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Nach Hamburg. Gewaltexzesse durch Einzelne aus unterschiedlichen Motiven

Von Florian Hartleb

Wenn Menschen aus Lust oder Rache töten, einfach willkürlich, nennen wir sie Mörder oder Amokläufer. Töten Menschen nach Plan und aus festen Überzeugungen, verbunden mit einer heroischen Selbstüberhöhung, sprechen wir von Terroristen. Wir fragen uns unwillkürlich: Wie konnte es passieren, dass eine offenbar kranke Idee umgesetzt wurde? Welche Botschaft liegt solchen Taten zugrunde? Geht es um einen destruktiven oder revolutionären Impuls? Lassen sich im sozialen Umfeld Spuren finden?

Generell: Was hätte die Gesellschaft tun können, um das zu verhindern? Warum griffen die Mechanismen eines Frühwarnsystems im sozialen Umfeld nicht? Warum sind die Sicherheitsbehörden nicht rechtzeitig eingeschritten? Zugleich zeigt die Kamera, oft sensationsheischend, das Ausmaß an Verzweiflung und Zerstörung. Aus der Medienlogik heraus heißt es oft: „Was kümmert mich der Anschlag von gestern?“. In der Tat mehren sich die Gewaltexzesse, die oft in den USA vermutet werden.

Dort gibt es, auch verstärkt durch den leichten Erwerb von Waffen, regelmäßig Anschläge an Schulen (school shootings). Erinnert sei etwa an die Taten von Columbine im Jahr 1999, als zwei Schüler ein Massaker anrichteten und bis heute als Vorbilder gelten.1 Doch auch Deutschland ist von Gewaltexzessen nicht verschont. Im Gegenteil drängt sich der Eindruck auf, dass sich solche Taten häufen, begangen auch durch Einzeltäter in der Tatausführung.2 Das liegt wohl auch am virtuellen Zeitalter, in dem sich Menschen selbst radikalisieren können und mehr noch, Waffen über das Darknet erwerben oder sich selbst über den 3-D-Drucker basteln können. Letzteres zeigte die Tat von Halle, als ein 27-jähriger am 9. Oktober 2019 an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in eine Synagoge eindringen wollte.3 Religiöse Motive, fanatisiert, können also bei solchen Gewaltexzessen durchaus eine Rolle spielen, wie wir auch durch islamistisch motivierte Anschläge wissen. Im deutschen Kontext sorgte der Fall von Anis Amri für ein Menetekel. Der Täter, als angeblicher Flüchtling nach Deutschland gekommen und mit vielen Identitäten ausgestattet, verschwand vom Radar der deutschen Behörden. Das neu installierte „Gemeinsame Terrorabwehrzentrum“ stufte den späteren Terroristen, der mit einem gekaperten LKW auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche 13 Menschen ermordete, später als professionellen Drogendealer und damit als harmlos ein. Nun ist es in einer Kirche im Hamburger Stadtteil Groß Borstel ist es am Donnerstag abend zu einem Blutbad gekommen. Dabei wurden acht Menschen getötet und acht weitere zum Teil schwer verletzt. Tatort war der „Königssaal“ im Gotteshaus der Zeugen Jehovas. Ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas, Philipp F., vollzog einen Racheakt und richtete sich anschließend selbst. Der 35-jährige Täter war vorher nicht polizeibekannt gewesen, handelte offenbar im religiösen Wahn. Gegenstand der Ermittlungen ist die Frage, ob er ausgeschlossen wurde oder selbst die Glaubensgemeinschaft verlass. Zeugen berichten, dass er in Fanatismus abdriftete, ein anonymer Hinweis ging vor der Tat bei der Polizei ein.4

Der Königreichssaal in Hamburg-Alsterdorf kurz nach der Amoktat mit niedergelegten Blumen
© Von Foto: NordNordWest, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=129744793

Auch das ist typisch für diesen Tätertypus, der mitunter als „einsamer Wolf“ beschrieben wird. Ein gewisser Größenwahn ist hierfür typisch, die Mischung aus persönlichen Kränkungen und politischen wie religiösen Motiven. Der Täter gab auf seiner Website an, als Unternehmensberater einen Tagessatz von 250.000 Euro plus Steuern zu verdienen. In seinem, auch kurz vor der Tat beworbenen Buch im Eigenverlag, das auf Amazon erhältlich war, schreibt er von seiner „persönlichen Höllenreise“ und „prophetischen Träumen“, die er gehabt hatte. Das erinnert an den Fall von Hanau, Tobias Rathjen. Der zum Tatzeitpunkt 43-jährige Täter tötete 11 Menschen, darunter seine Mutter und richtete sich ebenfalls selbst. Er hatte eine Website und selbst gedrehte You tube-Videos. Im Manifest spricht er davon, ein Genie zu sein, ihm aber ein Chip eingepflanzt. Aufgrund des paranoiden-verschwörungstheoretischen Duktus im Manifest liegt es nahe, dass Rathjan – neben Bezügen zu Satanisten und Freimaurern – die Verschwörungstheorie von QAnon „aufgesogen“ hat. Frauen widmet er ein ganzes Kapitel. Er spricht davon, er habe extra angefangen zu studieren, um eine Frau kennenzulernen. Nach einem missglückten Date habe er aber feststellen müssen, dass seine Bekannte auch irgendwie überwacht worden sei. Er hat ein Leben lang keine Frau oder Freundin gehabt, hatte aber auch Phantasien und einen Zusammenstoß mit einer Prostitutierten.5

Zurück zu Hamburg: Geradezu besessen war auch Philipp F. vom Thema Prostitution. Diese müsse überall bekämpft werden. Gott bediene sich der russischen Armee, um das Volk der Ukraine zu bestrafen, da Ukrainerinnen als Sexarbeiterinnen tätig gewesen seien. Gott hasse zudem Homosexualität, schreibt er. Weiter heißt es: „Dank einer umfangreichen theologischen Fundierung“ sei es ihm möglich, „entscheidende Impulse“ zu geben.  Hier scheinen auch schwere psychische Auffälligkeiten vorzuliegen, die zwar nach einem Frühwarnsystem verlangen, aber in der Praxis schwer zu begegnen sind. Aufgewachsen ist der Täter in Kempten, er hat studiert. Auffälligkeiten, die es nach Einschätzung von führenden Kriminologen immer gibt, sind wie häufig im familiären Umfeld zu suchen. Professionelle Hilfe ist häufig mit Präzedenzfällen konfrontiert. Im Fall eines Täters, der am 22. Juli 2016 am Münchener Olympiaeinkaufszentrum acht Menschen ermordete, wurde zuvor Eigengefährdung, keine Fremdgefährdung diagnostiziert.6

Der Philosoph Wolfgang Sofsky beschrieb bereits 1996 dieses Gewaltphänomen in einem „Traktat“.7 Eine Gesellschaft muss sich immer wieder auch hinterfragen, ob und wie derartige Taten zu verhindern sind, welche Ursachen auszumachen sind. Operativ lassen sich solche Fragen leichter klären, wenn etwa nach einem schärferen Waffengesetz gerufen wird. Der Täter von Hamburg war Sportschütze, hatte eine Waffenbesitzkarte und war erst kürzlich von der Waffenbehörde aufgesucht worden.

Gesellschaftlich stellt sich eher die Frage, ob derartige Täter nicht auch Kinder unserer Zeit sind, zumal sich Fragen der Selbstradikalisierung und der perfiden Umsetzung stellen. Politisch müssen immer auch Handlungsmöglichkeiten angeboten werden, die aber gerade bei Tätertypen, die polizeilich nicht „vorbelastet“ sind, kaum gegeben werden können. Dass die komplexen Motivbündeln genauer betrachtet werden müssen, auch ein religiöser Fanatismus, steht dabei außer Frage. Antworten, solchen Gewaltexzessen zu begegnen, lassen sich gleichwohl schwer finden, auch nicht im religiösen Kontext. Natürlich muss über bei islamistisch motivierten Anschlägen über die potentiell zerstörerische Kraft von Religion diskutiert werden. In diesem Fall stellt sich die Frage, wie sich die Zeugen Jehovas auf das Profil des Täters ausgewirkt haben, ob ihm nach seinem Ausstieg Repressalien gedroht haben. Dennoch sollte und muss vor Pauschalisierungen gewarnt werden. Das gilt im Übrigen auch für Tätertypen, die vorgeben, aus politischen Motiven zu handeln. Ob uns als Gesellschaft weitere Gewaltexzesse durch Amokläufe oder Terrorismus drohen, ist wahrscheinlich. Umso wichtiger sind ein sinnstiftender Kitt und Soldarisierung, um den gefährlichen Trends der Individualisierung und der Destruktion zu begegnen. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, muss aber im Sicherheitsmanagement stärker berücksichtigt werden.

 

Quellen:

1  Vgl. den Klassiker Peter Langman: Amok im Kopf. Warum Schüler töten, Beltz: Weinheim/Basel, sowie die ständig aktualisierte Website https://schoolshooters.info/ (zuletzt abgerufen am 25. März 2023).
2  Vgl. Florian Hartleb: Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter, 2. Aufl., Hoffmann und Campe 2020.
3 Vgl. Florian Hartleb: Halle als Menetekel. Die neuen Herausforderungen im rechten Terrorismus, in: Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Tagungsdokumentation: Jüdische Juristen in Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2022, S. 70-79.
4  Vgl. Matthias Bolsinger et al: Der Wahn des Philipp F., in: Der Stern, Nr. 12, 16. März 2023, S. 76-81,
5  Vgl. Henning Saß: Zur Amalgamierung von Psychose, rassistischer Ideologie und Verschwörungsdenken beim Terrorakt von Hanau, in: Forensische Psychiatrie Psychologie, Kriminologie, 16 (2022) (2), 101–113.
6  Vgl. Florian Hartleb: Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter, 2. Aufl., Hoffmann und Campe 2020.
7  Vgl. Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt, S. Fischer: Hamburg, 1996.

 

Über den Autor
Dr. Florian Hartleb
Dr. Florian Hartleb
Dr. Florian Hartleb, geb. 1979 in Passau, ist Affiliated Researcher beim Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) sowie Managing Director von Hanse Advice in Tallinn/Estland. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule der Polizei Sachsen-Anhalt sowie an der Katholischen Universität Eichstätt und Autor des Buchs „Einsame Wölfe. Der neue Terrorismus rechter Einzeltäter“ (2. Auflage, Hoffmann & Campe: Hamburg, 2020, auch auf Englisch bei Springer und bei der Bundeszentrale für politische Bildung). Er hat 2004 zum Populismus promoviert und war seither bei Think tanks, als Pressereferent im Deutschen Bundestag und beratend. für das Deutsche Bundespräsidialamt, die Bertelsmann Stiftung, die Deutsche Bundesbank und andere Institutionen tätig. Dr. Florian Hartleb ist seit August 2023 Forschungsdirektor am Europäischen Institut für Terrorismusbekämpfung und Konfliktprävention (EICTP) in Wien.
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