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Von vorne geführt.

50 Jahre Anti-Terror-Einheit GSG 9

Von Dr. Reinhard Scholzen

Im Herbst 1972 wurde die deutsche Anti-Terror-Spezialeinheit GSG 9 gegründet. Vieles hat sich seither verändert, das Führungsprinzip nicht.

Die Akademie des Deutschen Fußball Bundes befragt in dem Format „#everydayleadership“ Führungskräfte aus unterschiedlichen Bereichen. Unter den Interviewten finden sich viele Sportler, Schauspieler und Politiker. Im Mai 2020 stellte sich der aktuelle Kommandeur der GSG 9, Jerome Fuchs, den Fragen. Es mag vielleicht manchen überrascht haben, was er zu den Grundlagen der Führungslehre in seinem Verband sagte: Einsätze der GSG 9 würden nicht von A bis Z durchgeplant. Vielmehr gehe man sehr bewusst von planabweichenden Verläufen aus. Darin liege die Stärke der Auftragstaktik, bei der zwar ein klares Ziel vorgegeben werde, dessen Umsetzung aber in den Händen der Einsatzkräfte liege. Zu den weiteren Merkmalen des Führens mit Auftrag gehöre es, dass jeder wissen müsse, was zu tun sei, denn für Rückfragen bleibe im Einsatz keine Zeit. In der GSG 9 werde seit jeher von vorne geführt. Das bedeute, dass der Führer des Einsatzes ganz nahe dabei sei, weit vorne. Diese Führungsphilosophie setze ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen voraus und der Kommandeur spitzt zu: „Ohne Vertrauen in die Einsatzkräfte funktioniert die gesamte GSG 9 nicht. … Wir lassen den Männern hier große Freiheiten, auch bewusst, wie sie an Einsatzlagen herangehen, wie sie ihre Planung machen, weil wir als Vorgesetzte wissen, was sie können. Wir kennen sie über viele Jahre, in denen sich Vertrauen aufbauen kann. … Ohne Vertrauen ist kein erfolgreicher Einsatz möglich.“ Fuchs beantwortet auch die Frage des DFB-Moderators, was für ihn Führen bedeutet: „Mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, sondern das Team in den Vordergrund zu stellen, ihm zu vertrauen und es bestmöglich zu unterstützen.“

Erinnerungsort im Olympiapark München (2017)
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Das Olympia-Attentat

Die Olympischen Spiele in München sollten „heitere Spiele“ werden. Dafür wurde viel getan, aber im Bereich der Sicherheit manches unterlassen. Am 5. September 1972 überfielen palästinensische Terroristen das olympische Dorf, töteten zwei Israelis und nahmen Sportler als Geiseln. Einen Tag später starteten bayerische Polizisten auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck einen Befreiungsversuch, der aber nach einer wilden Schießerei tragisch endete: Alle neun israelischen Geiseln und ein deutscher Polizeibeamter kamen dabei ums Leben.

Eine erste Aufarbeitung der Geschehnisse ergab, dass es der Polizei unter anderem an ausgebildeten Präzisionsschützen und Spezialkräften zur Geiselbefreiung mangelte. Daher entschied Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, eine Anti-Terror-Einheit unter dem Dach des Bundesgrenzschutzes (BGS) aufzubauen. Dieser wies damals eine Gesamtstärke von 22.000 Grenzschützern auf und bot somit einen großen Personalpool, aus dem die Spezialeinheit rekrutiert werden konnte. Nützlich war auch die reichlich vorhandene Infrastruktur des BGS. Als Standort der Einheit wurde die kurze Zeit zuvor fertiggestellte Kaserne in Sankt Augustin bei Bonn ausgewählt. Dort war auch eine gut ausgestattete Hubschrauberabteilung stationiert. Damals war der BGS in acht Grenzschutzgruppen gegliedert. Um den hohen Stellenwert des neuen Verbandes zu unterstreichen, erhielt er den Namen Grenzschutzgruppe 9, abgekürzt: GSG 9.

Olympia '72: Scharfschützen im Olympischen Dorf
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Bei der Suche nach der geeigneten Führungspersönlichkeit wurde der Minister in seiner direkten Umgebung fündig: Ulrich Wegener war 1929 in Jüterbog geboren, 1952 aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen und 1958 von der baden-württembergischen Landespolizei in den Bundesgrenzschutz gewechselt, wo er rasch aufstieg. 1970 wurde er Verbindungsoffizier des BGS bei Minister Genscher.

Für den Aufbau der GSG 9 stellte der Deutsche Bundestag mehr als sechs Millionen D-Mark bereit. Man baute bürokratische Hürden ab und ging auch neue Wege. So band man externe Psychologen in die Auswahl der GSG 9-Bewerber ein und Wegener etablierte einen in der Polizei nicht üblichen Führungsstil. Es wurde von Beginn an „von vorne“ geführt und die Auftragstaktik gelebt. Bereits sieben Monate später standen zwei Einheiten bereit. Der erste große Einsatz fand 1974 in Frankfurt statt, wo die GSG 9 mehrere Mitglieder einer international operierenden Bande festnahm. In der Folgezeit wurden die Männer immer wieder zur Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamtes abgeordnet, die für Personenschutzeinsätze zuständig ist. Die breite Öffentlichkeit jedoch kannte die Truppe nicht und in den Augen mancher Journalisten war die GSG 9 nur „Trainingsweltmeister“.

Der Mythos Mogadischu

Im Oktober 1977 kamen Konzept, Personalauswahl, Ausbildung und auch Ausrüstung der Anti-Terror-Einheit auf den Prüfstand. Vier palästinensische Terroristen hatten die Lufthansamaschine „Landshut“ entführt. Nach einem mehrtägigen Irrflug ermordete der Anführer der Luftpiraten den Kapitän, Jürgen Schumann. Am 18. Oktober kam es auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu zum Showdown.

Mitglieder der GSG 9 des BGS auf dem Flughafen Köln/Bonn beim Verlassen der Lufthansa-Sondermaschine „Stuttgart“ am 18. Oktober 1977
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Die GSG 9 befreite alle Geiseln und tötete im Verlauf der „Operation Feuerzauber“ drei der vier Hijacker.
Mogadischu brachte der GSG 9 und ihrem Kommandeur weltweite Anerkennung. Auch und gerade unter den befreundeten Spezialeinheiten. Der damalige stellvertretende Kommandeur der GSG 9, Klaus Blätte, beschrieb in einer Publikation, dass es kein Erfolgsgeheimnis gab, vielmehr war entscheidend: „… der Wille eines gut trainierten, in sich homogenen, leistungsorientierten und in der Aufgabenerfüllung fast besessenen Teams, Gefahren von der Gemeinschaft abzuwenden.“

Die in den Folgejahren durchgeführten Einsätze gegen Terroristen und Schwerstkriminelle blieben der Öffentlichkeit meist verborgen. Nur der Zugriff in Bad Kleinen sorgte im Juni 1993 für Schlagzeilen. Auf dem Bahnhof der Stadt in Mecklenburg-Vorpommern nahm die GSG 9 die Terroristin Birgit Hogefeld fest, aber im anschließenden Schusswechsel starb der Polizeibeamte Michael Newrzella und der RAF-Terrorist Wolfgang Grams nahm sich schwer verletzt im Gleisbett das Leben.

Im Jahr 2009 kam die GSG 9 erneut in die Schlagzeilen. Piraten kaperten vor der Küste Somalias das Handelsschiff „Hansa Stavanger“. Die GSG 9 – und auch das KSK der Bundeswehr – standen zur Geiselbefreiung auf hoher See bereit, aber der Krisenstab der Bundesregierung gab den Zugriffsbefehl nicht.

Immer wieder meldete sich der Gründer der GSG 9 öffentlich zu Wort. Auch nach Misserfolgen. Mehrfach forderte er eine engere Zusammenarbeit zwischen den Nachrichtendiensten und der Polizei und brach auch eine Lanze für eine punktuelle Kooperation zwischen der Polizei und der Bundeswehr. Im Frühjahr 2013 betonte Ulrich Wegener in einem Interview: „Ich halte eine engere Zusammenarbeit zwischen GSG 9 und KSK für absolut notwendig.“

Neuer Standort und neue Struktur

Der Gründer der GSG 9 starb im Dezember 2017. In einem Nachruf hob der damalige Bundesinnenminister, Thomas de Maizière, hervor, Deutschland verliere mit Wegener „einen hervorragenden Polizisten, der enorm viel für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland geleistet“ habe.

Wenige Wochen später stellte der aktuelle Kommandeur der GSG 9 die Zukunftspläne seines Verbandes vor. Angesichts der anhaltenden Bedrohung durch den Terrorismus sei geplant, dessen Personalstärke, um ein Drittel zu erhöhen und einen zweiten Standort in Berlin aufzubauen. Jerome Fuchs beklagte jedoch, es sei „die große Herausforderung für die Einheit, den geeigneten Nachwuchs zu bekommen.“

Über die aktuelle Zahl der Einsatzkräfte der GSG 9 gibt es keine für die Öffentlichkeit bestimmten näheren Angaben. Bekannt ist lediglich, dass die kleinste Einheit der Spezialeinsatztrupp ist. In den ersten Jahren bestand dieser aus fünf, später dann aus sieben Männern. Jeweils mehrere SETs bilden eine der vier Einheiten, denen jeweils ein besonderes Fähigkeitsmerkmal zugeordnet ist.

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In der „Ersten“ sind die Präzisionsschützen zusammengefasst. Die GSG 9 stellt auf ihrer Internetseite heraus, dass hier „das gesamte Spektrum des polizeilichen Präzisionsschützenwesens abgedeckt“ wird. Breiten Raum nimmt dabei die Aufklärung ein, ebenso moderne und herkömmliche Möglichkeiten der Tarnung. Die Ausbildung findet in mehreren Standorten statt und ebenso in enger Kooperation mit Spezialeinheiten im In- und Ausland.

Taucher und Bootsführer formen die 2. Einheit, deren Wurzeln in den frühen 1980er Jahren liegen. Das Knowhow erlernen sie unter anderem in einem fordernden Arbeitstaucherlehrgang bei der Bundespolizei, aber auch in einer dreiwöchigen Schulung bei den Kampfschwimmern der Bundeswehr. Daran schließt sich eine einjährige Ausbildung innerhalb der maritimen Einheit der GSG 9 an.

Die „Dritte“ charakterisiert die besondere Art der Verbringung, das Fallschirmspringen. Die Gründer dieser Einheit waren fünf GSG 9 Beamte, die im Jahr 1981 erste Erfahrungen bei den amerikanischen Special Forces sammelten. Danach erlernten sie die Grundlagen des Fallschirmspringens an der Luftlande-/Lufttransportschule der Bundeswehr in Altenstadt. Zum breiten Spektrum des taktischen Springens zählen unter anderem Sprünge aus sehr großer Höhe und bei völliger Dunkelheit. Dafür wird eine spezielle, umfangreiche Ausrüstung benötigt.

Mit dem Aufbau der 4. Einheit wurde im Jahr 2018 in Sankt Augustin begonnen. Ihren Schwerpunkt bilden die „Grundtaktiken polizeilicher Zugriffe und Einsatzverfahren“. Die „Vierte“ soll den Kern der Einsatzeinheit am geplanten zweiten Standort der GSG 9 in Berlin ausmachen. Einsatzfähig ist sie bereits, die angepeilte Sollstärke der Dependance soll Mitte der 2020er Jahre erreicht werden.

Seit der Gründung verfügt die GSG 9 über eine Unterstützungseinheit, die im Laufe der Jahre immer personalstärker wurde. Im Gegensatz zu den Einsatzeinheiten sind dort seit den 1990er Jahren auch Frauen tätig. Zu den Unterstützern zählen unter anderem hoch spezialisierte Aufklärer in allen möglichen Bereichen, Entschärfer sowie Spezialisten für Türöffnungen aller Art. Sanitäter und einen eigenen Arzt hat die GSG 9 auch. Erst seit dem Jahr 2015 gibt es in der GSG 9 auch speziell ausgebildete Zugriffshunde.

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Bekannt ist ebenso, dass die GSG 9 seit dem August 2017 ein Teil der neu geschaffenen Bundespolizeidirektion 11 ist, an deren Spitze Olaf Lindner steht, der von 2005 bis 2014 Kommandeur der GSG 9 war. Damit reagierte das Bundesinnenministerium auf die neuen Herausforderungen, die eine Bündelung der Spezialkräfte der Bundespolizei sinnvoll erscheinen ließen. Seither sind am Schöneberger Ufer 1 in Berlin die Leitungen der GSG 9, der Flugdienst der Bundespolizei, die Polizeilichen Schutzaufgaben im Ausland und im Luftverkehr, die Einsatz- und Ermittlungsunterstützung und die Weiterentwicklung des Entschärfungswesens angesiedelt. Das Ziel ist es, „zukünftig in speziellen Lagen erforderliche Fähigkeiten aus einer Hand für Sicherheitsbehörden aus Bund und Ländern zur Verfügung zu stellen.“

Die Ausbildung der GSG 9 Beamten wurde unlängst um fast zwei Monate verlängert. Mag sein, dass dies eine Reaktion auf die veränderten und neuen Herausforderungen an eine Anti-Terror-Einheit ist. Ob die GSG 9 als eigenständige Einheit erhalten bleibt, ist ungewiss. Manches spricht für, manches gegen ein Verschmelzen mit dem KSK der Bundeswehr. Das ist aber eine politische Entscheidung, ganz so wie ihre Gründung vor 50 Jahren.

 

Über den Autor
Dr. Reinhard Scholzen
Autor: Dr. Reinhard Scholzen
Dr. Reinhard Scholzen, M. A. wurde 1959 in Essen geboren. Nach Abitur und Wehrdienst studierte er Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Trier. Nach dem Magister Artium arbeitete er dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und promovierte 1992. Anschließend absolvierte der Autor eine Ausbildung zum Public Relations (PR) Berater. Als Abschlussarbeit verfasste er eine Konzeption für die Öffentlichkeitsarbeit der GSG 9. Danach veröffentlichte er Aufsätze und Bücher über die innere und äußere Sicherheit sowie über Spezialeinheiten der Polizei und des Militärs: Unter anderem über die GSG 9, die Spezialeinsatzkommandos der Bundesländer und das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr.
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