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Nach dem Berlin-Besuch von Ahmed al-Scharaa

Ein Warnsignal für den Rechtsstaat

Von Florian Hartleb

Der Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin war mehr als ein heikler diplomatischer Termin. Die Bilder von Demonstrationen, dem großen Sicherheitsaufgebot und den umstrittenen Jubelszenen vor Ort machten sichtbar, dass hier kein gewöhnlicher Staatsgast empfangen wurde.

Politisch noch brisanter wurde der Auftritt durch die Debatte um die von Bundeskanzler Friedrich Merz aufgegriffene Zahl, wonach innerhalb von drei Jahren 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer zurückkehren könnten. Kurz darauf begann bereits der Streit darüber, ob diese Zahl von Merz oder von al-Scharaa stammte. Genau diese Mischung aus außenpolitischem Pragmatismus, innenpolitischer Symbolik und öffentlicher Aufladung macht den Fall so aufschlussreich. Er zeigt, wie schwer sich Deutschland inzwischen damit tut, Islamismus, Migration, Diplomatie und Sicherheitsinteressen begrifflich auseinanderzuhalten.[1]

Man kann diesen Vorgang als gewöhnliche Realpolitik verteidigen. Staaten sprechen auch mit Akteuren, deren Vergangenheit schwer belastet ist, wenn sie sich davon Stabilisierung, Kooperation oder geordnete Rückführungen versprechen. Genau so argumentiert die Bundesregierung im Kern: Syrien soll stabilisiert werden, Wiederaufbau soll möglich werden, und ein Teil der syrischen Flüchtlinge in Deutschland soll auf Dauer in seine Heimat zurückkehren können. Doch Realpolitik ersetzt nicht die Pflicht zur politischen Klarheit. Im Fall al-Scharaa ist diese Klarheit besonders notwendig, weil seine Biografie nicht einfach „problematisch“, sondern genuin jihadistisch ist. Wer das ausblendet, verwischt die Grenze zwischen diplomatischem Umgang und normativer Verharmlosung.[2]

Ahmed al-Scharaa steht für eine politische Karriere, die direkt aus den Milieus des globalen Jihadismus stammt. Reuters beschreibt seinen Weg als den eines Mannes, der sich nach der US-Invasion 2003 al-Qaida im Irak anschloss, in amerikanischer Haft saß, später nach Syrien zurückkehrte und dort die Nusra-Front aufbaute, also den syrischen Ableger von al-Qaida. Auch wenn er sich später von der formalen Bindung an al-Qaida löste und sich politisch neu inszenierte, verschwindet diese Herkunft nicht. Sie ist nicht bloß biografisches Vorleben, sondern Teil seines politischen Symbols. Wer ihn heute als Präsidenten empfängt, empfängt nicht nur den Repräsentanten eines neuen syrischen Machtzentrums, sondern auch einen Akteur, dessen Aufstieg ohne jihadistische Organisationswelten gar nicht denkbar wäre.[3]

Gerade deshalb ist die Rolle der USA zentral. Washington hat al-Scharaa nicht nur hingenommen, sondern seinen Weg in die internationale Normalisierung aktiv erleichtert. Bereits im Dezember 2024 trafen sich hochrangige US-Diplomaten in Damaskus mit ihm und erklärten anschließend, die Gespräche seien „gut“ und „sehr produktiv“ gewesen; zugleich wurde das bis dahin ausgesetzte Kopfgeld auf ihn aufgehoben. Im Juli 2025 ging die US-Regierung noch weiter und beendete die Einstufung von Hayat Tahrir al-Sham als ausländische Terrororganisation. Damit wurde ein Prozess vollzogen, der politisch folgenreich ist: Aus einem früheren Jihadistenführer wurde Schritt für Schritt ein international anschlussfähiger Machtfaktor. Deutschland bewegt sich also nicht im luftleeren Raum, sondern folgt einer von den USA mit eingeleiteten westlichen Rehabilitierungslogik.[4]

Genau darin liegt aber das Problem. Denn die amerikanische Vorleistung entlastet Berlin nur scheinbar. Sie macht den Umgang mit al-Scharaa diplomatisch leichter, verschärft aber die begriffliche und politische Ambivalenz. Wenn ein Mann mit jihadistischer Vergangenheit zugleich als Ansprechpartner für Rückführungen, Wiederaufbau und Stabilisierung gilt, entsteht fast zwangsläufig eine doppelte Botschaft: außenpolitisch die Anerkennung eines neuen Machtzentrums, innenpolitisch die Relativierung ideologischer Herkunft. Der Staat gerät dann in eine gefährliche Grauzone. Er will handlungsfähig sein, vermeidet aber die klare Sprache über die Natur des Partners, mit dem er handelt. Genau das schwächt am Ende nicht nur die politische Debatte, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats.[5]

Hinzu kommt die Innenpolitik. Die 80-Prozent-Aussage von Merz war kein bloßes Kommunikationsmissgeschick, sondern ein Symptom strategischer Unklarheit. Wer in einer so sensiblen Lage mit solchen Zahlen operiert, sendet weit mehr als ein administratives Signal. Er verbindet die internationale Aufwertung eines früheren Jihadisten mit der Erwartung einer massiven Rückkehrbewegung von Syrern aus Deutschland. Das erzeugt politische Projektionen in alle Richtungen: Migrationsskeptiker hören die Ankündigung harter Rückführung, Integrationsbefürworter sehen eine Gefährdung gewachsener Lebensverhältnisse, und islamistische Milieus können den Staatsbesuch als Zeichen westlicher Anerkennung lesen. Der Rechtsstaat erscheint dann nicht souverän und sprachmächtig, sondern getrieben von Interessen, Stimmungen und Widersprüchen.[6]

Natürlich wäre es ebenso falsch, jedes religiöse Bekenntnis oder jeden Ruf „Allahu Akbar“ sofort als Extremismus zu klassifizieren. Ein demokratischer Staat muss unterscheiden können. Aber genau diese Unterscheidung wird dann unmöglich, wenn aus Angst vor Generalisierung das gegenteilige Extrem eintritt: die reflexhafte Verharmlosung islamistischer Symbolik als bloße Emotion, Frömmigkeit oder Folklore. Wenn bei einer solchen Visite religiöse Kampfsemantik, politische Machtinszenierung und Sympathie für einen Akteur mit jihadistischer Vergangenheit zusammenfallen, dann ist das nicht mehr nur ein polizeitaktisches Randereignis. Es ist ein Hinweis darauf, dass der öffentliche Raum selbst zum Schauplatz ideologischer Markierung wird. Ein wehrhafter Rechtsstaat darf genau diese Symbolik weder dramatisieren noch bagatellisieren; er muss sie politisch lesen können.[7]

Der Fall al-Scharaa verweist damit auf ein größeres deutsches Problem. Islamismus wird hierzulande noch immer je nach Lage als Sicherheitsproblem, Integrationsproblem, Religionsproblem oder Migrationsproblem behandelt. Was dabei verloren geht, ist seine politische Eigenständigkeit. Islamismus ist keine bloße Überreizung religiöser Identität, sondern eine Herrschaftsideologie mit exklusivem Wahrheitsanspruch. Wer darüber nicht klar spricht, produziert semantische Schwäche. Und semantische Schwäche führt in demokratischen Staaten fast immer zu strategischer Schwäche. Der Berlin-Besuch war deshalb kein diplomatischer Betriebsunfall, sondern ein Lehrstück: darüber, wie schnell jihadistische Vergangenheit, geopolitischer Pragmatismus, amerikanische Vorprägung und deutscher Migrationsdruck zu einer Lage verschmelzen, in der der Staat seine normative Mitte zu verlieren droht.[8]

 

Fußnoten:

[1] Zum Berlin-Besuch, zur Rückkehrdebatte und zum Streit um die 80-Prozent-Zahl vgl. Reuters, „Germany’s Merz says Berlin will work with Syria to return refugees“, 30. März 2026, https://www.reuters.com/world/middle-east/merz-says-syrian-refugees-have-important-role-rebuilding-their-country-2026-03-30/ (abgerufen am 1. April 2026); Reuters, „German chancellor clarifies Syrian refugee comments after backlash“, 31. März 2026, https://www.reuters.com/world/german-chancellor-clarifies-syrian-refugee-comments-after-backlash-2026-03-31/ (abgerufen am 1. April 2026).

[2] Zur politischen Linie der Bundesregierung und zum Zusammenhang von Rückkehr, Wiederaufbau und Kooperation mit Damaskus vgl. Reuters, „Germany’s Merz says Berlin will work with Syria to return refugees“, 30. März 2026, https://www.reuters.com/world/middle-east/merz-says-syrian-refugees-have-important-role-rebuilding-their-country-2026-03-30/ (abgerufen am 1. April 2026).

[3] Zur jihadistischen Biografie al-Scharaas, seiner früheren Zugehörigkeit zu al-Qaida im Irak und seiner Rolle beim Aufbau der Nusra-Front vgl. Reuters, „Syrian leader Sharaa’s path from global jihad to Trump meeting“, 14. Mai 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/syrian-leader-sharaas-path-global-jihad-trump-meeting-2025-05-14/ (abgerufen am 1. April 2026).

[4] Zum Treffen hochrangiger US-Diplomaten mit al-Scharaa in Damaskus im Dezember 2024 und zur Aufhebung des Kopfgelds vgl. Reuters, „US held ‘very productive’ first meeting with Syria’s al-Sharaa“, 20. Dezember 2024, https://www.reuters.com/world/top-us-officials-damascus-meet-new-syrian-rulers-state-department-says-2024-12-20/ (abgerufen am 1. April 2026). Zur Aufhebung der US-Terrorlistung von HTS vgl. Reuters, „US revokes foreign terrorist designation for Syria’s HTS“, 7. Juli 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/us-ends-foreign-terrorist-designation-syrias-hts-2025-07-07/ (abgerufen am 1. April 2026).

[5] Zur politischen Normalisierung al-Scharaas im westlichen Kontext und zur daraus folgenden Ambivalenz vgl. Reuters, „Syrian leader Sharaa’s path from global jihad to Trump meeting“, 14. Mai 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/syrian-leader-sharaas-path-global-jihad-trump-meeting-2025-05-14/ (abgerufen am 1. April 2026); Reuters, „US revokes foreign terrorist designation for Syria’s HTS“, 7. Juli 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/us-ends-foreign-terrorist-designation-syrias-hts-2025-07-07/ (abgerufen am 1. April 2026).

[6] Zur innenpolitischen Wirkung der Merz-Aussage und zur Kritik an der 80-Prozent-Formel vgl. Reuters, „German chancellor clarifies Syrian refugee comments after backlash“, 31. März 2026, https://www.reuters.com/world/german-chancellor-clarifies-syrian-refugee-comments-after-backlash-2026-03-31/ (abgerufen am 1. April 2026); Reuters, „Germany’s Merz says Berlin will work with Syria to return refugees“, 30. März 2026, https://www.reuters.com/world/middle-east/merz-says-syrian-refugees-have-important-role-rebuilding-their-country-2026-03-30/ (abgerufen am 1. April 2026).

[7] Die hier vorgenommene Unterscheidung zwischen religiösem Ausdruck und islamistischer Symbolik ist eine politische und analytische Einordnung des Autors; die konkreten Berliner Bilder und ihre öffentliche Deutung sind durch Medienberichte zum Besuch dokumentiert. Zur Ereignislage und politischen Aufladung des Besuchs vgl. Reuters, „Germany’s Merz says Berlin will work with Syria to return refugees“, 30. März 2026, https://www.reuters.com/world/middle-east/merz-says-syrian-refugees-have-important-role-rebuilding-their-country-2026-03-30/ (abgerufen am 1. April 2026).

[8] Zur internationalen und politischen Einbettung des Falles, insbesondere zur US-Rolle und zur westlichen Rehabilitierungsdynamik, vgl. Reuters, „US held ‘very productive’ first meeting with Syria’s al-Sharaa“, 20. Dezember 2024, https://www.reuters.com/world/top-us-officials-damascus-meet-new-syrian-rulers-state-department-says-2024-12-20/ (abgerufen am 1. April 2026); Reuters, „US revokes foreign terrorist designation for Syria’s HTS“, 7. Juli 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/us-ends-foreign-terrorist-designation-syrias-hts-2025-07-07/ (abgerufen am 1. April 2026); Reuters, „Syrian leader Sharaa’s path from global jihad to Trump meeting“, 14. Mai 2025, https://www.reuters.com/world/middle-east/syrian-leader-sharaas-path-global-jihad-trump-meeting-2025-05-14/ (abgerufen am 1. April 2026).

 

Über den Autor
Dr. Florian Hartleb
Dr. Florian Hartleb
Hartleb, Florian, Dr. phil., ist seit August 2023 als Forschungsdirektor beim Europäisches Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention (EICTP) in Wien tätig. Er lehrt derzeit an der Katholischen Universität Eichstätt, der Universität Passau und der Fachhochschule des bfi in Wien. Gerade hat er mit Gustav Gustenau dass Buch „Antisemitismus auf dem Vormarsch. Neue ideologische Dynamiken“ beim Nomos-Verlag (Baden-Baden) herausgegeben
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