Pro-Haftar-Demonstranten
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Der Bürgerkrieg in Libyen – ein internationaler Stellvertreterkrieg

Von Prof. Dr. Stefan Goertz, Bundespolizei, Hochschule des Bundes

Sowohl die innenpolitische als auch die außenpolitische Situation Libyens ist hoch komplex, zahlreiche internationale Staaten, u.a. die Türkei, Ägypten, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate üben Einfluß auf Libyen aus, dabei geht es um reiche Öl- und Gasvorkommen, um die Kontrolle über 700.000 Flüchtlinge mit dem Ziel Europa, um den Kampf gegen die jihadistische Organisation „Islamischer Staat“ (IS) sowie um regionale Dominanz.1
Die United Nations haben die Regierung des Ministerpräsidenten Al Sarradsch in Tripolis anerkannt und stehen offiziell hinter ihr. Die türkische Intervention zu Gunsten dieser libyschen Regierung lehnen allerdings viele Staaten ab, ebenso wie sie dagegen sind, dass Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten den abtrünnigen General Haftar unterstützen. Die Macht und der innenpolitische Einfluss der beiden Kontrahenten Al Sarradsch und Haftar ist auf dünnem Sand gebaut, sie stützen sich auf rivalisierende libysche Milizen und Stämme, die ganz eigene Interessen beim Schleusergeschäft und im Drogenhandel verfolgen. Haftar hat seine Machtbasis im Osten des Landes, regiert aus Bengasi mit harter Hand, kontrolliert etwa 70 Prozent der Ölvorkommen.2 Verbündet mit Haftar sind Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Russland. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Drohnen und Luftabwehrraketen geliefert, Russland Waffen und Munition.

Acht Jahre nach dem Sturz des libyschen Diktator Gaddafi herrscht weiterhin Bürgerkrieg in Libyen. Einflussreiche Milizen bekämpfen sich, unterstützt mit Waffen aus dem Ausland, denn Libyen ist auch Afrikas ölreichstes Land. Die libysche Bevölkerung leidet unter der seit acht Jahren andauernden Gewalt, dem Schwarzmarkt, fehlender Arbeit und medizinischer Versorgung.3

Wichtig festzustellen ist, dass in der libyschen Sahara südlich der Stadt Bani Walid Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) erneut ein größeres Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht und regelmäßig Kontrollpunkte sowohl von Haftar-Milizen als auch von Al Sarradsch-Truppen mit Improvised Explosive Devices (IED, hier: „Autobomben“) angreifen.

Dieser Beitrag untersucht einführend kurz den libyschen Bürgerkrieg seit dem Sturz des libyschen Diktators Al Gaddafi im Jahr 2011 und beschreibt dann das Ende der Schlacht um die Hauptstadt Tripolis, die vor wenigen Tagen mit dem Abzug der geschlagenen Milizen Haftars endete. Im Zentrum des Kapitels „Ein internationaler Stellvertreterkrieg in Libyen – eine Analyse der Player“ steht die Analyse der sicherheitspolitischen Strategie der internationalen Player Russland, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Türkei und die Interessen Frankreichs im libyschen Bürgerkrieg.

Gaddafi im April 2008 mit Wladimir Putin
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Vom Sturz Gaddafis 2011 bis heute – eine kurze Analyse des libyschen Bürgerkrieges

Seitdem der libysche Diktator Muammar Al Gaddafi 2011 im Zug der Arabellion („Arabischer Frühling“) in Libyen gestürzt und getötet wurde – verbunden mit einem internationalen Militäreinsatz – ist Libyen politisch gespalten und zersplittert. Die Milizen – darunter auch Salafisten und Islamisten –, die während des Bürgerkriegs eine Front gegen Al Gaddafi gebildet hatten, ringen nach dessen Tod untereinander um die Vorherrschaft im Land und um die Kontrolle der Öl- und Gasvorkommen, der wichtigsten Einnahmequellen. Bis heute kontrollieren bewaffnete Gruppen, darunter kriminelle Banden, Islamisten und lokale Stämme, Städte und ganze Landstriche.4 Auch das 2012 gewählte Übergangsparlament konnte Libyen nicht stabilisieren und das Land rutschte zunehmend in eine Gewaltspirale zwischen rivalisierenden Milizen.

Im Juni 2014 fanden Parlamentswahlen statt, doch anstatt das Land zu einen, trieben sie dessen Zerfall voran. Die politische Macht ist in Libyen seither zweigeteilt, es existieren zwei Bürgerkriegsparteien, eine Regierung und eine Schattenregierung, zwei Zentralbanken und zwei Sicherheitsapparate. Die zahlreichen Milizen in Libyen profitieren vom Chaos und nehmen horrende Summen mit dem Schmuggel von Erdöl, Waffen und Menschen ein.5 Im Osten Libyens gewann Khalifa Haftar spätestens ab 2014 an Einfluss. Haftar hatte bis in die achtziger Jahre als General unter Al Gaddafi gedient, dann hatte er sich mit dem Diktator überworfen, 2011 kehrte Haftar nach Jahren in den USA nach Ost-Libyen zurück und gewann dort die Macht zu übernehmen. Politisch sagte er 2014 „den Terroristen“ den Kampf an, meinte damit aber nicht nur Dschihadisten der dschihadistischen Organisationen Ansar Al Sharia und „Islamischer Staat“ (IS), sondern auch gemäßigte Islamisten und andere politische Gegner.

Haftar brachte das neugewählte Parlament in Tobruk hinter sich. Zu Haftars Truppen, die er Libysche Nationale Armee nennt, gehören ehemalige Soldaten aus Al Gaddafis Streitkräften, lokale Milizen, tschadische und sudanesische Söldner.6 Spätestens seit Haftar 2016 wichtige Exporthäfen für Erdöl erobern konnte, wird er auch international als politisch und militärisch „starker Mann“ im Osten Libyens wahrgenommen. In der östlichen Stadt Bengasi besiegte Haftar innerhalb von drei Jahren die dschihadistischen Milizen und baute seinen Einfluss weiter aus. Die Milizen Haftars kontrollieren beinahe alle Ölfelder und Exporthäfen des Landes.7

Das Ende der Schlacht um die libysche Hauptstadt Tripolis

Nach einer jahrelangen militärischen Schlacht um die libysche Hauptstadt verließen die Kämpfer des oppositionellen Rebellenführers, General Chalifa Haftar, Anfang Juni Tripolis. Der monatelange Beschuss von Wohnvierteln in Tripolis ist vorerst beendet. Nach eigenen Angaben haben die Truppen der international anerkannten libyschen Regierung von Ministerpräsident Al Sarradsch Ende Mai die Kontrolle über die Hauptstadt Tripolis und ihre Vororte zurückerlangt. Eine Befriedung Libyens, das sich seit dem Sturz des ehemaligen Diktators Muammar Gadaffi im Jahr 2011 im Bürgerkrieg befindet, ist aber weiter nicht in Sicht. General Haftars Libysche Nationalarmee (LNA) zieht sich lediglich in den östlichen Landesteil Libyens zurück, den sie kontrolliert.8 Die Truppen der Regierung von Al Sarradsch haben den internationalen Flughafen von Tripolis zurückerobert und damit die Hauptstadt wieder ganz unter ihre Kontrolle gebracht. Die jüngsten Gewinne der Truppen von Al Sarradsch sind vor allem türkischer Luftunterstützung zu verdanken, insbesondere dem Einsatz von Drohnen.

Ob die Position von Haftar durch den Rückzug seiner Truppen aus der Hauptstadt dauerhaft geschwächt wird, bleibt abzuwarten. Er suchte Gespräche mit Vertretern des ägyptischen Verteidigungsministeriums in Kairo. Al Sarradsch dagegen traf nach dem Sieg seiner Truppen in Ankara den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. In einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärte Erdogan, man habe sich auf eine „Vertiefung der Zusammenarbeit geeinigt“, die Türkei werde Libyen nicht „den Putsch-Verschwörern“ überlassen. Die Türkei und Libyen wollen außerdem die Zusammenarbeit zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im östlichen Mittelmeer stärken, dabei geht es um Öl- und Gasvorkommen in Milliardenhöhe.9

Ein internationaler Stellvertreterkrieg in Libyen – eine Analyse der Player

Fayiz as-Sarradsch (2017)
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Die oppositionellen Truppen des Rebellenführers General Haftar werden militärisch und finanziell von Russland, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die libysche Regierung des Ministerpräsidenten Al Sarradsch dagegen von der Türkei. Aus dem internationalen Ausland wurden in den letzten Wochen schlagkräftigere, modernere Waffen nach Libyen geliefert, die auch bei künftigen Gefechten eingesetzt werden könnten. Sehr ähnlich wie im Bürgerkrieg in Syrien verlaufen auch die Konfliktlinien des Stellvertreterkrieges in Libyen. In Syrien steht Putin an der Seite des Diktators Bashar Al Assad, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wiederum unterstützt die Rebellen und Islamisten. Ende 2019 schaltete sich die Türkei auch in den Libyen-Konflikt ein und läutete damit die Wende zugunsten von Al Sarradsch ein. Vor allem türkische Kampfdrohnen haben Haftars Truppen stark geschwächt, dazu etwa 5000 syrische Söldner, die auf türkische Befehle hören. Dass sowohl die russische Regierung als auch die türkische Regierung sich auf der Berliner Libyen-Konferenz im Januar auf ein Waffenembargo für Libyen verpflichtet haben, ist belanglos und wird sowohl von der Türkei als auch Russland nicht eingehalten, für Verstöße gegen das Embargo sind keine Sanktionen vorgesehen. Russland soll mindestens 14 Kampfjets zur Absicherung des Rückzugs der Truppen Haftars in den Osten Libyens entsandt haben.10

Mit der Dauer des Bürgerkrieges in Libyen hat militärische Unterstützung aus dem Ausland für beide Bürgerkriegsparteien stetig an Bedeutung gewonnen. Damit verbunden sind die Hemmschwellen, zivile Opfer in Kauf zu nehmen, zusehends gesunken. Als die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ab Mitte April 2019 Kampfdrohnen zur Unterstützung Haftars einsetzten, zog die Türkei Mitte Mai 2019 nach und setzte ihrer­seits Kampfdrohnen gegen die Milizen Haftars ein. Seit Ende Juni 2019 warfen Kampfflugzeuge der VAE zu­dem wiederholt Bomben über Tripolis ab, im August 2019 errangen die VAE weitgehende Lufthoheit über Tripolis und die türkischen Kampfdrohnen kamen kaum mehr zum Einsatz, was sich wiederum im Frühjahr 2020 ins Gegenteil verkehrt hat.11

In Afrikas ölreichstem Land tobt der weltweit erste internationale Drohnen-Stellvertreterkrieg. Die von Haftars Milizen eingesetzten Wing-Loong Drohnen aus chinesischer Produktion werden von emiratischen Spezialisten gesteuert, so die Einschätzung von UNO-Experten. Libysche Milizionäre berichteten wiederum, dass auf Seiten der Truppen des libyschen Premierministers türkische Spezialisten im Einsatz sind. Trotz des seit der libyschen Revolution gegen den ehemaligen Premierminister Muammar Al Gaddafi geltenden UNO-Waffenembargos liefert die türkische Regierung den libyschen Regierungstruppen Drohnen vom Typ Bayraktar-2 per Schiff nach Tripolis.12

Russland als major player in Libyen

Chalifa Haftar (2011)
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Russland verstärkt seit dem Frühjahr 2020 sein Engagement in Libyen, russische Private Military Companies (PMCs) kämpfen für die Truppen des Rebellengenerals oppositionellen Rebellenführers, General Chalifa Haftar. Ende Mai informierte der US-General Stephen Townsend, Chef des US-Militärkommandos für Afrika (Africom), über Twitter die Öffentlichkeit: Russische Kampfflugzeuge seien von Russland nach Libyen geflogen und hätten einen Zwischenstopp in Syrien eingelegt. Dabei seien die Maschinen überstrichen worden, „um ihre russische Herkunft zu verschleiern“, so der US-General.13 Russland versuche eindeutig, in Libyen den Ausschlag zu seinen Gunsten zu geben, so der Kommandeur weiter. Zu lange habe Russland das volle Ausmaß seiner Beteiligung am libyschen Bürgerkrieg bestritten, nun gebe es aber „kein Leugnen mehr“: “For too long, Russia has denied the full extent of its involvement in the ongoing Libyan conflict. Well, there is no denying it now.“ Russland wies diese Darstellung zurück, „das sind Falschnachrichten“, erklärte der Vize-Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Krassow.14 Den Vorwurf, Russland setze in Libyen russische Private Military Companies (PMCs) ein, erheben nicht nur die USA, sondern auch Großbritannien. Ein UN-Bericht, den Russland sofort als „fabriziert“ zurückwies, kommt auch zu diesem Schluss. Als der libysche General Haftar 2014 das militärische Kommando über die Truppen der libyschen Exilregierung in Tobruk übernahm, sah die russische Regierung in ihm einen geeigneten Partner, russische Interessen in Libyen wahrzunehmen, Haftar bot der russischen Regierung Zugang zum libyschen Energiemarkt und die Nutzung der Mittelmeerhäfen in Tobruk und Darnah an.

Bisher setzte die russische Regierung in Libyen auf eine indirekte militärische Präsenz durch russische Söldner. „Die Tendenz, sich mehr und mehr auf Private Military Companies als außenpolitisches Instrument zu verlassen, ist ein grundlegendes Merkmal von Putins Strategie auf vielen Feldern“, erklärt eine Analyse des „Washington Institute“. Auch das Umlackieren russischer Militärflugzeuge in Syrien für einen Einsatz in Libyen würde in dieses Bild passen. Eine komplexe Mischung aus Subunternehmen, so das „Washington Institute“, mache es schwierig, die Verantwortlichkeiten der eingesetzten Kräfte klar zu identifizieren. Den PMCs Kräften gehören Scharfschützen ebenso wie Techniker an, die etwa auf den Einsatz von Drohnen spezialisiert sind. Diesen gelang es in den vergangenen Monaten, eine US-Drohne und eine italienische Drohne abzuschießen, was ein technisches Know-how voraussetzt, über das Haftars Truppen nicht verfügen.15

Der Einfluss Ägyptens auf den libyschen Bürgerkrieg

Der libysche Rebellengeneral Haftar gilt als strenger Gegner islamistischer Tendenzen und wurde dadurch zum natürlichen politischen Partner für die säkulare ägyptische Regierung von Abdel Fatah Al-Sisi. Al-Sisi hatte 2013 den erfolgreichen Militärputsch gegen Präsident Mohammed Mursi und die ägyptischen Muslimbrüder angeführt und will jegliche islamistischen Kräfte in Ägypten im Keim ersticken. Gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ebenfalls den regionalen Einfluss der islamistischen Muslimbrüder bekämpfen, stellt sich Al-Sisi eindeutig gegen die von vielen Ländern anerkannte libysche Regierung von Ministerpräsident Al Sarradsch, die nur über einen kleinen Teil des Landes herrscht und im Parlament auf die Stimmen islamistischer Gruppierungen angewiesen ist.16

Ende Juni drohte der ägyptische Präsident Al-Sissi Libyen mit einer direkten militärischen Intervention, da die Truppen des libyschen Präsidenten in Richtung ägyptischer Grenze treibt. Dort sei, so Präsident Al-Sissi, bald sei eine „rote Linie“ erreicht. „Seid bereit für jegliche Mission innerhalb unserer Grenzen – oder wenn nötig außerhalb unserer Grenzen“, erklärte Al-Sissi beim Besuch einer Luftwaffenbasis nahe der libyschen Grenze.17 Al-Sissi äußerte sich Ende Juni erstmals öffentlich über einen möglichen Einsatz in Libyen. Die ägyptische Armee sei „in der Lage, die nationale Sicherheit Ägyptens innerhalb und außerhalb der Grenzen zu verteidigen“. Solch ein Einsatz sei „legitim“, Ziel sei der Schutz vor Bedrohungen von „Terrormilizen und Söldnern“.18 Der libysche Ministerpräsident Al Sarradsch bezeichnete diese Aussagen als „Kriegserklärung“ gegen Libyen.

Anfang Juni startete Ägypten eine neue Libyen-Initiative. Als Reaktion darauf, dass die Truppen der libyschen Regierung die Milizionäre des Rebellenführers Haftar zurückdrängten, forderte die ägyptische Führung den Abzug aller ausländischen Kämpfer, die in den Krieg verwickelt sind, und die Wahl eines gesamt-libyschen Führungsrates. Darüber hinaus verkündete Ägyptens Präsident einseitig eine Waffenruhe.19 Doch daran hielten sich die Truppen der libyschen Regierung nicht, sie rückten weiter vor und drängten die Milizionäre von General Haftar weiter zurück, in Richtung ägyptischer Grenze.

Ägypten fordert, dass in Libyen eine Waffenruhe gelten soll und alle ausländischen Kämpfer aus Libyen abgezogen werden. Weitere Inhalte der ägyptischen Initiative sind neue Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien in Genf und das Ziel, einen Führungsrat in Libyen zu wählen.

Gas-Pipelines in der westlichen Sahara und im westlichen Südeuropa (Juli 2009)- Lybien grün
© Sémhur / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7309696

Türkei als major player in Libyen

Die ägyptische Regierung ist seit Wochen ungehalten darüber, dass die Türkei Al Sarradschs Truppen militärisch unterstützt, unter anderem mit Söldnern aus Syrien. Im Januar erklärte die ägyptische Regierung, das türkische Engagement in Libyen habe unmittelbare Auswirkungen auf die nationale Sicherheit Ägyptens und ägyptische Medien schrieben der türkischen Regierung Erdogan „neo-osmanische“ Ambitionen zu.20

Die strategischen Ziele der Türkei sind nicht exklusiv auf die sicherheitspolitische Situation in Libyen ausgerichtet, der Türkei geht es auch um einen Anteil an den Gasfeldern im Mittelmeer, die bisher von Griechenland, Zypern, Israel und Ägypten bewirtschaftet werden. Auch Libyen hat Anspruch auf einen Teil des Gases, zu dem sich Ankara offenbar mit Al-Sarradschs Hilfe Zugang verschaffen will.21

Die türkische Regierung bekräftigte Ende Juni, dass sie die Truppen der libyschen Regierung weiterhin bei ihrem Vormarsch auf die Küstenstadt Sirte unterstützen werde und sich Haftars Truppen aus der 450 Kilometer von Tripolis entfernten Stadt zurückziehen müssten, um einen „nachhaltigen Waffenstillstand“ zu ermöglichen.22

Indem die türkische Regierung den libyschen Ministerpräsidenten Sarradsch und seine Truppen militärisch und finanziell unterstützt, kann sie nun auch Einfluss auf die Fluchtbewegung hunderttausender Menschen nach Europa ausüben. Hierbei muss erwähnt werden, dass verschiedene Staaten der EU verschiedene außenpolitische Position in Bezug auf Libyen einnehmen: Frankreich hat Sympathien für General Haftar, Italien für den Ministerpräsidenten Sarradsch.

Die Interessen Frankreichs

Auch Frankreich wird die Unterstützung Haftars vorgeworfen. So kündigte der libysche Innenminister Fathi Bashagha am 19.4.2019 an, die Zusammenarbeit mit Frankreich zu beenden, da Frankreich den „Kriegsverbrecher Haftar“ unterstütze. Al Sarradsch äußerte gegenüber der französischen Zeitung „Le Monde“, Frankreichs Unterstützung für Haftar habe diesen dazu bewogen, aus dem Friedensprozess auszusteigen und Tripolis anzugreifen. In Paris wies man seine Kritik wiederum als unbegründet zurück. Diese Position Frankreichs ist allerdings wenig glaubwürdig. So soll Frankreich in einer Stellungnahme der Europäischen Union zum Angriff auf Tripolis verhindert haben, dass Haftar namentlich genannt wurde. Auch dass Frankreich Haftar in der Vergangenheit im Kampf gegen libysche Dschihadisten militärisch unterstützt hatte, wurde im Jahr 2016 bekannt.

Damals kamen drei französische Soldaten bei einem Helikopterabsturz in der Nähe von Benghasi ums Leben und „Le Monde“ hatte schon vor dem Tod der französischen Soldaten berichtet, dass sowohl französische militärische Spezialeinheiten als auch Mitglieder des Auslandsgeheimdienstes DGSE in Ost-Libyen im Einsatz seien.23 Emmanuel Macron führt die Libyen-Politik seines Vorgängers François Hollande fort, auch er unterhält gute Beziehungen zu Haftar. In Bezug auf die Rolle Frankreichs in Libyen ist festzustellen, dass Frankreich hat in Libyen wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Der französische Energiekonzern Total ist in dem erdölreichen Land zunehmend tätig und konkurriert mit dem italienischen Unternehmen Eni. Libyen ist für Frankreich aber auch wegen der angrenzenden Sahelzone wichtig, um deren Stabilität man in Paris bemüht ist. Frankreich ist in der Sahelzone mit der Opération Barkhane präsent und unterstützt die Regierungen von Burkina Faso, Tschad, Mali, Mauretanien und Niger im Kampf gegen islamistische Terroristen. In Paris scheint man Haftar als Partner in diesem Unterfangen für besser geeignet zu halten als Sarradsch und ihm eher zuzutrauen, Libyen zu stabilisieren.24

Fazit und Ausblick

Der libysche Bürgerkrieg ist zum Schauplatz heterogener Interessen verschiedener Staaten geworden und so droht eine Perpetuierung der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Bürgerkriegsparteien unter Beteiligung ausländischer Söldner und von verschiedenen Staaten gelieferter Kampfdrohnen.

General Haftar und seine Milizen kontrollieren aber noch immer einen Großteil des Landes Libyen, möglicherweise ist eine Aufteilung Libyens in internationale Einflusssphären ein Zukunftsszenario. Der Osten Libyens bliebe Haftar, unterstützt durch Russland. Westlibyen und die Hauptstadt Tripolis fielen dem Ministerpräsidenten Sarradsch zu, unterstützt durch die Türkei.

Die Europäische Union und die am libyschen Bürgerkrieg interessierten europäischen Mitgliedsstaaten, zum Beispiel Deutschland, Frankreich und Italien haben dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg in Libyen zu lange tatenlos – die Ergebnisse und Beschlüsse der Libyen-Konferenz in Berlin waren definitiv nicht ausreichend – zugeschaut. Als Folge dieses Versäumnisses haben Russland und die Türkei nun dieses sicherheitspolitische Vakuum gefüllt und die Europäer haben an Einfluss und Glaubwürdigkeit verloren, was sie nicht mehr zu nachfragten Unterhändlern macht.25

Die Niederlage von Haftars Milizen im Kampf um Tripolis könnte die Unterstützung in den eigenen Reihen bröckeln lassen. Vielleicht wurde eine neue Autokratie in Libyen abgewendet, die Anarchie und der Bürgerkrieg aber dauern an. Die Sicherheitslage in Libyen bleibt angespannt, ein Ende des Bürgerkrieges ist mittelfristig nicht abzusehen und der Verlauf des Bürgerkrieges wird davon abhängig sein, welche sicherheitspolitischen und militärpolitischen Entscheidungen die in den Bürgerkrieg involvierten Staaten wie die Türkei, Ägypten, Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate zukünftig treffen werden.

 

Quellen:

1 https://www.tagesschau.de/ausland/libyen-haftar-113.html (27.6.2020).
2 Ebd.
3 Goertz, S. (2020): Libyen – Eine aktuelle sicherheitspolitische Analyse. In: ASMZ 4/2020, S. 6.
4 https://www.nzz.ch/international/libyen-konflikt-die-wichtigsten-fragen-zur-schlacht-um-tripolis-ld.1477595 (27.6.2020).
5 Ebd.
6 Ebd.
7 Ebd.
8 https://www.dw.com/de/general-haftar-zieht-sich-aus-tripolis-zurück/a-53684935ück/a-53684935 (27.6.2020).
9 Ebd.
10 https://www.tagesschau.de/ausland/libyen-haftar-113.html (27.6.2020).
11 Lacher, W. (2019): Internationale Pläne, libysche Realitäten. Die Beschwichtigung Khalifa Haftars droht den Konflikt zu verschärfen. SWP-Aktuell/A 65, November 2019; https://www.swp-berlin.org/10.18449/2019A65/ (27.6.2020).
12 https://www.spiegel.de/politik/ausland/libyen-buergerkrieg-mit-drohnen-und-flugzeugen-a-1297529.html (27.6.2020).
13 https://www.dw.com/de/russlands-getarnter-stellvertreterkrieg-in-libyen/a-53592047 (29.6.2020).
14 Ebd.
15 Ebd.
16 Ebd.
17 https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-06/abdel-fattah-al-sisi-aegypten-libyen-drohung-intervention (29.6.2020).
18 Ebd.
19 https://www.tagesschau.de/ausland/aegypten-libyen-intervention-101.html (29.6.2020).
20 https://www.dw.com/de/russlands-getarnter-stellvertreterkrieg-in-libyen/a-53592047 (29.6.2020).
21 Ebd.
22 https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-06/abdel-fattah-al-sisi-aegypten-libyen-drohung-intervention (29.6.2020).
23 https://www.nzz.ch/international/libyen-konflikt-die-wichtigsten-fragen-zur-schlacht-um-tripolis-ld.1477595 (29.6.2020).
24 Ebd.
25 Lacher, W. (2020): Libyens internationalisierter Bürgerkrieg, SWP-Aktuell, https://www.swp-berlin.org/publikation/libyens-internationalisierter-buergerkrieg/ (29.6.2020).

 

Über den Autor
Dr. Stefan Goertz
Autor: Dr. Stefan Goertz
Prof. Dr. Stefan Goertz, Professor für Sicherheitspolitik, Schwerpunkt Extremismus- und Terrorismusforschung, Hochschule des Bundes, Fachbereich Bundespolizei
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