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Aktuelle Bedrohungen durch Spionage und Sabotage – Teil 2

Von Prof. Dr. Stefan Goertz, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei

Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine kommt es zu geopolitischen und geoökonomischen Verwerfungen mit erheblichen Auswirkungen für deutsche Unternehmen und KRITIS-Einrichtungen. (Potenzielle) Gefährdungen deutscher Unternehmen und KRITIS-Einrichtungen durch Spionage und Sabotage haben nach Angaben der Sicherheitsbehörden ein neues Niveau erreicht, qualitativ und quantitativ.1

Die Liste aktueller Fälle von (mutmaßlicher) Spionage und Sabotage in Deutschland ist lang: Cyberangriffe auf Parteien und den Bundestag, ein Anschlagsplan auf Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender von Rheinmetall, per Luftpost verschickte Brandsätze, hunderte Drohnenüberflüge zur Spionage und potenziellen Vorbereitung von Sabotageakten über Liegenschaften der Bundeswehr, KRITIS-Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen, unbefugter Zutritt von mutmaßlichen Proxy-Akteuren russischer Geheimdienste in militärischen Liegenschaften der Bundeswehr sowie mehrere Fälle von Spionage innerhalb der Bundeswehr und des Bundesnachrichtendienstes.2

Folgender aktueller Fall verdeutlicht die Bedrohungslage: Am 21.1.2026 wurde Ilona W. in Berlin von Polizeibeamten des Bundeskriminalamtes festgenommen. Der Generalbundesanwalt hält sie für dringend verdächtig, im Auftrag des russischen militärischen Geheimdienstes GRU in Deutschland spioniert zu haben. Dazu soll sie in Kontakt mit einem Führungsoffizier gestanden haben, der als Militärattaché in der russischen Botschaft in Berlin akkreditiert war. Ilona W. soll nach aktuellem Stand der Ermittlungen Erkundigungen über Standorte der deutschen Rüstungsindustrie, Drohnentests und geplante Lieferungen von Drohnen an die Ukraine angestellt und weitergegeben haben. Besonders problematisch ist dabei nach aktuellem Informationsstand, dass W. in Kontakt mit zwei ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern des Bundesverteidigungsministeriums gestanden haben soll. Beide Männer gelten ebenfalls als Beschuldigte.3

 

Diese Artikelserie untersucht in zwei Teilen aktuelle Bedrohungen, die von Spionage und Sabotage ausgehen, sowie deren Akteure und aktuelle Trends. Einen Analyseschwerpunkt stellen dabei Bedrohungen für KRITIS und Wirtschaftsunternehmen dar. In Teil 1 wurden die aktuelle Bedrohungslage sowie die Akteure – fremde Geheimdienste und deren Proxys (“low level-Agenten“, „Wegwerf-Agenten“) – untersucht. Dieser Teil 2 bespricht u.a. aktuelle Drohnenangriffe und Mängel der deutschen Drohnenabwehr, Cyberangriffe sowie Desinformationskampagnen als Teil hybrider Bedrohungen.

Drohnenangriffe und Mängel der deutschen Drohnenabwehr

Wir hinken alle hinterher, was die Abwehr von Drohnen angeht4, räumte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Anfang Oktober 2025 ein.

Die Zahl von verdächtigen Drohnensichtungen über KRITIS-Einrichtungen, Wirtschaftsunternehmen, Einrichtungen der Bundeswehr und Flughäfen ist seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine exorbitant gestiegen. Allein im Jahr 2025 erfasste das Bundeskriminalamt – im Hellfeld – mehr als 2.000 verdächtige Drohnenüberflüge.5 Das BKA stellte bei den Drohnenvorfällen im Jahr 2025 verschiedene Muster und Trends fest: „Die Sichtungen von Drohnen erfolgten überwiegend in den Abendstunden.“6 Auffällig seien auch viele Mehrfachüberflüge und Drohnenschwärme (Formationen), vor allem in den Küstenbereichen von Niedersachsen und Schleswig-Holstein, gewesen. Schwerpunkte der Drohnenüberflüge im Jahr 2025 stellte das BKA bei 1) militärischen Einrichtungen der Bundeswehr, 2) bei Militärübungen der Bundeswehr und Nato sowie 3) bei KRITIS-Einrichtungen fest. Und in zahlreichen Fällen gehen die deutschen Sicherheitsbehörden von einem „komplexen Vorgehen unter Rückgriff auf größere finanzielle und logistische Ressourcen“ aus, was eine russische Urheberschaft am wahrscheinlichsten macht.7

Zu den Fähigkeiten der deutschen Drohnenabwehr gibt es aktuell vor allem negative Einschätzungen. „Die deutsche Drohnen-Abwehr ist nahezu nicht existent“ erklärte ein Drohnenexperte Anfang Oktober 2025.8 Ob diese maximal negative Bewertung richtig bzw. vor allem ein (weiterer) Weckruf bzw. Mahnung an die Politik und Behörden ist, lässt sich nicht abschließend klären. Das von Drohnenüberflügen verursachte Einstellen des gesamten Flugbetriebs am Münchner Flughafen Anfang Oktober 2025 verdeutlichte einmal mehr die Probleme der deutschen Drohnenabwehr. Allerdings waren diese Vorfälle in München keine Einzelfälle. Seit Anfang September 2025 hatten mehrere kleine Drohnen immer wieder Flughäfen und Kritische Infrastrukturen (KRITIS) in Nord- und Osteuropa lahmgelegt, unter anderem in Kopenhagen und Oslo sowie in Polen und Lettland. Auch wenn die Beweiserhebung sehr schwierig ist, gehen die deutsche Bundesregierung und die Regierungen anderer europäischer Staaten davon aus, dass russische Akteure hinter diesen Drohnenüberflügen stecken.9

Anfang Dezember 2025 scheiterte die Bundeswehr bei der Abwehr von Drohnen über einer besonders sensiblen Liegenschaft, dem Standort des neuen Arrow-3-Systems in der Annaburger Heide an den Grenzen der Bundesländer Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.10 Die Bundeswehr verfügt zwar über mehrere Drohnenabwehrsysteme, darunter auch elektronische Störsender. Jedoch waren diese in den letzten Monaten und Jahren teilweise wirkungslos gegen moderne Drohnen. Beispielsweise schlugen mehrere Abwehrversuche über dem Bundeswehrstandort Schwesing – wo ukrainische Soldaten an Patriot-Systemen ausgebildet wurden – im Januar 2025 fehl. Der frühere Inspekteur des Heeres, General Alfons Mais, bezeichnete den Technologiewettlauf zwischen Drohnen und Drohnenabwehr als „Katz-und-Maus-Spiel“. Er habe noch kein Abwehrsystem gesehen, „bei dem die Wirksamkeit länger als sechs Wochen gedauert hat“, so Mais. Dann gebe es bei Drohnen durch eine neue Software bereits die „nächste Qualitätsstufe“, und die Abwehrmöglichkeiten seien „wieder verpufft“.11 Erschwerend komme der verstärkte Einsatz von Fluggeräten hinzu, die über Glasfaserverbindungen oder mit Künstlicher Intelligenz gesteuert werden.

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Drohnen können zu Spionagezwecken, auch zur Vorbereitung späterer Sabotageakte (Spionage-Sabotage), und mit Sprengstoff bestückt als Waffe eingesetzt werden. Außerdem können sie für einige Zeit den Flugverkehr an Flughäfen lahmlegen und auch zur Einschüchterung der Bevölkerung dienen bzw. ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber illegalen Drohnenüberflügen auslösen.

Innerhalb kurzer Zeit setzte Bundesinnenminister Dobrindt seine Pläne zu einem Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) um und dieses wurde am 17.12.2025 eröffnet. Das GDAZ wurde als gemeinsame Koordinierungsstelle der Bundespolizei, der Landespolizeien, des BKA sowie der Bundeswehr eingerichtet. Organisatorisch angesiedelt ist es bei der Bundespolizeidirektion 11 in Berlin. Verbunden mit der Einrichtung des Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrums hatte die Bundespolizei zwei Wochen zuvor eine neue Drohnenabwehreinheit in Dienst gestellt. Diese ist an Flughäfen, bei der Bundespolizeidirektion 11 in Berlin sowie deutschlandweit in der Nähe sicherheitsrelevanter Objekte stationiert, um möglichst schnell am Einsatzort sein zu können. Sie soll unter anderem KI-gestützte Störsysteme und automatische Abfangdrohnen einsetzen. Allerdings ist die neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei längst nicht für alle Vorfälle mit Drohnen in Deutschland zuständig. Wechselnde Zuständigkeiten der Polizeien des Bundes, der Länder und der Bundeswehr erschweren die Drohnenabwehr in Deutschland. Deutschlandweit gibt es aktuell 42 Luftsicherheitsbehörden in Bund und Ländern und Kritiker bemängeln, dass man mit dieser Struktur nicht schnell genug auf Drohnenüberflüge reagieren könne. Manuel Atug, Sprecher der AG KRITIS, forderte Ende 2025: „Wir bräuchten Jammer [Störsender] und auch Menschen, die das bedienen können, an allen Flughäfen, an allen kritischen Infrastrukturen in Deutschland und auch an allen Militärstützpunkten.“12

Als Zwischenfazit: Innerhalb relativ kurzer Zeit hat das Bundesinnenministerium im Jahr 2025 ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum nach organisatorischem Vorbild des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums gegründet sowie eine neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei aufgestellt. Dies stellt einen ersten organisatorischen Fortschritt dar. Allerdings bestehen nach aktuellem Stand technische und rechtliche Probleme – beispielsweise für einen möglichen Einsatz der Bundeswehr zur Drohnenabwehr außerhalb von Liegenschaften der Bundeswehr im Zuge der Amtshilfe – weiter fort. Ein flächendeckender und wirksamer Drohnen-Schutzschirm über Deutschland erscheint nach aktuellem Stand kurz- bis mittelfristig als unrealistisch.

Cyberangriffe als Teil hybrider Bedrohungen

In einer Zeit, geprägt von hybriden Bedrohungen durch autoritäre Staaten, in der Konflikte nicht mehr nur mit Panzern, sondern mit Drohnen, Cyberangriffen und Desinformation ausgetragen werden, bewegen wir uns in einem bedrohlichen Spannungsfeld, in dem Nachrichtendienste als erster Schutzwall fungieren.“13 Martina Rosenberg, Präsidentin des BAMAD am 13.10.2025 im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags

Der Schaden durch Cyberangriffe in Deutschland ist immens: Gemäß einer Erhebung des IT-Verbands Bitcom verursachten Cyberangriffe im Jahr 2024 Schäden in Höhe von 178,6 Milliarden Euro. Das sind 30 Milliarden Euro mehr als im Jahr 2023.14 „Cyberangriffe besitzen ein enormes Schadenspotenzial und sind eine Bedrohung für Wirtschaft, Staat und Gesellschaft“, erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bei der Vorstellung des neuen aktuellen BKA-Bundeslagebildes Cybercrime im Herbst 2025.15 Besorgniserregend sei nach Angaben von Dobrindt auch „eine zunehmende Ausweitung geopolitischer Konflikte in den digitalen Raum“, was zu einem Anstieg hybrider Bedrohungen in Deutschland führe. „Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen finanziell und politisch motivierten Cyber-Gruppierungen immer mehr“, beschreibt der Bundesinnenminister einen höchst problematischen aktuellen Trend. Außerdem betonte er, dass – wie in den letzten Jahren auch – „von einer hohen Dunkelziffer auszugehen“ sei.16

Nach Angaben der Deutschen Bundesbank aus dem Januar 2026 ist diese mehr als 5.000 Cyberangriffen pro Minute ausgesetzt, was auf ein Kalenderjahr hochgerechnet etwa zweieinhalb Milliarden Cyberattacken auf die IT-Systeme der Deutschen Bundesbank ergibt.17 Bundesinnenminister Dobrindt stellte in diesem Zusammenhang klar, dass Cyberangriffe auf staatliche Institutionen in Deutschland und Europa häufig von ausländischen Geheimdiensten ausgehen bzw. von diesen finanziert werden.18

Cyberangriffe, Spionage, unzulässige ausländische Einflussnahme und Desinformation, Proliferation sowie Sabotage haben nach aktuellen Angaben der deutschen Verfassungsschutzbehörden signifikante negative Auswirkungen auf Deutschland.19 Die russische Regierung verfolgt nach Angaben der deutschen Verfassungsschutzbehörden einen umfassenden Ansatz: So ergänzen bzw. bereiten Cyberangriffe klassische Aufklärungsaktivitäten vor, Spionage und Desinformation greifen ineinander.20 Die geopolitischen Interessen der russischen Regierung und ihrer Geheimdienste sind handlungsleitend für die vielfältigen hybriden Aktivitäten und ein großer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Cyber- und Informationsraum. So zielen russische Cyberangriffe einerseits auf eine kontinuierliche Informationsbeschaffung ab. Neben diesen Spionagehandlungen können Cyberangriffe andererseits aber auch Sabotage, Einflussnahme und Desinformation zum Ziel haben.21

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Bei ihren Operationen im Cyber- und Informationsraum greifen russische Geheimdienste auch auf verschiedene Angriffsgruppierungen (Proxy-Akteure) zurück, von denen sich einige durch eine hohe technische Qualifikation mit einem breiten Portfolio unterschiedlicher, teils schwer aufzuklärender Angriffsmethoden auszeichnen. Daher gehen die deutschen Verfassungsschutzbehörden von einer hohen Dunkelziffer nicht erkannter, qualitativ hochwertiger Cyberangriffe aus.22

Neben russischen Geheimdiensten und deren Proxy-Akteuren verübten in den letzten Monaten und Jahren mutmaßlich auch chinesische Geheimdienste und deren Proxy-Akteure zahlreiche Angriffe auf Wirtschaftsunternehmen, politische Institutionen und Behörden in Deutschland. Cyberangriffe begleiten das Interesse Chinas an einer globalen Spitzenposition in Politik, Wirtschaft, Technologie und Militär, erklärt das Bundesamt für Verfassungsschutz.23

Eine Auswertung des aktuellen BSI-Lageberichts zur IT-Sicherheit in Deutschland24 zeigt, dass die Angriffsflächen in Wirtschaft und Politik im Jahr 2025 größer geworden sind und die Verbesserung der Resilienz langsamer voranschreitet als sich die Bedrohungslage entwickelt. Bei der Cybersicherheit gibt es trotz einiger Fortschritte immer noch erhebliche Schwachstellen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen und politiknahe Institutionen machten es Cyberangreifern zu leicht, so der Tenor des aktuellen BSI-Lagebilds.

Um die Cyber-Resilienz Deutschlands zu stärken, hat die aktuelle Bundesregierung das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung gegründet. Außerdem wurde im Herbst 2025 ein deutscher „Cyber-Dome“ initiiert, der im Jahr 2026 zu einer (teil-) automatisierten Abwehr von Cyberangriffen in der Lage sein soll. Das BMI möchte bei diesem „Cyber-Dome“ von Israels Expertise und lessons learned profitieren und eng mit israelischen Behörden kooperieren. Israel gilt bei der Cyberabwehr als einer der technologisch führenden Staaten, in denen bereits seit einigen Jahren IT-Systeme eingesetzt werden, die Cyberangriffe weitgehend automatisiert erkennen und abwehren. Im Fokus des in Deutschland geplanten „Cyber-Dome“ steht der Schutz besonders sensibler Bereiche wie Energieversorgung, Telekommunikation, Verwaltung und Verkehr.25

Als Zwischenfazit: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und eines neuen Ost-West-Konflikts sind sowohl die Quantität als auch die Qualität von Cyberangriffen gegen Deutschland signifikant angestiegen. Diese Cyberangriffe haben ein erhebliches Schadenspotenzial bei ihren Angriffszielen KRITIS-Einrichtungen, Wirtschaftsunternehmen und Politik. Die aktuelle Bundesregierung hat erste Maßnahmen zur Stärkung der Fähigkeiten der Cyberabwehr getroffen. Allerdings muss mehr Tempo aufgenommen werden, um Fähigkeitslücken der zuständigen Ministerien und Behörden in Deutschland zu analysieren und zu schließen.

Desinformationskampagnen

„Man versucht gesellschaftliche Erzählungen zu verändern. Das ist eine langfristige Operation. Darüber hinaus haben wir bestimmte Zeitrahmen, die besonders kritisch sind und das sind insbesondere Bundestagswahlen oder auch Landtagswahlen, in denen man versucht ein Meinungsbild und eine Stimmung zu schaffen, die genau diese demokratischen Prozesse untergräbt.“26 Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz

Desinformationskampagnen sind Teil hybrider Angriffe und Bedrohungen. Mithilfe von Desinformation und Propaganda wollen Staaten wie Russland und China, unter Zuhilfenahme ihrer Geheimdienste sowie von Proxy-Akteuren, Einfluss auf die öffentliche Meinung sowie auf Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ausüben. Das mittel- bis langfristige Ziel besteht darin, das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat mit seinen Institutionen und Repräsentantinnen und Repräsentanten sowie in unabhängige Medien zu beschädigen. Taktiken von Einflussnahme und Desinformationen sind beispielsweise das Säen von Verwirrung und Zweifel, das Verstärken vorhandener gesellschaftlicher Konfliktlinien sowie die Behauptung, das eigene Politikmodell sei westlichen Demokratien überlegen.27

Nach aktuellen Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz haben russische Geheimdienste in den letzten Monaten und Jahren erheblich in ihre Ressourcen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und des politischen Diskurses in Deutschland investiert. Unterschiedliche Formen von Desinformation und Propaganda zielen darauf ab, „im Verborgenen oder unter Vortäuschung falscher Tatsachen Einfluss auf den politischen Meinungs- und Willensbildungsprozess sowie politische Entscheidungs- und Funktionsträgerinnen und -träger auszuüben“.28 Das Vertrauen der deutschen und anderen europäischen Bevölkerungen in die Stabilität und Handlungsfähigkeit der Institutionen des demokratischen Verfassungsstaates soll untergraben, die westliche Wertegemeinschaft diskreditiert, Spaltungstendenzen in der Gesellschaft sollen erzeugt bzw. verstärkt und die EU sowie NATO geschwächt werden.29

Eine erste große Desinformationskampagne in Deutschland war die „Doppelgänger“-Kampagne, die im Jahr 2022 begann, wenige Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Gefälschte Internetseiten reichweitenstarker deutscher Medien wie beispielsweise Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel oder Stern wurden ebenso genutzt wie auch nachgebaute Behördenseiten und auf diesem Wege gefälschte Nachrichten verbreitet. Ziel war es, Regierungen und deren politische Entscheidungen in Bezug auf den Russland-Ukraine-Krieg, vor allem in Frankreich, den USA, Deutschland und Polen zu diskreditieren. „Sobald falsche oder irreführende Informationen zirkulieren, werden die Webseiten von den Urhebern wieder gelöscht. Was bleibt, sind die Desinformationen. Abgewandelt und modifiziert werden sie teils auch noch nach Jahren online weiterverbreitet“, erklärte das Bundesministerium des Innern.30

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Eine aktuelle, gegen Deutschland gerichtete Desinformationskampagne, die einem russischen Geheimdienst attribuiert werden konnte, ist „Storm 15-16“. Martin Giese, ein Sprecher des Auswärtiges Amt erklärte hierzu: „Wir können heute verbindlich sagen, dass Russland durch die Kampagne Storm-1516 versucht hat, sowohl die letzte Bundestagswahl als auch fortlaufend die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland zu beeinflussen und zu destabilisieren.“31 Mitte Dezember 2025 wurde der russische Botschafter wegen russischer Cyberangriffe und dieser Desinformationskampagne, „Storm 15-16“, ins Auswärtige Amt in Berlin einbestellt. Teil jener Desinformationskampagne des russischen Militärgeheimdienstes GRU waren Fake-Videos, die angeblich zeigen sollen, wie die Bundestagswahl zu Ungunsten der AfD manipuliert wurde – behauptete Manipulationen bei Stimmzetteln –, die der früheren Außenministerin Annalena Baerbock eine frei erfundene Affäre mit einem afrikanischen Prostituierten andichteten, der frühere Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck sei Helfer bei einem Kunstraub gewesen und Bundeskanzler Friedrich Merz habe bei der Großwildjagd eine Eisbärfamilie getötet.32 Dies war nicht das erste Mal, dass aufwändig produzierte Desinformation (eine gefälschte, fiktive kanadische Nachrichtenseite) über Friedrich Merz verbreitet wird. Bereits im Februar 2025 wurden Fake-Artikel und Videos veröffentlicht, in denen Merz als psychisch krank dargestellt wurde. Dabei wurde „Storm-1516“ als Urheber vermutet.33 In jenen Fake-Berichten hieß es unter anderem, dass Merz im Jahr 2017 einen Suizid-Versuch unternommen hätte. Als vermeintliche „Beweise“ dienten ein Foto „seiner Krankenakte“ und ein Bild, das Merz mit Bandagen an den Handgelenken im Rollstuhl zeigt - beides gefälscht. „Die Bundesregierung beobachtet seit der Vereidigung ein grundsätzlich starkes Aufkommen von Posts zu Bundeskanzler Merz“, erklärte ein Sprecher des BMI auf Anfrage im Frühjahr 2025. „Wir nehmen dabei sowohl Desinformation als auch persönliche Diskreditierung und Propaganda auf vielen Kanälen wahr“, so ein Sprecher des BMI.34

Mehrere aktuelle Studien belegen, dass KI-Chatbots wie ChatGPT russische Desinformation wiedergeben. Jānis Sārts, Direktor des NATO-Thinktanks STRATCOM, warnt: „Bald könnten die Angriffe noch effektiver werden. Denn noch schöpft Russland das volle Potenzial von KI nicht aus.“35

Durch KI-Technologie haben Desinformationskampagnen in den letzten Monaten an Quantität und Qualität gewonnen. Alle zuständigen deutschen und europäischen Stellen müssen in diesem „Informationskrieg“, den die Desinformationskampagnen entfacht haben, 24/7 abwehrbereit sein, solche Kampagnen schneller detektieren und die politischen Reaktionen müssen schneller erfolgen.

Fazit und Ausblick

Zu den bei Spionage- und Sabotageaktivitäten eingesetzten Akteuren und Mitteln zählen menschliche Quellen (HUMINT - human intelligence) ebenso wie Cyberangriffe und andere technische Aufklärungsmittel, darunter die Überwachung drahtloser Kommunikation. Solche geheimdienstlichen Aktivitäten stellen eine ernsthafte Bedrohung für Deutschland und andere europäische Staaten dar.

Die Gefährdungslage, die von Spionage und (potenzieller) Sabotage in Deutschland und anderen europäischen Ländern ausgeht, hat sich durch den Russland-Ukraine-Krieg signifikant verschärft. Auch wenn nicht jeder vermutete Sabotagevorfall von russischen Geheimdiensten initiiert wurde, profitiere die russische Regierung von der „dadurch entstehenden Unsicherheit“, so das Bundesamt für Verfassungsschutz.36 Die aktuell zu verzeichnende Vermischung von Aktivitäten staatlicher und nicht staatlicher Akteure erschwert zudem eine Zuordnung und ermöglicht es Russland, Verantwortung abzustreiten.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat einen neuen Ost-West-Konflikt ausgelöst. In diesem stehen sich die westlichen Demokratien einerseits und Russland sowie Partner wie China und Nordkorea als „Systemrivalen“ gegenüber. Dieser neue Ost-West-Konflikt wird prognostisch noch einige Zeit anhalten und auf sicherheitspolitischer, diplomatischer, militärischer, wirtschaftlicher, technologischer und energiewirtschaftlicher Ebene ausgetragen werden – mit allen Mitteln, auch mithilfe von Spionage, Sabotage und Desinformation.

- Dieser Beitrag stellt die persönliche Auffassung des Autors dar.-

Zum Teil 1 dieses Beitrages

Quellen:

1  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/pressemitteilung-2025-10-13-pkgr.html (25.1.2026).
2  Vgl. https://www.rnd.de/politik/russische-spionage-und-sabotage-wie-putins-schattenkrieg-deutschland-trifft-UUFE3MEGPBMF5AQL7FN2Q7BNPM.html (25.1.2026).
3  Vgl. https://www.tagesschau.de/inland/festnahme-spionage-russland-102.html (25.1.2026).
4  https://www.dw.com/de/wie-deutschland-sein-drohnen-problem-l%C3%B6sen-will/a-74196210 (25.1.2026).
5  Vgl. https://www.welt.de/politik/article69394360c3b4893a9e2b41b7/russland-2000-deutsche-drohnenvorfaelle-und-die-spuren-in-putins-reich.html (25.1.2026).
6  Vgl. ebd.
7  Vgl. ebd.
8  https://www.merkur.de/politik/und-erntet-kritik-drohnen-abwehr-dobrindt-will-mehr-auf-bundeswehr-setzen-zr-93958536.html (25.1.2026).
9  Vgl. Handelsblatt (2025): Der neue Krieg – und was er mit Deutschland macht. Handelsblatt 10./11./12.10.2025, Nr. 195, S. 45.
10  Vgl. https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/warum-die-bundeswehr-bei-der-drohnenabwehr-probleme-hat-200416540.html (25.1.2026).
11  Vgl. ebd.
12  Vgl. https://www.deutschlandfunk.de/drohnenabwehr-kritis-deutschland-sicherheit-hybride-bedrohung-100.html (25.1.2026).
13  https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/pressemitteilung-2025-10-13-pkgr.html (25.1.2026).
14  Vgl. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/cyberkriminalitaet-lagebild-100.html (25.1.2026).
15  Vgl. ebd.
16  Vgl. ebd.
17  Vgl. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/angriffe-bundesbank-cyberkriminalitaet-100.html (25.1.2026).
18  Vgl. ebd.
19  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, S. 301.
20  Vgl. ebd., S. 314.
21  Vgl. ebd., S. 309.
22  Vgl. ebd., S. 310.
23  Vgl. ebd., S. 320.
24  Vgl. https://medien.bsi.bund.de/lagebericht/de/index.html (25.1.2026).
25  Vgl. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/01/israel-dobrindt.html (25.1.2026).
26  https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/20260108_2145/wie-russland-unsere-demokratie-angreift.html (25.1.2026).
27  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/spionage-und-proliferationsabwehr/akteure-und-aktionsfelder/akteure-und-aktionsfelder_artikel.html (25.1.2026).
28  Vgl. BMI (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, S. 307.
29  Vgl. ebd., S. 307-308.
30  Vgl. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/schwerpunkte/DE/desinformation-bei-bt-wahl/desinfo-bei-bt-wahl-artikel.html (25.1.2026).
31  Vgl. https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/20260108_2145/wie-russland-unsere-demokratie-angreift.html (25.1.2026).
32  Vgl. https://www.rnd.de/politik/russlands-informationskrieg-wir-muessen-endlich-abwehrfaehig-werden-JLCKBRC4Q5GXJGD2ZGI4A5M3EQ.html; https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/20260108_2145/wie-russland-unsere-demokratie-angreift.html; https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/russland-desinformation-storm1516-100.html (25.1.2026).
33  Vgl. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/russland-desinformation-storm1516-100.html (25.1.2026).
34  Vgl. ebd.
35  https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/20260108_2145/wie-russland-unsere-demokratie-angreift.html (25.1.2026).
36  Bundesamt für Verfassungsschutz (2025): Gefährdungen durch russische Spionage, Sabotage und Desinformation, S. 20-21.

 

Über den Autor
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz, Professor für Sicherheitspolitik, Schwerpunkt Extremismus- und Terrorismusforschung, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei
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