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Aktuelle Bedrohungen durch Spionage und Sabotage – Teil 1

Von Prof. Dr. Stefan Goertz, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei

Multipolare Bedrohungen gefährden in ungekanntem Ausmaß die Demokratie, Wirtschaft und Sicherheit in unserem Land. Russland verfolgt aggressiv seine machtpolitischen Ambitionen gegen Deutschland, die EU und seine westlichen Verbündeten. Russische Dienste modifizieren fortlaufend die Eskalationsstufen ihrer Aktivitäten mit dem strategischen Ziel, die liberalen Demokratien zu schwächen. In der Konsequenz detektieren wir ein breites Spektrum von Spionage, Desinformation, Einflussnahme, Sabotage und Cyberangriffen ausländischer Akteure und Staaten in Deutschland. Neben Russland nehmen China und Iran Schlüsselpositionen für den Bereich nachrichtendienstlicher Aktionen und transnationaler Repression ein“.1

Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, am 13.10.2025 im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags.

„Das Handeln Russlands ist darauf angelegt, die NATO zu unterminieren, europäische Demokratien zu destabilisieren, unsere Gesellschaften zu spalten und einzuschüchtern. Die hybriden Mittel, derer sich Russland dazu bedient, sind mittlerweile allgegenwärtig. In ihrer Häufigkeit stellen diese Einzelereignisse eine neue Qualität der Konfrontation dar. Eine Konfrontation, in welcher Russland uns als Gegner und als Kriegspartei betrachtet. Auf weitere Lageverschärfungen müssen wir uns vorbereiten. […]“.2 Martin Jäger, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), am 13.10.2025 im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags.

Diese beiden aktuellen Zitate der Präsidenten des BfV und des BND verdeutlichen die Bedrohungen, die aktuell und zukünftig von Spionage und Sabotage gegen Deutschland und andere europäische Staaten ausgehen. Diese Gefahren bestehen aus einem breiten Spektrum hybrider Angriffe mittels Spionage, Sabotage, Cyberangriffen und Desinformationskampagnen.

Deutschland ist als größter Mitgliedstaat der EU, von der Bevölkerungszahl her zweitgrößtes NATO-Mitglied und drittgrößte Wirtschaftsmacht, ein zentrales Ziel von Spionage und potenziell Sabotage in den Bereichen Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Militär sowie Wissenschaft.3

Diese Artikelserie untersucht in zwei Teilen aktuelle Bedrohungen, die von Spionage und Sabotage ausgehen, sowie deren Akteure und aktuelle Trends. Einen Analyseschwerpunkt stellen dabei Bedrohungen für KRITIS und Wirtschaftsunternehmen dar.

Analyse der aktuellen Bedrohungslage

„Hybride Angriffe auf uns in Deutschland sind Realität, jeden Tag“, erklärte General Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr im Mai 2025.4

„Unsere Gegner denken nicht mehr in den klassischen Kategorien von Frieden, Krise und Krieg. Sie sehen Krieg als Kontinuum“, beschrieb General Breuer die aktuelle Bedrohungslage im Juli 2025. Hybride Angriffe – beispielsweise durch Spionage, Sabotage und Desinformation – zielen in der Analyse von General Breuer auf die Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Sicherheit. Die Digitalisierung und die Offenheit demokratischer Gesellschaften hätten diesen Methoden eine neue Wirksamkeit verliehen: „Der Werkzeugkasten hybrider Kriegsführung ist heute deutlich effektiver als früher.“5

„Wir sollten Sabotage nicht einfach als eine weitere Form hybrider Aktionen abtun, wie wir sie bereits kennen. Sabotage ist die schärfste Klinge. Sie haben den Einsatz erhöht, so wie sie bei der Planung und Ausführung dieser Operationen vorgehen. Sie gehen größere Risiken ein – und nehmen weniger Rücksicht auf Kollateralschäden, einschließlich des Verlustes von Menschenleben.“6 So beschrieb der Vize-Präsident des litauischen Nachrichtendienstes Valstybės saugumo departamentas (VSD) im Oktober 2025 die Bedrohungslage durch Sabotage und meinte mit „sie“ russische Geheimdienste und deren Proxy-Akteure.

Die Liste aktueller Spionage- und Sabotagefälle in Deutschland und anderen europäischen Staaten ist lang und wächst quasi täglich an: Cyberangriffe auf Flughäfen, Parteien und den Deutschen Bundestag, ein Anschlagsplan auf Armin Papperger, den Vorstandsvorsitzenden von Rheinmetall, per Luftpost verschickte Brandsätze (unter anderem der Vorfall im DHL-Logistikzentrum in Leipzig im Sommer 2024), viele hundert Drohnenüberflüge zur Spionage und potenziellen Vorbereitung von Sabotage über Bundeswehrliegenschaften, Kritischen Infrastrukturen und Wirtschaftsunternehmen. Hinzu kommen wiederholte Fälle von unbefugtem Zutritt zu Liegenschaften der Bundeswehr und Wirtschaftsunternehmen.7

Die deutschen Verfassungsschutzbehörden analysieren, dass „die russische Führung eine gezielte Schwächung Europas verfolgt, Sabotageakte dienen dabei der Umsetzung dieser Politik gegen Europa“8.

Die deutsche Wirtschaft sieht sich zunehmend mit Industriespionage, Sabotage oder Datendiebstahl konfrontiert. Als die dafür verantwortlichen Akteure werden vor allem fremde Geheimdienste und deren Proxys genannt. Dies geht aus einer repräsentativen Befragung von mehr als 1.000 Unternehmen unterschiedlicher Branchen hervor. Demnach sind sich 87 % der befragten Führungskräfte sicher, dass ihr Unternehmen in den zurückliegenden zwölf Monaten mindestens einen Angriff erlebt hat. Weitere zehn Prozent gaben an, sie seien in diesem Zeitraum vermutlich Ziel von Datenklau, Sabotage oder Spionage geworden. Der Gesamtschaden, der durch die digital und analog verübten Angriffe entstanden ist, wird von den Betroffenen auf aktuell mindestens 289 Milliarden Euro (Hellfeld, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher) geschätzt.9

Zum Schutz vor Sabotage gehört der Schutz von KRITIS wie beispielsweise der Energie- und Wasserversorgung, Informationstechnik und Telekommunikation. Sabotage stellt für viele relevante Bereiche demokratischer Staaten eine ernst zu nehmende Gefahr dar. Politik und Verwaltung, das öffentliche Leben, aber auch Unternehmen und Forschungseinrichtungen können davon betroffen sein. Staatliche Akteure aus dem Ausland, aber auch Extremisten – potenziell auch in deren Auftrag – innerhalb europäischer Staaten könnten relevante Einrichtungen und Anlagen ins Visier nehmen, um diese zu schädigen.10

Cyberangriffe, Sachbeschädigungen und Brandsätze sind Beispiele für mögliche Sabotageaktivitäten, die einerseits auf einen Sachschaden bzw. die Störung von Prozessen abzielen und andererseits innerhalb der Bevölkerung Unsicherheit schüren, Angst verbreiten sowie Sicherheitsbehörden und Politik überlasten sollen, analysieren die deutschen Verfassungsschutzbehörden aktuell.11

Dass russische Geheimdienste ihre hybriden Angriffe – u.a. Spionage, Sabotage und Cyberangriffe – gegen Deutschland und andere europäische Staaten intensivieren, ist nach aktueller Analyse der deutschen Verfassungsschutzbehörden wahrscheinlich. Hierbei gehen die russischen Geheimdienste „opportunistisch vor und bewerten fortlaufend, inwiefern eine weitere Eskalation ihrer Aktivitäten für die Zielerreichung zweckdienlich ist“, erklärt das Bundesamt für Verfassungsschutz aktuell.12

Seit Beginn des Ukraine-Russland-Krieges 2022 kam es nach Angaben der deutschen Verfassungsschutzbehörden in Bezug auf potenzielle Sabotageakte durch ausländische Geheimdienste zu einer kontinuierlichen Verschärfung der Gefährdungslage in Europa. Neben konkreten Schäden beziehungsweise Störungen von Abläufen in Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) wie Kommunikation, Verkehr und Logistik durch Sabotage dürfen auch die psychischen Auswirkungen von Sabotageakten in der Öffentlichkeit im Sinne einer Verunsicherung nicht außer Acht gelassen werden, erläutert das Bundesamt für Verfassungsschutz.13

Auch wenn nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz nicht jeder Sabotagevorfall von russischen Geheimdiensten initiiert war und ist, profitiere das System Putin von der dadurch entstehenden Unsicherheit.14 Die seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine festzustellende Vermischung von Spionage- und Sabotageakten Aktivitäten staatlicher und nicht staatlicher Akteure erschwert zudem eine Zuordnung und ermöglicht es Akteuren wie russischen und chinesischen Geheimdiensten, Verantwortung abzustreiten.

Nach aktuellen Angaben der deutschen Verfassungsschutzbehörden stieg das Aufkommen an Hinweisen in Bezug auf mögliche Sabotageaktionen in Deutschland im Jahr 2024 erheblich an.15 So waren und sind in den Jahren 2024 und 2025 in Deutschland und anderen europäischen Staaten vermehrt Vorfälle im Zusammenhang versuchter oder erfolgter Brandstiftung sowie in Bezug auf Vandalismus, Ausspähungs- und Propagandaaktivitäten aufgetreten, die auf russische Geheimdienste zurückzuführen sind. Umgesetzt werden diese Aktivitäten oftmals von sogenannten „Low-Level-Agenten“.

Das Niveau der Spionage- und Sabotageaktivitäten gegen Deutschland und andere europäische Staaten hat dasjenige des bis 1990 andauernden Ost-West-Konflikts zumindest erreicht, aufgrund der neuen technologischen Möglichkeiten wahrscheinlich sogar bereits überschritten. Die deutschen Verfassungsschutzbehörden stellten im Sommer 2025 fest, dass die Gefahren durch Spionage, Sabotage und Desinformation stark gestiegen und „die Hemmschwelle für Aktionen gegen Deutschland auf russischer Seite gesunken“ sei.16 Der in Deutschland und anderen europäischen Staaten verzeichnete Anstieg von Spionage- und Sabotagevorfällen, die auch in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erzeugen, zeige, dass „Russland den Einsatz von Gewalt als legitimes Mittel betrachtet. Dabei wird gezielt der öffentliche Raum als Resonanzkörper genutzt“17.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat einen neuen Ost-West-Konflikt ausgelöst, in dem sich die westlichen Demokratien einerseits und Russland sowie Partner wie China und Nordkorea andererseits als „Systemrivalen“ gegenüberstehen. Dieser neue Ost-West-Konflikt wird prognostisch noch einige Zeit anhalten und auf sicherheitspolitischer, diplomatischer, militärischer, wirtschaftlicher, technologischer und energiewirtschaftlicher Ebene ausgetragen werden.

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Die Akteure – Geheimdienste und deren Proxys (“low level-Agenten“, „Wegwerf-Agenten“)

Die aktuellen Hauptakteure von Spionage und (potenziell) Sabotage sind die Geheimdienste Russlands und Chinas. Aktuell nennen die deutschen Verfassungsschutzbehörden auch noch Geheimdienste des Iran und der Türkei.18

Russland sieht sich nach aktuellen Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz in einem systemischen Konflikt mit den europäischen Demokratien und strebt eine grundlegende Änderung der Friedensordnung in Europa an. Dabei wirkt Russland unter Zuhilfenahme seiner Geheimdienste mit unterschiedlichen Taktiken und Mitteln auch auf Deutschland mit seinen demokratischen Institutionen und Verfahren ein, um seinen geopolitischen Zielen näher zu kommen, so das BfV.19

Die Aktivitäten russischer Geheimdienste in Deutschland bewegten sich bereits vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 auf hohem Niveau. Die umfassenden Spionageaktivitäten russischer Geheimdienste in Deutschland erstrecken sich seit Jahren – mit unterschiedlicher Intensität – auf die Zielbereiche Politik und Verwaltung, Wirtschaft einschließlich Kritischer Infrastrukturen (KRITIS), Wissenschaft und Technologien sowie die Bundeswehr.20

Die Aufgabentrennung der russischen Geheimdienste in innere und äußere Sicherheit, zivil und militärisch, ist deutlich weniger ausgeprägt als bei westlichen Geheim- bzw. Nachrichtendiensten. Russland verfügt über mehrere sehr große Geheimdienste, darunter über den FSB (Federalnaja Sluschba Besopasnosti, auf Deutsch „Föderaler Dienst für Sicherheit“), dem 2003 die FAPSI (Federalnoje Agentstwo Prawitelstwennoi Swjasi i Informazii, auf Deutsch „Föderale Agentur für Regierungsfernmeldewesen und Information“) mit ca. 120.000 Mitarbeitern angegliedert wurde. Auch der FPS (Federalnaja Pogranitschnaja Sluschba, auf Deutsch: „Föderaler Dienst für Grenzschutz“) wurde im Jahr 2002 Teil des FSB. Die GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije, auf Deutsch: „Hauptverwaltung für Aufklärung“) ist der militärische Geheimdienst und der SWR (Sluschba wneschnei raswedki, auf Deutsch „Dienst für Außenaufklärung“) der Auslandsgeheimdienst Russlands.21

Der FSB ist grundsätzlich der Inlandsgeheimdienst Russlands und einer der Hauptnachfolger des früheren KGB. Sein Zuständigkeitsbereich erstreckt sich jedoch auf die gesamte Staatssicherheit, die zivile und militärische Spionageabwehr, die Kontrolle der Internetkommunikation, die Bekämpfung von Terrorismus und Organisierter Kriminalität. Die Macht des FSB in Russland, auch innerhalb der russischen Geheimdienste, wurde in den vergangenen Jahren durch mehrere Reformen immer stärker ausgeweitet.22

Während der mächtige KGB jahrzehntelang In- und Auslandsgeheimdienst, Personenschutz, Grenztruppen und technische Abteilungen mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern vereinte, war und ist der militärische Geheimdienst GRU dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt. Personell soll die GRU ungefähr die gleiche Mitarbeiterzahl wie der Auslandsgeheimdienst SWR haben. Während der Tschetschenienkriege übernahm die GRU „Spezialaufgaben“ (häufig gezielte Tötungen). Auch bei der russischen Annexion der Krim 2014 wurde ein Teil der „grünen Männchen“, „Soldaten“ ohne Kombattantenstatus, später als GRU-Kräfte identifiziert. In den letzten Jahren wurden geheimdienstliche Cyberangriffe ein weiteres wichtiges Standbein.

Der SWR ist zuständig für die zivile Auslandsspionage in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie und Politik, u.a. mit Hilfe von angeworbenen Agenten im Ausland, auch innerhalb ausländischer Nachrichtendienste. Der SWR ist außerdem für die Gegenspionage zuständig.23

Verstärkt seit dem Jahreswechsel 2023/2024 verzeichnen die deutschen und andere Verfassungsschutzbehörden in Europa zunehmend den Einsatz von auf geheimdienstlich niedrigem Level angebahnten “Low-Level-Agenten“. Hierbei handelt es sich um Personen, die von russischen Geheimdiensten zur kurzfristigen Erfüllung von Aufträgen meist über soziale Medien und Messengerdienste angeworben und geführt werden, ohne den Geheimdiensten selbst anzugehören.

Die Geheimdienste Chinas sind nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz mit sehr umfangreichen Befugnissen ausgestattet. Sie spielen sowohl eine entscheidende Rolle beim Ziel, den globalen Führungsanspruch Chinas durchzusetzen als auch bei dem Versuch, die chinesische Volkswirtschaft zu einer führenden Industrienation umzubauen und die Markt- und Technologieführerschaft in entscheidenden Sektoren zu erlangen. Der Bedarf der chinesischen Regierung und ihrer Behörden an Informationen über die EU, die UN sowie europäische Staaten wächst seit Jahren deutlich.24

Im Fokus chinesischer Spionage – (vor allem) auch durch Cyberangriffe – stehen vor allem Emerging Technologies wie Quantentechnologie, Künstliche Intelligenz, Hyperschalltechnik, Überwachungstechnologie sowie Biotechnologie, denen militärisch eine immer größere Bedeutung zukommt.25

Geheimdienstliche Operationen zur verdeckten Informationsbeschaffung werden vor allem unmittelbar aus den Hauptquartieren der Dienste in China gesteuert. Bei Aufenthalten in China werden Zielpersonen aus Europa, die entweder über hochwertige Zugänge verfügen oder eine aus Sicht der chinesischen Geheimdienste aussichtsreiche künftige Entwicklung versprechen, kontaktiert und mit der Aussicht auf Entlohnung angeworben. Die in der Folge stattfindenden Treffs werden überwiegend in Drittländern oder in China durchgeführt, um operative Risiken in Europa zu reduzieren. Die Steuerung erfolgt meist persönlich, teilweise aber auch über webbasierte verschlüsselte Kommunikation, vor allem über den chinesischen Messengerdienst WeChat.26

Das Bundeskriminalamt, das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst und das Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst warnten Mitte 2025 vor Anwerbeversuchen für Spionage und Sabotage über Soziale Medien von sogenannten „Wegwerf-Agenten“, womit sie Proxy-Akteure fremder Geheimdienste, auch “low level-Agenten“ genannt, meinen. Es beginne harmlos, so das BKA und die drei Nachrichtendienste des Bundes, oft mit einem Chat über Social-Media-Kanäle oder Messenger-Dienste. Beispielsweise mit einem Austausch darüber, wie man zum deutschen Staat steht, vielleicht aber auch mit dem Vorfühlen, ob eine gewisse kriminelle Energie vorhanden ist. Dann wird eine geringe Geldsumme angeboten, die zu Straftaten animieren soll, beispielsweise für eine Sachbeschädigung, die eigentlich Sabotage ist, oder Ausspähaktionen.27

Wer sich auf eine solche Anwerbung einlässt, werde zum „Agenten“ eines anderen Staates, was schwere Strafen nach sich ziehen könne, so das BKA, das BAMAD, der BND und das BfV. Hinter solchen Anwerbeversuchen verbergen sich fremde Geheimdienste, deren Ziel darin bestehe, Deutschland zu destabilisieren, und das mithilfe von Personen in Deutschland. Mit dieser Taktik der Anwerbung von „Wegwerf-Agenten“ bzw. “Low Level-Agenten“ haben fremde Geheimdienste wie die von Russland einen entscheidenden Vorteil: Durch die Anonymität des Internets können sie eigene Spuren verwischen und für Spionage- und Sabotageakte können dann nur diejenigen verantwortlich gemacht werden, die die Straftaten vor Ort begangen haben, erklären das BKA und die drei Nachrichtendienste des Bundes.

Erkenntnisse des BKA und der deutschen Nachrichtendienste zeigen, dass Personen, die als „Wegwerf-Agenten“ rekrutiert werden, ganz unterschiedliche Straftaten begehen: Beispielsweise Delikte wie Sachbeschädigungen, Ausspähaktionen oder Brandstiftungen. Die Tatsache, dass die Täter, wenn auch unwissentlich, im Auftrag eines fremden Geheimdienstes handeln, kann sich verschärfend auf das mögliche Strafmaß auswirken. „Verfassungsfeindliche Sabotage“ wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren, eine „Geheimdienstliche Agententätigkeit“ in besonders schweren Fällen mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe geahndet.28

Fazit

„Wir sind nicht mehr im Frieden“, bewertete Bundeskanzler Friedrich Merz die aktuelle Bedrohungslage durch hybride Angriffe gegen Deutschland im Herbst 2025.29 „Wir stehen schon jetzt im Feuer“, beschrieb der neue Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Martin Jäger, die Bedrohungslage durch hybride Angriffe im Oktober 2025.30 Während der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine stockt, scheint das System Putin seine hybriden Angriffe auf europäisches NATO-Territorium zu intensivieren: Kampfjets verletzen den estnischen Luftraum, russische Kampfdrohnen dringen nach Polen ein, Flughäfen in Deutschland und Skandinavien müssen nach Drohnensichtungen geschlossen werden. Die Urheberschaft für diese hybriden Angriffe schreiben die westlichen Regierungen und deren Sicherheitsbehörden russischen Akteuren zu. Im Laufe des Jahres 2025 gab es in Deutschland auch eine deutliche Zunahme an Zugriffsverletzungen bei Energieversorgern.31

In Teil 2 dieser Artikelserie werden u.a. aktuelle Bedrohungen durch Drohnen, Cyberangriffe und Desinformationskampagnen untersucht.

-Dieser Beitrag stellt die persönliche Auffassung des Autors dar.-

 

Quellen: 

1  Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). 9. Öffentliche Anhörung der Präsidentin und Präsidenten der Nachrichtendienste des Bundes durch das Parlamentarische Kontrollgremium.
2  Vgl. ebd.
3  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, Berlin, S. 300.
4  https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/hybride-angriffe-drohnen-und-brandsaetze-russland-hat-deutschland-im-visier/100129131.html (8.12.2025).
5  https://www.welt.de/politik/deutschland/article256331742/generalinspekteur-breuer-unsere-gegner-denken-nicht-mehr-in-klassischen-kategorien-sie-sehen-krieg-als-kontinuum.html (8.12.2025).
6  https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/bundeswehr/russlands-hybride-angriffe-sind-wir-schon-im-krieg.html (8.12.2025).
7  Vgl. https://www.zeit.de/2024/40/sabotage-bundeswehr-kasernen-spionage-russland-militaer (8.12.2025).
8  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, S. 306-307.
9  Vgl. https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/spionage-sabotage-datendiebstahl-deutsche-unternehmen-rechnen-auslandischen-geheimdiensten-mehr-attacken-zu-14347604.html (8.12.2025).
10  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/geheim-und-sabotageschutz/begriffe-und-hintergruende/Begriffe-und-Hintergruende_node.html#doc721820bodyText2 (8.12.2025).
11  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/spionage-und-proliferationsabwehr/gefaehrdung-russische-spionage-sabotage-desinformation.html (8.12.2025).
12  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, Berlin, S. 313.
13  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/spionage-und-proliferationsabwehr/gefaehrdung-der-bundestagswahl-2025-durch-unzulaessige-auslaendische-einflussnahme.html#doc2014594bodyText5 (8.12.2025).
14  Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (2025): Spionage, Cyberangriffe und co. Köln, Januar 2025, S. 20-21.
15  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, Berlin, S. 306.
16  Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (2025). 9. Öffentliche Anhörung der Präsidentin und Präsidenten der Nachrichtendienste des Bundes durch das Parlamentarische Kontrollgremium, S. 6.
17  Vgl. https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/hintergruende/DE/spionage-und-proliferationsabwehr/gefaehrdung-russische-spionage-sabotage-desinformation.html, S. 7.
18  Vgl. Bundesministerium des Innern (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, S. 302.
19  Vgl. ebd., S. 303.
20  Vgl. ebd., S. 304.
21  Vgl. Goertz, S. (2024): Öffentliche Sicherheit in Gefahr? S. 264-265.
22  Vgl. ebd., S. 265.
23  Vgl. ebd., S. 266-267.
24  Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (2023): Verfassungsschutzbericht 2022, S. 288-290.
25  Vgl. ebd., S. 291.
26  Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (2024): Verfassungsschutzbericht 2023, S. 320.
27  Vgl. https://www.bka.de/DE/Landingpages/LLA/lla_node.html (8.12.2025).
28  Vgl. ebd.
29  https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/bundeswehr/russlands-hybride-angriffe-sind-wir-schon-im-krieg.html (8.12.2025).
30  Vgl. ebd.
31  Vgl. ebd.

 

Über den Autor
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz, Professor für Sicherheitspolitik, Schwerpunkt Extremismus- und Terrorismusforschung, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei
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