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Durch ständiges Üben werden die KSK-Soldaten auf ihre Einsätze vorbereitet.
© Dr. Scholzen

Spezialeinheiten der Polizei und des Militärs in westlichen Demokratien

Von Dr. Reinhard Scholzen

Spezialeinheiten in Polizeien und Armeen charakterisieren eine besondere Ausbildung und Ausrüstung der Beamten, die sie befähigen, auch schwierigste Aufgaben erfolgreich zu lösen. Erfolge können diese Einheiten zwar aufweisen, unumstritten sind sie gleichwohl nicht.

Wer nach den Gründen sucht, die zur Aufstellung dieser Einheiten führten, stößt nahezu immer auf besonders große Herausforderungen, die von durchschnittlichen Soldaten oder Polizisten nicht bewältigt werden konnten. Die ersten dieser militärischen Einheiten wurden während des Zweiten Weltkriegs geschaffen: Zum Beispiel der britische Special Air Service (SAS), das niederländische Korps Commandotroepen (KCT) oder die belgische Special Forces Group (SFG). In den europäischen Staaten bildeten in den 1970er und 1980er Jahren Terroraktionen meist politisch links stehender Gruppen den Anlass, um Spezialeinheiten der Polizei aufzubauen. Weitere Gründungen, eine Verbesserung der Ausrüstung und Intensivierung der Ausbildung lösten die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA und in den Folgejahren mehrere Attentate islamistischer Terroristen in England, Spanien, Frankreich, Belgien und Deutschland aus.

Rekrutierung

Die erste entscheidende Weiche, die längerfristig betrachtet über Erfolg oder Misserfolg jeder Spezialeinheit entscheidet, wird bei der Rekrutierung gestellt. Betrachtet man die bekannten Elemente der Einstellungstests fällt auf, dass häufig die körperlichen Fähigkeiten der Bewerber extensiv geprüft werden. Darin liegt der wesentliche Grund, dass Frauen der Sprung in eine Spezialeinheit nur selten gelingt. Dies mag manchem west- und mitteleuropäischen Betrachter unzeitgemäß erscheinen. Für Spezialeinheiten ist jedoch nicht entscheidend, was ein vermeintlicher Zeitgeist möchte, sondern sie müssen sich an der Wirklichkeit orientieren, auf die sie in Auseinandersetzungen mit Schwerstkriminellen und Terroristen treffen. Diese Einheiten treten auf den Plan, wenn die normale Polizeiarbeit an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen ist. Viele Spezialeinheiten wehren sich mit stupendem Eifer gegen den Vorwurf, sie seien Rambos. Keiner will Rambos – aus vielen guten Gründen –, aber mitunter braucht man im Einsatz den in höchstem Maße durchsetzungsfähigen Typus.

In demokratischen Rechtsstaaten bewegen sich gerade Spezialeinheiten der Polizei auf einem schmalen Grat: Vieles ist möglich, aber bei weitem nicht alles erlaubt. Daher ist es von größter Wichtigkeit, eine sorgfältige Auswahl der Bewerber für den Dienst in einer solchen Einheit zu treffen. Kaum eine westliche Spezialeinheit verzichtet dabei auf psychologische Testverfahren und Gutachten. Seelenkundler schauen sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Kandidaten an, blicken ihnen bei den Eignungstests über die Schulter und entscheiden zumindest mit über den Erfolg oder Misserfolg einer Bewerbung. Damit geht die Hoffnung einher, durch Tests könnte in die Tiefen der Seele eines Menschen geleuchtet werden und es sei somit prognostizierbar, wie sich ein Mann in einer bestimmten Situation – insbesondere in einer Extremsituation – verhalten wird. Hierfür werden Idealprofile erstellt und sodann in Testbatterien ermittelt, ob und wie weit der Kandidat hiervon abweicht.

Vergleichbare Tests wurden Ende des 20. Jahrhunderts in vielen Personalabteilungen großer Wirtschaftsunternehmen bei der Auswahl der Spitzenkräfte durchgeführt. Man erkannte jedoch, dass dieses Vorgehen oft nicht den erwünschten Erfolg erbrachte, weil sich damit beispielsweise die Belastbarkeit eines Managers in Krisensituation nur selten vorhersagen ließ. Da mit Fehlbesetzungen regelmäßig hohe finanzielle Verluste verbunden sind, suchten viele große Konzerne nach neuen Wegen, um die Rekrutierung ihres Spitzen-Nachwuchses zu verbessern. Dabei stieß man wieder auf die alten Rezepte. In vielen Unternehmen nahmen seither die durch Elternhaus, Schule und Studium geprägten Eigenschaften an Bedeutung zu. Es ist somit wieder das Sozialkapital – auch als Habitus-Konzept bezeichnet –, das letztlich den Weg zu einem Karriereerfolg ebnet. Man sucht folglich den mit hoher Wahrscheinlichkeit Erfolgreichen und akzeptiert damit, dass Ausnahmetalente unentdeckt bleiben.

Für die Auswahl des Führungspersonals einer Spezialeinheit der Polizei oder des Militärs gelten andere Regeln. Angehörige der gesellschaftlichen Oberschicht mit einer Schulausbildung in einem Internat in der Schweiz oder in England finden sich dort fast nie, ebenso sucht man dort Absolventen einer Elite-Hochschule vergeblich. Bei GSG 9, SAS und Delta Force setzt man bei der Auswahl der Führungskräfte eher auf Altbewährtes. Im englischsprachigen Raum wählt man gern die besten Absolventen der Offizierschulen aus, in Deutschland hat sich bei der Besetzung des Kommandeurspostens der GSG 9 der Aufstieg über das Amt des Stellvertretenden Kommandeurs bewährt. Verallgemeinernd kann man sagen, dass sich in den Biographien der Führungskräfte zahlreiche Vaterfiguren finden, aber auch klassische Haudegen, die oft über internationale Erfahrungen verfügen. Dies ist – ebenso für Spitzenmanager in der Wirtschaft – ein wichtiges Merkmal, denn die internationale Kooperation ist ein Wesensmerkmal dieser Einheiten.

Die Suche nach den Besten

Von Beginn an wurde für den Dienst im KSK geworben.
© KSK
Wer davon ausgeht, dass eine westlich orientierte Demokratie ihre Staatsdiener für besondere Aufgaben aus den Besten der Besten auswählen kann, verkennt die Wirklichkeit. Nur wenige der geistig besonders leistungsfähigen Deutschen sehen ihre berufliche Zukunft in einer Spezialeinheit der Polizei oder der Bundeswehr. Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes studieren auffallend häufig Humanmedizin oder Rechtswissenschaft. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es zum Beispiel im KSK keine Intellektuellen gibt. Hinter den uniformen Gesichtsmasken verbergen sich auch fertig ausgebildete Akademiker: Im KSK-Trupp kann neben einem Bankkaufmann ein Grundschullehrer, ein Soziologe oder Volkswirt stehen. Auch die körperlich Leistungsfähigsten zieht es nur selten nach Calw oder Sankt Augustin. Abhängig von der jeweiligen Sozialisation suchen diese ihr Glück eher in einer lukrativen Sportart oder als Fitnesstrainer oder Türsteher. Dass KSK & Co. von vielen Geeigneten nicht als Traumberuf gesehen werden, hat viele Gründe: Dem Staatsdienst in einer Spezialeinheit eilt der Ruf voraus, er biete vergleichsweise wenig Geld für harte Arbeit; ein geringes gesellschaftliches Ansehen und nicht zuletzt auch noch ein hohes Risiko für Verletzung oder Verwundung oder gar den Tod. Zudem unterliegt die Arbeit strengster Geheimhaltung: Das KSK oder die GSG 9 ist nichts für Ruhmsüchtige.

Trotz alledem errichtet die Führung unverdrossen vor den Zutritt zu den Spezialeinheiten hohe Hürden. Bei der Bundeswehr war man sich der besonderen Problematik der Rekrutierung bereits vor 20 Jahren bewusst. Damals schätzte der Inspekteur des Heeres, aus einem kompletten Geburtsjahrgang seien in Deutschland lediglich 35 Männer körperlich und geistig befähigt für den Dienst im KSK. Vor diesem Hintergrund stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es für eine Verwendung in einer Spezialeinheit tatsächlich solche Überflieger-Befähigungen braucht.

Nahezu weltweit stellt sich den Spezialeinheiten das Nachwuchsproblem. Ausnahmen bilden Einheiten mit einer langen Tradition. Vom britischen SAS hört man Klagen über Nachwuchsprobleme nicht, was jedoch auch in einer restriktiven Öffentlichkeitsarbeit begründet sein könnte. Auch bei sehr jungen Einheiten stellt sich das Nachwuchsproblem nur selten, was man unter der Euphorie der Anfangsjahre verbuchen kann, wonach bekanntlich jedem Anfang auch ein Zauber innewohnt.

Vieles wurde versucht, um genügend Nachwuchs zu finden. Manche Einheiten senkten die Leistungsanforderungen radikal ab und schufen gleichzeitig deutlich mehr Anreize für den Dienst in einer Spezialeinheit. Insbesondere wurde mit schnödem Mammon gelockt. Viele Einheiten konzentrierten ihre Nachwuchssuche auf besonders junge Kandidaten und lockten mit Turbokarrieren, losgelöst von starren Laufbahnverordnungen. Da die meisten Einheiten gerade über ihr Personal einen dichten Mantel des Schweigens hüllen, kann man die damit erzielten Erfolge oder Misserfolge nur erahnen. Dass es nicht so funktionierte wie gewünscht, lässt sich jedoch daran ablesen, dass solche Versuche rasch gestoppt wurden. Man erkannte, dass zu große Unterschiede in der Leistungsfähigkeit bereits im Alltag der Spezialeinheiten zu unerwünschten Gruppendynamiken führten: Die schwachen Neuen wurden von der alteingesessenen Gruppe nicht akzeptiert, um es freundlich zu formulieren.

Auch ein Mehr an Geld erwies sich nicht als die Lösung des Personalproblems. Man kann zwar bezweifeln, ob Geld wirklich den Charakter verdirbt, gewiss ist jedoch, dass mit einer sprunghaften Erhöhung der finanziellen Dotierung in militärischen Einheiten Söldnermentalitäten Einzug halten. Damit werden die gefälligen Leitbild-Formulierungen, auf die kaum eine Spezialeinheit verzichtet, hinfällig: Dann tritt an die Stelle des hehren Gemeinnutzes der blanke Eigennutz.

Bestenauslese – das Für und Wider

Jede Gesellschaft braucht Eliten und somit eine Förderung von Eliten. Ohne das weit über dem Durchschnitt liegende Engagement der Leistungsfähigsten können den Schwächsten in der Gesellschaft keine erträglichen Lebensbedingungen geboten werden. Es braucht demnach Eliteschulen und Eliteuniversitäten. Dagegen hat man sich in der Bundesrepublik Deutschland lange Jahre gesperrt, sieht man einmal von einigen wenigen Eliteschulen wie etwa Salem am Bodensee ab. Nur sehr zögerlich machte man zu Beginn des 21. Jahrhunderts einige Trippelschrittchen hin zu einer Elitenförderung an wenigen deutschen Hochschulen. In weiten Kreisen der Gesellschaft blieb der Begriff Elite verpönt. Mag sein, weil er im Gegensatz zur Zeitgeist-Ideologie steht, in der die Gleichmacherei ein hohes Ziel ist. Als Minimalkonsens ist der Elitebegriff in Deutschland allenfalls in der Form der Leistungs- oder Funktionselite gesellschaftlich akzeptiert. Damit ist nicht mehr gemeint als ein Kreis von Personen, der zur Lösung einer schwierigen Aufgabe in besonderem Maße befähigt ist.

Wer es bis in die Ausbildungseinheit des KSK geschafft hat, musste hohe Hürden überwinden.
© Dr. Scholzen
Im militärischen Bereich wird der Begriff der Elite in der Gegenwart nahezu weltweit gemieden. Es ist keine bloße Nettigkeit, wenn die in der ersten Reihe kämpfenden Spezialverbände auf die Leistungen ihres Unterstützungsumfeldes verweisen, das wesentlich zum Erfolg beiträgt. Es ist eben gerade nicht banal, dass jede Spezialeinheit zum Beispiel Piloten und Fahrer braucht, die den Nachschub herbeischaffen, ganz zu schweigen von den Köchen, ohne die gar nichts geht. Eine gedeihliche Zusammenarbeit benötigt das Miteinander, eine besondere Form des Wir-Gefühls. Elitäres Gehabe hingegen, das vermeintlich Schwächere ausgrenzt, schürt Neid und Missgunst unter den normalen Soldaten. Über dem Begriff der Elite steht vielleicht gerade für die Angehörigen von Spezialeinheiten die Mahnung des Philosophen Theodor W. Adorno: „Elite mag man in Gottes Namen sein, niemals darf man sich als solche fühlen.“ Bei aller gebotenen Zurückhaltung ist jedoch auch das genaue Gegenteil kontraproduktiv; denn demonstrative Bescheidenheit einer Funktionselite ist mit Sicherheit eine der höchsten Formen der Arroganz. Jeder würde dem viermaligen Formel 1-Weltmeister Sebastian Vettel Unbescheidenheit vorwerfen, wenn er behaupten würde, er könne nicht besser Auto fahren als der Rentner von nebenan.

Es ist eine conditio sine qua non besonders leistungsfähigen Spezialeinheiten ausschließlich wirklich hochwertige und schwierige Aufgaben zu übertragen, die von anderen nicht geleistet werden können. Wer eine Spezialeinheit als Springer mal hier, mal da, mal dort einsetzt, um so ein anderswo bestehendes Personalfehl auszugleichen, geht den falschen Weg. Wer es seiner Elite zumutet, vergleichsweise minderwertige Aufgaben zu verrichten, nimmt in Kauf, dass er seine Besten demotiviert. Vor diesem Hintergrund muss man hinterfragen, ob es sinnvoll ist, SEK-Beamte nachts auf Streife zu schicken, oder Angehörige einer militärischen Spezialeinheit an einem x-beliebigen Checkpoint einzusetzen, um Fahrzeuge und deren Insassen zu kontrollieren. Wenn es für eine Spezialeinheit nichts zu tun gibt, dann soll sie für den nächsten Einsatz abwechslungsreich und fordernd trainieren. Es käme ja auch niemand auf die Idee, die Spieler der Fußball-Nationalmannschaft in ihrer spielfreien Zeit in irgendeiner Kreisliga auflaufen zu lassen, um bloß nicht den Eindruck zu erwecken, die Kicker seien untätig.

Spezialeinheiten in der gesellschaftlichen Kritik

Spezialeinheiten bewegen sich in demokratischen Staaten innerhalb der Gesellschaft – wie hoch auch immer die Wälle und tief die Gräben der Geheimhaltung sind, die sie umgeben. Damit geht einher, dass sie sich auch vielfältigen Diskussionen stellen müssen. Spezialverbände benötigen den Rückhalt in ihrer Gesellschaft. In Demokratien ist dafür Öffentlichkeitsarbeit in einem schwierigen Terrain erforderlich: Einerseits darf den Bürgern keine Angst gemacht werden, andererseits sollte jedoch gezeigt werden, aus welchen Gründen Spezialeinheiten notwendig sind. Und über all der Kommunikation mit der Öffentlichkeit dürfen die Geheimhaltungsnotwendigkeiten nicht vergessen werden. Diktaturen hingegen ersetzen den Dialog mit den Bürgern durch Propaganda und schotten ihre geheimen Verbände hermetisch von der Öffentlichkeit ab. Jedoch wäre es ein Trugschluss, allein die Öffnung einer Spezialeinheit für die Öffentlichkeit als Beweis für demokratische Rahmenbedingungen zu werten, ebenso wäre es falsch, aus einer weitgehenden Geheimhaltung auf eine undemokratische Gesinnung zu schließen. Über all dem darf nicht vergessen werden, dass Mythen und Legenden einen wesentlichen Beitrag zum Image jeder Spezialeinheit leisten. Da kann es unter Umständen durchaus gewollt sein, wenn manche Falschmeldung immer und immer wieder gedruckt wird. Denn es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass spektakuläre Erfolge – auch solche, die lediglich auf dem Papier existieren –, einem potentiellen Gegner den Schneid abkaufen können.

Fragt man die Führer von Spezialeinheiten nach dem Erfolgsgeheimnis, so kann man häufig hören, der Faktor Mensch sei entscheidend. Mitunter sieht die Praxis jedoch anders aus, wofür es gute Gründe gibt. Nur auf den ersten Blick ist moderne Technik teuer, näher betrachtet und alle Faktoren berücksichtigend, ist der teuerste Posten in der Gesamtrechnung die Ausbildung der Männer. In der Regel vergehen viele Jahre, bis ein Soldat oder Polizist all das beherrscht, was er im Einsatz können muss. An diesem Punkt setzen gern die Sparfüchse in den Ministerien an. Dies mag daran liegen, dass es schwierig ist, einem Außenstehenden zu erklären, warum Spezialeinheiten über viele Wochen in der Wüste oder gar im Hohen Norden trainieren müssen und warum der Erfahrungsaustausch mit befreundeten Einheiten zum Beispiel in der Schießausbildung wichtig ist, obwohl doch am Standort der Einheit ein modernes Ausbildungszentrum vorhanden ist und die eigenen Schießausbilder in höchstem Maße qualifiziert sind.

Es kann also nicht verwundern, dass nicht wenige Einheiten zwar in Sonntagsreden den Faktor Mensch in den Vordergrund rücken, in der Wirklichkeit aber auf die Technik hoffen, um so auch eklatante Mängel in der Ausbildung auszugleichen. Ist dieser Irrweg erst einmal beschritten, so ist das Ende vorhersehbar.

Probleme lauern aber auch an anderen Stellen: Wenn in einer Einheit allzu wenig Wert auf formale Disziplin gelegt wird, Uniformität nur noch auf dem Papier besteht, von außen in die Einheit hineinregiert – übersteuert – wird, die Führer immer farbloser und die Erfolgsgeschichten immer bunter werden, dann ist meist der Tiefstpunkt nicht mehr fern.

KSK-Soldaten sind die ultima ratio der Bundeswehr. Ihre Aufgaben sind besonders herausfordernd.
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Militärische Spezialeinheiten sind ausgesprochen leistungsfähig. Nicht nur in Hollywood-Filmen reicht eine Streitmacht von einigen Dutzend bestens ausgebildeten und ausgerüsteten Männern aus, um Staaten nicht nur ins Wanken, sondern auch zum Fallen zu bringen. Daher ist ein aufmerksamer Blick auf die Geisteshaltung der Angehörigen von Spezialeinheiten angebracht. Andererseits muss aber auch aufmerksam betrachtet werden, ob berechtigte Kritik nicht zu einer Diffamierung mutiert: Die Aufgabenstellung und die notwendige Geheimhaltung machen Spezialeinheiten zu einem idealen Angriffsziel nicht nur für radikale linke Gruppierungen.

Der Vorwurf eines ehemaligen Guantanamo-Häftlings reichte im Jahr 2006 aus, um die KSK-Soldaten in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken. Murat Kurnaz behauptete, er sei in Kandahar von zwei deutschen Soldaten misshandelt worden, die sich ihm als „die deutsche Kraft“ vorgestellt hätten. Sie hätten aus kleinen farbigen Punkten zusammengesetzte Camouflage-Uniformen getragen, mit der deutschen Flagge am Ärmel. Dass am Ende der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages trotz sehr eifrigen Suchens nichts finden konnte, was das KSK belastete, und die Staatsanwaltschaft im Jahr 2010 das Verfahren gegen zwei KSK-Soldaten einstellte, mag für manche ein glückliches Ende einer Kampagne gewesen sein, die von einigen Medienvertretern maßgeblich befeuert wurde. Für andere beweist der „Fall Kurnaz“, wie groß das grundsätzliche Misstrauen gegen Spezialeinheiten in Deutschland ist. Und nicht wenige betroffene Soldaten fühlten sich als Angehörige einer Parlamentsarmee von den Volksvertretern im Stich gelassen.

Blickt man über den deutschen Tellerrand, so finden sich vergleichbare Vorbehalte gegenüber militärischen und polizeilichen Spezialeinheiten auch in vielen anderen Staaten. Jedoch gibt es auch Ausnahmen. Über die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher wird berichtet, sie habe mehrfach auf Kritik am SAS lapidar geantwortet: alles, was der SAS macht, ist richtig.

Spezialverbände bewegen sich in einem vielfältig komplizierten Räderwerk. Viele Rahmenbedingungen entscheiden über deren langfristigen Erfolg oder Misserfolg. Und viele dieser Faktoren liegen weit außerhalb des militärischen Bereichs. Wenn kaum ein Betrachter im Zusammenhang mit Spezialeinheiten auf markige Worte verzichten möchte, so spiegelt sich darin in erster Linie die Illusion wider, die Probleme der Gegenwart seien im Handstreich lösbar. Näher betrachtet, ist genau das Gegenteil der Fall: Spezialeinheiten sind die staatliche ultima ratio und können gleichzeitig nur ein Teil der Lösung sein.

Bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine bestand unter Fachleuten weitgehende Einigkeit, klassische Kriegsszenarien seien in Mitteleuropa unwahrscheinlich. Deshalb baute man gerade in Bereich der Panzertruppe und der Artillerie Personal ab, legte weniger Wert auf eine gediegene Ausbildung und reduzierte zum Teil drastisch die Ausrüstung. Man dachte Krieg allenfalls als Notwendigkeit, chirurgische Schnitte vorzunehmen. Als gängiges Szenario galt dabei der Einsatz militärischer Spezialeinheiten gegen Terroristen. Somit war es nicht abwegig, die Zukunft des Militärischen in hoch spezialisierten Eliteeinheiten zu sehen.

Geiselbefreiungen gehören zu den Kernkompetenzen des KSK.
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Ausblick

Spätestens seit dem Februar 2022 ist ein klassischer Krieg auch in Europa wieder denkbar. Die Bundesregierung sah die Notwendigkeit, in der Bundeswehr viele Dinge zu verändern und stellte dazu in einem „Sondervermögen“ 100 Milliarden Euro zur Verfügung. Kritiker beklagen zwei Jahre später, konkrete Projekte seien bisher nicht umgesetzt worden, es werde lediglich wortreich geplant. In diesen Plänen nehmen moderne Waffen für Luftwaffe, Heer und Marine einen zentralen Platz ein. Ebenso wird geprüft, wie die Zahl der Bundeswehrsoldaten möglichst rasch deutlich erhöht werden kann.

Fraglich ist, ob in dieser neuen Zeitrechnung der Bundeswehr die Bedeutung ihrer Spezialverbände – insbesondere des KSK – sinken wird. Für die Spezialeinheiten der Polizei hingegen ist kein Bedeutungsverlust in Sicht. Eher ist angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spannungen das Gegenteil der Fall.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, auch noch einmal über Grundsätzliches nachzudenken. Dabei sollte eine engere Zusammenarbeit zwischen polizeilichen und militärischen Spezialeinheiten kein Tabu sein. Bereits vor zehn Jahren stellte der Gründer und langjährige Kommandeur der GSG 9, Ulrich Wegener, in einem Interview mit der Allgemeinen Schweizerische Militärzeitschrift heraus: „Ich halte eine engere Zusammenarbeit zwischen GSG 9 und KSK für absolut notwendig.“

 

Über den Autor
Dr. Reinhard Scholzen
Dr. Reinhard Scholzen
Dr. Reinhard Scholzen, M. A. wurde 1959 in Essen geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Trier. Nach dem Magister Artium arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte 1992. Anschließend absolvierte der Autor eine Ausbildung zum Public Relations (PR) Berater. Als Abschlussarbeit verfasste er eine Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit der GSG 9. Danach veröffentlichte er Aufsätze und Bücher über die innere und äußere Sicherheit sowie über Spezialeinheiten der Polizei und des Militärs: Unter anderem über die GSG 9, die Spezialeinsatzkommandos der Bundesländer und das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr.
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