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Trendanalysen als Schlüssel europäischer Terrorismusbekämpfung. 10 Punkte

Von Prof. Dr. Florian Hartleb, assoziierter Professor, Modul Universität Wien

Die europäische Terrorismusbekämpfung steht unter dem doppelten Anspruch, Sicherheit zu gewährleisten und zugleich die liberalen Grundprinzipien offener Gesellschaften zu schützen.

Der Beitrag argumentiert, dass Trendanalysen hierfür unverzichtbar sind1, weil terroristische Bedrohungen selten linear verlaufen, sondern sich in Wellen, Verlagerungen und taktischen „Moden“ verändern. Trendanalysen verdichten Einzelfälle zu belastbaren Mustern und liefern Frühwarnsignale2, wenn sich Anschlagslogiken, Rekrutierungsräume oder Täterprofile verschieben. Zugleich ermöglichen sie eine realistischere Bewertung staatlicher Maßnahmen jenseits politisch attraktiver Output-Kennzahlen. Damit schaffen Trendanalysen die Voraussetzung für proportionale, rechtsstaatliche Prävention, bessere Priorisierung und eine sachlichere öffentliche Debatte. Sie flankieren auch Datensammlungen, am meisten prominent der Global Terrorism Index.3 Sie sind auch deswegen notwendig, da Terrorismus immer mehr unter dem Einfluss von neuen Technologien steht und daher Plattformen, Live-Stream-Attentate, Manifeste und andere kommunikative Strategien via soziale Medien (etwa ISIS) berücksichtigt werden müssen.4

1. Problemaufriss: Warum Ereignispolitik nicht genügt

Die europäische Terrorismusbekämpfung bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Sicherheitsproduktion und Freiheitsschutz.5 Gerade deshalb genügt es nicht, Bedrohungen ausschließlich im Rhythmus der Schlagzeilen zu bearbeiten. Politische Systeme reagieren häufig auf das letzte Ereignis: Nach einem Anschlag werden Gesetze verschärft, Ressourcen umgeschichtet und Kontrollen intensiviert; in ruhigeren Phasen sinkt der Handlungsdruck, bis der nächste Vorfall erneut kurzfristige Dynamik erzeugt. Dieses Muster ist nachvollziehbar, aber riskant. Terroristische Gewalt verläuft selten linear. Sie verändert sich in Wellen6, Verlagerungen und „Moden“: Taktiken, Ziele und Räume werden angepasst, wenn Gelegenheiten entstehen oder Gegenmaßnahmen greifen. Wer nur auf das zuletzt Sichtbare reagiert, läuft Gefahr, die nächste Verschiebung zu verpassen – und Ressourcen systematisch dort zu binden, wo die Gefahr gestern lag.

2. Was Trendanalysen leisten: Vom Einzelfall zum Muster

Trendanalysen setzen genau an dieser Dynamik an. Sie ersetzen keine Einzelfallaufklärung, sondern erweitern sie um eine strategische Perspektive. Einzelfallanalysen bleiben unverzichtbar, weil sie konkrete Täterbiografien, Unterstützerstrukturen, Tatabläufe und verwendete Mittel rekonstruieren. Trendanalysen verdichten hingegen viele Einzelfälle über Zeit und Raum und suchen nach wiederkehrenden Logiken. Aus der Aggregation entstehen Muster, die in der Tageslage leicht unsichtbar bleiben: typische Radikalisierungspfade, bevorzugte Rekrutierungsräume online und offline, wiederkehrende Zielwahlen, Finanzierungsmuster sowie Nachahmungs- und Diffusionseffekte. Dadurch wird aus einem Strom einzelner Meldungen ein belastbares Lagebild – und aus punktueller Reaktion eine strategische Orientierung.

3. Anpassungsdruck und Lernfähigkeit terroristischer Akteure

Die Anpassungsfähigkeit terroristischer Akteure macht den strukturellen Blick zwingend. Organisationen, lose Netzwerke und Einzeltäter lernen aus Erfolgen, aus Fehlschlägen und aus staatlichen Gegenmaßnahmen. Wo Kommunikation stärker überwacht wird, werden Kanäle gewechselt; wo Reisewege erschwert werden, verlagert sich Mobilisierung in lokale Räume; wo der Zugang zu Waffen sinkt, steigen improvisierte Mittel und niedrigschwellige Angriffsformen. Trendanalysen erfassen diese Anpassungsbewegungen als Muster über Zeit. Sie machen sichtbar, ob sich die Bedrohung von organisationsgebundenen Strukturen zu Einzeltätern verschiebt, ob komplexe Anschlagsplanungen seltener werden und opportunistische Attacken zunehmen, oder ob hybride Formen entstehen, in denen physische Gewalt mit digitaler Mobilisierung, Desinformation oder Einschüchterung gekoppelt wird.

4. Trendanalysen als Frühwarninstrument: Signale statt Prophezeiung

Als Frühwarninstrument leisten Trendanalysen mehr als Rückschau. Frühwarnung bedeutet nicht, den nächsten Anschlag punktgenau vorherzusagen, sondern Verschiebungen in Wahrscheinlichkeit, Gelegenheitsstrukturen und Anschlagslogiken rechtzeitig zu erkennen. Frühindikatoren können in veränderten Propagandanarrativen, in einer Häufung spezifischer Zielhierarchien oder in neuen Täterprofilen liegen. Auch „Probehandlungen“ sind relevant: wiederkehrendes Auskundschaften, der Aufbau kleiner Finanzierungsströme, das Testen von Beschaffungswegen oder die verstärkte Kommunikation in bestimmten Milieus. Solche Signale sind einzeln oft zu schwach, um Alarm auszulösen, werden aber in der Summe aussagekräftig. Trendanalysen können daher zeigen, wann sich ein Phänomenbereich konsolidiert – und wann es sich um zufällige Ausschläge handelt.

5. Qualitative Verschiebungen erkennen: Mehr als Zählen

Besonders wichtig ist, dass Trendanalysen qualitative Veränderungen abbilden.7 Eine Fixierung auf reine Mengenkennzahlen – etwa „mehr“ oder „weniger“ Anschläge – greift zu kurz. Eine sinkende Zahl vollendeter Anschläge kann mit einer steigenden Zahl vereitelter Pläne einhergehen; umgekehrt kann eine konstante Vorfallzahl eine wachsende Reichweite oder eine stärkere gesellschaftliche Polarisierungswirkung verdecken. Trendanalysen betrachten deshalb neben Ereigniszahlen auch Schadensintensität, Zielsymbolik, operative Komplexität, Mobilisierungsdynamiken und die Rolle von Nachahmung. Dadurch wird erkennbar, ob sich die Bedrohung in Richtung „low-tech, high-impact“ verschiebt, ob bestimmte Zielgruppen systematisch neu adressiert werden oder ob sich Tatgelegenheiten in Alltagsräumen häufen.

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6. Wirkung statt Aktivität: Maßnahmen realistisch bewerten

Ein weiterer Mehrwert betrifft die Bewertung staatlicher Maßnahmen. In politischen Debatten dominieren häufig Output-Kennzahlen: mehr Kontrollen, mehr Razzien, mehr Festnahmen, mehr Abschiebungen, mehr gesperrte Inhalte. Diese Zahlen sind kommunikativ attraktiv, weil sie Aktivität sichtbar machen. Analytisch bleiben sie jedoch ambivalent. Mehr Festnahmen können effektive Ermittlungsarbeit bedeuten – oder steigende Radikalisierung und Mobilisierung. Mehr Kontrollen können Tatvorbereitung erschweren – oder Täter in weniger überwachte Räume verdrängen. Trendanalysen ergänzen solche Outputs um Wirkungsindikatoren: Wird die Rekrutierung tatsächlich gebremst oder nur verlagert? Werden Anschlagslogiken unterbrochen oder angepasst? Welche Nebenfolgen entstehen, etwa durch Stigmatisierung, Vertrauensverlust oder die Verfestigung von Gegenmilieus? Erst diese Perspektive erlaubt eine realistischere Beurteilung von Wirksamkeit und Kollateraleffekten – und erhöht die Steuerungsfähigkeit politischer Entscheidungen.

7. Methodische Anforderungen: Vergleichbarkeit, Triangulation, Transparenz

Damit Trendanalysen belastbar sind, müssen sie methodisch sauber gearbeitet werden. Das beginnt mit definitorischer Klarheit: Was zählt als terroristischer Vorfall, was als extremistisches Delikt, was als Vorbereitungshandlung? Danach folgt Konsistenz in der Erhebung: Zeitreihen müssen vergleichbar sein, Kategorien stabil oder zumindest transparent angepasst werden. Hinzu kommt die Triangulation unterschiedlicher Quellen – polizeiliche und nachrichtendienstliche Erkenntnisse, Gerichtsakten, offene Quellen, Plattformdaten und sozialwissenschaftliche Befunde. Da Daten in diesem Feld häufig lückenhaft und politisch sensibel sind, ist Transparenz über Unsicherheiten zentral: Trendanalysen müssen zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden, alternative Erklärungen prüfen und Kontextfaktoren berücksichtigen, statt aus einem einzelnen Signal weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen.

8. Europäische Dimension: Koordination über Grenzen hinweg

Im europäischen Kontext erfüllen Trendanalysen zudem eine koordinierende Funktion. Bedrohungen sind grenzüberschreitend, Ressourcen und Zuständigkeiten jedoch weitgehend national organisiert. Vergleichbare Lagebilder unterstützen gemeinsame Prioritäten: Welche Phänomenbereiche wachsen? Wo verdichten sich transnationale Verbindungen? Welche Regionen entwickeln sich zu Knotenpunkten für Mobilisierung, Finanzierung oder Logistik? Trendanalysen helfen auch, nationale „Scheinverschiebungen“ zu erkennen, etwa wenn ein Rückgang in einem Land mit einer Zunahme in einem Nachbarland korrespondiert oder wenn sich Täterwege entlang neuer Routen reorganisieren. Dadurch können europäische Kooperation, Informationsaustausch und operative Abstimmung gezielter erfolgen – sodass Prävention und Repression im europäischen Raum nicht nebeneinanderher laufen.

9. Normativer Kern: Proportionalität und Rechtsstaatlichkeit sichern

Der entscheidende normative Punkt lautet: Trendanalysen sind eine Voraussetzung proportionaler, rechtsstaatlicher Prävention. Offene Gesellschaften können nicht jede denkbare Sicherheitsmaßnahme legitimieren, nur weil sie kurzfristig Zustimmung erzeugt. Proportionalität verlangt zielgerichtete, begründete und begrenzte Eingriffe in Grundrechte. Trendanalysen reduzieren die Versuchung, nach Einzelereignissen pauschal zu verschärfen, und ermöglichen zugleich entschlossenes Handeln dort, wo sich Risiken tatsächlich verdichten. So lassen sich Ressourcen dorthin lenken, wo die Gefahr hinwandert, statt dorthin, wo sie gestern Schlagzeilen machte. Der strategische Blick hilft damit, Sicherheitsgewinne zu erzielen, ohne schleichenden Freiheitsverlust zu normalisieren.

10. Mehrwert für Debatten: Weniger Alarmismus, mehr Priorisierung

Trendanalysen stärken auch die öffentliche Debatte. Sie können Alarmismus dämpfen, indem sie Einzelfälle einordnen und Überinterpretationen korrigieren. Gleichzeitig verhindern sie Verharmlosung, wenn Anschlagszahlen sinken, aber neue Risikofelder entstehen. Indem Trendanalysen Bedrohungslogiken erklären, schaffen sie Transparenz darüber, warum bestimmte Maßnahmen sinnvoll sind, warum andere überzogen wären und welche Zielkonflikte politisch ehrlich benannt werden müssen. Der strategische Mehrwert ist damit doppelt: bessere Entscheidungsgrundlagen und eine nachvollziehbarere Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit.

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Fazit

Trendanalysen sind in der europäischen Terrorismusbekämpfung kein optionales Add-on, sondern ein operativer und demokratiepolitischer Imperativ. Sie übersetzen Einzelfälle in Muster, erkennen qualitative Verschiebungen in Taktiken, Zielen und Akteursformen, liefern Frühwarnsignale für neue Anschlagslogiken und erlauben eine realistischere Bewertung von Maßnahmen jenseits politisch eingängiger Output-Zahlen. Das stärkt Entscheidungen und Debatten: weniger Alarmismus, bessere Priorisierung – und mehr Sicherheit bei gewahrter Freiheit.

 

Quellen: 

1  Vgl. Europol: European Union Terrorism Situation and Trend Report 2023, https://www.europol.europa.eu/publication-events/main-reports/european-union-terrorism-situation-and-trend-report-2023-te-sat (abgerufen am 23. Dezember 2025). Zu einer neuen Analyse mit Hilfe des Software-Tools Strategic Foresight, Nicolas Stockhammer unter Mitarbeit von Gustav Gustenau und Florian Hartleb, hgg. vom European Institute for Counter Terrorism and Conflict Prevention (EICTP): European Trend Report on Terrorism, Vienna 2025, https://eictp.eu/en/european-trend-report-on-terrorism-2025/ (abgerufen am 23. Dezember 2025).
2  Vgl. zur Identifikation von Trends des Terrorismus in Europa, Florian Hartleb: Terrorismus in Europa. 60 Trends, in: SIAK-Journal. Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis, Sicherheitsakademie (SIAK) im österreichischen Innenministerium, 2025 (4), S. 56-68, https://www.bmi.gv.at/104/Wissenschaft_und_Forschung/SIAK-Journal/SIAK-Journal-Ausgaben/Jahrgang_2025/files/Hartleb_4_2025.pdf (abgerufen am 23. Dezember 2025).
3  Vgl. Global Terrorism Index, https://reliefweb.int/report/world/global-terrorism-index-2025 (abgerufen am 23. Dezember 2025).
4  Vgl. Florian Hartleb: Terrorismus jeglicher Couleur in Europa. Ein worst case der politischen Krisenkommunikation, in: Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies, published by the Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS), double-blinded peer reviewed, special issue zu “Extremismen im Vergleich”, 2024 (1), S. 27-43; Ders.: Terrorism in the Age of New Technologies, in: TalTech Journal of European Studies, 15 (2025) 3, Tallinn University of Technology, S. 291-312, https://reference-global.com/article/10.2478/bjes-2025-0040?tab=download (abgerufen am 23. Dezember 2025).
5  Vgl. Europol: European Union Terrorism Situation and Trend Report 2023, https://www.europol.europa.eu/publication-events/main-reports/european-union-terrorism-situation-and-trend-report-2023-te-sat (abgerufen am 23. Dezember 2025).
6  Grundlegend zu den Wellen des Terrorismus, mittlerweile ist von einer fünften Well die Rede, David C. Rapoport: Waves of Global Terrorism: From 1879 to the Present, New York 2022.
7  Vgl. Nicolas Stockhammer, Introduction, in: Ders. (Hg.): Routledge Handbook of Transnational Terrorism, London/New York, 2024, S. 1-13.

 

Über den Autor
Dr. Florian Hartleb
Dr. Florian Hartleb
Hartleb, Florian, Dr. phil., ist seit August 2023 als Forschungsdirektor beim Europäisches Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention (EICTP) in Wien tätig. Er lehrt derzeit an der Katholischen Universität Eichstätt, der Universität Passau und der Fachhochschule des bfi in Wien. Gerade hat er mit Gustav Gustenau dass Buch „Antisemitismus auf dem Vormarsch. Neue ideologische Dynamiken“ beim Nomos-Verlag (Baden-Baden) herausgegeben
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