Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933-1945.
Götz Aly,
S. Fischer Verlag, 2025.
762 Seiten.
ISBN 978-3-10-397364-8.Der Politikwissenschaftler Götz Aly war unter anderem als Dozent an der Freien Universität Berlin tätig. Einem breiteren Publikum wurde er als Autor von Studien über die Zeit des Nationalsozialismus bekannt.
Aly schwamm schon oft gegen den Zeitgeist. Diese Haltung zeigt er auch in seinem aktuellen Buch. Anders als viele andere meidet er für die Zeit von 1933 bis 1945 den Begriff „Faschismus“ und lehnt auch die Bezeichnung „Totalitarismus“ ab. Statt dessen verwendet er „solange kein besserer Begriff gefunden wird“ den Terminus „Hitlerdeutschland“. Der Autor geht das häufig beschriebene Thema mit einer Mischung aus soziologischer, politikwissenschaftlicher und auch historischer Methodik an. Dieser Methodenmix führt zusammen mit seiner Freude am wissenschaftlichen Widerspruch zu Deutungen, die selten neu, aber häufig im Widerspruch zur herrschenden Meinung stehen. So bestreitet er die häufig geäußerte Annahme, die Funktionäre der NSDAP entstammten „der von sozialen Erschütterungen bedrohten unteren Mittelschicht“, könnten somit als „kleinbürgerlich“ charakterisiert werden. Lakonisch stellt er fest: „Das stimmt nicht.“ Vielmehr hätte sich die Führungsschicht aus Menschen rekrutiert, die „vorankommen wollten.“ Jedoch bestreitet er nicht, dass in diesem Staat auch das „Emporkommen der Schlechtesten“ geschah. Hitlerdeutschland war nach Aly weder eine Einpersonenherrschaft oder die Diktatur einer kleinen Machtclique, es speiste sich auch nicht auf einem auf reiner Willkür beruhenden Autoritarismus und war auch nicht eine Herrschaft des Pöbels.
Der Verfasser zeichnet in zwölf Kapiteln die Funktionsweise der nationalsozialistischen Herrschaft nach. Dabei setzt er die Schwerpunkte häufig anders als seine Fachkollegen. So auch bei der Darstellung „der Ermordung weit überwiegend deutscher psychisch, geistig und auch körperlich belasteter Menschen“. Diesen in der Tiergartenstraße 4 in Berlin – daher die Abkürzung T 4 – geplanten „Massenmord begingen seit 1939 Deutsche an Deutschen.“ Dieses vom „eigenen Volk vollzogene, akzeptierte oder zumindest hingenommene Verbrechen“ ebnete den Weg, „noch weit mehr Morde an Menschen zu vollziehen, die als nichtdeutsch und zudem feindlich gebrandmarkt wurden.“ Die Euthanasiemorde endeten 1941 nach drei mutigen Sonntagspredigten des katholischen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen. Ein Widerstand von protestantischen Pfarrern war nicht feststellbar. Den militärischen Widerstand erwähnt Götz Aly in seinem Buch nicht.
Nicht neu, aber für manche wohl erstaunlich ist Alys These, dass der „Aufstieg und die Machtübernahme der NSDAP nicht allein einem rechten Lager zur Last zu legen“ ist. Die Weimarer Republik scheiterte zudem an Kommunisten, die „ebenfalls der Republik den Garaus machen wollten“. Sie scheiterte „nicht zuletzt an ihrem Souverän, den 40 Millionen deutschen Wahlberechtigten – insbesondere an den jungen und an den vielen protestantischen Wählern und Wählerinnen, die es für richtig hielten, die NSDAP … zur mit Abstand stärksten Fraktion zu machen.“
Eindrucksvoll beschreibt Aly, wie das Regime nahezu jeden Einzelnen ansprach und durch kleinere und größere Wohltaten, Vergünstigungen und Geschenke beeinflusste. Dies zog sich durch alle Berufe und sozialen Schichten. Dabei wurde die nationalsozialistische Ideologie mitunter außer Kraft gesetzt, etwa dann, wenn Künstler, die nicht ins NS-Schema passten, dennoch hofiert wurden. Da zählte die Bekanntheit und Zuneigung des Publikums mehr als die Gesinnung.
In zwei Kapiteln beschreibt Aly die Vernichtung der Juden. Zum einen zeichnet er „den Weg in die Verbrechensgemeinschaft“ nach. Gerade hier muss der Leser auch die leisen Töne beachten, so etwa, wenn er die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 in der die sogenannte „Endlösung“ beschlossen wurde, beschreibt: „Die 15 versammelten Herren waren im Durchschnitt 41 Jahre alt, acht von ihnen trugen den Doktortitel.“ Zum anderen blickt er im Kapitel „die Deutschen und der Judenmord“ nach innen in die deutsche Gesellschaft. Hier wird auch die Mär, man haben von der Ermordung der Juden nichts gewusst, eindrucksvoll widerlegt.
Wie konnte das geschehen endet für Aly nicht mit dem 8. Mai 1945. Er kritisiert auch „die nicht wenigen Gedenkstättenmitarbeiter und Autoren“, die die schweren Verbrechen abstrakten „Nationalsozialisten“, „Nazi-Ideologen“, „Rassenantisemiten“, „SS-Schergen“ oder „Tätern“ zuschreiben. Er stellt diesen einfachen Erklärungen seine Erklärung entgegen, wie das geschehen konnte: „… wir haben es mit einer verbrecherischen Regierung zu tun, die ihre Basis in der Mitte der Gesellschaft gefunden hatte. Sie baute auf Millionen von passiven und aktiven Unterstützern, von Gleichgültigen, fungiblen Mitläufern und mehreren Hunderttausend an den Schreibtischen, in der Logistik und Verwaltung sowie in den Stätten zur Menschenvernichtung tätigen Exekutoren.“
Alys Blick in die Zukunft fällt düster aus: „Der Schoß bleibt ewig fruchtbar doch, aus dem all das von 1933 bis 1945 in Deutschland kroch – nicht nur in Deutschland, sondern überall.“
-Von Dr. Reinhard Scholzen-
