr von Anschlägen, die von iranischen Akteuren initiiert bzw. selbst verübt werden: „Den Mechanismus zwischen erhöhten Spannungen im Nahen Osten und verstärkten Angriffen auf jüdisches Leben in Europa haben wir in der Vergangenheit immer wieder gesehen.“6

Auch eine Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz erklärte Anfang März 2026, Tage vor den antisemitisch motivierten Angriffen in mehreren europäischen Städten: „Es muss angenommen werden, dass auch jüdische Einrichtungen des öffentlichen Lebens wie Schulen oder Synagogen als Angriffsziele für etwaige Vergeltungsmaßnahmen infrage kommen“.7

Hybride Aktionen als „Vergeltungsaktionen“ in der westlichen Welt benötigen ein Netzwerk, das auf logistische Strukturen zurückgreifen kann. Über ein solches Netzwerk verfügen die iranischen Geheimdienste im Westen, vor allem in Europa. Sowohl die Quds-Einheiten als auch die Hisbollah und deren Sympathisanten haben Netzwerke, Gruppen und Zellen in Europa gebildet, die sowohl langfristiger, geplanter auf einem höheren Niveau (high profile) als kurzfristiger, eher auf low level-Niveau Akte und Sabotage verüben können.

Der Verfassungsschutz des Bundeslandes Thüringen spricht angesichts des Iran-Kriegs von einer „erhöhten Gefährdungslage in Deutschland“. Im iranischen Fokus stünden Cyberangriffe auf Industrieanlagen (Steuerungstechnik von Industrieanlagen), gezielte Einschüchterungsversuche und mögliche Anschläge gegen die iranische Exil-Opposition sowie gegen jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland. Außerdem nutzten iranische Geheimdienste verstärkt kriminelle Netzwerke, um die eigene Rolle bei „verdeckten Nadelstichen“ zu verschleiern.8

Seit 2018 gab es in Europa mindestens elf dokumentierte Anschlagsversuche der iranischen Revolutionsgarden, darunter drei versuchte Anschläge auf Synagogen in Nordrhein-Westfalen.9

Seit Ende Januar werden die iranischen Revolutionsgarden von der EU als terroristische Organisation eingestuft. Drei Jahre lang hatte die EU dazu beraten. Längst überfällig war der Schritt zur Einstufung der iranischen Revolutionsgarden als terroristische Organisation aus Sicht von Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU). Er hatte sich seit Monaten dafür eingesetzt. In der EU einflussreiche Staaten wie Frankreich, Italien und Spanien hatten diesen Schritt bis zum Januar 2026 abgelehnt. Internationale Berichte über die brutale Niederschlagung der Protestierenden im Iran sorgten dann – nach drei Jahren – für eine Kehrtwende, auch innerhalb der französischen Regierung.10

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Mögliche hybride Angriffe und Wirtschaftsschutzempfehlungen der Verfassungsschutzbehörden

Nach aktueller Analyse deutscher Verfassungsschutzbehörden könnten kurz- und mittelfristige Cyberangriffe im Namen der iranischen Regierung vor allem von iranischen Proxys und pro-iranischen „Hacktivisten“ ausgehen. Aktuell seien etwa 60 solcher Gruppierungen aktiv.11 Schon kurz nach Beginn der Kampfhandlungen im Iran-Krieg konstatierten IT-Sicherheitsunternehmen intensivierte Aufklärungsaktivitäten (beispielsweise Schwachstellenscans) pro-iranischer Cyberakteure, die als vorbereitende Maßnahmen für (potenzielle) Cyberangriffe genutzt werden können. Außerdem wurden bereits in der ersten Woche des Iran-Kriegs begrenzte iranische Cyberangriffe gegen Ziele in Israel und den USA gemeldet. Aktuell empfehlen die deutschen Verfassungsschutzbehörden im Rahmen von Wirtschaftsschutz vor allem deutschen Unternehmen im Rüstungs-/Defence-Sektor und im Bereich KRITS eine Priorisierung und Umsetzung präventiver Maßnahmen wie z.B. Identitäts- und Zugriffsschutz, (konsequentere) Multi-Faktor-Authentisierung und verstärkte Überwachung von Cloud-Plattformen auf Anomalien, Härtung der Infrastruktur, Reduzierung der Angriffsfläche durch Deaktivierung nicht kritischer externer Schnittstellen, Notfallplanung, Überprüfung der Incident-Response-Pläne sowie ein engmaschiges Monitoring der aktuellen Cyberbedrohungslage.12

„Der Iran schlägt rücksichtslos um sich“, erklärte Sinan Selen, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Mitte März 2026. Er bezog sich auf den Iran-Krieg und erklärte, wie „fließend die Übergänge zwischen Wirtschaftsspionage und digitalen Angriffen einerseits sowie klassischen Militäreinsätzen andererseits sein können“.13

Um die Widerstandsfähigkeit großer deutscher Unternehmen gegen Cyber-Angriffe macht sich Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, aktuell weniger Sorgen als um die vielen kleinen und mittelständischen Firmen. „Und da müssen wir nachschärfen“, betont er.14 Entsprechend begrüßt er die von der Bundesregierung neu beschlossene Wirtschaftsschutz-Strategie. Als wichtigstes Ziel beim Wirtschaftsschutz fasst Staatssekretär Christoph de Vries (CDU) aus dem Bundesinnenministerium zusammen: „Wir wollen die Wertschöpfungs- und Lieferketten deutscher Unternehmen widerstandfähiger machen.“ Dies gelte sowohl für Angriffe aus dem Ausland als auch für Gefahren von innen.

In Bezug auf Cyberangriffe hoffen die deutschen Verfassungsschutzbehörden, schon bald mehr gesetzliche Befugnisse zu erhalten: „Wir müssen unsere Toolbox auf den neusten Stand bringen, um bei hybriden Angriffen reagieren zu können […] Das heißt, wir müssen feindliche Operationen unterbrechen können – analoge und hybride“, fordert BfV-Präsident Selen.15

Der Präsident des Verbandes für Sicherheit in der Wirtschaft (VSV), Johannes Strümpfel, hält die neue Wirtschaftsschutz-Strategie der Bundesregierung für einen großen Fortschritt. Es gehe um viel mehr als Spionage und Sabotage. Als besonders wichtig betont er: „Die Scheu der Unternehmen, sich an eine Sicherheitsbehörde zu wenden, ist deutlich geringer geworden“.16

Hierfür nennt der VSV-Präsident folgende Beispiele: Das Fotografieren kritischer Firmenbereiche durch Unbekannte, versuchter unerlaubter Zutritt auf ein Werksgelände durch „über-den-Zaun-Klettern“ etc., aber auch Drohnen-Überflüge. Dabei „haben wir in der Wirtschaft den Eindruck, dass Sicherheitsmechanismen getestet werden“, so der VSV-Präsident, um zu sehen, wie ein Unternehmen darauf reagiert, beispielsweise ob die Polizei hinzugerufen werde oder nicht.17

Gestörte Lieferketten

Der Schwerpunkt der politischen und medialen Analyse wirtschaftlicher Folgen des Iran-Kriegs sind noch die Märkte für Erdöl und Erdgas. Für die großen Hightechindustrien sind Lieferketten jedoch ebenfalls von besonderer Bedeutung. Wichtige Glieder der Rohstoff- und Lieferketten sind in den letzten Wochen und Tagen stark geschwächt, stehen teilweise kurz vor dem Zerreißen. Bis Mitte März 2026 wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) rund 40 Energieanlagen des Nahen Ostens schwer getroffen, die Schäden gehen in die Milliarden US-Dollar und haben auch Störungen zur Folge, die nach einem möglichen Ende des Konflikts noch lange Zeit anhalten dürften.18

Die Auswirkungen des Iran-Kriegs entsprechen nach Angaben des IEA-Exekutivdirektors Fatih Birol bereits jetzt denen der beiden großen Ölkrisen der Siebzigerjahre und der Erdgaskrise nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor drei Jahren. „Nicht nur Öl und Gas sind betroffen, sondern auch einige der lebenswichtigen Arterien der Weltwirtschaft wie Petrochemikalien, Düngemittel, Schwefel oder Helium. Ihr Handel ist komplett beeinträchtigt, was schwerwiegende Konsequenzen für die Weltwirtschaft haben wird”, erklärt der IEA-Exekutivdirektor.19

Aktuell sorgen sich die südkoreanischen Speicherchipproduzenten Samsung und SK Hynix um dringend benötigte Brom-Verbindungen für ihre Produktionsprozesse. Die Brom-Substanzen kommen bisher aus Israel und Jordanien. Die japanischen Anbieter von Fotolacken für die Halbleiterindustrie benötigen unter anderem Naphta, das bislang von Saudi Aramco und Qatar Petroleum kam. Schwefelsäure wiederum ist essenziell für das Ätzen von Chipwafern, zwei der großen Schwefellieferanten sitzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Iran. Hochtechnologiebranchen wie Luft- und Raumfahrt, die Chip-, Solar- und Medizintechnik sind von Helium abhängig. Dieses Edelgas ist unabkömmlich für viele Wirtschaftszweige und steht daher auf der Liste der strategisch wichtigsten Rohstoffe in Europa und den USA. Helium kann nicht künstlich hergestellt, sondern quasi nur als Nebenprodukt bei der Förderung von Erdgas oder Stickstoff aufbereitet werden. Transport und Lagerung von Helium sind überaus kompliziert und die Verteil- und Lieferketten höchst fragil.20

Auch bei Dünger, Alu und Kunststoffen droht ein Engpass. Voll beladene Containerschiffe liegen zu Hunderten auf beiden Seiten der Meerenge im Persischen Golf. In Asien stehen Raffinerien und Fabriken wegen fehlender Rohstoffe und Grundprodukte still. In Afrika mangelt es an Dünger. Autobauer weltweit fürchten einen Aluminium-Engpass. Verkäufer von Einmalhandschuhen sorgen sich um die Belieferung aus Fernost.

Da die Straße von Hormus aktuell kaum passierbar ist, könnte es schon bald einen Mangel an bestimmten Rohstoffen und Vorprodukten geben. Es kommt bereits zu Hamsterkäufen, beispielsweise in der Chemie, bei Flugzeugbauern und Autoherstellern. Entsprechend steigen die Preise erheblich und schnell an.

Durch die Meerenge der Straße von Hormus wurden vor dem Beginn des Iran-Kriegs etwa 20 Prozent aller weltweiten Öl- und Gastransporte sowie 30 Prozent aller Düngemittel verschifft. Damit war und ist die Straße von Hormus der geopolitisch wichtigste maritime Engpass der Welt. Dass die Straße von Hormus zur geopolitischen Falle der Weltwirtschaft werden könnte, war – sicherheitspolitisch realistisch betrachtet – absehbar. Die iranische Regierung und ihre Streitkräfte wussten immer um die strategische, geopolitische Bedeutung dieser maritimen Enge. Die Revolutionsgarden kündigten kurz nach Beginn des Iran-Kriegs an, „jedes Schiff, das sich in die Meerenge vorwagt, in Brand zu schießen“.21 Ein unter honduranischer Flagge fahrender Öltanker soll kurz darauf angegriffen worden sein. Nach iranischen Angaben wurde auch ein US-Öltanker angegriffen. Die dänische Reederei Maersk musste die Fahrten ihrer Containerflotte von Fernost in den Nahen Osten und von dort nach Europa wegen „des eskalierenden Konfliktes in der Golfregion“ aussetzen. MSC, die größte Container-Reederei der Welt, kündigte an, gefährdete Schiffsladungen einfach im nächstgelegenen Hafen zur Abholung durch die Kunden abzuliefern. Hunderte internationale Schiffe saßen Ende März 2026 im Persischen Golf fest, da die iranischen Streitkräfte die Straße von Hormus de facto „für feindliche Schiffe“ gesperrt hat.22

Die aktuelle Lage der Straße von Hormus zeigt, dass geopolitische Risiken für die Schifffahrt zu einem erheblichen Kostenfaktor geworden sind. Reedereien versuchen Risikogebiete zu meiden und ihre Schiffe umzuleiten. Gleichzeitig entstehen jedoch entlang zentraler Seehandelsrouten immer mehr Krisenherde. Umso wichtiger wird daher der verlässliche Schutz der zivilen Handelsschifffahrt, potenziell auch durch militärische Geleitschiffe. 90 Prozent des Welthandels laufen über Seewege. Etwa zwei Drittel der In- und Exporte Deutschlands hängen vom Seeweg ab. Allein der Hafen von Jabal Ali in Dubai bewegte im Jahr 2024 15,5 Millionen Standardcontainer, was doppelt so viele im Vergleich zum Hamburger Hafen waren.23 Die geopolitisch-sicherheitspolitische Bedeutung weltweiter Seehandelsrouten ist jetzt im öffentlichen Diskurs, hätte jedoch schon deutlich früher von den politischen Entscheidungsträgern sicherheitspolitisch realistisch, strategisch einkalkuliert werden müssen.

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Stark betroffen ist auch die Landwirtschaft. Düngemittel und ihre Ausgangsstoffe wie zum Beispiel Ammoniak, Urea, Schwefel und Phosphate sind energieintensive Produkte, die aus den Golfstaaten heraus im großen Umfang in die ganze Welt verkauft werden. Der fehlende Dünger könnte bald zu schlechteren Erträgen führen und Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis verknappen. Verbunden mit den stark gestiegenen Spritpreisen, die auch direkt auf die Landwirtschaft wirken, dürfte dies zu einer baldigen erheblichen Verteuerung der Lebensmittel führen.24

Auch die Logistik und Luftfahrt sind betroffen. Die erhöhten Energiekosten treiben längst auch die Kosten für Warentransporte. Innerhalb der ersten drei Wochen des Irankriegs stiegen die durchschnittlichen Lkw-Transportpreise im deutschen Binnenmarkt von 1,62 Euro auf fast 1,80 Euro pro Kilometer. Noch teurer wird es auf See. Kostete die Lieferung von einem Barrel (159 Liter) Öl von Mexiko nach Asien vor dem Beginn des Iran-Kriegs fünf US-Dollar, sind es inzwischen zehn. Zum Ölpreisanstieg kommen auch die deutlich gestiegenen Charterpreise für Tankschiffe hinzu. Bei den Transportkosten in der Luftfahrt stiegen die Kerosinpreise bis Ende März 2026 um 83 Prozent. Rund 40 Prozent des weltweiten Kerosins passierten bis zum Beginn des Iran-Kriegs die Straße von Hormus.25

Auch der Bunkerkraftstoff genannte Schiffstreibstoff ist in asiatischen Häfen knapp geworden. Noch steht Bunkertreibstoff in der öffentlichen Debatte weit hinter Kerosin und Diesel. Fehlender Bunkerkraftstoff hat jedoch mittelfristig enorme Folgen. Zehntausende Schiffe transportieren Rohstoffe, Chemikalien und Container über die Weltmeere – und machen rund 80 Prozent des globalen Handelsvolumens aus. Treibstoffengpässe in diesem Sektor drohen daher nicht nur Frachtraten und folglich die Inflation hochzutreiben, sondern auch die weltweiten Lieferketten zu beeinträchtigen bzw. zu gefährden.

Die Drehkreuze am Persischen Golf sind die Achillesferse des internationalen Luftverkehrs. Entsprechend haben die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe dazu geführt, dass sich die Passagierströme zwischen Asien und Europa komplett verschoben haben. Entsprechend sind die Preise auf den sicheren Direktverbindungen ohne Umstieg in den Emiraten massiv gestiegen. Die Kapazitäten der Golf-Airlines fehlen auch im weltweiten Luftfrachtsystem, sodass auch hier die Preise stark anziehen.

Nach dem Ende des Iran-Kriegs könnte bzw. sollte sich für viele große Industriezweige die strategische Frage stellen, wie sich die weltweiten Lieferketten verändern, welche Waren auf alternativen Routen und gegebenenfalls mit anderen Transportmitteln beschafft werden könnten bzw. sollten, die eigene Lieferkettenstrategie überprüfen und sie resilienter aufstellen.

Bedrohungen gegen KRITIS und Abwehrmaßnahmen

Brücken, Kraftwerke, Flughäfen, etc. – Kritische Infrastruktur war in Kriegen schon immer ein wichtiges Angriffsziel. Im Iran-Krieg werden nun auch Cloud-Dienste militärisch-kinetisch angegriffen. Die Rechenzentren von Amazon in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain wurden von iranischen Streitkräften angegriffen.26 Daraufhin fielen im Nahen Osten Cloud-Dienste der Sparte Amazon Web Services aus, daneben auch Apps für Finanzen, Mobilität und Kommunikation. Darum könnte es sich um den ersten militärisch-kinetischen Angriff auf die Infrastruktur eines großen US-Technologieunternehmens handeln. Damit wurde eine Schwelle überschritten, was sich prognostisch wiederholen bzw. gar etablieren wird. Die Angriffe auf Amazon in den VAE und Bahrain zeigen auf, dass Cloud-Anbieter im Nahen Osten neue Schutzstrategien gegen Drohnenangriffe benötigen.27

Clouds sind auf eine große Infrastruktur angewiesen: Rechenzentren, Stromleitungen, Glasfaserkabel. Große Anlagen wie die von Amazon Web Services haben die Ausmaße von Fabriken und sehen nicht mehr wie Serverräume aus. Die Hallen solcher Rechenzentren sind tausende Quadratmeter groß, gefüllt mit Servern, Kühlanlagen und ausgestattet mit Notstromgeneratoren. Diese Größe und Komplexität machen sie besonders verwundbar und zu einem relativ kostengünstigen Angriffsziel für Drohnen oder Raketen. Eine weitere Verwundbarkeit der Cloud-Dienste besteht darin, dass ein Großteil des internationalen Datenverkehrs auf Seekabel basiert. Zahlreiche davon verlaufen durch das Rote Meer und die Straße von Hormus.

Eine strategische Abwehrmaßnahme gegen solche Bedrohungen erfordert von Cloud-Anbietern, dass sie ihre Infrastruktur mit mehr Redundanz bauen als bisher, so dass mehrere Rechenzentren innerhalb einer Region parallel genutzt werden.

Als weitere Schutzmaßnahme empfiehlt es sich, besonders wichtige Rechenzentren an besonders gesicherten Orten, bunkerartig, zu schützen. Bunker sind jedoch bei sehr großen Anlagen für Hyperscaler in der Regel keine realistische Option.

Wenn Rechenzentren eine besondere Rolle für die nationale Sicherheit haben, kann bzw. sollte der Staat ihren Schutz übernehmen. Solche Maßnahmen hat Israel beispielsweise zum Schutz einer Chipfabrik von Intel ergriffen. In Israel gilt auch die Cloud – schon vor dem Iran-Krieg – als KRITIS.28

Ein Beispiel aus dem Ukraine-Russland-Krieg zeigt ebenfalls die Bedeutung von Clouds: Als die russischen Streitkräfte in den ersten Tagen des Angriffskriegs gezielt Rechenzentren in und nahe der Hauptstadt Kiew kinetisch-militärisch bombardierten und mit Cyberattacken angriffen, half Microsoft, öffentliche Daten aus der Ukraine zu verlegen und in Rechenzentren in ganz Europa – dezentral – zu speichern. Allein diese Aktion soll mehr als 500 Millionen US-Dollar gekostet haben.29

Fazit

Die geopolitische Lage ist seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 bereits von massiven geopolitischen Verwerfungen mit erheblichen Folgen für die Wirtschaft westlicher, vor allem europäischer Staaten wie Deutschland geprägt. Noch verschärft wird die geopolitische Lage durch den aktuellen Iran-Krieg, der durch iranische Angriffe auf den Nahen Osten abstrahlt. Diese angespannte geopolitische Lage hat sowohl erhebliche sicherheitspolitische Auswirkungen auf Staaten der westlichen Welt als auch auf die wirtschaftliche Lage und das Thema Wirtschaftsschutz. Ziele von (potenziellen) Angriffen sind nicht mehr nur staatliche Akteure und deren Streitkräfte, sondern auch relevante Unternehmen und alle Bereiche von KRITIS. Die Bedrohungslage ist dabei durchaus komplex, da die Akteure durchaus unterschiedliche Strategien und Taktiken verfolgen können. Staatliche Akteure wie Streitkräfte und Geheimdienste können sich dabei ebenso regulärer militärischer Mittel bedienen wie auch Proxy-Akteure, auch innerhalb europäischer Staaten, nutzen.

Für Unternehmen westlicher Staaten stellt das eine mittel- bis langfristig neue Bedrohungsintensität dar, sowohl durch direkte und indirekte (potenzielle) Angriffe als auch durch gestörte bzw. unterbrochene Lieferketten.

- Dieser Beitrag stellt die persönliche Auffassung des Autors dar-

Quellen: 

1  https://www.tagesschau.de/ausland/asien/diego-garcia-angriff-100.html (4.4.2026).
2  Vgl. Grosse, Gregor: Iran-Krieg: Liegen Europas Städte in Reichweite iranischer Raketen? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2026.
3  https://www.zeit.de/news/2026-03/25/antisemitische-angriffe-in-europa-spur-zum-iran (4.4.2026).
4  Vgl. https://www.zeit.de/news/2026-03/25/antisemitische-angriffe-in-europa-spur-zum-iran (4.4.2026).
5  Vgl. https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/sprengstoffanschlag-auf-bank-in-paris-vereitelt-200681864.html?share=Email (4.4.2026).
6  Vgl. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/iran-eskalation-usa-folgen-deutschland-terror-gefahr-100.html (4.4.2026).
7  Vgl. ebd.
8  Vgl. https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/anschlaege-gefahr-verdeckter-iranischer-operationen-ist-absolut-real/100204539.html (4.4.2026).
9  Vgl. https://www.stern.de/politik/deutschland/iran--diesen-krieg-wird-merz-noch-zu-spueren-bekommen-37180860.html (4.4.2026).
10  Vgl. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-sicherheitspolitik-102.html (4.4.2026).
11  Vgl. https://www.verfassungsschutz-bw.de/,Lde/Startseite/Arbeitsfelder/Cyberbedrohungslage+Iran (4.4.2026).
12  Vgl. ebd.
13  Vgl. https://www.dw.com/de/deutschlands-wirtschaft-im-visier-hybrider-angriffe/a-76447694 (4.4.2026).
14  Vgl. ebd.
15  Vgl. ebd.
16  Vgl. ebd.
17  Vgl. ebd.
18  Vgl. Finsterbusch, Stephan: Iran-Krieg und Folgen: Warum es nicht nur um Öl und Gas geht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.3.2026.
19  Vgl. ebd.
20  Vgl. ebd.
21  Riecke, Torsten/Rogg, Inga/Schlautmann, Christoph: Die Falle von Hormus. In: Handelsblatt, 13.3.2026.
22  Vgl. ebd.
23  Vgl. https://www.mdr.de/nachrichten/welt/politik/strasse-von-hormus-blockade-reeder-welthandel-interview-100.html (4.4.2026).
24  Vgl. Witsch, Kathrin/Fröndhoff, Bert/Schlautmann, Christoph/Smolak, Helena: Sprit, Aluminium, Einmalhandschuhe – Wo Knappheit droht. In: Handelsblatt, 29.03.2026.
25  Vgl. ebd.
26  Vgl. Handelsblatt 13.3.2026, Drohnenangriffe. KI-Ambitionen der Golfstaaten in Gefahr, S. 28-29.
27  Vgl. ebd.
28  Vgl. ebd.
29  Vgl. ebd.

 

Über den Autor
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz, Professor für Sicherheitspolitik, Schwerpunkt Extremismus- und Terrorismusforschung, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei
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