Kriminalität - nein!

Beim niederländischen Pilotprojekt CrimiNee! arbeiten Unternehmen und Polizei Hand in Hand

Von Ralph Siegfried


Videoüberwachung trägt nachweislich zu mehr Sicherheit bei. Für viele Unternehmen zählt sie bereits zur Grundausstattung, ihr Einsatz an öffentlichen Plätzen wird jedoch noch kontrovers diskutiert. Ein Pilotprojekt in den Niederlanden hingegen zeigt, dass sich durch Synergien aus privater und öffentlicher Überwachung die Sicherheit in diesem Bereich beträchtlich steigern lässt.


In Deutschland wurden laut BMI im Jahr 2011 knapp sechs Millionen Straftaten begangen. Darunter machen Diebstahl, Betrug und Sachbeschädigung den größten Anteil aus. Zur Prävention empfiehlt die Kriminalpolizei  unter anderem die gezielte Videoüberwachung. Vor allem im Einzelhandel und in öffentlichen Bereichen kann dadurch die Sicherheit erhöht werden.


Sicherheit durch Kameras: Aktuelles Thema in Deutschland

Während der Handel  bereits häufig auf Kameras setzt, wird die Überwachung von öffentlichen Plätzen kontrovers diskutiert. So klagte beispielsweise eine Anwohnerin der Hamburger Reeperbahn gegen die Videoüberwachung in ihrer Straße. Das Bundesverwaltungsgericht Hamburg erklärte jedoch, dass das allgemeine Sicherheitsbedürfnis sowie das Interesse der Polizei an der Verhinderung von Straftaten die Installation von Kameras rechtfertige1. Voraussetzung ist, dass an diesen Orten wiederholt Straftaten begangen worden sind und auch künftig mit kriminellen Handlungen zu rechnen ist. Laut Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verfolgt der Gesetzgeber mit der offenen Videoüberwachung von kriminellen Brennpunkten legitime Ziele. Diese bestehen darin, einerseits derartige Delikte zu verhindern sowie im Fall des Falles bereits Vorsorge für die strafrechtliche Verfolgung der Täter zu treffen. Nimmt man die oben genannten Zahlen von Diebstählen und Überfällen als Basis, so besteht diese Notwendigkeit sicherlich in vielen Städten, vor allem im Anbetracht der zunehmenden Gewaltbereitschaft bei solcherlei Übergriffen.

Gerade in jüngster Zeit widmet sich auch die Politik verstärkt diesem Thema. So hat vor kurzem Bundesinnenminister Friedrich (CSU) nach der tödlichen Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz im Gespräch mit der „Welt am Sonntag“ dafür plädiert, die Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen auszuweiten.


Niederländisches CrimiNee! als Vorreiter

Einen Schritt voraus sind in diesem Bereich die Niederlande: Hier arbeiten private Sicherheitsfirmen und öffentliche Hüter von Recht und Ordnung Hand in Hand. Um die Anzahl der Raubüberfälle zu minimieren, haben hier die Polizei, Securitas Deutschland, Axis Communications und Brainport gemeinsam die Stiftung CrimiNee! (niederländisch für Kriminalität-Nein!) gestartet. Die öffentlich-private Kooperation in der Region Eindhoven verbindet private Sicherheitsfirmen mit Notrufzentralen der Polizei. Die Vorgehensweise: In der Regionalen Kontroll-Zentrale (RCC) fließen öffentliche und private Informationen in eine gemeinsame Sicherheitszentrale ein. Diese wird von der Polizei geführt. Ein wesentlicher Punkt ist, dass diese Einsatzzentrale der Polizei Live-Kamerabilder von angeschlossenen Einzelhändlern nutzen kann und damit eine viel bessere und umfangreichere Grundlage für ihre Entscheidungen und notwenige Einsätze erhält. Zusätzlich stehen Gewerbegebiete, Innenstädte sowie Parkplätze an Raststätten und Autohöfen im Blickpunkt. Möglich ist die gemeinsame Nutzung von Videos dank  der digitalen Überwachungstechnologie. Damit können hochauflösende Bilder nicht nur aufgenommen und gespeichert, sondern auch online ohne Zeitverlust in der regionalen Kontrollzentrale der Polizei zur Verfügung gestellt werden. Analoge Systeme geraten hier schnell an ihre Grenzen.

 


Die Entstehung von CrimiNee!

CrimiNee! startete 2004 als informelle Partnerschaft zwischen Regierung, Polizei und Unternehmen in Südost-Brabant. In der Anfangsphase konzentrierte sich die Stiftung vor allem auf den Aufbau von Netzwerken. Zudem wurden erste Überwachungsprojekte in Industriegebieten und öffentlichen Plätzen durchgeführt. Die Überwachungsprojekte häuften sich und als Folge erweiterte sich das Aufgabenspektrum. Seit 2007 wird wird CrimiNee! von der Stiftung RPC Oost-Brabant getragen. Wie stark die öffentlich-private Kooperation inzwischen zur Sicherheit der öffentlichen und privaten Domäne beigetragen hat, belegen zahlreiche Beispiele: Das Projekt „Sichere Parkplätze“ hat beispielsweise in einer niederländischen Raststätte die Anzahl an Straftaten von 74 in 2009 auf zwei Vorfälle in 2011 reduziert. In einem Autohof in Venlo gab es 2010 und 2011 jeweils 31 beziehungsweise 43 Vorfälle mit einem Schaden von über sieben Millionen Euro. Seit Einführung der „Secure Lane“ im November 2011 kam es bis heute zu keinem einzigen Vorfall.  Insgesamt hat CrimiNee! die Kriminalität in Gewerbegebieten und Autobahn Raststätten um 50  bis 90 Prozent reduziert.


Das Projekt „Täter – Live im Bild“

Ein wichtiger Bestandteil von CrimiNee! ist auch das Projekt „Täter – Live im Bild“: Wenn während eines Überfalls bei einem Einzelhändler Alarm ausgelöst wird, gelangen die Videos der Überwachungskameras automatisch über einen unabhängigen Knoten in die regionale Kontroll-Zentrale. Die Bilder der Einzelhändler werden zunächst von Securitas verifiziert. Danach werden sie auf die Rechner der Polizei, die sich im selben Raum befindet, weitergeleitet. Die Polizei ergänzt die Videos durch Bilder der öffentlichen Kameras rund um den Laden. Dadurch ist prinzipiell eine lückenlose Verfolgung des Täters beim Verlassen des Ladens möglich.

Das Beispiel zeigt deutlich die Vorteile des gemeinsamen Vorgehens: Durch die Synergie aus privater und öffentlicher Überwachung stehen den Sicherheitskräften sehr viel schneller sehr viel mehr Informationen zur Verfügung. Diese werden mit Hilfe moderner Analyseverfahren schnell und effizient ausgewertet und dienen der Polizei als zuverlässige Entscheidungshilfe. Diese kann nun sehr viel rascher geeignete Gegenmaßnahmen ergreifen. Zugleich werden bei diesem Konzept sämtliche Anforderungen zum Schutz der Privatsphäre eingehalten.


Die Zukunft von CrimiNee!

Peter van den Ende, Direktor von CrimiNee.Das Projekt " Täter live im Bild “ von CrimiNEE! und der Polizei ist eine äußerst wirksame Waffe im Kampf gegen Raubüberfälle. Aktuell wird das Projekt unter Führung des Justizministeriums auf alle Regionen der Niederlande ausgeweitet.

„Obwohl das Programm erst dieses Jahr eingeführt wurde, sehen wir bereits einen erfreulichen Rückgang von Überfällen um 21 Prozent in der angeschlossenen Region. Mit zunehmender Abdeckung erwarten wir einen weiteren signifikanten Rückgang“, berichtet Peter van den Ende, Direktor von CrimiNee! Niederlande , Kommissar der Polizei und Projektleiter des Niederländischen Institut für Technology, Safety & Security. „Durch die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Partnern gehen keine Informationen, verloren und wir sind erstmals in der Lage zu agieren anstatt nur zu reagieren“.

Erste Gespräche mit Vertretern der Deutschen Polizei als auch mit Einzelhändlern im Rahmen des EHI-Sicherheitskongresses 2012 zeigen bereits ein großes Interesse daran, ein vergleichbares System auch hier in Deutschland einzuführen.

 

[1] (BVerwG 6 C 9.11 OVG 4 Bf 276/07)

 

 

 

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Autor: Helmut Brückmann
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